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2026

Symbolfoto: 800 m - OLympische Spiele - 2020 Tokyo Olympic Games Tokyo, Japan July 29-August 8, 2021 Photo: Andrew McClanahan@PhotoRun - Victah1111@aol.com www.photorun.NET

LEICHTATHLETIK-EM 2026 IN BIRMINGHAM – Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 5: Welche Chancen haben die deutschen 800-Meter-Läufer bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Von Dr. Wolfgang Blödorn*

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Am 14. Juni 2025 lief in Pfungstadt ein 20-Jähriger 1:44,17 Minuten über 800 Meter. Es war die schnellste Zeit eines deutschen Mittelstrecklers seit über zwanzig Jahren.

Platz sieben der ewigen deutschen Bestenliste, nur eine einzige Hundertstelsekunde hinter Olympiasieger Nils Schumann. Alexander Stepanov hatte die deutsche Mittelstrecke zurück in jenen Bereich geführt, in dem international um Medaillen gelaufen wird. Reicht das für Birmingham?

Die Antwort beginnt mit einer ernüchternden Zahl. Gold und Bronze trennen bei den Europameisterschaften über 800 Meter nur drei Zehntel von der persönlichen Bestzeit (PB). Die Dichte an der Spitze ist brutal. Deshalb entscheiden Schwächen im Leistungsprofil über die Platzierung der der EM. Was den Sieger heraushebt, ist die Grundschnelligkeit – 46,56 Sekunden über 400 Meter gegenüber 47,51 Sekunden bei Platz acht – und die Fähigkeit, im Finale ganz eng an die eigene Bestzeit heranzulaufen zu können. Die Jahresplanung auf den Wettkampfhöhepunkt ist demnach mitentscheidend. Der Achte dagegen ist typischerweise der Läufer, der das Tempo nicht mehr hochhalten konnte.

Drei Tendenzen prägen den 800-Meter-Lauf der Männer
Erstens: Die Finals sind dramatisch schneller geworden

Zwischen 1998 und 2012 genügten für Gold im Schnitt 1:46,88 Minuten; zwischen 2014 und 2024 waren es bereits 1:44,73 Minuten. Bronze fiel von 1:47,43 auf 1:45,29 Minuten und Platz acht von 1:49,25 auf 1:47,56 Minuten. Kurz: Auf allen betrachteten Rängen wurde das Finale um rund zwei Sekunden schneller. Finalisten laufen ihre Saisonbestzeit (SB) plus 0,6 bis 1,0 Sekunden; die Saisonbestzeiten der Finalisten liegen zwischen 1:43,7 Minuten (Gold) und 1:44,7 Minuten (Bronze und Platz acht).

Zweitens: Die Bestzeiten der Sieger blieben unverändert

Die durchschnittliche Bestzeit der Europameister blieb in beiden Phasen praktisch gleich (1:42,94 und 1:43,03 Minuten). Daraus folgt zwingend: Die Schnelligkeitsreserve – der Abstand zwischen PB und tatsächlich gelaufener Finalzeit – ist deutlich kleiner geworden. Die Geschwindigkeitsreserve sank von 3,93 auf 1,70 Sekunden. Der Europameister von heute läuft im Finale nahe an seiner Bestzeit heran. Man kann sich nicht mehr in einem Bummelrennen verstecken und aus einer riesigen Geschwindigkeitsreserve heraus davon spurten. Die für die Medaille geforderte Zeit muss tatsächlich gelaufen werden können. Die

800-Meter-Finals sind „ehrlicher“ geworden.
Drittens: Der Typ hat sich nicht verändert

Der Koeffizient der speziellen Ausdauer (KsA-Wert) für die Paarstrecke 400/800 liegt in beiden Epochen bei exakt 0,905. Zur Lesart: Ein niedriger Wert kennzeichnet den Tempotyp mit einer überproportional schnellen 400 m-Zeit, ein hoher Wert den ausdauerbasierten Läufer mit einer relativ schwachen Zeit über 400m. Die Grundschnelligkeit war bei den Männern über 800 Meter schon immer Pflicht! Die 400-Meter-Bestzeit der Goldmedaillengewinner verbesserte sich lediglich von 46,77 auf 46,56 Sekunden. Die 1500-Meter-Bestzeit hingegen wurde etwas langsamer (von 3:38,30 auf 3:40,52 Minuten). Das bedeutet eine milde Verschiebung zum Tempotyp – verglichen mit dem Umbruch bei den Frauen aber ist es kaum der Rede wert.

Folgen die DLV-Männer dem Trend?

Sowohl bei Stepanov als auch bei Skupin-Alfa ist die 400 m-Grundschnelligkeit vorhanden. Stepanovs 400-Meter-Zeit (46,85 Sekunden) liegt fast auf dem Goldmaßstab (46,56 Sekunden), Skupin-Alfas 47,10 Sekunden liegen zwischen Bronze und Platz acht. Beide haben sogar einen niedrigeren KsA-Wert für 400/800 als der Schnitt der Europameister – sie sind also noch tempolastiger als das Siegerprofil.

