Der Reichstags in Berlin, Sitz des Parlaments - Foto: Horst Milde
Multifunktionsversagen in Gesellschaft und Sport – Prof. Dr. Helmut Digel – sport-nachgedacht.de
Mit dem Begriff „Multifunktionsversagen“ wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben beim Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel konfrontiert. In der Medizin spricht man von einem „Multiorganversagen“, wenn mehrere lebenswichtige Organe wie Lunge, Nieren, Leber oder Herz gleichzeitig ausfallen.
Die häufigste Ursache ist eine schwere Infektion oder ein schweres Trauma; es erfordert immer eine sofortige intensivmedizinische Behandlung. Bei Birgit Dressel kam diese Behandlung angesichts eines außergewöhnlichen Medikamentenmissbrauchs (Doping) jedoch zu spät.
Übertragen wir den Begriff des Multiorganversagens auf unsere Gesellschaft und auf das Teilsystem Sport dieser Gesellschaft, so scheinen sich diese in einer ähnlich lebensbedrohlichen Situation zu befinden und eine „intensivmedizinische Behandlung“ scheint mehr als angebracht zu sein, wenn man die derzeitigen Probleme in unserer Gesellschaft und die des Teilsystems „Sport“ lösen möchte. Hinzu kommt, dass die wichtigen Teilsysteme unserer Gesellschaft – das politische System, das Militär, die Wirtschaft, die Bildung, die Wissenschaft und die Massenmedien – einen erheblichen Reformbedarf aufweisen und sich in der Gefahr befinden, ihre internationale Konkurrenzfähigkeit zu verlieren
Multifunktionsversagen in unserer Gesellschaft
Von einem gesellschaftlichen „Multifunktionsversagen“ in Deutschland kann man für das vergangene Jahrzehnt deshalb sprechen, weil mehrere Grundfunktionen unserer Gesellschaft zugleich unter Druck standen und noch immer stehen. Zu nennen sind u.a.: Soziale Absicherung, Vertrauen in Institutionen, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Fähigkeit des Staates, zentrale Konflikte überzeugend zu bearbeiten. Bereits für 2025 deuten statistische Erhebungen über Armut und Genderungleichheit, über das sinkende Vertrauen in die Bundesregierung sowie über wachsende soziale Spaltungen auf eine solche Mehrfachkrise hin.
Soziale Sicherung
Human Rights Watch beschreibt für Deutschland 2025 erhebliche Lücken im sozialen Sicherungssystem, besonders für Alleinerziehende und ältere Frauen, und verweist auf ein Auseinanderklaffen von Leistungen zugunsten der Vermögenden im Vergleich zu den Leistungen für die sozial unteren Gruppen unserer Gesellschaft und erkennt damit ein erhöhtes Armutsrisiko in Deutschland.
Diese Befunde sprechen für ein Versagen der Verteilungs- und Schutzfunktion des Sozialstaats, weil die vorhandenen Absicherungsmaßnahmen nicht in ausreichendem Maß vor Armut schützen.
Vertrauen und Legitimation
Parallel dazu zeigen OECD-Daten für Deutschland zwischen 2023 und 2025 einen Rückgang des Vertrauens in die Bundesregierung.
Wenn Vertrauen sinkt, leidet die Legitimation politischer Steuerung; dann wird es schwerer, kollektive Probleme mit Zustimmung und Verlässlichkeit zu bearbeiten.
Zusammenhalt und Polarisierung
Der Deutschlandmonitor und andere aktuelle Analysen verweisen auf soziale Frakturen, Polarisierung und ein Gefühl wachsender Entzweiung.
Damit ist die Integrationsfunktion der Gesellschaft beeinträchtigt, weil unterschiedliche Gruppen sich immer öfter und immer weniger als Teil eines gemeinsamen politischen und sozialen Rahmens erleben.
Staatliche Steuerungsfähigkeit
Die Governance-Analysen zu Deutschland 2025 beschreiben eine langsame Erosion der staatlichen Leistungsfähigkeit. Sie weisen auf eine Reformmüdigkeit und eine immer schwieriger werdende Konfliktbearbeitung in Politik und Verwaltung hin.
