Glasengel aus Hergiswil mit Medaille - Foto: Erdmute Nieke
Zwischen Engel und Wolf – Entdeckungen um den 19. Swiss City Marathon Lucerne 2026 am letzten Oktoberwochenende 2026 von Dr. Erdmute Nieke
Einen Marathon in einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu laufen, macht mich auch neugierig auf Menschen, Orte, Essen, Geschichte und Kultur um und an der Marathonstrecke. In und um Luzern gibt es so viel zu entdecken, was die Reise zu diesem Marathon so reizvoll macht.
Dank des kostenlosen SBB-Tickets, das im Startgeld enthalten ist, geht meine Reise wieder über Schaffhausen nach Luzern. Nach zwei erholsamen Urlaubstagen im Pfarrhaus von Schaffhausen, bin ich schon Freitag Mittag in Luzern. Die Marathon-Messe öffnet um 16 Uhr.
Ich besuche das Kunstmuseum im KKL (Kultur- und Kongresszentrum Luzern). Durch das KKL führt die Laufstrecke mit dem roten Teppich. Das Museum zeigt Werke moderner Künstler:innen aus eigener Sammlung. Fast noch faszinierender ist der Ausblick auf die Stadt aus dem 4. Stockwerk des modernen, gläsernen Baus am Vierwaldstätter See.
Ich hole die Startnummer auf der Messe im Hotel Schweizerhof ab, diesmal nur durch den Hintereingang des edlen Hotels, doch die Pasta-Spätzle-Party unter Kronleuchtern an weißen Tischtüchern bleibt wie sonst.
Am Freitag Abend ist die Auswahl der Bars in der Luzerner Altstadt groß. Viele Luzerner:innen sind unterwegs.
Wilhelm-Tell-Denkmal in Altdorf – Foto: Erdmute Nieke
Samstag unternimmt Freundin Nancy wieder eine Rundtour mit mir. Zuerst fahren wir in die SSBL nach Rathausen (Stiftung für selbstbestimmtes und begleitetes Leben). Hier leben und arbeiten Menschen mit und ohne Einschränkungen. Im Lädli kaufe ich nützliche Dinge für meine Arbeit, Dinge, die die Menschen hier selbst produziert haben. Im Cafe herrscht buntes Treiben. Wir spazieren durch den Ort und entdecken überall Tafeln mit Symbolsprache (Metacom) für Menschen, die nicht sprechen können. Wir verwenden diese Symbole auch in meiner Schule in Berlin. Am besten gefällt mir die Tafel: Zentralschweizer Kernwortschatz. Die Symbole für schnell und langsam sind ein Hase und eine Schnecke. Das ist mein Motto für den Laufsonntag. Ich – die Renn-Schnecke!
Dann fahren wir nach Hergiswil am Vierwaldstätter See – in die Glasi – kein Mensch sagt hier Glasbläserei. Eine Ausstellung erklärt die 200-jährige Geschichte der Glasherstellung in Hergiswil und wir können beim Glas Blasen zuschauen. Hier geht die Marathonstrecke entlang und Pokale für die Sieger:innen werden hier gefertigt. Mir fliegt ein gläserner Engel zu.
Weiter fahren wir nach Rozpark, eine Betonfabrik am Vierwaldstätter See. Die Farbik liegt genau gegenüber der Laufstrecke. Rote Ahornbäume leuchten vor dem Wohnhaus der Fabrik. Am Sonntag sehe ich beim Laufen die roten Bäume vom anderen Ufer aus.
Am anderen Ende des Vierwaldstätter Sees liegt im Kanton Uri Altdorf. Hier soll Wilhelm Tell den Apfel vom Kopf seines Sohnes geschossen haben. So beschreibt es Friedrich Schiller. Ein imposantes Tell-Denkmal steht mitten im Städtchen.
Die Pasta vor dem Lauf speisen wir in Stans. Der alte Gasthof des Ortes wird von einer italienischen Familie betrieben. Beste Pasta!
Der lange Abend (Zeitumstellung) vor dem Lauf gehört wieder dem Luzerner Theater. In diesem Jahr gib es Oper: Gaetanos Donizettis Liebestrank. Junge Sänger:innen aus der ganzen Welt bringen diese alte Liebsgeschichte ganz frisch auf die Bühne.
Sonntag Morgen wieder die legendäre und kostenlose Überfahrt mit dem Schiff über den Vierwaldstätter See vom Bahnhof zum Verkehrshaus. Die Sonne versucht es zwischen den Wolken.
Meine Startzeit ist wieder 8.38 Uhr. Inzwischen weiß ich, dass diese Zeit – Wir sind in der Schweiz! – auch wirklich meine Startzeit ist. So besuche ich 8.36 Uhr noch das Dixi und kann gleich losrennen, ohne Gedrängel oder Enge.
Die ersten zehn Kilometer mit den meisten Höhenmetern gehen wieder über die Halbinsel östlich von Horw. Dann in Hergiswil an der Glasi kommt der Regen. Die Stimmung an der Strecke ist trotzdem noch gut. Auf der Pendelstrecke kommen die schnelleren Läufer:innen entgegen und feuern die Renn-Schnecken an. An den Pacemarkern sehe ich, wie schnell sie laufen. Woher nehmen die Drei-Stunden-Leute die Luft zum Anfeuern? Am Kreisverkehr mit der Hirschplastik in der Mitte steht wieder Nancy mit der Extra-Cola für mich. Kurz vor Alpnachstad endlich die drei großen Kuhglocken – selbst anschlagen und wenden. Jetzt kommt auf der Gegenstrecke schon der Besenwagen. Weiter, weiter, Renn-Schnecke! Nur noch wenige Läufer:innen sind auf der Strecke. In den Sani-Zelten sitzen Läufer:innen in Wärmedecken gehüllt. Der Regen kühlt aus. In Hergiswil fragt mich eine Sanitäterin, ob mir warm genug sei. Ja – alles bestens. Sanitäter auf Fahrrädern mit Defibrillatoren auf den Gepäckträgern fahren die Stecke ab.
