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07
2026

Sifan Hassan schrieb mit ihrem Sieg über 10.000 m Sportgeschichte. - Foto: www.photorun.net 2020 Tokyo Olympic Games Tokyo, Japan July 29-August 8, 2021 Photo: Andrew McClanahan@PhotoRun Victah1111@aol.com

LEICHTATHLETIK-EM 2026 IN BIRMINGHAM Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 3: Welche Chancen haben die deutschen 5000-Meter-Läuferinnen bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. – Von Dr. Wolfgang Blödorn

By GRR 0

Nach dem 100-Meter-Sprint und dem 800-Meter-Lauf schließt dieser dritte Teil mit den 5000 Metern und den Aussichten der deutschen Läuferinnen in Birmingham die Serie ab.

Mit diesem Teil sind auch die drei entscheidenden Formen der Energiebereitstellung abgedeckt: Die 100 Meter stehen für die weitgehend anaerobe Energiegewinnung, die 800 Meter für die anaerob-aerobe Mischform, die 5000 Meter für den Lauf, in dem die aerobe Energiebereitstellung klar überwiegt.

Was die drei Platzierungen über 5000 Meter ausmacht

Der 5000-Meter-Lauf ist ein Zweikampf zweier Qualitäten: aerobe Klasse – die Basis über 10.000 und 5000 Meter – und Endspurt, die Schnelligkeit aus dem 1500-Meter-Lauf. Wer Gold will, braucht beides.
Was Gold ausmacht, ist der komplette Läufertyp: eine starke Basis über 10.000 Meter (etwa 30:00 bis 30:30 Minuten), eine 5000-Meter-Bestzeit um 14:20 bis 14:30 Minuten und dazu einen Kick aus einer 1500-Meter-Leistung um 3:58 Minuten oder schneller.

Musterbeispiel ist die Europameisterin von 2018, Sifan Hassan: eine Allrounderin mit Bestzeiten von 14:13 Minuten über 5000 Meter, 3:51 Minuten über 1500 Meter und 29:06 Minuten über 10.000 Meter – ohne Schwäche auf irgendeiner Distanz und deshalb in der Lage, jede taktische Variante mitzugehen. Bronze unterscheidet sich davon nur graduell: rund 10 bis 15 Sekunden weniger 5000-Meter-Klasse (Bestzeit etwa 14:41 Minuten), etwas geringere aerobe Tiefe, aber derselbe komplette Typ mit Kick. Und für Platz acht, die Finalgrenze, muss man klar unter 15 Minuten laufen können.

Drei Trends prägen den 5000-Meter-Lauf

Erster Trend: Das Niveau steigt auf allen Rängen

Das absolute Niveau ist auf allen drei Plätzen gestiegen. Die Gold-Bestzeit fiel von im Schnitt rund 14:46 Minuten (1998–2012) auf etwa 14:30 (2014–2024); selbst die Achtplatzierten haben ihre 5000-Meter-Bestzeit unter 15 Minuten gedrückt. Es ist dieselbe Verdichtung wie im Sprint und über 800 Meter.
Zweiter Trend: Die Finals werden schneller

Die jüngsten Endläufe wurden deutlich schneller und tempohärter gelaufen. 2014 und 2016 waren noch taktisch-langsam (15:31 bzw. 15:18 Minuten), die letzten drei Titelrennen dagegen fielen in 14:46 Minuten (2018), 14:50 Minuten (2022) und 14:35 Minuten (2024). Der Titel verlangt zunehmend echtes Tempo – nicht nur einen Spurt aus einem Bummelrennen.

Dritter Trend: Gold gehört dem kompletten Läufer

Weder der reine Ausdauertyp (starke Basis, kein Spurt) noch der reine Spurter (schnelle 1500 Meter, dünne Ausdauer) gewinnt an der Spitze. Die Europameisterin von 2024, Nadia Battocletti, verkörpert das ebenso wie Hassan sechs Jahre zuvor: eine 5000-Meter-Klasse um 14:23 Minuten, ein 1500-Meter-Kick um 3:58 Minuten und ein solider 10.000-Meter-Unterbau. Der Trend geht zum leistungsstarken Allrounder auf insgesamt gestiegenem Niveau.

Folgen die DLV-Frauen 2026 dem Trend?

Hier ist das Bild noch eindeutiger als in den beiden anderen Disziplinen. Der EM-Maßstab liegt über 1500 Meter bei 4:00 bis 4:04 Minuten und über 5000 Meter bei 14:30 bis 14:58 Minuten. Die aktuellen deutschen 5000-Meter-Läuferinnen liegen mit ihren Zubringerzeiten – 4:12 bis 4:24 Minuten über 1500 Meter, 15:11 bis 15:19 Minuten über 5000 Meter – deutlich zurück; bei der Temporeserve, dem Endspurt-Kick, besonders drastisch.

