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LEICHTATHLETIK-EM IN BIRMINGHAM – Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 6 (Schluss): Welche Chancen haben die deutschen 5000-Meter-Läufer bei der EM 2026 in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Von Dr. Wolfgang Blödorn*
Das Beste kommt zum Schluss. Der 5000-Meter-Lauf der Männer ist zu einer deutschen Paradedisziplin geworden:
Mit den Plätzen drei, vier und sechs stehen gleich drei DLV-Läufer in der aktuellen europäischen Jahresbestenliste. In keiner der bislang betrachteten Disziplinen ist der deutsche Sport europäisch so weit vorn.
Eine Einordnung gehört allerdings dazu: Europa ist nur ein Kontinent. Gute europäische Zeiten bedeuten – gerade in den zuvor behandelten Disziplinen – noch lange nicht Weltklasse. Auch über 5000 Meter ist das so; Florian Bremm, hinter dem Rekordhalter der zweitbeste des Trios, rangiert mit seiner Bestzeit derzeit nur um Platz 14 der Weltbestenliste 2026. Und doch: Die Entwicklung im deutschen Langstreckenlauf dieses Jahres ist enorm und erfreulich.
Drei Tendenzen prägen den 5000-Meter-Lauf der Männer
Erstens: Das Niveau ist massiv gestiegen – am stärksten am Rand des Finals
Die Zeit für die Goldmedaille fiel von im Schnitt 13:00,62 Minuten (1998–2012) auf 12:52,81 Minuten (2014–2024). Für Bronze waren zuletzt 13:05,35 Minuten nötig. Und die Bestzeit der Achtplatzierten sank von 13:18,71 auf 13:07,54 Minuten – um elf Sekunden. Die Dichte im Finale hat sich dramatisch verschärft.
Zweitens: Die Finals blieben taktisch – wurden aber härter
2014 gewann Mo Farah in 14:05,82 Minuten. 2016 waren für die Goldmedaille 13:40,85 Minuten nötig. Seit 2018 aber liegen die Siegzeiten konstant bei 13:17 bis 13:21 Minuten. Das Rennen ist schneller geworden, ohne aufzuhören, ein Endspurtrennen zu sein: Die Schnelligkeitsreserve – der Abstand zwischen Bestzeit und Finalzeit – wuchs sogar von 35,7 auf 40,2 Sekunden.
Drittens: Der Typ hat sich nicht verändert – nur das Niveau
Die 1500-Meter-Bestzeit der Sieger liegt bei 3:32,16 (1998–2012) und 3:31,17 Minuten (2014–2024): praktisch konstant. Der komplette Läufer mit Weltklasse-Endspurt war immer schon das Siegermodell (Farah 3:28,81, Ingebrigtsen 3:26,73 Minuten). Verschoben hat sich nur die aerobe Basis darunter – die 3000-Meter-Bestzeit der Sieger fiel von 7:33,16 auf 7:25,16 Minuten.
Die Schnelligkeitsreserve ist damit der Schlüssel. Der Europameister läuft im Finale rund vierzig Sekunden langsamer als seine Bestzeit. Das ist kein Rennen, das ist ein Lauerduell mit anschließendem Endspurt. Was Gold ausmacht, ist deshalb nicht die Fähigkeit, 12:52 Minuten zu laufen, sondern die, nach dreizehn zermürbenden Minuten noch einen 1500-Meter-Endspurt in der 3:26er-Klasse zu zünden. Bronze und Platz acht unterscheiden sich dagegen kaum: zwei Sekunden Klasse, anderthalb Sekunden Endspurt. Zwischen ihnen entscheidet die Tagesform.
Damit reiht sich der 5000-Meter-Lauf in das Muster der beiden anderen Männerdisziplinen ein: Niveau-Evolution, keine Typ-Revolution.
Folgen die DLV-Männer dem Trend? Ja – und wie
Zum ersten Mal in dieser gesamten Serie übertrifft eine deutsche Gruppe insgesamt den Medaillenmaßstab. Alle drei Läufer liegen deutlich oberhalb von Bronze und Platz acht. Das Kadermittel (12:56,01 Minuten) unterbietet den Bronze-Maßstab um 9,3 Sekunden und den Platz-8-Maßstab um 11,5 Sekunden. Beim Endspurt liegen sie mit 3:37,07 Minuten exakt auf Bronze-Niveau (3:37,10 Minuten), über 3000 Meter ebenfalls leicht darüber.
Mohamed Abdilaahi hält seit 2025 den deutschen 5000-Meter-Rekord (12:53,63 Minuten) und löste damit Dieter Baumanns 28 Jahre alte Marke ab; 2026 kamen die Rekorde über 3000 Meter (7:25,77 Minuten) und 10.000 Meter (26:56,58 Minuten) hinzu. In Shanghai gewann er als erster Deutscher überhaupt ein Diamond-League-Langstreckenrennen. Florian Bremm und Frederik Ruppert liefen am 3. Juni 2026 in Turku 12:56,80 und 12:57,61 Minuten als dritter und vierter Deutscher unter der 13-Minuten-Marke. Der deutsche Langstreckenlauf erlebt eine historische Renaissance.
Was fehlt, ist trotzdem präzise benennbar: der Endspurt. Über 5000 Meter beträgt der Rückstand des Trios auf Gold 0,41 Prozent – über 1500 Meter 2,79 Prozent, fast das Siebenfache. Sie haben die Klasse eines Medaillengewinners und den Endspurt eines Bronzemedaillengewinners. Gegen einen Mann mit 3:26er-Grundschnelligkeit ist das in einem 13:20-Lauerrennen zu wenig.