Was fehlt, ist die 800-Meter-Substanz. Stepanov hat die Schnelligkeit eines Medaillengewinners, aber eine Bestzeit, die 1,14 Sekunden hinter Gold liegt. Er hat sein Tempo bislang nicht in 800-Meter-Klasse umsetzen können. Das bestätigt er selbst: Er bezeichnet sich als Sprint- statt Ausdauertyp, sein Vater und Trainer lege „sehr viel Wert auf Schnelligkeit“, die Trainingsumfänge liegen bei nur 50 bis 60 Kilometern pro Woche.

Die DLV-Männer folgen dem europäischen Modell im Typ, verfehlen es aber in der Substanz – und zwar genau dort, wo der neue, schnelle Endlauf zuschlägt. Der Fluchtweg „langsames taktisches Rennen“, der den Frauen offensteht, ist bei den Männern verschlossen. Ein 1:44,7-Finale bestraft die fehlende Klasse gnadenlos.

Der Unterschied zu den Frauen

Erstens ist die Disziplin selbst ist spiegelverkehrt. Bei den Frauen bleiben die Finals langsam – 1:58,58 Minuten in der ersten, 1:59,18 Minuten in der zweiten Phase, sie werden also sogar minimal langsamer –, und die Schnelligkeitsreserve wächst von 1,46 auf 2,50 Sekunden. Die Medaillen werden im Endspurt aus der großen Geschwindigkeitsreserve heraus entschieden. Bei den Männern werden die Finals schneller, und die Reserve ist reduziert. Entschieden die Goldmedaille wird über die 800-Meter-Klasse. Es sind gegenwärtig taktisch zwei verschiedene Wettbewerbe.

Zweitens sind die Defizite spiegelverkehrt.

Bei Majtie Kolberg schrumpft der Rückstand mit der Distanz: Sie hat Ausdauer, aber keine Schnelligkeit. Bei Stepanov wächst er: Er hat Schnelligkeit, aber keine Ausdauer. Daraus folgen entgegengesetzte Trainingsdiagnosen. Die DLV-Frauen besitzen Ausdauer ohne Tempo und müssten Grundschnelligkeit entwickeln. Hierauf sollte im DLV künftig schon bei Talentauswahl und Kaderberufung zu geachtet werden. Die DLV-Männer besitzen Tempo ohne Ausdauer und müssten spezielle Ausdauer und Umfänge in der Trainingsentwicklung aufbauen.

Drittens ist die Ausgangslage bei den Männern schlechter. Kolbergs Bestzeit (1:58,52 Minuten) unterbietet den Platz-8-Maßstab (1:59,18 Minuten). Sie hat 2024 in Rom als Fünfte bereits ein EM-Finale bestritten. Stepanovs 1:44,17 Minuten liegen exakt auf dem Platz-8-Maßstab (1:44,18 Minuten), an der Finalgrenze, nicht darüber.

Chancenbewertung über 800 m in Birmingham (10.–16. August 2026)

Alexander Stepanov ist ein möglicher Finalanwärter. Eine Medaille scheint ausgeschlossen. 2026 warfen ihn gesundheitliche Probleme in der Vorbereitung zurück; seine Saisonbestzeit (1:45,13 Minuten) liegt fast eine Sekunde über seiner Bestzeit. Auf diesem Stand prognostiziert sich ein Finallauf um Rang sechs bis acht – falls er das Finale angesichts seiner Schwäche in der Tempohärte überhaupt erreicht. Bronze liegt außerhalb seiner Reichweite. Perspektivisch aber ist er der interessanteste deutsche Mittelstreckler seit einer Generation: Er bringt mit 21 Jahren bereits gold-taugliche Grundschnelligkeit mit.

Zieht er die spezielle Ausdauer nach, ist Medaillenniveau strukturell erreichbar – nur eben nicht 2026.
Malik Skupin-Alfa muss um das Halbfinale kämpfen. Seine Bestzeit (1:45,13 Minuten) liegt knapp eine Sekunde hinter dem Platz-8-Maßstab, seine Saisonbestzeit (1:45,72 Minuten) noch einmal deutlich dahinter. Auch er ist mit einem KsA-Wert von 0,896 der tempolastige Typ. Für ein Finale bräuchte er eine deutliche neue Bestzeit.

Andreas Engstler liegt klar unter Finalniveau.

Seine 800-Meter-Bestzeit stammt zwar aus diesem Jahr – er verbessert sich also –, liegt aber gut zwei Sekunden hinter dem Platz-8-Maßstab. Weder seine 400-Meter-Zeit (49,10 Sekunden) noch sein 1500er (3:59,29 Minuten) sind international konkurrenzfähig. Sein KsA-Wert von 0,924 macht ihn zum Ausdauertyp der drei, ohne die dazugehörige Ausdauerklasse. Realistisch sind Vorlauf, allenfalls Halbfinale. Ihm wäre ein Wechsel der Hauptwettkampfdistanz zu empfehlen.

Fazit

Über 800 Meter stellt der DLV keinen Medaillenkandidaten, einen formabhängigen Finalanwärter und dahinter zwei Läufer an oder unter der Halbfinalgrenze. Die Grundschnelligkeit ist da – was fehlt, ist die zweite, schnelle Runde.

Dr. Wolfgang Blödorn*

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LEICHTATHLETIK-EM 2026 IN BIRMINGHAM: Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 2: Welche Chancen haben die deutschen 800-Meter-Läuferinnen bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Von Dr. Wolfgang Blödorn

 

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