Das ist die schwächste deutsche Positionierung der drei analysierten Disziplinen:

Die aktuellen Bestzeiten liegen hier sogar unter der Klasse, die zuletzt für den Finaleinzug nötig war – nicht nur unter dem Medaillenniveau. Und beim entscheidenden modernen Merkmal, dem Endspurt, verpassen alle drei den Trend deutlich. Es sind reine Ausdauertypen, denen die Schnelligkeit fehlt, die der moderne 5000-Meter-Lauf verlangt. Ihre einzige relative Stärke ist die aerobe Tiefe über die Paarstrecke 5000/10000 mit einem durchschnittlichen KsA-Wert von 0,958 – ein guter Wert, aber auf bescheidener absoluter Tempogrundlage.

Bemerkenswert im europäischen Kontext: Das Frauen-5000-Meter ist in Europa zuletzt stark geworden (Hassan, Battocletti), die Anforderungen für eine Medaille sind gestiegen. Das deutsche Trio aber ist erkennbar unter den deutschen Spitzenleistungen der jüngeren Vergangenheit – und unter dem aktuellen europäischen Finalstandard – geblieben.

Wie realistisch ist ein Finalplatz in Birmingham?

Die Europameisterschaften steigen vom 10. bis 16. August 2026 in Birmingham. Auf dem Papier ist Lisa Merkel mit 15:10,81 Minuten über 5000 Meter und der besten Basis der drei über 10.000 Meter (31:32 Minuten) die Stärkste des deutschen Trios – wenngleich ohne Kick über 1500 Meter (4:17,96 Minuten). Ihre 5000-Meter-Bestzeit liegt allerdings rund 13 Sekunden hinter der Platz-8-Klasse. In einem langsamen, taktischen Rennen kann sie mit Glück unter die ersten acht laufen; in jedem schnelleren oder spurtbetonten Rennen hätte sie keine Chance.

Blanka Dörfels Bestzeit steht bei 15:11,89 Minuten. Sie hat von den drei Läuferinnen den schwächsten Kick (4:23,77 Minuten über 1500 Meter); ihre 5000-Meter-Klasse ähnelt der von Merkel, ihre Endspurtqualitäten sind noch geringer.

Vanessa Mikitenko hat mit 4:11,79 Minuten über 1500 Meter den besten Endspurt des Trios, mit 15:18,77 Minuten aber die langsamste 5000-Meter-Bestzeit. Ihre bessere 1500-Meter-Zeit könnte in einem Spurtfinale helfen; ihr 5000-Meter-Niveau bedeutet jedoch, dass sie beim Läuten der Glocke zur letzten Runde kaum noch vorn dabei sein dürfte.

Unterm Strich ist dies die schwächste der drei deutschen Gruppen. Realistisch kämpfen die deutschen 5000-Meter-Läuferinnen 2026 darum, überhaupt eine Athletin ins Finale zu bringen – eine Medaille liegt mit diesen Werten außer Reichweite. Dem europäischen Trend, gestiegene Klasse plus kompletter Läufer mit Endspurt, folgen sie weder im Niveau noch im Profil. Positiv ist, dass alle drei Läuferinnen vom Alter hergesehen noch Zeit besitzen, ihre Schwächen zu beseitigen. Sollte dies nicht gelingen, ist ein Wechsel auf die Marathondistanz eine Überlegung wert.

Fazit der drei Teile

Auf allen drei untersuchten Wettkampfdistanzen zeigen die deutschen Läuferinnen deutliche Defizite gegenüber der europäischen Spitze. Man könnte vor dem Hintergrund der Analysen den Eindruck gewinnen, dass im DLV der Vorstand Leistungssport und die zuständigen Bundestrainer die Entwicklung auf europäischer Ebene über die Jahre unterschätzt und nicht im Blick gehabt haben. Um über 100, 800 und 5000 Meter wieder Anschluss an die europäische Spitze zu finden, müssten die Verantwortlichen dringend an den Strukturen arbeiten. Dabei ist die Weltklasse in vielen Bereichen der Wettkampfstrecken noch klar besser als die europäische. Ein Paradigmenwechsel in der Talentauswahl und der Talententwicklung scheint im DLV unerlässlich zu sein. Hat die DLV-Führung genügend Mut, ihn durchzuführen?

Es gilt bei den Kaderberufungen sich nicht nur am europäischen Leistungsniveau zu orientieren, sondern die Entwicklung auf der Weltebene im Blick zu behalten. Ein verändertes Trainingsmodell für den Nachwuchs scheint überfällig. Im Sprint etwa müsste nicht nur die 60-Meter-Schnelligkeit, sondern von früh an auch die 200-Meter-Leistung entwickelt werden.

Über 800 und 5000 Meter sind vor allem die Temporeserven aufzubauen. Die Talentauswahl und die Talententwicklung im DLV scheint nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein.

Von Dr. Wolfgang Blödorn

LEICHTATHLETIK-EM 2026 IN BIRMINGHAM: Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 2: Welche Chancen haben die deutschen 800-Meter-Läuferinnen bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Von Dr. Wolfgang Blödorn

LEICHTATHLETIK-EM IN BIRMINGHAM 2026: Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 1: Welche Chancen haben die deutschen Sprinterinnen über 100 Meter bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Dr. Wolfgang Blödorn

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