Das betrifft vor allem die Steuerungsfunktion: Ein Gemeinwesen kann dann nicht mehr als multifunktional leistungsfähig gelten, wenn es zwar über Institutionen verfügt, diese aber nur noch begrenzt wirksam koordinieren kann.
Streng genommen sollte man deshalb nicht von einem vollständigen Versagen sprechen, sondern von einem partiellen Multifunktionsversagen. Einige gesellschaftliche Teilsysteme funktionieren weiterhin, aber mehrere Kernfunktionen sind gleichzeitig geschwächt. Gerade im vergangenen Jahr zeigte sich das in Deutschland an der Kombination aus sozialer Unsicherheit, Vertrauensverlust, politischer Blockade und wachsender gesellschaftlicher Spaltung.
Betrachten wir die drei Bereiche „Versorgungsfunktion des Wohnens“, „Chancengleichheitsfunktion der Bildung“ und „Verteilung und Legitimationsfunktion des Sozialstaates“ so lässt sich das Argument des gesellschaftlichen Multifunktionsversagens deutlich schärfer formulieren, weil sich hier mehrere Kernfunktionen gleichzeitig abschwächen. In Deutschland zeigen die aktuellen Daten für 2025, dass Wohnkosten, Vermögensungleichheit und Bildungsungleichheit nicht nur nebeneinander bestehen, sondern sich gegenseitig verstärken.
Wohnen
Beim Wohnen zeigt sich das Versagen daran, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung unter Überlastung durch Miet- und Wohnkosten leidet: 2025 lebten in Deutschland rund 11,2 Prozent der Menschen in Haushalten, die mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnen aufwenden mussten; 11,7 Prozent lebten in überbelegten Wohnungen.
Das ist mehr als ein Marktproblem, weil Wohnen damit zu einem sozialen Selektionsmechanismus wird, der Teilhabe, Mobilität und Lebensqualität unmittelbar begrenzt.
Soziale Gerechtigkeit
Im Feld der sozialen Gerechtigkeit wird das Multifunktionsversagen daran sichtbar, dass Armutsrisiken trotz bestehender Sicherungssysteme hoch bleiben und bestimmte Gruppen, etwa Alleinerziehende und ältere Frauen, besonders stark betroffen sind.
Wenn der Sozialstaat seine Schutzfunktion nur unzureichend erfüllt, sinken nicht nur Einkommen und Sicherheit, sondern auch Vertrauen in die faire Ordnung des Gemeinwesens.
Bildung
Die Bildungsungleichheit verschärft das Problem, weil formale Chancen zwar bestehen, die realen Startbedingungen aber immer noch stark auseinandergehen. Wenn Wohnlage, Einkommen und familiäres Vermögen den Bildungserfolg mitprägen, verliert Bildung ihre ausgleichende Funktion und reproduziert ungleiche soziale Lebenslagen, statt sie zu verringern.
Gerade in einem demokratischen Gesellschaftssystem, das soziale Mobilität verspricht, ist das ein zentrales Zeichen funktionaler Schwäche.
Bevorzugung Vermögender
Die Bevorzugung der Vermögenden zeigt sich besonders klar in der extrem ungleichen Vermögensverteilung: Laut aktuellen Berichten besitzt das reichste Zehntel in Deutschland rund 54 Prozent des Nettovermögens, während die untere Hälfte nur etwa drei Prozent hält. Wenn Vermögen, Erbschaften und Immobilienbesitz den Zugang zu Wohnen und Aufstieg dominieren, wird soziale Ungleichheit verfestigt und politische Gleichheit ausgehöhlt.
Allein die hier nur sehr kurz skizzierten Sachverhalte legen nahe, dass man von einem gesellschaftlichen Multifunktionsversagen sprechen muss, weil mehrere gesellschaftliche Teilsysteme gleichzeitig ihre ausgleichende Wirkung verlieren: der Wohnungsmarkt erzeugt Ausschluss, das Bildungssystem gleicht soziale Herkunft nicht ausreichend aus, und die Verteilungsordnung begünstigt Vermögende. Das Ergebnis ist keine Totalblockade der Gesellschaft, aber eine deutliche Schwächung jener Funktionen, die soziale Integration, Fairness und Aufstieg ermöglichen sollen.
