Symbolfoto: Olympiasiegerin Joan Benoit - Los Angeles 1984 - Foto: Victah Sailer
LEICHTATHLETIK · KADERFÖRDERUNG: Der Weltmaßstab, den der DLV nicht anlegt – Dr. Wolfgang Blödorn*
Nach 21 Medaillen bei der EM in Birmingham sieht sich der Deutsche Leichtathletik-Verband auf dem richtigen Weg. Doch seine eigenen Kadernormen für die WM 2027 und Olympia 2028 erzählen eine andere Geschichte – gerade dort, wo es zählt: im Sprint und auf den Laufstrecken.
Am 4. März dieses Jahres hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) seine Kaderbildungsrichtlinien und -normen für die Jahre 2027 und 2028 veröffentlicht – die Jahre der Weltmeisterschaften vom 11. bis 19. September 2027 im Pekinger „Vogelnest“ und der Olympischen Spiele vom 14. bis 30. Juli 2028 in Los Angeles.
Diese Normen, so der Verband, seien „transparent am Weltmaßstab ausgerichtet“. Der Satz klingt selbstbewusst. Er hält der Nachprüfung nur nicht stand.
Was ein Perspektivkader leisten soll
Der Perspektivkader (PK) ist im deutschen Spitzensport keine beliebige Kategorie. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) definiert ihn verbandsübergreifend als jene Gruppe mit Final- oder Medaillenpotenzial für die nächsten Olympischen Spiele; als typisches Nominierungskriterium nennt er Anschlussleistungen von Weltrang, etwa Plätze vier bis acht bei Europameisterschaften (Abb. 1). Formal erfüllen die PK-Normen des DLV dieses Kriterium. Ob sie es auch inhaltlich tun, ist die Frage, um die es hier geht.

World Athletics zieht die Schwelle höher
Der Weltverband World Athletics (WA) hat die Zugangsregeln verschärft. Für die WM 2027 müssen rund 40 Prozent des Feldes die Direktnorm erfüllen; die übrigen 60 Prozent rücken über das World Ranking nach. Die Begründung: An einer Weltmeisterschaft solle nur die absolute Weltklasse teilnehmen. Wer die Direktnorm schafft, gehört zu diesem Kreis.
Der Jubel von Birmingham
Bei den Europameisterschaften in Birmingham gewannen die DLV-Athletinnen und -Athleten im August 21 Medaillen – sechs goldene, zehn silberne, fünf bronzene. Für Dr. Jörg Bügner, den DLV-Vorstand Leistungssport, war das Anlass zu einem klaren Fazit: „Der Weg, den wir gemeinsam vor zwei Jahren eingeschlagen haben, ist der richtige.“ Kenner der Szene bleiben skeptisch, auch nach diesem guten Ergebnis (siehe GRR vom 19. August 2026: „Der schöne Schein von Birmingham“). Zugespitzt lautet die Frage: Trifft Bügners Befund die Faktenlage – oder ist er eher Wunsch als Wirklichkeit?
Der Test: die eigene Norm gegen die Weltspitze
Ein Vergleich hilft weiter. Tabelle 1 stellt vier Größen nebeneinander: die WA-Direktnormen für Peking, die PK-Normen des DLV (Altersklasse 25+), die beste deutsche Leistung des Jahres 2026 sowie – als Maßstab der Realität – Platz 24 der bereinigten Weltbestenliste (WBL) 2026. Platz 24 ist bewusst gewählt: Auf den Laufstrecken markiert er ungefähr die Grenze zum Halbfinale, in den Sprüngen und Würfen die Qualifikation für den Vorkampf – nicht etwa fürs Finale.
Zunächst die gute Nachricht: 14 deutsche Athletinnen und Athleten – zehn Männer, vier Frauen – haben 2026 die neue WA-Direktnorm erfüllt (in Tabelle 1 fett). Das ist ein respektabler Wert; er nährt die Hoffnung, dass es für diese Handvoll bei der WM für einen Platz unter den ersten acht reichen könnte. Auf der Weltebene ist der DLV also durchaus konkurrenzfähig – und hätte allen Grund, die eigenen Normen mindestens so hoch zu hängen wie der Weltverband.
Genau das tut er nicht.
Von den 46 PK-Normen der Tabelle erreichen nur fünf überhaupt das Niveau von Platz 24 der Weltbestenliste; und nur drei übertreffen es – der Zehnkampf der Männer, Siebenkampf und Speerwurf der Frauen. Die beiden übrigen, der Hochsprung der Männer und der Frauen, liegen exakt auf Platz 24 (in Tabelle 1 fett und kursiv). Alle anderen 41 Normen liegen darunter, viele davon deutlich. Wie passt das zu der Behauptung, die Normen seien am Weltmaßstab ausgerichtet?
