Rosentransport - Foto: Carolin Mueller
Gerade jetzt…Impressionen vom Erinnerungslauf im Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 am 7. November 2026 von Dr. Erdmute Nieke
Ein kalter Novembermorgen und 20 Leute treffen sich auf einem Platz in Berlin-Tegel, in Laufkleidung oder mit Fahrrädern. Mit dabei: elf weiße und neun rote Rosen, etliche Putzmittel und 30 laminierte Bilder aus der Vergangenheit.
Unter der Überschrift „Jüdische Schicksale zwischen Tegeler Fließ und Nordgraben“ läuft die Gruppe 13 Kilometer durch den Norden von Berlin. Unterwegs gibt es zwölf Pausen, es werden 17 Stolpersteine auf Hochglanz poliert und die Geschichten der jüdischen Menschen werden mit Bildern und Worten lebendig gemacht. Die Orte werden mit Rosen geschmückt.
Vor 88 Jahren in Deutschland: In einer Nacht zündeten die Nationalsozialisten 1400 Synagogen an, zerstörten 7000 jüdische Geschäfte, ermordeten 1300 Menschen und verhafteten 26 000 jüdische Männer. Diese furchtbaren Ereignisse der Reichspogromnacht sind ein Anlass sich heute an diese Zeit und an jüdische Mitmenschen zu erinnern.
Egidysteig im Tegeler Fließ – Foto: Carolin Mueller
Im Schloss Tegel befand sich von 1927 bis 1931 das erste psychoanalytische Sanatorium Deutschlands, sein Begründer und Leiter war der Psychoanalytiker Ernst Simmel (1882-1947). Sein Freund Sigmund Freud besuchte ihn hier mehrfach.
Die Jüdin Selma Kirschner, eine 19-jähige Mutter wurde 1942 in Auschwitz umgebracht. Ihre zweijährige Tochter wurde von den Eltern des Kindsvaters, den Selma als Jüdin nicht mehr heiraten durfte, aufgenommen.
Der Studienrat Dr. Arthur Moritz Cohn wurde mit 41 Jahren berentet, weil er Jude war. In der Reichspogromnacht wurde er verhaftert und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung zwangen die Nationalsozialisten ihn Deuschland zu verlassen. Er starb 1940 vor der Küste Palästinas, als das Flüchtingsschiff „Patria“ zerstört wurde.

Gruppe vor den Teves-Werken in Berlin-Wittenau – Foto: Carolin Mueller
Getrud Liebert wurde mit 65 Jahren im KZ Theresienstadt umgebracht, ihr Sohn Albert mit 34 Jahren in Auschwitz.
„Gerade jetzt, da in Deutschland die Nazis wieder aus ihren Höhlen kommen und Stichproben vornehmen, ob die Zeit schon wieder für sie reif ist.“ Dieser Satz stammt nicht aus diesen Tagen. Wilhelm Daene hat ihn 1955 gesagt. Wilhelm Daene und seine Frau Margarete haben mehreren Jüd:innen das Leben gerettet. Wilhelm war Werksleiter in der Rüstungsfabrik Teves in Berlin-Wittenau und für jüdische Zwangsarbeiter:innen verantwortlich. Die Familie verstecke die Arbeiter:innen bei sich zu Hause und bei Freunden und versorgten sie mit Essen und Pässen.
Ein großes Widerstandsnetzwerk, entstanden aus Menschen, die sich der SPD zugehörig fühlten. „Die treibende Kraft war meine sozialdemokratische Weltanschauung, die Freiheit, Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Barmherzigkeit bedeutet. Vielleicht kann dieser Beitrag mit dazu dienen, unseren Mitmenschen und denen, die nach uns kommen, das Gewissen wachzurufen. Gerade jetzt, da in Deutschland die Nazis wieder aus ihren Höhlen kommen und Stichproben vornehmen, ob die Zeit schon wieder für sie reif ist.“ Das sagte Wilhelm Daene über sein Handeln zehn Jahre später.
Der Maschinenbauer Karl Fübinger arbeitete ebenfals bei Teves und war Mitglied in einer kommunistischen Widerstandsgruppe. Er bezahlte das mit seinem Leben. Mit 44 Jahren wurde er im Dezember 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Brandenburg hingerichtet. Ebenso erging es der Jüdin und Kommunistin Hildegard Jadamowitz. Sie verfasste Flugblätter gegen Hitler, sabotierte die Bahngleise nach Auschwitz und war Mitglied in der Widerstandsgruppe um Herbert Baum. 1942 wird sie vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und 26-jähig in Plözensee mit dem Fallbeil enthauptet, zwölf Minuten nach ihrem Freund.
Margarete Posner wird mit 64 Jahren nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der Gründer des ersten Tegeler Kaufhauses Heinrich Tannenzapf kann mit seiner Familie fliehen. Die Familie überlebt das KZ Westerbork und wandert noch 1948 in die USA aus. Die Enkeltochter von Heinrich veranlasst die Verlegung der Stolpersteine für ihre Großeltern, ihre Mutter und ihren Onkel. Sie war mit ihrer Familie im September 2026 bei der Verlegung der Steine in Tegel dabei.

Erinnerung an Familie Daene – Foto: Carolin Mueller
Auch der Familie Fainberg gelang die Flucht in die USA und nach Großbritannien. Diese Stolpersteine erhalten rote Rosen.
Regina Wolff wurde 50-jährig in Auschwitz umgebracht. Ebenso das Arztehepaar Dr. Albert Martin und Dora Fröhlich.
Nach diesen besonderen 13 Kilometern stärkt sich die Gruppe mit Tee und Gebäck und sammelt wieder Geld für die Neve Hanna Kinderhilfe e.V. https://www.nevehanna.de/, die jüdische und muslimische Kinder in Israel unterstützt. Alle Teilnehmer:innen erhalten ein Blatt, in dem alle zwölf Erinnerungsorte aufgelistet sind. Im Cafe Sechserbrücke sitzt ein Teil der Gruppe noch bei Kaffee und Kuchen zusammen.

Hochglanz – Foto: Carolin Mueller
Einig ist sich die Gruppe, dass die vielen kleinen Erinnerungsorte verbunden mit den Schicksalen der Menschen, die ausgegrenzt, entrechtet und umgebracht wurden, für unsere Gegenwart sehr wichtig sind.
Mit den Worten von Wilhelm Daene: Gerade jetzt…
Dr. Erdmute Nieke
https://lauffreude-berlin.github.io/
EN