Multifunktionversagen im Sport
Von einem „Multifunktionsversagen“ im gesellschaftlichen Teilsystem Sport kann man für das letzte Jahrzehnt dann sprechen, wenn man mehrere zentrale Leistungs- und Ordnungsfunktionen gleichzeitig als beschädigt oder unzureichend erfüllt ansieht. In einigen meiner früheren Arbeiten, in der die Funktionen des Sports zugunsten unserer Gesellschaft dargestellt wurden, habe ich 15 verschiedene Funktionen erkannt, die der Sport für unsere Gesellschaft erfüllen soll, beziehungsweise die der Sport für sich in Anspruch nimmt, dass er sie erfüllt:
> Sozialisationsfunktion
> Erziehungsfunktion
> Emotionale Funktion
> Unterhaltungsfunktion
> Sozial-integrative Funktion („Nation building“)
> Sozial-integrative Funktion („communitarism“)
> Politisch repräsentative Funktion
> Politische Friedensfunktion
> Sport als Instrument der sozialen Mobilität
> Biologische Funktion (Gesundheit)
> Ökonomische Funktion
> Kulturelle Funktion
> Freizeitfunktion
> Militärische Funktion
> Emanzipationsfunktion
Diese Funktionen erfüllt der Sport vor allem durch aktives sich bewegen, durch gezielte Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, durch soziale Gemeinschaft im Verein und im Team, durch das Erlernen von Regeln und Werten, sowie durch wirtschaftliche und kulturelle Wirkungen. Er erfüllt diese Funktionen vor allem durch organisierte Praxis: im Verein, im Schulsport, im Freizeit- und Leistungssport, im Militär sowie bei Großveranstaltungen. Dort entstehen Gemeinschaft, soziale Regeln, Vorbilder, Integration und wirtschaftliche Wertschöpfung; zugleich wird der Körper trainiert und das Gesundheitsbewusstsein gestärkt. Ein gutes Beispiel ist der Mannschaftssport: Er verbindet Bewegung mit Kooperation, Regelbindung und sozialem Lernen. Genau deshalb wird Sport oft als ein Bereich verstanden, in dem gesellschaftliche Werte nicht nur vermittelt, sondern praktisch erfahren und eingeübt werden.
Betrachten wir die einzelne Funktionen etwas genauer, so werden wir sehr schnell erkennen, dass der Sport diese Funktionen nur teilweise und oft nur ambivalent und viele auch gar nicht erfüllt.
Er erzeugt Begeisterung, Identifikation und nationale bzw. internationale Sichtbarkeit, steht aber zugleich unter starkem Druck durch Kommerzialisierung, Medialisierung, Selektionslogik und einem Zwang zur Leistungssteigerung.
Der Hochleistungssport erfüllt die ihm zugewiesenen Funktionen vor allem durch weltweite Wettbewerbe, starke mediale Präsenz und die Konzentration von Aufmerksamkeit auf Höchstleistungen. Seine Funktion als Vorbild entsteht durch öffentliche Sichtbarkeit; seine Integrationswirkung durch gemeinsame Emotionen, Rituale und internationale Vergleichbarkeit. Wirtschaftlich wirkt er über Übertragungsrechte, Sponsoring, Tourismus und Eventisierung, politisch über nationale Repräsentation und symbolische Bedeutung im internationalen Wettbewerb.
Dem Hochleistungssport gelingt es aber immer seltener, die ihm zugeschriebenen positiven Funktionen zu erfüllen. Doping, Erfolgsdruck, Kommerzialisierung und Fremdbestimmung lassen ihn an seinem moralischen Anspruch immer häufiger scheitern.