Die Zahlen widersprechen ihr.

Sprint: Der Kontakt ist gerissen
Besonders ernüchternd liest sich der Block Sprint (100 bis 400 Meter samt Hürden). Keine einzige DLV-Athletin und nur ein einziger Athlet – über 400 Meter Hürden – hat die WA-Norm erfüllt. Medaillenkandidaten sind nicht in Sicht; im Einzelsprint fehlt der Anschluss an die Weltspitze fast vollständig. Das wirft grundlegende Fragen an Talentauswahl und Talententwicklung auf.
Lauf und Gehen: Drei Lichtblicke, mehr nicht
Kaum besser steht es auf den Strecken von 800 Metern bis zum Marathon. Weltklasse sind allein der 3000-Meter-Hindernislauf und der Marathon der Männer sowie der Marathon der Frauen; sonst nichts. Keine dieser PK-Normen – weder bei den Frauen noch bei den Männern – genügt für einen Platz unter den 24 Weltbesten des Jahres 2026. Legt man diesen Maßstab an, bestehen einzig über 3000 Meter Hindernis der Männer realistische Aussichten auf einen Platz unter den ersten acht oder gar auf eine Medaille. Auch hier führt an einer Neuausrichtung von Auswahl und Förderung kaum ein Weg vorbei.
Sprung und Wurf: Näher dran – und doch zu tief gehängt
Günstiger fällt das Bild in den Sprüngen aus: Vier Athletinnen und Athleten erreichten 2026 die WA-Direktnorm. Doch nur im Hochsprung – bei Frauen wie Männern – trifft die PK-Norm des DLV überhaupt Platz 24 der Weltbestenliste. Auch hier ist die Messlatte zu niedrig gelegt.
Am besten besetzt ist der Wurf: Fünf der acht Disziplinen erreichten die Direktnorm, das Kugelstoßen der Männer sowie Hammer- und Speerwurf der Frauen blieben darunter. Umso schwerer zu verstehen ist, dass von acht PK-Normen nur eine einzige über Platz 24 hinausreicht – der Speerwurf der Frauen. Das Talent ist da; der eigene Anspruch bleibt bemerkenswert bescheiden dahinter zurück.
Mehrkampf: Das stärkste Signal – mit einem Schönheitsfehler
Bleibt der Mehrkampf. Der Zehnkampf der Männer übertrifft die WA-Direktnorm deutlich und ist eines der überzeugendsten Pfunde, mit denen der DLV in Peking wuchern kann. Der Siebenkampf der Frauen verfehlte die Norm dagegen knapp – 6496 zu 6550 Punkten. Aus einer vermeintlich lückenlosen Bilanz wird so ein halbes Ausrufezeichen. In der Talentsuche und -entwicklung aber scheint hier vieles zu stimmen.
Wofür öffentliches Geld fließt
Fasst man die Analyse zusammen, steht der Optimismus, den Bügner nach Birmingham verbreitet hat, auf tönernen Füßen. In den Blöcken Sprint sowie Lauf und Gehen mündet der „richtige Weg“ eher in eine Sackgasse; die Struktur der Leistungsförderung gehört dort nicht nur hinterfragt, sondern verändert. Zu diesem Befund war schon die jüngste PotAS-Analyse des DOSB gekommen. In Sprung und Wurf reicht es näher an die Welt heran – doch auch dort sind die eigenen Normen zu niedrig angesetzt.
Uneingeschränkt zufrieden sein darf der DLV allein beim Zehnkampf der Männer.
Daraus folgt eine unbequeme Frage. DOSB und Bundessportministerium sollten vor der Kaderberufung 2027 genauer hinsehen – auf die tatsächlich erbrachten Leistungen und die realistische Perspektive der Athletinnen und Athleten –, ehe sie Fördermittel bewilligen.
Aller Sportautonomie zum Trotz: Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, ob ihre Gelder zweckentsprechend eingesetzt werden.
Das Prinzip Hoffnung ersetzt keine Wirklichkeit.
Dr. Wolfgang Blödorn
*Dr. Wolfgang Blödorn ist promovierter Sportwissenschaftler. Er hat verschiedene Ämter auf Funktionärs- und Trainerebene ausgeübt – als Landestrainer in mehreren Landesverbänden, als DLV-Bundesstützpunktleiter und -trainer sowie als Trainer im internationalen Bereich.
Kontakt: wbloed@gmail.com
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