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18
07
2026

- Symbolphoto: Horst Milde

Deutscher Sportstätten- und Sportangebotsatlas – eine digitale Utopie? Prof. Dr. Helmut Digel – sport-nachgedacht.de

By GRR 0

Eigentlich ist es keine schlechte Sache, wenn man in einer Bananenrepublik leben darf. Ecuador, die Philippinen, Costa Rica, Kolumbien und Guatemala zeichnen sich durch eine wunderbare Natur aus.

Ihnen ist es vergönnt, ihre Bananen nach Europa zu exportieren. Bei meinen Besuchen dieser Länder habe ich manch schönen Ort gefunden, an dem ich durchaus auch meinen Lebensabend gerne verbringen würde. Wenn man jedoch in Deutschland das Wort von der „Bananenrepublik“ in den Mund nimmt, so meint man dabei meist Länder, deren Entwicklung von einer unsäglichen Bürokratie gehemmt wird und wo viel geredet wird, es aber nie oder nur selten zu den notwendigen Veränderungen und Reformen kommt.

Immer häufiger wird nun dieser negativ besetzte Begriff auch auf Deutschland selbst bezogen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn gute Ideen über Jahre nicht beachtet oder nur langsam oder gar nicht umgesetzt wurden. Das Projekt, über das im Folgenden zu sprechen ist, entspricht genau diesen Merkmalen und kann ganz offensichtlich Deutschland als „Bananenrepublik“ bestens repräsentieren.

Wo finde ich, wann, von wem aufgezeigt, welches Sportangebot in Deutschland?

Die Idee, die hinter dem Projekt steht, ist eigentlich ganz einfach. Im Jahr 1990 stellte ich mir die Frage, was geschieht, wenn in einer modernen, führenden Industriegesellschaft, wie es Deutschland damals noch war, und in der die berufliche Mobilität ihrer Bürger[1] ein entscheidender Motor für eine positive Entwicklung dieser Gesellschaft war, eine junge Familie ihren Wohnort wechselt, weil Vater und Mutter sich beruflich verbessern konnten? Wie kann sich diese Familie – wenn sie den Wunsch hat – schnell und unbürokratisch an ihrem neuen Wohnort über Sport- und Bewegungsangebote für sich und ihre Kinder informieren, die sie am früheren Wohnort kennengelernt und ausgeübt haben, und jetzt gerne weiter betreiben möchten?

Für mich und für meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Darmstadt war damals sehr schnell klar, dass es ideal wäre, wenn die Familie einen digitalen „Sportatlas für Deutschland“ öffnen könnte, in dem alle Sportangebote und Sportstätten ausgewiesen sind, und mit dessen Hilfe die zugereisten Neubürger alle für sie möglichen und zugänglichen Sportangebote finden könnten. Dabei wären genaue Adressen mit Telefonnummern, ggfls. die Namen von Übungsleitern, die Übungszeiten und -orte und die Höhe der Mitgliedsbeiträge von Vereinen beziehungsweise die Kosten bei privaten Anbietern wichtige ergänzende Informationen.

Da es vor 40 Jahren eine derartige Datei in Deutschland nirgendwo gegeben hat, trugen wir unsere Idee an den Hessischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Dr. Wolfgang Gerhardt, und an den Oberbürgermeister Günther Mezger der Stadt Darmstadt heran, die beide auf Anhieb sich bereit erklärt hatten, dass sie eine Finanzierung dieses Projekts ermöglichen möchten.

Vier Jahre später präsentierten wir der hessischen Landesregierung den ersten Sportatlas für Hessen, und die Stadt Darmstadt richtete ein Büro für den ersten ständigen „kommunalen Sportberater“ einer deutschen Stadt ein, in dem jeder zugereiste Bürger über alle ihn interessierenden sportbezogenen Fragen Auskunft erhalten konnte.

Der „Atlas“ ist 1995 in der Edition „Sport und Wissenschaft“ als Band 22 mit dem Titel „Sportangebote und Sportbedarf in Hessen“ beim Meyer und Meyer Verlag Aachen erschienen[2].

