Hitze am 27.6.2026 in Berlin, Leipzig und Hamburg - Screenshot - Horst Milde
Temperaturregulation und Hitzeerkrankungen bei Ausdauersportlern – Risikofaktoren, Frühwarnsymptome, Therapie und Prävention – Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
Zusammenfassung: – Die Thermoregulation ist eine zentrale Voraussetzung für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Ausdauersportlern.
Bei langandauernder körperlicher Belastung steigt die metabolische Wärmeproduktion stark an, während hohe Umgebungstemperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und direkte Sonneneinstrahlung die Wärmeabgabe erschweren. Daraus können hitzebedingte Erkrankungen entstehen, deren klinisches Spektrum von Hitzeohnmacht und Sonnenstich über Hitzeerschöpfung bis zum lebensbedrohlichen exertionalen Hitzschlag reicht.
Aktuelle Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zeigen, dass insbesondere fehlende Hitzeakklimatisation, Dehydratation, hohe Belastungsintensität, inadäquate Wettkampfplanung, unzureichende Kühlmöglichkeiten sowie individuelle Faktoren wie Infekte, Schlafmangel, Vorerkrankungen und bestimmte Medikamente das Risiko erhöhen (Armstrong et al., 2024; Périard et al., 2021; Racinais et al., 2022). Frühwarnsymptome wie Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit, Leistungseinbruch, ungewöhnliche Erschöpfung und Koordinationsstörungen müssen ernst genommen werden. Neurologische Auffälligkeiten wie Verwirrtheit, Desorientierung oder Bewusstseinsstörungen sprechen für einen Hitzschlag und erfordern sofortige notfallmedizinische Behandlung. Die wichtigste therapeutische Maßnahme beim exertionalen Hitzschlag ist die rasche Ganzkörperkühlung, bevorzugt durch Kaltwasserimmersion, nach dem Prinzip „cool first, transport second“ (Douma et al., 2020; Filep et al., 2020). Präventiv sind Hitzeakklimatisation, individuelles Hydrationsmanagement, Cooling-Strategien, Wettkampfanpassungen und strukturierte Notfallpläne entscheidend. Für Ausdauersportler gewinnt das Thema angesichts steigender globaler Temperaturen weiter an Bedeutung.
Schlüsselwörter: Thermoregulation, Hitzeerschöpfung, Hitzschlag, Sonnenstich, Ausdauersport, Hitzeakklimatisation, Prävention
Einleitung
Hitze stellt für den menschlichen Organismus eine erhebliche physiologische Herausforderung dar. Dies gilt in besonderem Maße für Ausdauersportarten wie Marathonlauf, Triathlon, Straßenradsport, Trailrunning oder Langstreckenschwimmen, bei denen über längere Zeiträume große Mengen metabolischer Wärme produziert werden. Nur ein relativ kleiner Anteil der chemischen Energie wird in mechanische Arbeit umgewandelt; der überwiegende Teil fällt als Wärme an. Unter moderaten Umweltbedingungen kann diese Wärme über Hautdurchblutung, Schweißverdunstung und konvektive Wärmeabgabe kontrolliert werden. Bei Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und intensiver Belastung geraten diese Mechanismen jedoch an ihre Grenzen (Périard et al., 2021; Sawka et al., 2020).
