Neuer Deutscher Rekord über 100 m durch Owen Ansah - Foto: Theo Kiefer/DLV
LEICHTATHLETIK-EM 2026 IN BIRMINGHAM – Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 4: Welche Chancen haben die deutschen Sprinter über 100 Meter bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Von Dr. Wolfgang Blödorn*
Am 6. Juni 2026 lief Owen Ansah in Regensburg 9,98 Sekunden – in seinem erst zweiten Saisonrennen. Deutscher Rekord.
Zwei Jahre zuvor war der Hamburger in Braunschweig als erster deutscher Sprinter überhaupt unter zehn Sekunden geblieben; Generationen vor ihm hatten sich an dieser Marke die Zähne ausgebissen. Reicht diese Form für eine Medaille in Birmingham?
Nach den drei Analysen der DLV-Frauen nehmen die Teile vier bis sechs die DLV-Männer in den Blick – dieselben Distanzen, dieselbe Methode. Erst damit wird der Quervergleich zwischen Sprinterinnen und Sprintern möglich. Und er fördert Überraschendes zutage.
Drei Tendenzen prägen den Männersprint
Erstens: Das Niveau ist gestiegen
Zwischen 2014 und 2024 haben sich die Leistungen auf allen Rängen verbessert. Die persönlichen Bestzeiten (PB) der Europameister sanken von 9,92 Sekunden in der Phase 1998 bis 2012 auf 9,85 Sekunden; die Saisonbestzeiten (SB) folgten diesem Trend. Das Unterbieten der Zehn-Sekunden-Marke bei der PB ist zum Standard für eine Finalteilnahme geworden. Wie eng es geworden ist, zeigt ein einziger Wert: 2018 reichte eine PB von 9,86 Sekunden lediglich für den achten Platz. Die Europameister liefen im Finale im Schnitt 0,08 Sekunden langsamer als ihre Saisonbestzeit, bei den Bronzemedaillengewinnern ist die Differenz identisch.
Zweitens: Der Antritt entscheidet
Die 60-Meter-Bestzeit der Europameister fiel von 6,55 auf 6,46 Sekunden. Der Doppel-Europameister von 2022 und 2024, Marcell Jacobs, bringt 6,41 Sekunden mit –Weltklasse in der Halle. Die Sieger der frühen Ära lagen zwischen 6,53 und 6,59 Sekunden.
Der entscheidende Befund steckt genau hier. Gold trennt sich von Bronze und Platz acht fast ausschließlich über den Antritt (6,46 Sekunden gegenüber 6,55 und 6,54) und über die absolute 100-Meter-Klasse (9,85 gegenüber 9,96 und 10,01 Sekunden). Bronze und Platz acht haben dagegen praktisch dasselbe Profil – zwischen ihnen liegen fünf Hundertstelsekunden Bestzeit. Dort dürfte die Tagesform entscheiden.
Drittens: Männer und Frauen driften auseinander
Bei den Männern hat – anders als bei den Frauen – keine Verschiebung zum Sprint-Doppel 100/200 Meter stattgefunden. Im Gegenteil: Die 200-Meter-Bestzeit der 100-Meter-Europameister wurde langsamer, sie stieg von 19,88 auf 20,30 Sekunden. Entsprechend sank der Koeffizient der speziellen Ausdauer (KsA) für die Paarstrecke 100/200. Der KsA-Wert beschreibt, wie gut ein Sprinter sein Tempo über die volle Distanz hält. Er sank von 0,998 auf 0,971. Der „moderne“ Europameister ist der explosive Starter; die ersten 60 Meter haben gegenüber der 200-Meter-Strecke an Bedeutung gewonnen.
Das Verblüffende: Der KsA-Wert der Goldmedaillengewinner (0,971) liegt niedriger als der der Achtplatzierten (0,981). Die spezielle Ausdauer trennt bei den Männern also gar nicht. Der Sprint-Champion ist eher der reinere 100-Meter-Typ. Das ist die exakte Umkehrung des Frauenbefunds.
Folgen die DLV-Männer dem Trend?
Das Kadermittel (PB 100 m: 10,01 Sekunden; PB 60 m: 6,57; PB 200 m: 20,46; KsA 100/200: 0,978) entspricht – wie schon bei den Frauen – fast exakt dem Platz-8-Profil, nicht dem Medaillenprofil.
