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08
2026

Oregon-22-2-Hayward-Field-at-the-University-of-Oregon - Photo: LOC

LEICHTATHLETIK · U20-WM IN EUGENE /USA – Die übersehenen Steine – Von Dr. Wolfgang Blödorn*

By GRR 0

Nach dem Debakel der Aktiven 2022 hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband gelobt, jeden Stein umzudrehen.

Bei der U20-WM, ausgerechnet wieder in Eugene, holt sein Nachwuchs nun drei Medaillen – und spricht von übertroffenen Erwartungen. Der Blick auf die Disziplinen nährt einen anderen Verdacht: Ein paar Steine sind liegen geblieben.

Es ist ein Déjà-vu. Bei den U20-Weltmeisterschaften in Eugene im US-Bundesstaat Oregon verabschiedet sich das Nachwuchsteam des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mit einer Gold- und zwei Bronzemedaillen – kaum anders als die Aktiven, die 2022 am selben Ort mit einmal Gold und einmal Bronze abgereist waren. Damals, nach dem Desaster, hatten die Verantwortlichen versprochen, jeden Stein umzudrehen, damit sich so etwas nicht wiederhole.

Kann es sein, dass im DLV ein paar Steine liegen geblieben sind?

Das Abschneiden wiegt schwer, denn die Jahrgänge, die in Eugene antraten, sind die Olympiahoffnungen des DLV für 2032 in Brisbane.

Unter den 71 Athletinnen und Athleten standen mit Marc Leonard Hildebrand (110 m Hürden) und Jakob Kemminer (100 m) zwei deutsche U20-Rekordhalter, dazu die amtierende U20-Europameisterin Nova Kienast (Hammerwurf) und die Weltjahresbeste im Dreisprung, Antonia Bronnert. Selbst die im DLV traditionell protegierten Staffeln konnten die Bilanz nicht aufbessern. Das ist mehr als ein Weckruf; bei den DLV-Nachwuchs- und Aktivenverantwortlichen sollten die Alarmglocken schrillen. Drei Medaillen – das ist weniger als die Hälfte dessen, was DLV-Teams seit der Wiedervereinigung im Schnitt von einer U20-WM mitgebracht haben.

Und doch, so die Lesart des DLV, hätten die jungen Athleten im legendären Hayward Field die Erwartungen übertroffen. 67 Punkte kamen zusammen, einer mehr als bei der vorigen WM; punktgleich mit den Briten reichte es zu Rang sechs in der Nationenwertung.

Ehe diese Lesart auf den Prüfstand kommt, seien zunächst die Eindrücke genannt, die für sie sprechen.
Zwei der drei Medaillen entstanden mit persönlicher Bestleistung. Emily Scherf stieß die Kugel auf 17,23 Meter – Bronze. Nova Kienast steigerte sich im Hammerwurf auf 67,89 Meter – ebenfalls Bronze. Nur der Goldmedaillengewinnerin Clara Hegemann gelang keine Bestmarke: Ihre 68,99 Meter im Hammerwurf blieben knapp unter den 69,81 Metern, die in diesem Jahr schon zu Buche standen.

Neben den drei Medaillengewinnerinnen erreichten sieben weitere Aktive – zwei Männer, fünf Frauen – eine Saison- oder persönliche Bestleistung; die Staffeln bleiben wegen der wenigen Starts in identischer Aufstellung außen vor. Bei zehn der 58 Einzelstarter also ist der Formaufbau zum Saisonhöhepunkt geglückt. Bei den übrigen 48 bliebe zu fragen, warum die Bestleistung ausblieb.

Es lohnt der genauere Blick, ob die Zuversicht des DLV für die Zukunft der deutschen Leichtathletik trägt. Dafür genügt es, die Leistungen nach Disziplinblöcken zu ordnen. 58 Einzelstarter gingen für den DLV an den Start; Tabelle 1 verzeichnet ihre Erfolge.

