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Leichtathletik-EM 2026 · Birmingham – Der schöne Schein von Birmingham – Ein Kommentar zur Bilanz der Europa meisterschaften – Von Dr. Wolfgang Blödorn*
21 Medaillen, Rang drei im Medaillenspiegel – die Bilanz des Deutschen Leichtathletik-Verbandes bei der EM in Birmingham wirkt glänzend.
Doch hinter der Fassade zeigen sich alternde Medaillengewinner, eine dünne Leistungsbreite und ein Nachwuchs, der international den Anschluss zu verlieren droht.
Mit 21 Medaillen ist das Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) von den Europameisterschaften 2026 in Birmingham zurückgekehrt: sechsmal Gold, zehnmal Silber, fünfmal Bronze – so viel wie seit 1998 nicht mehr. Gegenüber den Titelkämpfen 2024 in Rom hat sich die Ausbeute nahezu verdoppelt; im Medaillenspiegel bedeutete das den Sprung von Rang zwölf auf Rang drei. Achtzehn der Medaillen entfielen auf Einzelentscheidungen. Die deutschen Athletinnen und Athleten haben die in sie gesetzten Erwartungen damit erfüllt. Und doch verdient dieser Erfolg einen zweiten, genaueren Blick.
Das Fernsehpublikum ließ sich begeistern
Mit ihren Leistungen, ihrem Kampfgeist und den überschäumenden Emotionen in den Fernsehinterviews haben die deutschen Leichtathleten auch die Zuschauer vor den Bildschirmen erreicht. Die Einschaltquoten stiegen von Tag zu Tag: Verfolgten am Mittwoch noch rund 3,7 Millionen Menschen die Abendsession, waren es am Sonntag bereits 5,4 Millionen. Der Marktanteil kletterte nach vorläufigen Zahlen von 21 auf über 27 Prozent. Birmingham bot nicht nur spannende Wettkämpfe, sondern auch berührende Momente und einen sichtbaren Teamgeist im DLV-Aufgebot.
Die Zahlen belegen: Die Leichtathletik hat in Deutschland ein Publikum.
Dieses Interesse gilt es zu festigen. Dafür aber müssen nicht nur die Leistungen im internationalen Vergleich stimmen; der Verband muss den Athleten auch die Bühne bieten, auf der sie sich zeigen können. Ein einziges Meeting von Rang – das ISTAF, international nur zweite Kategorie – dürfte kaum genügen, um die Aufmerksamkeit über den Sommer hinaus wachzuhalten. Hier ist die DLV-Führung gefordert, gemeinsam mit Landesverbänden und Vereinen die Weichen für die Zukunft der deutschen Leichtathletik zu stellen.
Ein Sprung im Medaillenspiegel, ein Rückschritt in der Nationenwertung
So glänzend der Medaillenspiegel erscheint – er verstellt den Blick auf die tatsächliche Leistungslage im DLV. In der Nationenwertung nämlich fiel der Verband gegenüber Rom von Rang zwei auf Rang drei zurück. Aus der berechtigten Freude über die Medaillenbilanz sollte deshalb keine Euphorie erwachsen. Die Rahmendaten lassen das nicht zu.
Rang fünf in der Nationenwertung bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles – so lautet das erklärte Ziel der DLV-Führung, ausgegeben 2022 nach dem Desaster der Weltmeisterschaften in Eugene, wo lediglich zwei Medaillen heraussprangen. Bei der WM 2023 in Budapest blieb das deutsche Team gänzlich ohne Edelmetall. Und nun 21 Medaillen in Birmingham. Diese Zahlen aber lassen sich nicht miteinander vergleichen: Europa ist nicht die Welt (siehe GRR vom 9. August 2026). Wer EM-Erfolge gegen WM-Erfolge aufrechnet, vergleicht Äpfel mit Bananen. Ein dritter Platz in der europäischen Nationenwertung entspricht nicht einem fünften auf Weltebene.
Drei Viertel der Punkte kommen von den Medaillengewinnern
196 Punkte sammelte das DLV-Team in der Nationenwertung – 148 davon allein durch die Medaillengewinner. Anders gesagt: Über die Plätze vier bis acht kamen gerade einmal 48 Punkte zusammen. Nur etwa ein Viertel der Wertung speist sich also aus der Leistungsbreite, drei Viertel stammen von den Podestplatzierten. Den 21 Medaillen stehen lediglich 16 weitere Platzierungen unter den ersten acht gegenüber. Die Breite stimmt in der deutschen Leichtathletik offenkundig nicht – von einzelnen Disziplinblöcken ganz zu schweigen. Grund genug, die Medaillengewinner und die Strukturen dahinter genauer zu betrachten.
