Alicia Schmdt, Jana Becker und Majtie Kolberg beim Goldenen Oval in Dresden - Foto: DLV
LEICHTATHLETIK-EM 2026 IN BIRMINGHAM: Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 2: Welche Chancen haben die deutschen 800-Meter-Läuferinnen bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Von Dr. Wolfgang Blödorn
Erstmals seit vielen Jahren blieben 2025 drei deutsche 800-Meter-Läuferinnen in einer Saison unter zwei Minuten: Majtie Kolberg, Smilla Kolbe und Jana Becker haben die Distanz zurück nach vorn gebracht.
Mit welchen Aussichten reisen sie zur EM nach Birmingham?
Wie schon im ersten Teil dieser Serie zum 100-Meter-Sprint dient die jüngere EM-Ära von 2014 bis 2024 als Grundlage für die Prognose. Über 800 Meter aber gelten andere Gesetze als im Sprint: Hier spielen taktische Überlegungen die entscheidende Rolle.
Das Charakteristische der EM-Finals zeigt sich, wenn man Finalzeit und persönliche Bestzeit (PB) gegenüberstellt. Die 800-Meter-Endläufe sind taktisch und langsam; entschieden werden sie nicht über die Uhr, sondern über Positionierung und Endspurt. Was Gold ausmacht, ist deshalb weniger die Siegzeit als die Temporeserve dahinter – die Differenz zwischen Bestzeit und tatsächlich gelaufener Zeit. Und diese Reserve ist gewachsen: von rund 1,9 Sekunden (1998) auf etwa 4,7 Sekunden (2022) und 4,3 Sekunden (2024). Nicht die aktuelle Saisonzeit ist damit der Maßstab für eine Finalhoffnung, sondern die Bestzeit mit ihrer Temporeserve.
Drei Trends prägen den 800-Meter-Lauf
Erster Trend: Die Siegerzeiten bleiben stabil
Anders als im Sprint sind die Sieg- und Medaillenzeiten über 800 Meter nahezu konstant geblieben. Der Titel wird über ein taktisches Rennen entschieden, nicht über die absolute Zeit.
Zweiter Trend: Die Schnelligkeitsreserve wächst
Das ist die deutlichste Entwicklung: Die zugrunde liegende Klasse und vor allem die Temporeserve der Siegerinnen sind stark gestiegen. Die Meisterinnen bringen heute Bestzeiten deutlich unter 1:55 mit (2022 und 2024: 1:54,3) und gewinnen damit ein 1:59-Finale aus dieser Reserve heraus. Der Titel fällt über einen kraftvollen Endspurt aus überlegener Grundschnelligkeit – nicht über gleichmäßige Härte.
Dritter Trend: Der Sieg gehört dem Tempotyp
An der Spitze verschiebt sich das Profil zum tempobasierten Typ. Sinnbild ist die Doppel-Europameisterin Keely Hodgkinson (2022 und 2024): eine 400-Meter-Bestzeit klar unter 52 Sekunden, dazu eine vergleichsweise langsame 1500-Meter-Zeit – eine reine Speed-Läuferin. Auch die junge Schweizerin Audrey Werro steht für diesen Typ. Die 400-Meter-Grundschnelligkeit ist zum eigentlichen Unterscheidungsmerkmal zwischen Gold und dem Rest geworden. Bronze dagegen geht meist an ausgeglichenere Profile mit schwächeren 400 m-Zeiten und etwas besserer Ausdauer, denen aber der letzte Kick im Endspurt fehlt; Platz acht schließlich verlangt Rennhärte über die Runden – ohne die Schnelligkeitsreserve der Medaillenränge.
Folgen die DLV-Frauen 2026 dem Trend?
Trägt man die 400- gegen die 800-Meter-Bestzeiten auf, ergibt sich ein klares Bild: Europas Gold gewinnt man nur über schnelle 400 Meter sowie schnelle 800-Meter-Bestzeiten. Das deutsche Trio gruppiert sich dagegen geschlossen um den achten Platz, alle drei mit 400-Meter-Bestzeiten nahe 54 Sekunden. In Zahlen entspricht das Kadermittel fast exakt dem historischen Platz-8-Profil – nicht dem Medaillenprofil.
