Wadenkrampf mitten im Rennen - Foto: DATASPORT
Muskelkrämpfe beim Laufen: Liegt es am Untergrund? Valentin Belz bei DATASPORT
Wadenkrampf mitten im Rennen – meist fällt der Verdacht sofort auf zu wenig Trinken oder fehlende Elektrolyte.
Eine neue Hypothese aus der Sportwissenschaft lenkt den Blick auf einen Faktor, der bisher kaum beachtet wurde: die mechanischen Eigenschaften des Untergrunds, auf dem wir laufen.
Warum Wasser und Elektrolyte nicht die ganze Erklärung sind
Dehydration und Elektrolytmangel gelten seit Jahrzehnten als Hauptverdächtige, wenn es um belastungsbedingte Muskelkrämpfe geht. Nur: Viele Krampfereignisse lassen sich damit nicht schlüssig erklären. Eine aktuelle Hypothesenarbeit der Sportwissenschaftler Hales und Johnson setzt deshalb an einem anderen Punkt an – der sogenannten „altered neuromuscular control“-Theorie. Sie besagt, dass Krämpfe primär durch eine gestörte Regulation im Nervensystem entstehen: Bei zunehmender Ermüdung steigt die Aktivität der Muskelspindeln, während die hemmende Wirkung der Golgi-Sehnenorgane abnimmt. Die Folge ist eine Überaktivierung der Alpha-Motoneurone – und im ungünstigen Fall eine unwillkürliche Dauerkontraktion, der Krampf.
Der Untergrund als Stressfaktor fürs Nervensystem
Neu an der Hypothese ist die Verbindung dieser Theorie mit der Lauf- oder Spielfläche selbst. Die Grundidee: Trifft der Körper auf einen Untergrund mit ungewohnten mechanischen Eigenschaften – etwa in Bezug auf Steifheit oder Energierückgabe –, passt er seine Bewegungs- und Muskelrekrutierungsmuster automatisch an. Diese Anpassung erhöht die neuromuskuläre Beanspruchung und beschleunigt lokal die Ermüdung, was wiederum das Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Signalen begünstigt. Eine der zitierten Studien fand beim Sprinten auf unterschiedlichen Sportplätzen tatsächlich Unterschiede in der myoelektrischen Aktivität von 11 Prozent bei Männern und 9 Prozent bei Frauen. Besonders gefährdet sind laut den Autoren zweigelenkige Muskeln wie Waden und Hamstrings, weil sie gleich zwei Gelenke überspannen und bei Kraftübertragung sowie schnellen Bewegungen zentral beteiligt sind.
Was heisst das für dein Training?
Wichtig: Es handelt sich um eine Hypothese, keine bewiesene Ursache – die Autoren selbst betonen, dass der direkte Zusammenhang zwischen Oberflächen-Mismatch und Krampfhäufigkeit bisher nicht in Studien getestet wurde. Sie verstehen den Untergrund auch nicht als alleinigen Auslöser, sondern als möglichen zusätzlichen Faktor neben Krampfhistorie, Trainingsvolumen, Wettkampfintensität, Wetterbedingungen und individueller Veranlagung. Trotzdem liefert die Idee einen praktischen Denkanstoss: Wer einen Strassenlauf plant, sollte zumindest einen Teil des Trainings auch auf Asphalt statt ausschliesslich auf weichem Tartan oder Wald¬boden absolvieren, um die Muskulatur an die Wettkampf-Oberfläche zu gewöhnen. Ebenso lohnt es sich, die Schuhwahl auf den erwarteten Untergrund abzustimmen, statt Schuh und Fläche unabhängig voneinander zu betrachten.
Bis weitere Forschung diesen Zusammenhang bestätigt oder widerlegt, gilt: Untergrundwechsel im Training bewusst einplanen – als eine von mehreren sinnvollen Massnahmen gegen Krämpfe, nicht als Ersatz für ausreichend Flüssigkeit, Elektrolyte und angepasste Belastungssteuerung.
Valentin Belz bei DATASPORT
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