Die Datenerhebung hatte sich in der vierjährigen Projektlaufzeit als besonders schwierig erwiesen. Mittels Fragebogen mussten Primärdaten erhoben werden. Sekundärdaten konnten in Kooperation mit dem Landessportbund Hessen ausgewertet werden. Ein weiterer wichtiger Baustein waren Telefoninterviews. Ebenso notwendig waren überprüfende Beobachtungen vor Ort. Nicht nur von dem damaligen Forschungsteam wurde das Resultat des Projekts als eine Pilot-Studie angesehen, auf deren Grundlage das noch sehr viel schwierigere und kompliziertere Projekt eines Sportatlas für ganz Deutschland durchzuführen wäre.

Seit damals sind mittlerweile mehr als 30 Jahre vergangen und mein Interesse an einem nationalen „Atlas“ zu den Sportstätten und Sportangeboten in Deutschland hat ungemindert fortbestanden.

„Die Arbeit an einem digitalen Sportstättenatlas wird derzeit nicht fortgesetzt“

Der „Auftrag“, einen „Digitalen Sportstättenatlas Deutschland“ (DSD) zu erstellen, war bereits vor März 2019 von dem Bundesministerium des Innern (BMI) dem ihm damals unterstellten Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) erteilt worden.

Meine wiederholten Nachfragen nach dem Fortgang dieses Projekts beim BISp hatten zur Antwort, dass man auf gutem Wege sei und ein digitaler Sportstättenatlas bald zur Verfügung stehen würde.

Am 7. Juli 2026 meldete nun der Deutsche Bundestag in seinem Pressedienst, dass das neue „Ministerium für Sport und Ehrenamt“, angesiedelt im Bundeskanzleramt, entschieden hat, „die Entwicklung eines länderübergreifenden digitalen Sportstättenatlas in der Federführung des Bundes für Deutschland einstweilen nicht weiter voranzutreiben“[3].

Vorausgegangen ist eine kleine Anfrage der AfD- Fraktion (Bundestags Drucksache 21/6471[4]). Als Grund für ihre Entscheidung nennt dort die Bundesregierung, „dass die für eine aussagekräftige Ergänzung und Validierung der aufgebauten Datensammlung benötigten Detaildaten und Informationen allenfalls und zudem uneinheitlich, nicht standardisiert und häufig auch nicht in digitaler Form lediglich bei den – teils privaten – Betreibern und Eigentümern, der über 220.000 Sportstätten und Schwimmbäder vorlägen“.

Zur Beantwortung der Frage, warum Projekte ausgeschrieben und begonnen worden seien, „statt direkt erst einmal eine einfache Übersicht zu erstellen, welche Sportstätten in Deutschland überhaupt existieren“, heißt es: „Die Ausschreibung der Projekte sei erforderlich gewesen, um valide Daten zu dieser Fragestellung zu erheben und eine Entscheidung über die Machbarkeit zu treffen“.

„Die verschiedenen Forschungsprojekte sowie das Digitalisierungsprojekt des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) bauten aufeinander auf und hätten insgesamt zum Ziel gehabt, die Machbarkeit und Umsetzbarkeit eines digitalen bundesweiten Sportstättenatlas für Deutschland zu prüfen, heißt es weiter. Dieses Ziel sei mit Abschluss des Digitalisierungsprojektes und Entwicklung eines Test- und Pilotsystems erreicht worden“.

Dass es sich bei der Entscheidung des Sportministeriums und der entsprechenden Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der AfD um einen sportpolitischen Skandal handelt wird klar, wenn man die die vollständige Antwort der Bundesregierung (Drucksache 21/6804 auf die kleine Anfrage der AfD Drucksache 21/6471) liest. Demnach hat das Bundesministerium des Innern zu Beginn des Jahres 2019 dem ihm unterstellten Bundesinstitut für Sportwissenschaft den Auftrag erteilt, einen digitalen Sportstättenatlas Deutschland (DSD) zu erstellen. Daraufhin wurde als erstes im Jahr 2019 ein Projekt zur „Erstellung einer Expertise mit dem Titel „Grundlagen für einen Sportstättenatlas – Entwicklung einer Systematik anhand von Parametern zur digitalen bundesweiten Erfassung von Sportstätten“ausgeschrieben.

Das Projekt ging an Prof. Dr. Lutz Thieme von der Hochschule für Koblenz. Die Ergebnisse dieses Projektes lagen mit einer Verspätung von einem halben Jahr im März 2021 vor. „Im Ergebnis dieser Expertise wurde der Aufbau eines digitalen bundesweiten Sportatlas unter bestimmten Voraussetzungen als prinzipiell möglich angesehen“. Um die Entwicklung eines etwaigen digitalen Sportstättenatlas für Deutschland weiter voranzubringen, führte das BISp im Auftrag des BMI im Anschluss an das erste Projekt zwei weitere Projekte durch.