Der Charakter des Defizits aber ist ein ganz anderer. Bei den Männern bleibt der Rückstand über alle drei Distanzen klein und wird über 200 Meter sogar am geringsten. Hier liegt der KsA-Wert (0,978) sogar über dem des „modernen“ Europameisters (0,971). Im Profil folgen die deutschen Sprinter dem europäischen Trend also durchaus. Sie sind der richtige Typ. Was ihnen fehlt, ist der Antritt: 6,57 Sekunden gegenüber 6,46 der Sieger. Das sind 0,11 Sekunden über 60 Meter! Das ist genau die Tendenz, die sie verpasst haben.
Der Unterschied zu den Frauen
Er ist fundamental, und er liegt auf zwei Ebenen.
Erstens der Typ. Die deutschen Sprinterinnen haben ein Profilproblem und ein Niveauproblem: Ihr Rückstand wächst mit der Distanz und erreicht über 200 Meter fünf Prozent. Ihr KsA-Wert (0,961) liegt weit unter dem Goldmaßstab (0,989). Sie sind schlicht der falsche Typ für einen Frauensprint, der sich zum Doppelsprint entwickelt hat. Die Männer haben dagegen nur ein Niveauproblem – ihr Typ passt.
Die in Teil 1 formulierte Forderung, im Sprint neben der 60-Meter-Schnelligkeit auch die 200-Meter-Leistung zu entwickeln, gilt deshalb nur für die Frauen – für die Männer nicht. Deren 200-Meter-Basis ist konkurrenzfähig. Ihr Nachholbedarf liegt in der Start- und Beschleunigungsphase. Eine pauschale Sprintempfehlung für beide Geschlechter ginge am Männerbefund vorbei.
Zweitens die Form. Gina Lückenkemper läuft mit einer Saisonbestzeit von 11,21 Sekunden rund 0,28 Sekunden über ihrer Bestzeit. Sie scheint außer Form zu sein. Owen Ansah dagegen hat seine Bestzeit in dieser Saison aufgestellt und sich damit an die Spitze der europäischen Jahresbestenliste gesetzt. Der beste deutsche Sprinter ist in Karrierebestform, die beste deutsche Sprinterin ist es nicht.
Chancenbewertung über 100 m in Birmingham (10.–16. August 2026)
Owen Ansah ist ein ernsthafter Medaillenkandidat! Seine 9,98 Sekunden sind schneller als die durchschnittliche Gold-Finalzeit (10,01 Sekunden) und besser als der Bronze-Maßstab bei der Saisonbestzeit (10,02 Sekunden). 2024 in Rom war er bereits Fünfter im EM-Finale (10,17 Sekunden). Die Meisterschaftshärte ist nachgewiesen, jetzt kommt auch die Klasse dazu.
Sein Risiko steckt genau dort, wo der „moderne“ Europameister gewinnt: Mit 6,55 Sekunden über 60 Meter liegt er 0,09 Sekunden hinter dem Goldschnitt und 0,14 Sekunden hinter Jacobs. Gegen einen Weltklassestarter verliert er das Rennen auf den ersten 30 Metern. Seine Medaillenchance muss es über Topspeed und zweite Hälfte zurückholen. Die zweite Unbekannte: Er muss die Juniform bis in den August konservieren.
Für Yannick Wolf ist das Halbfinale realistisch, das Finale ist nur in Bestform zu erreichen. Seine Saisonbestzeit (10,13 Sekunden) liegt hinter dem Platz-8-Maßstab (10,07 Sekunden) zurück. Für den Endlauf müsste er an seine Bestzeit (10,05 Sekunden) heranlaufen. Seine 200-Meter-Bestzeit stammt aus diesem Jahr, er entwickelt sich.
Bei Lucas Ansah-Peprah stellt sich die Formfrage. Mit seiner Bestzeit (10,00 Sekunden aus dem Jahr 2024) hätte er Finalklasse. Sie unterbietet den Platz-8-Maßstab sogar knapp. Aktuell aber ist er 0,15 Sekunden davon entfernt. Seine 60-Meter-Bestzeit datiert von 2022. Findet er zur alten Form, ist der Finaleinzug drin. In der aktuellen Form kämpft er ums Halbfinale.
Zusammenfassung
Auf Kaderebene ist die Lage deutlich besser als bei den Frauen: eine echte Medaillenchance, dahinter zwei Athleten an der Halbfinal- und Finalgrenze. Und wie bei den Frauen liegt die zweite Medaillenaussicht in der Staffel: Die deutsche 4×100-Meter-Staffel gewann 2024 in Rom EM-Bronze, wurde 2025 in Tokio WM-Fünfte und lief im Mai 2026 in Gaborone mit 37,67 Sekunden deutschen Rekord – mit Ansah und Ansah-Peprah im Quartett.
Dr. Wolfgang Blödorn
*Kontakt: wbloed@gmail.com
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