Die Wertewirkung ist ambivalent: Leistungswerte werden wohl wahrgenommen, soziale Werte hingegen nur selektiv und kontextabhängig. Deshalb erfüllt der internationale Hochleistungssport seine gesellschaftlichen Funktionen eher als Spannungsfeld zwischen Ideal und Realität denn als widerspruchsfreie Institution. Er ist gesellschaftlich wichtig, weil er Leistung sichtbar macht, Identifikation erzeugt und internationale Aufmerksamkeit bündelt. Gleichzeitig erfüllt er diese Funktionen nur begrenzt, weil er stark von Marktlogik, politischer Instrumentalisierung und ethischen Konflikten geprägt ist. Er fördert nicht selten Nationalismus, weil er nationale Zugehörigkeit öffentlich inszeniert, Erfolge als Leistungen von „wir“ gegen „die anderen“ darstellt und dadurch kollektiven Nationalstolz verstärkt. Oft neigt er zum Chauvinismus. Er verbindet die Aufwertung der eigenen Gruppe mit der Abwertung anderer und kann durch Überlegenheitsdenken, Feindbilder und aggressive Abgrenzung begünstigen. Internationale Wettbewerbe schaffen starke nationale Symbole wie Fahnen, Hymnen und Medaillenspiegel, die das nationale „Wir“ emotional aufladen. Gerade bei Großereignissen kann das dazu führen, dass sportlicher Erfolg nicht nur als Sieg, sondern als Beweis nationaler Stärke gelesen wird. Diese Logik verstärkt Gruppengefühle und kann zugleich Vorurteile gegenüber anderen Nationen begünstigen. Nationalismus betont zu sehr die eigene Nation , Chauvinismus wertet andere aktiv ab. Im Sport ist Nationalismus oft die breitere Grundstimmung, während Chauvinismus dann sichtbar wird, wenn aus Stolz offene Überheblichkeit, Aggression oder Feindseligkeit werden. Ist Patriotismus, verstanden als positive und faire Identifikation mit dem eigenen Land oder mit dem eigenen Team, ohne andere abzuwerten, durchaus wünschenswert, so gehen Nationalismus und Chauvinismus weit über das hinaus. Sie machen die eigene Nation zum Maßstab, werten andere ab und können bei Sportveranstaltungen sehr schnell zur Ausgrenzung, zu Feindbildern und zu Überlegenheitsdenken verführen.
Der Hochleistungssport ist dafür besonders anfällig, weil er international nach Nationen organisiert ist und Erfolge öffentlich verglichen werden. Dadurch eignet er sich für Prestigedenken und politische Symbolik. Die Aktualisierung des nationalen „Wir“ im internationalen Sport verstärkt eher nationale Antagonismen als dass sie die diese auflösen kann.
Symptome des Versagens
Von Politikern und Sportfunktionären wird zwar immer wieder betont, dass Sport soziale, gesundheitspolitische, pädagogische und kulturelle Funktionen hat. Dabei wird jedoch meist verkannt, dass strukturelle Probleme und soziale Nebenfolgen diese Funktionen erheblich unterlaufen können bzw. Ihre Erfüllung mitunter sogar verhindern.
Das Multifunktionsversagen im Leistungssport zeigt sich exemplarisch in den Sportfachverbänden wie DFB, DLV und zahlreichen weiteren Organisationen des Sports bis hin zum Dachverband, dem DOSB, weil dort sportliche Erfolgslogik, Athletenschutz, Nachwuchsentwicklung und organisationale Verantwortung auseinander gefallen sind. Viele leistungsorientierte Strukturen versagen nicht nur in Bezug auf ihre Schutzfunktion gegenüber ihren Athletinnen und Athleten. Durch mangelnde Aufsicht, das Ignorieren von Warnhinweisen und eine Kultur des Schweigens kommt es zur Aufrechterhaltung systemischer Missstände.
Zugleich wird sichtbar, dass ein Verband nicht allein an Medaillen und Spitzenergebnissen gemessen werden kann, wenn er weder Talente nachhaltig entwickelt noch Trainer- und Funktionärsstrukturen wirksam kontrolliert. Genau diese Defizite kennzeichnen jedoch das Versagen der sportlichen Selbststeuerung. Damit wird der Leistungssport zu einem Bereich, in dem sich die Entkopplung von Erfolgsproduktion und Organisationsverantwortung besonders deutlich beobachten lässt.
Worin liegt das Versagen?
Ein erster Befund ist das Problem der „Governance“: Eine Europäische Parlamentsstudie „Good Governance in Sports“ beschreibt die Defizite der deutschen Sportfachverbände in den Bereichen Transparenz, Rechenschaft, Demokratie und Kontrolle; gerade diese Elemente sind aber wesentliche Voraussetzung dafür, dass Sport seine Autonomie legitimieren kann.