In dem Forschungsprojekt „Schätzverfahren zu deutschen Sportstätten“ (SDS) war ein Verfahren zur datenbasierten Auswertung von Sportstätten zu prüfen, zu entwickeln und zu validieren. Auftragnehmer war einmal mehr Prof. Dr. Lutz Thieme, die Projektlaufzeit des Forschungsprojektes war vom 1. Januar 2022 bis zum 31. Dezember 2023 festgelegt.

In einem parallelen IT – und Digitalisierungsprojekt mit dem Titel „Digitaler Sportstättenatlas für Deutschland (DSD)“wurde ein IT-System inklusive Datenbank und Webzugriff aufgebaut und entwickelt, das prinzipiell als technische Plattform für einen einheitlichen und länderübergreifend nutzbaren digitalen Sportstättenatlas dienen könnte. Im Rahmen des Projekts wurden auch Grund- und Basisdaten zu Sportstätten in Deutschland aus öffentlich zugänglichen Quellen erhoben. Auftragnehmer dieses Projekts war die private Agentur KPMG AG WPG. Die Projektlaufzeit dieses Digitalisierungsprojekt dauerte vom 20. September bis zum 28. Februar 2025.

Für die drei Projekte wurden Ausgaben von 1,2 Millionen € aufgewendet. Dabei sind die siebenjährigen Personalkosten, die dem BISp für die Betreuung der drei Projekte entstanden sind, nicht berücksichtigt.

Eine Antwort auf die Frage, wie es nun im achten Jahr der „Bemühungen um einen deutschen Sportatlas“ weitergehen soll, ist in der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der AfD nicht zu finden. Es wird lediglich abschließend darauf hingewiesen, dass einer „Weiterbearbeitung eines digitalen Sportstättenatlas für Deutschland mehrere tatsächliche und wirtschaftliche Hindernisse außerhalb des Einflussbereichs der Bundesregierung entgegenstehen, weshalb die Arbeit am digitalen Sportstättenatlas derzeit nicht fortgesetzt wird“.

Skandal oder Bankrotterklärung?

Die Antwort der Bundesregierung ist für jemanden, der nunmehr mehr als 20 Jahre auf einen deutschen Sportstättenatlas gewartet hat, eine Bankrott-Erklärung, die kaum noch übertroffen werden kann. Sie ist jedoch auch ein europapolitischer Skandal, weil Deutschland sich nicht einmal die Frage gestellt hat, wie in der Welt des internationalen Sports das Projekt „Sportstättenatlas“ in den vergangenen Jahrzehnten bearbeitet wurde und welchen Stand dieses Projekt mittlerweile aufweist. Skandalös ist jedoch auch, dass die Entscheidung der Bundesregierung, die Arbeit an einem digitalen Sportatlas nicht fortzusetzen, in den Organisationen des Sports wohl nur unzureichend oder gar nicht zur Kenntnis genommen wurde. Weder gibt es einen Protest noch gibt es kritische Stellungnahmen des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen, obgleich ein Sportatlas in ihrem ureigensten Interesse liegen müsste. Der DOSB mit seinen Verbänden wird somit Teil dieses sportpolitischen Skandals.

Dabei würde es genügen, wenn man sich zumindest einmal ernsthaft mit jenen Partnern austauschen würde, die sich mit ihren Sportsystemen direkt an der deutschen Grenze befinden.

Nationale und internationale Beispiele zur Entwicklung eines Sportatlas

Ein vollständiger, landesweiter Atlas mit sämtlichen Sportangeboten und Sportstätten ist für jede Sportnation eine besondere Herausforderung und nicht jedes der vorliegenden Dokumente kann dabei höchsten Ansprüchen genügen. Doch gibt es immerhin in Deutschland zwei Bundesländer, Hessen und Rheinland-Pfalz, die mit ihrem digitalen Sportstättenatlas – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – über die gesamte Bandbreite des Sportangebots ihres Bundeslandes informieren.