Ab Horw wird es wieder voller auf der Laufstrecke, wir teilen sie mit den Halbmarathonis. Trotz des Regens werden wir von Zuschauenden, Helfer:innen und Polizisten angefeuert. Viele Musikgruppen spielen noch immer. Sogar eine Alphorngruppe steht im Regen und musiziert. Am Ausgang des Fußballstadions ist wieder der Cola-Stand. Junge Helfer verabreichen mir drei Becher. Ich habe wieder Energie für die letzten Kilometer. Durch das KKL auf dem roten Teppich laufen und dann wieder über das Kopfsteinpflaster der Altstadt. Und auf geht es zum letzten langen Kilometer auf dem Schweizerhofkai zurück zum Verkehrshaus. Hier sehe ich am Eingang die Trychler mit ihren riesigen Kuhglocken und rufe: Macht Musik! Zwei bringen ihre schwarzen Trycheln zum Klingen, dieser Klang geht sofort in meine Beine für den Zieleinlauf im Hof des Verkehrshauses!
Geschafft!!!
Zielbier und Medaillengravur und ab in die Damen-Garderobe zu trockenen und warmen Wechselsachen. Der Regen hat aufgehört, aber die Berge verstecken sich in dicken Wolken. Auf dem Schiff über den Vierwaldstätter See zurück in die Altstadt sind viele frohe Läufer:innen, die alle stolz ihre Medaille tragen. Ich schleiche durch die Altstadt zu den „Drei Königen“ – so heißt mein Hotel. Auf dem Weg kommt mir ein älterer Herr entgegen und murmelt, dass ich es höre: Sport ist Mord! Geistesgegenwärtig antworte ich ihm: Keiner auch! Dieser Schweizer scheint mir der einzige Luzerner zu sein, der das Lauf-Fest in seiner Stadt nicht mag.
Abends gibt es mit Nancy wieder im Alpchalet in der Altstadt Schweizer Käsefondue! Mhhh! Schon dafür lohnt die Reise nach Luzern.

Gipfelkreuz auf dem Sonnenberg – Foto: Erdmute Nieke
Montag Morgen weckt mich Sonnenschein. An der Hotel-Rezeption treffe ich wieder auf Mitarbeiterin Maria, sie hatte mich schon am Freitag begrüßt und erzählt, dass sie den Halben läuft. Ich frage sie nach einer Idee für einen schönen sonnigen Tag in Luzern. Sie meint, dass die Standseilbahn auf den Sonnenberg noch fährt und dass es da gut zum Wandern sei und ich solle auch in die Wolfsschlucht gehen. Der Bahnführer fährt mit dem blauen Waggon nur für mich allein nach oben. Wir kommen ins Gespäch und auch er weiß, dass der Marathon doch jetzt bis fast nach Alpnachstad führt und staunt, dass man so weit laufen kann.
Auf der oberen Bahnstation gibt es einen Balkon mit Blick über Luzern. Ein Herr baut gerade sein Alphorn auf und spielt und auch wir kommen über alles Mögliche ins Gespräch. Als er hört, dass ich aus Deutschland komme, schon wieder die Frage: Was ist los in Deutschland, warum wählen so viele AfD? Ich sage immer wieder, dass ich nicht dazu gehöre und es auch nicht verstehe, warum die Deutschen aus ihrer Geschichte nicht lernen. Meine Schweizer Gesprächspartner:innen freuen sich sichtlich immer, nicht mit einer AfD-Wählerin zu reden.
Nach dieser Begegnung spaziere ich auf den Gipfel des Sonnenberges, die Bänke unterwegs probiere ich fast alle aus. Oben begrüßt mich ein Gipfelkreuz, dann sehe ich ein gelbes Wanderschild: Wolfsschucht. Ich steige eine lange Treppe hinunter und bin in einem Felsental angekommen. Ein Wolf (aus Pappe) ziert den Eingang. Ein schmaler Waldpfad bringt mich wieder zurück nach oben auf den Sonnenberg. Ein wunderbares gemütliches Auslaufen nach dem Marathon.

Wolfsschlucht mit Pappwolf – Foto: Erdmute Nieke
Dienstag Morgen beim Auschecken aus den „Drei Königen“ sagt der Hotelbesitzer: Bis nächstes Jahr?! Und ich: Meine Ferien passen nicht mehr! Und er: Haben’s keine Jokertage in der Schule? —
Mein kostenloses SBB-Tagesticket bis zur Landesgrenze erlaubt mir noch eine Pause in St. Gallen für einen Besuch im Autismusverlag. Der Autismusverlag ist gerade in der Schweiz Verlag des Jahres geworden. Doch das gehört schon wieder zu meiner Arbeit.
Ein Marathon zwischen einem Wolf aus Pappe und einem Engel aus Glas. Wie wäre es zum 20. Marathon am 31. Oktober 2027 eine Hergiswiler Glasperle die Marathon-Medaillen zu integrieren? In Wien gibt es – nur für die Marathonis – einen Swarovki-Stein.
Wie auch immer: Luzern und sein Marathon ist immer eine Reise wert – es ist so viel mehr als nur ein Renntag!
Dr. Erdmute Nieke
http://www.lauffreude.berlin
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