Zweitens zeigt sich ein Versagen bei der sozialen und normativen Funktion des Sports. In mehreren sportsoziologischen Studien wird darauf hingewiesen, dass Sport nicht nur integriert, sondern auch Hierarchien, Exklusion, Gehorsam, Schmerznormalisierung sowie sexistische und homophobe Muster reproduzieren kann. Damit wird die oft behauptete positive Sozialfunktion des Sports teilweise ins Gegenteil verkehrt oder zumindest stark relativiert.
Drittens ist die Gerechtigkeits- und Teilhabefunktion betroffen. Die EU-Studie nennt unter anderem mangelnde Repräsentation von Frauen in Führungspositionen, fehlende Beteiligung von Athletinnen und Athleten an Entscheidungen und eine „institutionelle Struktur“, die Kontrolle von oben nach unten begünstigt. Das heißt: Der Sport ist zwar offen für jedermann, aber in seiner Macht- und Entscheidungsstruktur oft nicht inklusiv.
Im letzten Jahrzehnt hat sich der negative Befund verschärft, weil Kommerzialisierung, Professionalisierung und öffentliche Aufmerksamkeit die Folgekosten von Fehlentwicklungen sichtbarer gemacht haben. Die EU-Studie betont, dass die wachsenden finanziellen Interessen im Sport das Feld anfällig für Korruption und ethische Skandale gemacht haben und noch immer machen.
Zugleich wurde klarer, dass Missstände nicht nur Einzelfälle sind, sondern „institutionell induziert“ sein können, also in den Strukturen selbst angelegt sind.
Hinzu kommt ein Vertrauensproblem: Wenn Skandale, Intransparenz und Machtkonzentration zunehmen, geraten öffentliche Fördermittel, Eventvergaben und die gesellschaftliche Akzeptanz des Sports unter Druck. Dann leidet nicht nur die Organisation einzelner Verbände, sondern die Legitimation des Sports als gesellschaftliches Teilsystem.
Im letzten Jahrzehnt zeigte sich somit im gesellschaftlichen Teilsystem Sport ein multifaktorielles Funktionsdefizit, das sich in Governance-Schwächen, sozialer Exklusion, normativer Erosion und Vertrauensverlust äußert. Der Sport erfüllt seine gesellschaftlichen Integrations- und Vorbildansprüche damit nur noch eingeschränkt und teilweise widersprüchlich.
Multifunktionsversagen im Leistungssport
Im Leistungssport lässt sich das Multifunktionsversagen besonders deutlich zeigen, weil dort sportlicher Erfolg, Talententwicklung, Personalführung und Organisationsverantwortung eng zusammenhängen. Wenn diese Ebenen nicht zusammenspielen, entstehen allenfalls noch kurzfristige Erfolge auf Kosten von Athletenwohl, Nachwuchs, Trainerqualität und systemischer Stabilität.
Sportliche Erfolge
Einzelne Erfolge im Elitebereich können verdecken, dass das System strukturell schwach ist: Ein Verband oder Stützpunkt kann Medaillen liefern und dennoch bei Governance, Transparenz, langfristiger Planung und Betreuung der Athleten versagen. Erfolg darf nicht nur an Wettkampfergebnissen abgelesen werden. Er muss viel mehr als Produkt eines funktionierenden Systems mit Führung, Finanzierung, Wissenschaft, Coaching und Entwicklungswegen gesehen werden.
Wenn Erfolge stark von Einzelpersonen, kurzfristigen Förderlogiken oder punktueller finanzieller Förderung abhängig ist, so ist das eher ein Zeichen von Instabilität als von Leistungsfähigkeit.
Athletinnen und Athleten
Beim Blick auf Athletinnen und Athleten zeigt sich das Versagen dort, wo Leistung über Gesundheit, über Persönlichkeitsentwicklung und über Schutz gestellt wird. High-Performance-Systeme müssen auch Wohlbefinden, mentale Gesundheit, persönliche Entwicklung und duale Karriere mitdenken, weil sonst die Karriere kurzlebig und fragil bleibt. Ein Multifunktionsversagen liegt vor, wenn Athletinnen und Athleten zwar als „Medaillenressource“ behandelt werden, aber nicht als Menschen mit langfristigen Entwicklungs- und Lebensperspektiven.