Rheinland-Pfalz: Der Digitale Sportstättenatlas RLP ist eine zentrale Onlinedatenbank, die gemeinsam mit der Hochschule Koblenz entwickelt wurde. Sie erfasst Sportstätten und deren Nutzung als Planungs- und Entscheidungsgrundlage. Informationen dazu findet man auf der Plattform Sportstättenatlas RLP.
Hessen: Seit Februar 2023 steht der „Sportatlas Hessen“ zur Verfügung, der auch als App (Sportland Hessen) nutzbar ist und über den interaktiven Zugang das Sportstättenangebot transparent macht (https://www.sportatlas-hessen.de/).

Obwohl beide Systeme das Ziel verfolgen, Sport- und Bewegungsräume digital sichtbar und planbar zu machen, unterscheiden sie sich in ihrer strategischen Ausrichtung und technischen Bereitstellung. Während Hessen stark auf den Endverbraucher setzt, damit Bürger schnell Hallen oder Sportplätze in der Nähe finden, dient das Projekt in Rheinland-Pfalz vor allem als „zahlenbasierte Argumentationshilfe“ für Sportbünde und Politik, um Fördergelder und Sanierungsstaus präzise zu steuern. Hessen stellt ein vollständig integriertes Landesportal inklusive App-Anbindung zur Verfügung. In RLP steht die Erarbeitung einer verlässlichen und einheitlichen wissenschaftlichen Datengrundlage im Vordergrund, die langfristig in den einen „Digitalen Sportstättenatlas Deutschland“ einfließen kann.

In einigen anderen Bundesländern gibt es lokal begrenzte Atlanten (wie etwa in Teilen von Sachsen-Anhalt) oder Vorläuferprojekte aus der kommunalen Sportentwicklungsplanung (z. B. in Bremen und Berlin), jedoch keine flächendeckenden, landeseigenen Portale wie in RLP oder Hessen.

Ein Blick in unsere Nachbarländer sowie nach Kanada und Australien

Auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft gibt es Länder, die auf diesem Gebiet bereits vorbildliches aufzuweisen haben. Für sie ist die Erfassung von Sportangeboten und Sportstätten ein zentrales Instrument sportpolitischer Steuerung für die Stadt- und Regionalplanung sowie für sozialräumliche Bedarfsanalysen.

Wer wissen will, wie Sport in einem Land organisiert ist, fragt nicht nur nach Vereinen, Hallen und Plätzen, sondern auch nach den Dateninfrastrukturen, mit denen diese Orte sichtbar gemacht werden. Einige ausgewählte europäische Länder wie die Schweiz, Österreich. Niederlande, Frankreich, Portugal, Dänemark, Schweden oder England, aber auch Australien und Kanada zeigen dabei unterschiedliche Wege wie bestehende Sportangebote, wie Bedarfe, wie existierende Sportstätten und wie die Sanierung alter Sportstätten und der Bau neuer Sportstätten erfasst werden können.

Schweiz

Der Atlas der Schweiz enthält mit NASAK sämtliche nationale Sportanlagen und weist diese landesweit kartiert aus. Die Datenerfassung ist auf eine bundesstaatliche, strategische Ebene bezogen und nicht bloß auf eine lose Sammlung lokaler Einträge. Der Schweizer Ansatz ist deshalb weniger ein vollständiges Verzeichnis aller sportlichen Orte als vielmehr ein selektives Instrument der Infrastrukturpolitik, das besonders jene Anlagen sichtbar macht, die für die nationale Sportentwicklung relevant sind. Analytisch ist das interessant, weil hier nicht die bloße Vollständigkeit, sondern die politische Relevanz der Anlage im Zentrum steht.

Niederlande

Die Niederlande verfolgen einen stärker Indikatoren gestützten Weg. Mit „Sport en bewegen in cijfers“ und dem „Atlas Leefomgeving“ existieren Karten und Kennzahlen zu „Sportaccommodaties“, zur durchschnittlichen Distanz zu Sportstätten und zu weiteren Aspekten der Sport- und Bewegungsumwelt. Anders als in einem klassischen Atlas werden Sportstätten nicht nur kartiert, sondern in ein umfassenderes Monitoring von Sport, Bewegung und räumlicher Lebensqualität eingebettet. Der niederländische Ansatz ist deshalb besonders geeignet für Analysen von Dichte, Erreichbarkeit und regionalen Ungleichheiten von Sportangeboten.

