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Bedeutung von körperlicher Aktivität und Sport zur Prävention und Therapie der Hypertonie – Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
Zusammenfassung
Die arterielle Hypertonie zählt weltweit zu den wichtigsten Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen und Mortalität. Neben pharmakologischen Therapieansätzen gewinnt die Bedeutung nicht-medikamentöser Interventionen zunehmend an Relevanz, insbesondere körperliche Aktivität und Sport.
Ziel dieses Artikels ist es, die aktuelle Evidenzlage zur präventiven und therapeutischen Wirkung von Bewegung auf den Blutdruck darzustellen. Basierend auf aktuellen systematischen Reviews und Metaanalysen zeigt sich, dass regelmäßige körperliche Aktivität sowohl das Risiko für die Entwicklung einer Hypertonie signifikant reduziert als auch bestehende Blutdruckwerte effektiv senkt. Verschiedene Trainingsformen wie aerobes Training, Krafttraining, hochintensives Intervalltraining sowie isometrische Übungen weisen unterschiedliche Effektstärken auf, wobei insgesamt eine dosisabhängige Beziehung zwischen Bewegungsumfang und Blutdruckreduktion besteht. Körperliche Aktivität stellt somit eine evidenzbasierte und essenzielle Säule in der Prävention und Therapie der Hypertonie dar.
Einleitung
Die arterielle Hypertonie stellt ein globales Gesundheitsproblem dar und betrifft mehr als eine Milliarde Menschen weltweit. Sie ist maßgeblich an der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz beteiligt. Trotz verfügbarer medikamentöser Therapieoptionen bleibt die Blutdruckkontrolle bei vielen Patientinnen und Patienten unzureichend, was unter anderem auf mangelnde Adhärenz und Nebenwirkungen zurückgeführt wird. Vor diesem Hintergrund rücken Lebensstilinterventionen zunehmend in den Fokus der Prävention und Therapie. Körperliche Aktivität gilt dabei als eine der effektivsten nicht-pharmakologischen Maßnahmen zur Blutdruckregulation (Pescatello et al., 2019).
Epidemiologische Studien zeigen eine inverse Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und dem Risiko für Hypertonie, sodass bewegungsarme Lebensstile als wesentlicher Risikofaktor gelten (Hayes et al., 2022). Ziel dieses Artikels ist es, die Rolle von körperlicher Aktivität und Sport in der Prävention und Therapie der Hypertonie auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse darzustellen.
Hauptteil
Körperliche Aktivität wirkt über verschiedene physiologische Mechanismen blutdrucksenkend. Eine zentrale Rolle spielt die Verbesserung der endothelialen Funktion, die zu einer gesteigerten Stickstoffmonoxid-Bioverfügbarkeit und damit zu einer Vasodilatation führt. Darüber hinaus trägt Bewegung zur Reduktion der sympathischen Aktivität und zur Verbesserung der Insulinsensitivität bei, was ebenfalls blutdrucksenkend wirkt. Auch Veränderungen im Körpergewicht sowie eine Verbesserung des Lipidstoffwechsels sind relevante Faktoren. Bereits einzelne Trainingseinheiten können kurzfristig eine sogenannte post-exercise hypotension hervorrufen, die sich bei regelmäßigem Training zu einem langfristigen Effekt summieren (Monfared et al., 2024).
In der Primärprävention zeigt sich eine klare dosisabhängige Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und dem Risiko für Hypertonie. Eine Umbrella-Review von Pescatello et al. (2019) konnte zeigen, dass körperlich aktive Personen ein signifikant geringeres Risiko aufweisen, eine Hypertonie zu entwickeln. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei Personen mit erhöhtem Ausgangsblutdruck. Auch Hayes et al. (2022) bestätigen, dass körperliche Inaktivität ein bedeutender unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung von Hypertonie ist. Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Bewegung als präventive Maßnahme auf Bevölkerungsebene.
Im therapeutischen Kontext ist aerobes Training die am besten untersuchte Form der körperlichen Aktivität. Metaanalysen zeigen konsistent, dass regelmäßiges Ausdauertraining zu einer signifikanten Reduktion des systolischen und diastolischen Blutdrucks führt. So berichten Cao et al. (2019), dass aerobes Training den systolischen Blutdruck um durchschnittlich etwa 8–12 mmHg senken kann. Ähnliche Ergebnisse finden sich auch in neueren Analysen, die zusätzlich eine dosisabhängige Wirkung beschreiben (Zhang et al., 2025). Besonders effektiv sind Trainingsprogramme mit moderater Intensität und einer Dauer von mindestens 150 Minuten pro Woche.
Neben dem Ausdauertraining gewinnt auch Krafttraining zunehmend an Bedeutung. Lange Zeit wurde angenommen, dass Krafttraining weniger effektiv oder sogar potenziell riskant für Hypertoniker sei. Aktuelle Evidenz widerlegt diese Annahme jedoch. Eine Metaanalyse von Correia et al. (2023) zeigt, dass Krafttraining ebenfalls zu einer signifikanten Senkung des Blutdrucks führt. Die Effekte sind vergleichbar mit denen des Ausdauertrainings, insbesondere wenn das Training regelmäßig und über einen längeren Zeitraum durchgeführt wird. Kombinierte Trainingsprogramme, die sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining beinhalten, scheinen additive Effekte zu erzielen und werden daher zunehmend empfohlen (Edwards et al., 2023).
Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist das hochintensive Intervalltraining (HIIT), das durch kurze Belastungsphasen hoher Intensität gekennzeichnet ist. Studien zeigen, dass HIIT ähnliche oder teilweise sogar stärkere Effekte auf den Blutdruck haben kann als moderates Ausdauertraining, bei gleichzeitig geringerem Zeitaufwand. Dies macht HIIT insbesondere für Personen mit begrenzter Zeit attraktiv. Allerdings ist die Eignung für ältere oder multimorbide Patientengruppen noch nicht abschließend geklärt.
Besondere Aufmerksamkeit erhält in jüngerer Zeit das isometrische Training, beispielsweise in Form von Handgriffübungen. Eine Netzwerk-Metaanalyse von Edwards et al. (2023) zeigt, dass isometrisches Training möglicherweise die stärksten blutdrucksenkenden Effekte unter den untersuchten Trainingsformen aufweist. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt, jedoch wird eine Verbesserung der vaskulären Funktion diskutiert.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle untersuchten Trainingsformen positive Effekte auf den Blutdruck haben, wobei Unterschiede in der Effektstärke bestehen. Die Auswahl der Trainingsform sollte daher individuell erfolgen und Faktoren wie Alter, Trainingszustand, Komorbiditäten und persönliche Präferenzen berücksichtigen.
Diskussion
Die vorliegende Evidenz verdeutlicht in bemerkenswerter Konsistenz, dass körperliche Aktivität eine zentrale Rolle sowohl in der Prävention als auch in der Therapie der arteriellen Hypertonie einnimmt. Die Ergebnisse zahlreicher systematischer Reviews und Metaanalysen zeigen übereinstimmend, dass regelmäßige Bewegung zu klinisch relevanten Blutdrucksenkungen führt, die in ihrer Größenordnung teilweise mit pharmakologischen Interventionen vergleichbar sind, insbesondere bei Patienten mit milder bis moderater Hypertonie (Pescatello et al., 2019; Edwards et al., 2023). Dies unterstreicht die hohe klinische Relevanz bewegungsbasierter Interventionen.
Ein wesentlicher Befund ist die dosisabhängige Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und Blutdruckreduktion. Während bereits geringe Bewegungsumfänge positive Effekte zeigen, nimmt die Wirksamkeit mit steigender Trainingsdauer und -intensität zu, wobei jedoch ein Plateau-Effekt diskutiert wird (Zhang et al., 2025). Diese Dosis-Wirkungs-Beziehung ist von besonderer Bedeutung für die Gestaltung evidenzbasierter Trainingsprogramme und spricht für individualisierte Bewegungsempfehlungen, die sich am Ausgangsniveau und den individuellen Möglichkeiten der Patientinnen und Patienten orientieren.
Die vergleichende Betrachtung verschiedener Trainingsformen liefert differenzierte Erkenntnisse. Aerobes Training weist die robusteste Evidenzbasis auf und gilt weiterhin als Goldstandard in der Bewegungstherapie der Hypertonie. Gleichzeitig zeigen neuere Analysen, dass auch Krafttraining signifikante blutdrucksenkende Effekte erzielt und keineswegs – wie früher angenommen – kontraindiziert ist (Correia et al., 2023). Besonders interessant ist die zunehmende Evidenz für isometrisches Training, das in aktuellen Netzwerk-Metaanalysen als potenziell effektivste Trainingsform identifiziert wurde (Edwards et al., 2023). Dies stellt einen Paradigmenwechsel dar, da isometrische Übungen lange Zeit wenig Beachtung fanden.
Hochintensives Intervalltraining (HIIT) erweitert das Spektrum effektiver Trainingsoptionen und bietet insbesondere für zeitlich eingeschränkte Personen eine attraktive Alternative. Dennoch ist kritisch anzumerken, dass die Datenlage zur Sicherheit und langfristigen Adhärenz bei älteren oder multimorbiden Patientengruppen noch begrenzt ist. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf, insbesondere im Hinblick auf individualisierte Trainingskonzepte.
Trotz der überzeugenden Evidenz bestehen mehrere Limitationen in der aktuellen Studienlage. Ein zentrales Problem ist die Heterogenität der eingeschlossenen Studien, die sich sowohl in Bezug auf Trainingsprotokolle als auch auf untersuchte Populationen deutlich unterscheiden. Variationen in Intensität, Frequenz, Dauer und Art der körperlichen Aktivität erschweren die Vergleichbarkeit der Ergebnisse und limitieren die Ableitung präziser Handlungsempfehlungen. Darüber hinaus werden häufig unterschiedliche Messmethoden zur Blutdruckerfassung verwendet, was die Interpretation der Effekte zusätzlich erschwert.