Die Tabelle legt die Strukturprobleme offen. Zunächst ein deutliches Leistungsgefälle zwischen den Geschlechtern, das sich schon bei den Bestleistungen abgezeichnet hatte: Nur ein einziger Mann schaffte es unter die besten acht; die übrigen 13 Punkteplätze in den Einzelwettbewerben steuerten die Frauen bei. Von sechs DLV-Staffeln fanden vier Eingang in die Nationenwertung – zweimal die Frauen, je einmal eine Männer- und eine Mixed-Staffel.

Auch die Verteilung über die Disziplinblöcke ist aufschlussreich. Der zahlenstärkste Block war mit 17 Nominierungen der Sprint – und brachte doch nur drei Top-8-Platzierungen. Im Lauf, für den der DLV 14 Läuferinnen und Läufer sowie eine Geherin aufbot, waren es gar nur zwei. Der Wurf dagegen, mit zwölf Startern, geriet zum mit Abstand erfolgreichsten Bereich: drei Medaillen und zwei weitere Platzierungen unter den besten acht. Im Sprung kamen von zehn Startern drei Athletinnen unter die Top 8, im Sieben- und Zehnkampf von vieren eine.

Zur Einordnung muss man wissen, dass in Sprint und Lauf die meisten Einzelmedaillen zu holen sind – weit mehr als die Hälfte. Ausgerechnet dort blieb der DLV schwach. Das lässt die Rede vom erfolgreichen Abschneiden fragwürdig erscheinen.

Die Nationenwertung spiegelt die Breite eines Spitzenverbandes.

Wer sie deutet, sollte die Einwohnerzahl mitdenken und damit die Zahl der verfügbaren Athleten: Bevölkerungsreiche Nationen haben bei internationalen Meisterschaften plausibel bessere Karten – zumal bei den Staffeln. Der DLV zählt international zu den größten Verbänden; entsprechend relativieren sich seine Platzierungen in der Nationenwertung und bei den Staffeln.

Ein ehrlicheres Bild von Leistungsfähigkeit und Förderstruktur gibt der Medaillenspiegel. Dort steht der DLV auf Rang 14, deutlich schlechter als in der Nationenwertung; mit Italien, Frankreich, Tschechien und Finnland liegen gleich vier europäische Nationen vor Deutschland. Und diese Platzierung soll die Erwartungen der DLV-Verantwortlichen übertroffen haben? Das erstaunt. Zumindest zwei Deutungen bieten sich an: Entweder sind die Ansprüche im Verband bescheidener geworden – oder man beschönigt die Leistung der Athleten und die eigene.

Die ehrenamtliche wie die hauptamtliche Führung des DLV ist aufgerufen, diese Strukturprobleme als Realität anzuerkennen. Denn nur, wer die Wirklichkeit annimmt, kann daran arbeiten, sie zu verbessern.

Wer 2032 in Brisbane erfolgreich antreten will, muss jetzt Strukturveränderungen angehen.

Dr. Jörg Bürgner, Vorsitzender des DLV-Leistungssportausschusses, kann mit den Zubringerleistungen aus dem Nachwuchs schwerlich zufrieden sein. Vieles spricht dafür, die Leistungsförderung im DLV grundlegend neu zu denken.

Ein Ansatz wäre, die Landesverbände sehr viel stärker in Talentauswahl und -entwicklung einzubinden. Dafür allerdings müsste der DLV als Zentrale bereit sein, Macht abzugeben.

Dr. Wolfgang Blödorn

*Dr. Wolfgang Blödorn ist promovierter Sportwissenschaftler. Er hat verschiedene Ämter auf Funktionärs- und Trainerebene ausgeübt – als Landestrainer in mehreren Landesverbänden, als DLV-Bundesstützpunktleiter und -trainer sowie als Trainer im internationalen Bereich.

Kontakt: wbloed@gmail.com

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