Der Unterschied zu den Frauen
Er ist diesmal nicht subtil, sondern brutal: Dieselbe Disziplin ist bei den Männern die stärkste und bei den Frauen die schwächste deutsche Gruppe der gesamten Serie. Lisa Merkels Rückstand auf den Goldmaßstab beträgt 4,69 Prozent, Abdilaahis 0,11 Prozent – ein Faktor von mehr als vierzig. Die deutschen Frauen liegen über 5000 Meter unter der Finalklasse, die Männer über der Bronzeklasse. Auch die Diagnosen trennen sich: Den Frauen fehlt beides, Klasse und Endspurt; den Männern fehlt nur der Endspurt, und den haben sie immerhin auf Bronze-Niveau. Das ist der Unterschied zwischen einem strukturellen Rückstand und einer Feinjustierung.
Chancenbewertung in Birmingham (10.–16. August 2026)
Die entscheidende Größe ist nicht die Zeit, sondern die Schlussrunde. Bronze fiel zuletzt in 13:19 bis 13:25 Minuten – Zeiten, die alle drei Deutschen im Schlaf laufen. Die Frage ist ausschließlich, wer beim Läuten der Glocke noch vorn ist und dem 1500-Meter-Tempo folgen kann.
Mohamed Abdilaahi wäre über 5000 Meter ein ernsthafter Medaillenkandidat: Seine Klasse liegt 0,8 Sekunden hinter dem Goldmaßstab und fast zwölf Sekunden vor Bronze, sein 3000er (7:25,77 Minuten) entspricht exakt dem Goldwert, sein 1500er (3:35,36 Minuten) liegt über Bronze-Niveau. Als zehntschnellster Europäer aller Zeiten über 5000 Meter ist er in dieser Form Medaillenanwärter. Gegen Titelverteidiger Ingebrigtsens 3:26er-Endspurt hätte er in einem taktischen Rennen allerdings keine Waffe. Gold setzte praktisch dessen Ausfall voraus. Die Entscheidung ist ohnehin gefallen: Der DLV hat Abdilaahi über 10.000 Meter nominiert. Dort führt er die europäische Jahresbestenliste an – und ist damit Goldkandidat.
Florian Bremm hat als Außenseiter die Chance auf Platz sechs bis acht. Seine 12:56,80 Minuten liegen deutlich über der Platz-8-Klasse, seine 1500e m-Zeit (3:37,73 Minuten) knapp darunter. Auch bei ihm klafft die Lücke zwischen Zeit und Meisterschaft: 2024 in Rom wurde er über 5000 Meter 23., 2025 in Tokio schied er im Vorlauf aus. Der Finaleinzug aber ist mit diesem Profil klar drin und Platz acht oder besser ein realistisches Ziel.
Frederik Ruppert dürfte über 5000 Meter gar nicht starten. Er ist seit Juni 2026 Europarekordhalter über 3000 Meter Hindernis und der erste Europäer unter acht Minuten. Die Hindernisstrecke ist seine Paradedisziplin, die 12:57,61 Minuten über 5000 m ein Nebenprodukt. In seiner eigentlichen Disziplin ist er der aussichtsreichste deutsche Medaillenkandidat dieser gesamten Serie.
Fazit der sechs Teile
Die Kritik am DLV aus Teil 3 muss revidiert werden – pauschal gilt sie nicht.
Erstens. Der deutsche Männer-Langstreckenlauf gehört im europäischen Vergleich gerade zur Spitze. Das Problem ist nicht der Verband als Ganzes; es muss disziplin- und geschlechtsspezifisch betrachtet werden. Woran es fehlen könnte, ist ein ganzheitliches Konzept in Talentsuche, Talentaufbau und Kaderberufung.
Beim letzten Punkt wäre zu überlegen, europäische Klasse klarer von Weltklasse zu trennen: Nicht einmal EM-Gold garantiert bei Welt- oder Olympiatiteln einen Medaillenplatz. Insofern ist schwer nachvollziehbar, dass der DLV bereits mit einem Platz unter den ersten acht das Qualitätsmerkmal „Perspektivkader“ vergibt. Nötig wäre eine Differenzierung nach Anforderungsprofil und altersabhängigem Entwicklungspotenzial.
Zweitens. Es gibt keine gemeinsame Diagnose. Sechs Gruppen, sechs verschiedene Defizite: Speed-Ausdauer, Antritt, Grundschnelligkeit, spezielle Ausdauer, Endspurt, Formsteuerung. Jede pauschale Trainingsempfehlung wäre in der Mehrzahl der Fälle falsch.
Drittens. Das ist die eigentliche deutsche Schwachstelle 2026 – die Umsetzung im Meisterschaftsrennen. Abdilaahi (WM-Vorlauf-Aus), Bremm (23. bei der EM), Lückenkemper (2,7 Prozent hinter Gold trotz Weltklasse-Bestzeit), Stepanov (Formeinbruch nach Krankheit): Die Zeiten sind da wie seit Jahrzehnten nicht. Was fehlt, ist der Transfer von der Bahn in den Endlauf. Das ist eine Frage der Renngestaltung, der Nerven sowie der Formsteuerung über das Wettkampfjahr.
Mein Erwartungswert für Birmingham: ein bis drei Medaillen sind realistisch (Ruppert über die Hindernisse, Abdilaahi über 10.000 Meter, Ansah über 100 Meter), dazu vier bis sechs Finalplätze und die Staffeln.
Das wäre die beste deutsche Leichtathletik-EM seit Jahren, aber es hängt an drei Männern, die alle noch beweisen müssen, dass sie eine Bestzeit in einen Titelkampf übersetzen können.
Dr. Wolfgang Blödorn*
*Kontakt: wbloed@gmail.com
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