Frankreich

Frankreich weist das am stärksten zentralisierte und zugleich umfangreichste nationale Register auf. Das System „Data ES“ wird vom Ministerium für Sport betrieben, täglich aktualisiert und umfasst laut offiziellen Angaben mehr als 330.000 Orte der Sportausübung mit rund 90 Variablen je Eintrag. Bemerkenswert ist die rechtliche Verankerung: Eigentümerinnen und Eigentümer von Sportanlagen sind verpflichtet, ihre Anlagen zu melden, sodass „Data ES“ als nationales Referenzsystem mit Anspruch auf Vollständigkeit fungiert. Für Forschung und Raumplanung ist das besonders wertvoll, weil „Data ES“ nicht nur Sportstätten lokalisiert, sondern auch Nutzungsarten, technische Merkmale und räumliche Klassifikationen enthält. Frankreich ist damit das Land, in dem die Idee eines umfassenden Sportstätten-Atlas am deutlichsten verwirklicht ist.

England

In England ist das Bild wesentlich pluraler. „Sport England“ stellt mit „Active Places“, „Active Lives“ und dem „Facilities Planning Model“ zentrale nationale Daten- und Planungsressourcen bereit, aber kein einzelnes, allumfassendes Atlas-System wie es in Frankreich der Fall ist. Die Stärke Englands liegt in der Verknüpfung von Angebots- sowie Nutzungs- und Planungsdaten: „Active Places“ beschreibt die Infrastruktur, „Active Lives“ misst Teilnahme und Aktivitätsverhalten“, und das „FPM“ modelliert die zukünftige strategische Versorgung. Das englische System ist analytisch sehr leistungsfähig, aber institutionell fragmentierter als ein einheitlicher Atlas.

Österreich

In diesem Land gibt es regionale und kommunale Sportstätten-Atlanten. Besonders hilfreich sind die Sportstättenatlas-Lösungen einzelner Bundesländer und Städte, etwa in Salzburg, Wien und Linz.

Salzburg verfügt über einen offiziellen Sportstättenatlas mit Suche nach Sportart, Ort, Typ und Name der Sportstätte. Wien weist Daten zu Sportstätten-Standorten im Wiener Open-Data-Portal aus. In Linz gibt es ein Sport-Atlas mit Kartierung von Sportstätten, Bewegungsangeboten und Initiativen und in Innsbruck trifft man eine städtische Karte/Liste der Sportstätten mit Filterfunktionen an.

Österreich hat also ein dezentral aufgebautes Atlas-System: sehr nutzerfreundlich auf Landes- und Stadtebene, aber nicht als ein einziges nationales Vollregister organisiert. Für die praktische Suche nach Angeboten ist dieses System gut, für bundesweite Vergleichsstudien aber methodisch weniger geschlossen als etwa in Frankreich oder Kanada. Für Bürgerinnen und Bürger ist das österreichische System durchaus hilfreich, weil sich viele Plattformen direkt nach Sportart, Ort und Anlage filtern lassen.

Schweden

In Schweden gibt es kartierte Sportanlagen und Suchportale, aber keinen klar erkennbaren, staatlich zentralen nationalen Sportstätten-Atlas in der gleichen Form wie in Frankreich oder Kanada. „Idrottskartan“ bietet eine sehr umfangreiche, öffentlich zugängliche Übersicht über Sportanlagen und nennt über 37.000 Anlagen.

Es gibt außerdem ein „Swedish Profile for Sports and Outdoor Sports Facilities“ als Datenstandard bzw. Profil für strukturierte Erfassung.

Auf kommunaler Ebene existieren zusätzliche Karten und Portale, etwa für Stockholm oder andere Städte, die Sport- und Bewegungsanlagen darstellen. Schweden hat damit eher ein dezentral ausgebautes Karten- und Datensystem als einen einzigen offiziellen Nationalatlas. Für die Nutzersuche ist dies praktisch, für eine landesweit einheitliche Vollerfassung aber weniger geschlossen als in Frankreich oder Kanada.

Dänemark

In Dänemark gibt es einen sehr gut nutzbaren Atlas bzw. eine Datenbank für Sportangebote und Sportstätten. Am bekanntesten ist die „Facilitetsdatabasen“ von Idan und „Lokale og Anlægsfonden“, ergänzt durch amtliche Statistik von „Statistics Denmark“. „Facilitetsdatabasen“ ist eine landesweite Datenbank mit interaktiver Karte, Suchfunktionen nach Facility-Typ, Kommune/Region, Eigentums- und Betriebsform sowie Jahr. Statistics Denmark“ verantwortet die statistische Aufbereitung der „sports clubs and sporting facilities“, mit geografischer Verteilung und jährlichen Schätzungen.