Ältere Athletinnen und Athleten prägen das Leistungsbild
Achtzehn Einzelmedaillen also. Einzig der Sprinter Owen Ansah kehrte mit zwei Einzelmedaillen zurück – über ihm schwebt allerdings ein Verfahren der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), das hier nicht das Thema sein soll.
Entscheidender für die Zukunft des Verbandes ist das Alter der Erfolgreichen. Im Mittel sind die Medaillengewinner 27,7 Jahre alt, der Median liegt bei 27 – mithin im besten Leistungsalter. Doch sind sie das auch noch in zwei Jahren, mit dann durchschnittlich 29,7 Jahren, bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles? Zweifel sind angebracht. Umso dringlicher stellt sich die Frage, ob der Nachwuchs des DLV die absehbare Lücke füllen kann.
Wie gut ist der DLV-Nachwuchs international aufgestellt?
Für die U20-Europameisterschaften 2025 im finnischen Tampere nominierte der DLV 100 Athletinnen und Athleten. Die Medaillenausbeute blieb deutlich unter dem langjährigen Mittel – in der Platzierung des Rankings wie in der Gesamtzahl. Es war das zweitschlechteste Abschneiden einer deutschen U20-Auswahl bei Europameisterschaften seit 2005 (mehr dazu in GRR vom 13. August 2025).
Von den jüngst beendeten U20-Weltmeisterschaften 2026 im US-amerikanischen Eugene kehrte das Nachwuchsteam mit einer Gold- und zwei Bronzemedaillen zurück. Bestes europäisches Team war – wie schon bei den Aktiven – Italien, auf Rang drei des Medaillenspiegels. Vor Deutschland, das nur Platz vierzehn belegte, rangierten zudem Frankreich, Tschechien, Finnland, Rumänien und Spanien. Über die strukturellen Probleme im DLV berichtete German Road Races (GRR) in diesem Zusammenhang am 12. August 2026.
Deutsche Spitzenathleten trainieren im Ausland
Die Zahl der deutschen Spitzenleichtathleten, die ihre sportliche Heimat in ausländischen Trainingsgruppen gefunden haben, wächst weiter. Längst sind es nicht mehr nur die US-amerikanischen Colleges, die deutschen Athleten Förderung und ein Zuhause bieten; auch in Finnland, der Schweiz oder den Niederlanden finden sie Gruppen, die ihre Leistungen voranbringen. Diese „Globalisierung“ des Trainings wirft kein gutes Licht auf die Bedingungen in Deutschland und auf die Arbeit der amtierenden Bundestrainer. Mancher fragt bereits, ob die Förderstruktur des DLV überhaupt noch zeitgemäß ist. Der Eindruck drängt sich auf, dass ein Umdenken in der Verbandsführung dringend nötig wäre.
Eine schöne Fassade sagt nichts über den Zustand des Gebäudes
Vor diesem Hintergrund erscheint die sportliche Zukunft des DLV alles andere als rosig. Dennoch zieht Dr. Jörg Bügner, im DLV-Vorstand für den Leistungssport zuständig, auf leichtathletik.de eine zuversichtliche Bilanz: „Der Weg, den wir gemeinsam vor zwei Jahren eingeschlagen haben, ist der richtige. Wir sehen eine größere Breite, junge Athletinnen und Athleten rücken nach, etablierte Leistungsträger entwickeln sich weiter.“ An diesen Worten wird Dr. Bügner sich messen lassen müssen – bei der Weltmeisterschaft 2027 in Peking und bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Der deutschen Leichtathletik ist zu wünschen, dass er recht behält.
Mit Blick auf die Leistungsstruktur und ihre Schwächen aber bleibt Skepsis angebracht. Höchstens zwei Jahre bleiben, um zu belegen, dass im Verband nach dem Desaster von Eugene tatsächlich jeder Stein umgedreht wurde – damit Rang fünf in der Nationenwertung mehr wird als ein Vorsatz.
Die Zeit drängt.
Dr. Wolfgang Blödorn*
*Dr. Wolfgang Blödorn ist promovierter Sportwissenschaftler. Er hat verschiedene Ämter auf Funktionärs- und Trainerebene ausgeübt – als Landestrainer in mehreren Landesverbänden, als DLV-Bundesstützpunktleiter und -trainer sowie als Trainer im internationalen Bereich.
Kontakt: wbloed@gmail.com
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