Zukünftige Talente
Bei der Beantwortung der Frage, woher zukünftige Talente herkommen sollen, wird das Problem sichtbar, wenn Nachwuchs nicht nachhaltig erkannt, gefördert und gebunden wird. Unter Sportwissenschaftlern gibt es einen Konsens, dass Talententwicklung von Umfeldqualität, von geeigneten und rechtzeitigen Übergängen, von Betreuung und passenden Entwicklungswegen abhängt, also nicht nur von stufenweiser „Selektion“ wie dies in vielen deutschen Sportfachverbänden der Fall ist. Wenn zu frühe Auslese, zu starke Leistungsfixierung oder fehlende Übergänge in den Erwachsenenbereich dominieren, verliert das System seine Zukunftsfähigkeit.
Trainerinnen und Trainer
Trainerinnen und Trainer sind vor allem im deutschen Hochleistungssportsystem ein zentraler Engpass, weil über Jahrzehnte versäumt wurden, einen qualifizierten Trainernachwuchs auszubilden. Trainer sind die wichtige Verbindung zwischen strategischen Zielsetzungen und Praxis. Gute High-Performance-Systeme brauchen strukturierte Coach-Development-Modelle, Leadership und Personalplanung; diese Punkte werden in aktuellen Sportstrategien der erfolgreichsten Sport Nationen ausdrücklich als entscheidend hervorgehoben. Wenn Trainerinnen und Trainer schlecht ausgebildet, überlastet, zu wenig begleitet, unzureichend besoldet und nur nach kurzfristigen Erfolgen bewertet werden, leidet die Qualität der Athletenentwicklung und damit das gesamte System.
Funktionärinnen und Funktionäre
Bei den Funktionärinnen und Funktionären zeigt sich das Versagen vor allem in einer völlig unzureichenden Steuerung jenes Sportsystems, für das sie verantwortlich sind: Sportfachliche Inkompetenz, fehlende Transparenz, schwache Rechenschaftslegung, unklare Zuständigkeiten, Erhalt zeit- und kostenintensiver Machtstrukturen („Landesfürsten“) und politische Selbstabsicherung haben dazu geführt, dass der deutsche Leistungssport nicht „lernfähig“ ist. Die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse zum Problem der „Governance“ im Sport betonen, dass Erfolg ohne gute Organisation teuer erkauft wird, weil Risiken, Machtungleichgewichte und Fehlanreize zunehmen. Damit wird der Leistungssport zwar nach außen oftmals als erfolgreich präsentiert, ist aber intern oft organisatorisch und ethisch unterentwickelt.
Im Ergebnis zeigt sich das Multifunktionsversagen im Leistungssport als Kettenproblem: kurzfristige Erfolge werden überbewertet, Athletenwohl und Talententwicklung werden vernachlässigt, Trainerstrukturen bleiben unzureichend, und Funktionäre sichern eher das System als dessen Qualität. Gerade deshalb ist der Leistungssport ein gutes Beispiel dafür, wie ein gesellschaftliches Teilsystem, das mehrere seiner Funktionen gleichzeitig erfüllen soll, damit in der Praxis immer häufiger scheitert.
Fußball WM 2026 – eine Metapher?
Das Scheitern einer deutschen Fußballnationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft war auch bereits zu früheren Zeiten Anlass für Diskussionen, bei denen das Verhältnis zwischen unserer Gesellschaft und seinem „Teilsystem Sport“ auf den Prüfstand gestellt wurde. So nun auch nach dem erneuten frühen Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2026.
Der Sport wird dabei als Spiegel der Gesellschaft gesehen und umgekehrt spiegelt sich Gesellschaft im Sport wider. Gerade in diesen Tagen hatte man sich vom Sport erhofft, dass er gewisse Impulse zur Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme beisteuern könnte.
Parallelen zwischen Sport und Gesellschaft sind offensichtlich, doch wäre es ein Fehler, die Lösung der Probleme des Sports von der Lösung allgemeiner, gesellschaftlicher Probleme abhängig zu machen und umgekehrt.