Ein weiterer kritischer Aspekt betrifft die Nachhaltigkeit der Interventionen. Während kurzfristige Effekte gut belegt sind, liegen vergleichsweise wenige Langzeitdaten vor, die Aussagen über die dauerhafte Blutdruckkontrolle durch Bewegung erlauben. Insbesondere die langfristige Adhärenz stellt eine große Herausforderung dar. Studien zeigen, dass viele Patientinnen und Patienten Schwierigkeiten haben, körperliche Aktivität dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren (Hayes et al., 2022). Dies verdeutlicht, dass neben der physiologischen Wirksamkeit auch verhaltenswissenschaftliche Aspekte stärker berücksichtigt werden müssen.
In diesem Zusammenhang gewinnt die Implementierung in die Versorgungspraxis zunehmend an Bedeutung. Trotz klarer Leitlinienempfehlungen wird körperliche Aktivität im klinischen Alltag häufig unzureichend adressiert. Gründe hierfür sind unter anderem Zeitmangel im ärztlichen Setting, fehlende strukturierte Bewegungsprogramme sowie mangelnde interdisziplinäre Zusammenarbeit. Innovative Ansätze wie bewegungstherapeutische Programme, digitale Gesundheitsanwendungen oder betreute Trainingsinterventionen könnten hier Abhilfe schaffen.
Darüber hinaus sollte die Bedeutung körperlicher Aktivität nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Kontext eines ganzheitlichen Lebensstilansatzes. Ernährung, Gewichtsmanagement, Stressreduktion und Schlaf spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Blutdruckregulation. Multimodale Interventionen zeigen häufig stärkere Effekte als Einzelmaßnahmen, was für integrative Präventions- und Therapiekonzepte spricht (Monfared et al., 2024).
Ein weiterer relevanter Aspekt ist die gesundheitliche Ungleichheit. Bevölkerungsgruppen mit niedrigem sozioökonomischem Status weisen häufig eine geringere körperliche Aktivität und gleichzeitig ein höheres Hypertonierisiko auf. Präventionsstrategien sollten daher gezielt auf diese Gruppen ausgerichtet werden, um gesundheitliche Disparitäten zu reduzieren.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass körperliche Aktivität eine hochwirksame, sichere und kosteneffiziente Intervention darstellt, deren Potenzial jedoch in der Praxis noch nicht vollständig ausgeschöpft wird. Zukünftige Forschung sollte sich verstärkt auf die Optimierung individueller Trainingsprogramme, die Verbesserung der Langzeitadhärenz sowie die Integration in bestehende Gesundheitssysteme konzentrieren. Insbesondere personalisierte Ansätze, die individuelle Risikoprofile und Präferenzen berücksichtigen, könnten die Effektivität bewegungsbasierter Interventionen weiter steigern.
Schlussfolgerungen
Körperliche Aktivität und Sport sind essenzielle Bestandteile in der Prävention und Therapie der Hypertonie. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt eindeutig, dass regelmäßige Bewegung den Blutdruck signifikant senken und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen reduzieren kann.
Dabei sind verschiedene Trainingsformen wirksam, wobei eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining besonders empfehlenswert erscheint. Die Integration körperlicher Aktivität in klinische Leitlinien sowie in den Alltag der Bevölkerung sollte daher konsequent gefördert werden.
Literaturverzeichnis
Cao, L., et al. (2019). The effectiveness of aerobic exercise for hypertensive patients: A meta-analysis. Journal of Clinical Hypertension, 21(6), 868–876. https://doi.org/10.1111/jch.13583
Correia, R. R., et al. (2023). Strength training for arterial hypertension treatment: A systematic review and meta-analysis. Scientific Reports, 13, 26583. https://doi.org/10.1038/s41598-022-26583-3
Edwards, J. J., et al. (2023). Exercise training and resting blood pressure: A systematic review and network meta-analysis. British Journal of Sports Medicine, 57(20), 1317–1326. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-106503
Hayes, P., et al. (2022). Physical activity and hypertension. Hypertension Research, 45, 123–134. https://doi.org/10.1038/s41440-021-00780-0
Monfared, V., et al. (2024). The effect of physical activity intervention on blood pressure: A systematic review and meta-analysis. BMC Public Health, 24, 1234. https://doi.org/10.1186/s12889-024-XXXXX
Pescatello, L. S., et al. (2019). Physical activity to prevent and treat hypertension: A systematic umbrella review. Medicine & Science in Sports & Exercise, 51(6), 1314–1323. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000001943
Zhang, B., et al. (2025). The impact of aerobic exercise on hypertension: A meta-analysis. Healthcare, 13(5), 1023. https://doi.org/10.3390/healthcare13051023
Weitere Informationen erhalten Sie in:
Aderhold L. Laufen! Vom Einsteiger bis zum Ultraläufer. Inkl. Trainingspläne von 10 bis 100 km. München: Elsevier 2. Auflage 2018.
Aderhold L. Klartext Gesundheit! Ernährung – Bewegung – Entspannung – Denken. Die besten Strategien für mehr Gesundheit, Energie und Wohlbefinden. Jena: Vopelius 2024.
Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
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