Tabelle 1: Leistungsprofil der drei aktuell besten deutschen 800-Meter-Läuferinnen 2026

Beim entscheidenden Merkmal – der 400-Meter-Schnelligkeitsreserve – verpassen alle drei den Anschluss. Ihre 400-Meter-Bestzeiten liegen 2,5 bis 3,5 Sekunden über denen der derzeit besten Europäerinnen. Die deutschen Läuferinnen sind, wenn überhaupt, auf der Ausdauerseite des Spektrums zu Hause.
Majtie Kolberg hat mit einem Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA) von 0,905 über die Paarstrecke 800/1500 und einer diesjährigen 1500-Meter-Bestzeit von 4:05,67 die stärkste Ausdauerbasis der drei – wegen ihrer schwächeren 400-Meter-Zeit aber keinen Endspurt-Kick. Der deutsche Typ ist die solide, kraft- und ausdauerbetonte 800-Meter-Läuferin – dem modernen, erfolgsentscheidenden Kick jedoch unterlegen.
Wie realistisch ist ein Finalplatz in Birmingham?
Die taktische Natur der Disziplin wirkt zweischneidig – und das ist für die Chancenbewertung entscheidend. Weil die EM-Finals langsam sind (etwa 1:59 bis 2:00 Minuten), ist die Finalhürde moderat und über Rennhärte und eine Bestzeit unter 1:59 erreichbar. Hier sind die deutschen Läuferinnen durchaus konkurrenzfähig. Über die Medaillen aber entscheidet der letzte 200-Meter-Antritt, und dort dominieren die Tempotypen – was die deutschen Aussichten nach oben begrenzt. Das langsame Rennen macht ihnen den Einzug leicht und die Medaille schwer zugleich.
Die jüngeren Richtwerte bestätigen das: Für den Finaleinzug genügen eine Bestzeit um 1:58 bis 1:59 Minuten und ausreichende Rundenhärte – bei den klar schwächeren 400-Meter-Zeiten der deutschen Läuferinnen liegen Medaillen dagegen außerhalb der Reichweite.
Majtie Kolberg ist derzeit die ausgeglichenste und formstärkste der drei. In Rom stand sie 2024 im EM-Finale und wurde Fünfte; ihre diesjährige 1500-Meter-Bestzeit von 4:05,67 unterstreicht ihre starke Ausdauerbasis. Ihre Grenze zeigt das 400-Meter-Tempo (54,58 Sekunden) auf. In einem zermürbenden, langsamen Finale kann sie erneut um einen vorderen Platz mitlaufen – gegen ein spurtstarkes Feld aber wird sie im Endspurt distanziert.
Smilla Kolbe hat sich in den vergangenen zwei Jahren ermutigend entwickelt. Ihre Bestzeit von 1:58,99 Minuten stammt aus dem Jahr 2026 – sie verbessert sich also gerade. Hinzu kommt die etwas schnellere 400-Meter-Zeit (53,98 Sekunden) als bei Kolberg. Mit ihrer 800-Meter-Zeit liegt sie genau an der Grenze zum Finale. Erreichen kann sie es, wenn sie ihre Ausdauerreserve durch die Runden trägt.
Jana Marie Becker ist von den drei Genannten derzeit die Schwächste. Sie müsste nahe an ihre Bestzeit oder darüber hinaus laufen, um das Finale überhaupt erreichen zu können. Weder ihre 400-Meter-Zeit (54,76 Sekunden) noch ihre 1500-Meter-Zeit (4:19,22 Minuten) verschaffen ihr eine herausragende Aussicht auf einen Finalplatz. Realistisch ist für sie der Kampf um den Einzug ins Halbfinale.
Unterm Strich: Der Finaleinzug ist für eine deutschen 800-Meter-Läuferinnen ein mögliches Ziel, allen voran für Majtie Kolberg. Für eine Medaille aber müsste sich auch bei ihr vor allem eines ändern – die 400-Meter-Grundschnelligkeit, die in Birmingham über das Podium entscheiden dürfte.
Dr. Wolfgang Blödorn
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