Allerdings scheint eine Gemeinsamkeit doch von ganz grundlegender Bedeutung zu sein. Der Sport hat, wenn er seiner ursprünglichen konstitutiven Idee des Leistungsprinzips, verbunden mit dem Prinzip des Fair Play, konsequent und nachhaltig treu bleibt und diese Prinzipien selbst auch befolgt, ohne Zweifel eine Vorbildfunktion. Er hat sie für jede demokratische Gesellschaft, für die das Leistungsprinzip von grundlegender Bedeutung ist, wenn es um Chancengerechtigkeit in einer Gesellschaft geht.
Kritische Beobachter unserer Gesellschaft stellen nun in diesen Tagen zu Recht fest, dass es in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer deutlicher zu einer Vernachlässigung des Leistungsprinzips in unserer Gesellschaft gekommen ist.
„Seit langem gilt Leistung als überholt – jede Minderleistung muss anerkannt, gelobt, `gewertschätzt` werden – in Schule, Uni, Beruf. Auf die Messung von Leistung soll jedoch verzichtet werden. In den sog. „kleinen“ Studienfächern an deutschen Hochschulen kommen Menschen durchs Examen, die früher bereits an der Aufnahmeprüfung gescheitert wären. Heute erhalten Sie passable Noten für nicht oder nur unzureichend erbrachte Leistungen. Die Hochschullehrer haben an einer differenzierten Leistungsbewertung nur wenig oder gar kein Interesse, denn wenn Studierende vermehrt bei Prüfungen durchfallen, so bekommt das Fach weniger Mittel. Wenn ein Chef Mitarbeiter kritisiert, bekommt er bei der Bewertung durch die Mitarbeiter schlechte Noten usw.“
Diese gewiss etwas polemischen Beobachtungen eines Kritikers könnten noch lange fortgeführt werden. Sie verweisen auf ein grundlegendes Problem. In fortgeschrittenen demokratischen Konsum- und Wohlstandsgesellschaften wird jenes Prinzip, das den Wohlstand hervorgebracht hat, zunehmend gefährdet. Es unterliegt zunehmend einer Erosion und nur mit großen Schwierigkeiten kann man es als zukünftiges Leitbild zurückgewinnen.
Die allgemeinen Beobachtungen zu unserer Gesellschaft können nahezu eins zu eins auf das System des Sports übertragen werden. Das ihn kennzeichnende Leistungsprinzip erodiert. Es erodiert und vor allem dort, wo es sich im Entwicklungsprozess einer Gesellschaft herausbilden muss: im öffentlichen Schulwesen. Im Schulsport wurde und wird das Leistungsprinzip des Sports schon seit langem infrage gestellt. Die Diskussion über die Bundesjugendspiele ist dabei nur ein Symptom unter vielen. Das Leistungsprinzip wird aber auch im Hochleistungssport selbst infrage gestellt, wenn – wie geschehen – zugelassen wurde, dass sportliche Leistungen völlig ungerecht belohnt werden und Athleten, die an sauberen Leistungen interessiert sind, nicht den erforderlichen Schutz erhalten im Vergleich zu jenen Athleten, die zum Betrug bereit sind.
„Multifunktionsversagen“ ist als Diagnose dann plausibel, wenn man nicht nur von einem einzelnen Problem spricht, sondern von einem gleichzeitigen Ausfall mehrerer Systemleistungen. Beim Sport sind das u.a. Integration, Fairness, Bildung, Gesundheit, Vorbildfunktion und demokratische Selbststeuerung. Gerade weil Sport in der Gesellschaft so viele Erwartungen bündelt, wirken Fehlentwicklungen besonders breit: Sie betreffen Athleten, Verbände, Fans, Öffentlichkeit, Staat und Sponsoren zugleich.
Im letzten Jahrzehnt zeigte sich im gesellschaftlichen Teilsystem Sport ein multifaktorielles Funktionsdefizit, das sich in Governance-Schwächen, sozialer Exklusion, normativer Erosion und Vertrauensverlust äußert.
Der Sport erfüllt seine gesellschaftlichen Integrations- und Vorbildansprüche damit nur noch eingeschränkt und teilweise widersprüchlich.
Letzte Bearbeitung: 4. Juli2026
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Helmut Digel. Permanenter Link des Eintrags.
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