„StatBank Denmark“ liefert die Tabellen zu Sportstätten nach Region und Facility-Typ für analytische Auswertungen.

Die dänische Lösung ist bürgernah und gleichzeitig forschungsfähig, weil sie Kartenansicht, Tabellen und Filter kombiniert. Anders als in Frankreich steht zwar nicht ein strikt gesetzlich verpflichtendes Vollregister im Vordergrund, aber die Datenbasis ist ausreichend breit, um eine gute landesweite Orientierung zu bieten.

Für Bürgerinnen und Bürger ist die „Facilitetsdatabasen“ besonders praktisch, weil man direkt suchen und auf Karten prüfen kann, welche Sportanlagen im eigenen Umfeld verfügbar sind. Für Forschung und Planung ist die „StatBank“ zusätzlich wertvoll, weil sie standardisierte Vergleichsdaten nach Region und Anlagentyp liefert.

Portugal

Portugals neues Portal des „SNID“ erlaubt die Suche nach Sportstätten nach Sportart und geografischem Gebiet und ist ebenfalls bürgernah gestaltet.

Australien

Dieses Land verfügt über eine föderale Variante einer Sportdatenerhebung. Auf nationaler Ebene existieren sportbezogene Datensätze auf „data.gov.au“, darunter Einträge zu Sport- und Freizeiteinrichtungen, während zusätzliche, sehr detaillierte Register auf Ebene von Bundesstaaten und Städten verfügbar sind. Der australische Fall ist deshalb weniger durch einen nationalen Gesamtatlas geprägt als durch ein Nebeneinander föderaler und regionaler Datensammlungen. Für die Analyse bedeutet das: Die Daten können sehr genau sein, sind aber geografisch nicht immer direkt vergleichbar.

Kanada

In Kanada gibt es einen sehr brauchbaren nationalen Ansatz, auch wenn er eher als offene Datenbank denn als klassischer „Atlas“ zu verstehen ist. Die wichtigste Quelle ist die „Open Database of Recreational and Sport Facilities“ (ODRSF) von Statistics Canada, die Namen, Typen, Adressen und Geokoordinaten von Sport- und Freizeitanlagen aus ganz Kanada bündelt. Die ODRSF ist ein landesweites, offenes Verzeichnis von Sport- und Freizeiteinrichtungen, das aus Daten von Provinzen, Territorien und Kommunen zusammengesetzt wird. Sie ist als CSV[5] verfügbar und kann in einem Viewer kartiert werden. Sie ist somit praktisch „atlasfähig“, auch wenn der offizielle Begriff eher „database“ als „atlas“ lautet.

Für raumbezogene Analysen ist die ODRSF sehr nützlich, weil sie standardisierte Ortsdaten und Typen über ganz Kanada hinweg bereitstellt. Zusätzlich gibt es auf dem Open Government Portal weitere Datensätze, etwa Inventare öffentlich finanzierter Kultur-, Freizeit- und Sportanlagen sowie kommunale Spezialdatensätze.

Kanada hat damit kein einzelnes, umfassendes Atlas-System im französischen Sinn, aber ein föderal gut nutzbares, offenes Datenökosystem. Für Forschung, Planung und Bürgerinformation ist es durchaus geeignet

Vergleicht man die hier ausgewählten Länder, dann lassen sich drei Idealtypen erkennen. Erstens der „zentralstaatliche Atlas“ wie in Frankreich, der möglichst vollständig und gesetzlich abgesichert ist. Zweitens der „planungsorientierte Selektionsatlas“ wie in der Schweiz, der nationale Bedeutung der Sportstätten und strategische Steuerung priorisiert. Drittens das „verteilte Datenökosystem“ wie in den Niederlanden, England, und Australien, in dem Karten, Register, Indikatoren und Planungsmodelle nebeneinander bestehen.

Schlussbemerkungen

Für eine wissenschaftliche Analyse ist nicht nur wichtig, ob ein Land einen Sportstätten-Atlas hat, sondern welche Logik dahintersteht: Vollständigkeit, Planung, Monitoring oder föderale Vielfalt sind dabei u. a. die entscheidenden Merkmale. Frankreich liefert die klarste nationale Vollerfassung, die Niederlande die beste Verbindung von Karten und Indikatoren, England die beste Kopplung von Infrastruktur und Teilnahme, die Schweiz ein starkes Instrument für nationale Schlüsselanlagen und Australien ein föderales, datenreiches, aber uneinheitliches Instrument.

Am ehesten wird dem Bürger in Frankreich gedient. Dort gibt es mit „Data ES“ ein nationales, sehr umfangreiches Register, das öffentlich zugänglich ist und die Suche nach Sportanlagen nach Ort und Sportart erlaubt; die offizielle Beschreibung nennt ausdrücklich eine Suche „by territory“ und ein Inventar von über 325.000 Anlagen.

Frankreich kombiniert drei Dinge, die für Familien und Einzelpersonen besonders nützlich sind: hohe Vollständigkeit, eine klare öffentliche Suchfunktion und eine nationale Abdeckung von Sportanlagen und -orten. Das macht die Suche für den Alltag sehr niedrigschwellig, weil man nicht erst verschiedene regionale Portale zusammensuchen muss.

Für die konkrete Alltagssuche eines Bürgers oder einer Familie ist Frankreich derzeit auch deshalb am überzeugendsten, weil dort Vollständigkeit, öffentliche Zugänglichkeit und Suchfunktion am besten zusammenkommen. England folgt mit einem praxisnahen Portal, während die Niederlande und die Schweiz stärker auf Analyse, Planung oder selektive Erfassung ausgerichtet sind.

Für den größten europäischen Staat, Deutschland, wäre für die Erstellung eines – wie Anfang des Jahres 2019 bereits vom Bundesministerium des Innern (BMI) dem BISp erteilten „Auftrag“, einen „Digitalen Sportstättenatlas Deutschland“ (DSD) zu erstellen – eine Orientierung am zweitgrößten Staat der EU an Frankreich nahe liegend und angebracht, um auf seinem Weg zu einem Sportatlas möglichst schnell erfolgreich zu sein. Aber auch eine enge Kooperation mit unserem deutschsprachigen Partner Schweiz würde Deutschland bei dieser wichtigen Aufgabe entscheidende Schritte voranbringen.

Dazu wäre allerdings Voraussetzung, dass für den Bundesstaat Deutschland, der föderal organisiert ist, entsprechende Beschlüsse in der Sportministerkonferenz der Länder (SMK) und ggfls. im Bundesrat gefasst werden. In jedem der 16 Bundesländer müssten per Gesetz sämtliche Sportangebote meldepflichtig werden.

So könnte zwar das „Eingeständnis“ der Bundesregierung, dass sie nach sieben Jahren erkannt hat, an der selbst gestellten Aufgabe gescheitert zu sein und dabei 1,2 Mio Euro ergebnislos „verausgabt“ hat, nicht mehr positiv „gewendet“ werden. Auch der „Sportausschuss“ des Bundestages müsste angesichts dieser langen, ergebnislosen Arbeit „befragt“ werden, ob er über all die Zeit seiner Funktion als parlamentarisches Kontroll- und Beratungsorgan gerecht wurde.  Gleichwohl: Die Verantwortungsübernahme zur Erstellung eines „Digitalen Sportstättenatlas Deutschland“ durch die Bundesländer wäre – wie die vorstehenden Regelungen in unseren Nachbarstaaten zeigen – ein wichtiges „Handlungsfeld“ und ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg zum „Ausstieg“ aus einer sportlichen “Bananenrepublik“ – zumindest was den „Digitalen Sportstättenatlas Deutschland“ betrifft!

Bearbeitung: 15. Juli 2026

[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird gelegentlich auf „gendergerechte“ Sprachformen – männlich weiblich, divers – verzichtet. Bei allen Bezeichnungen, die personenbezogen sind, meint die gewählte Formulierung i.d.R. alle Geschlechter, auch wenn überwiegend die männliche Form steht.

[2] Siehe: https://www.amazon.co.uk/Sportangebot-und-Sportbedarf-in-Hessen/dp/3891243006

[3] Vollständige Antwort der Bundesregierung

Siehe: https://dserver.bundestag.de/btd/21/068/2106804.pdf

[4] Siehe: https://dserver.bundestag.de/btd/21/064/2106471.pdf

(Zugriff jeweils am 15.07.2026)

[5] Ein einfaches Textformat, das die Datenspeicherung und -übertragung vereinfacht.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Helmut Digel. Permanenter Link des Eintrags.

Prof. Dr. Helmut Digel
Jochbergweg 1
83246 Unterwössen

Tel. 00498641 6997330

 

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