Die Thermoregulation ist eine zentrale Voraussetzung für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Ausdauersportlern. Bei langandauernder körperlicher Belastung steigt die metabolische Wärmeproduktion stark an, während hohe Umgebungstemperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und direkte Sonneneinstrahlung die Wärmeabgabe erschweren. Daraus können hitzebedingte Erkrankungen entstehen, deren klinisches Spektrum von Hitzeohnmacht und Sonnenstich über Hitzeerschöpfung bis zum lebensbedrohlichen exertionalen Hitzschlag reicht. Aktuelle Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zeigen, dass insbesondere fehlende Hitzeakklimatisation, Dehydratation, hohe Belastungsintensität, inadäquate Wettkampfplanung, unzureichende Kühlmöglichkeiten sowie individuelle Faktoren wie Infekte, Schlafmangel, Vorerkrankungen und bestimmte Medikamente das Risiko erhöhen (Armstrong et al., 2024; Périard et al., 2021; Racinais et al., 2022). Frühwarnsymptome wie Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit, Leistungseinbruch, ungewöhnliche Erschöpfung und Koordinationsstörungen müssen ernst genommen werden. Neurologische Auffälligkeiten wie Verwirrtheit, Desorientierung oder Bewusstseinsstörungen sprechen für einen Hitzschlag und erfordern sofortige notfallmedizinische Behandlung. Die wichtigste therapeutische Maßnahme beim exertionalen Hitzschlag ist die rasche Ganzkörperkühlung, bevorzugt durch Kaltwasserimmersion, nach dem Prinzip „cool first, transport second“ (Douma et al., 2020; Filep et al., 2020). Präventiv sind Hitzeakklimatisation, individuelles Hydrationsmanagement, Cooling-Strategien, Wettkampfanpassungen und strukturierte Notfallpläne entscheidend. Für Ausdauersportler gewinnt das Thema angesichts steigender globaler Temperaturen weiter an Bedeutung.
Schlüsselwörter: Thermoregulation, Hitzeerschöpfung, Hitzschlag, Sonnenstich, Ausdauersport, Hitzeakklimatisation, Prävention
Hitzebedingte Erkrankungen sind klinisch bedeutsam, weil sie zunächst unspezifisch beginnen können, sich aber rasch verschlechtern. Besonders der exertionale Hitzschlag ist ein akut lebensbedrohliches Krankheitsbild, das unbehandelt zu Rhabdomyolyse, akutem Nierenversagen, Leberversagen, Gerinnungsstörungen, neurologischen Schäden und Tod führen kann (Armstrong et al., 2024; Filep et al., 2020). Gleichzeitig gilt er bei adäquater Vorbereitung, früher Erkennung und sofortiger Kühlung als weitgehend vermeidbare Todesursache im Sport.
Ziel dieses Artikels ist es, die Grundlagen der Temperaturregulation und die wichtigsten Hitzeerkrankungen – Hitzeohnmacht, Sonnenstich, Hitzeerschöpfung und Hitzschlag – wissenschaftlich darzustellen. Im Mittelpunkt stehen Risikofaktoren, Frühwarnsymptome, Therapie und Prävention sowie die konkrete Bedeutung für Ausdauersportler.
Hauptteil
Physiologische Grundlagen der Temperaturregulation
Die Körperkerntemperatur des Menschen wird in engen Grenzen reguliert. Die zentrale Steuerung erfolgt vor allem über den Hypothalamus, der Informationen aus zentralen und peripheren Thermorezeptoren integriert. Steigt die Körpertemperatur an, werden Mechanismen aktiviert, die die Wärmeabgabe erhöhen: periphere Vasodilatation, gesteigerte Hautdurchblutung und Schweißsekretion. Bei Ausdauerbelastungen ist die Verdunstung von Schweiß der wichtigste Mechanismus der Wärmeabgabe (Périard et al., 2021).
Die Effektivität der Schweißverdunstung hängt jedoch stark von den Umweltbedingungen ab. Bei hoher Luftfeuchtigkeit ist der Wasserdampfdruckgradient zwischen Haut und Umgebung reduziert, wodurch Schweiß zwar gebildet, aber schlechter verdunstet. Dadurch steigt die Körperkerntemperatur schneller an. Auch geringe Luftbewegung, direkte Sonneneinstrahlung und aufgeheizte Oberflächen erhöhen die thermische Last (Racinais et al., 2022).
Während der Belastung konkurrieren thermoregulatorische und leistungsbezogene Kreislaufanforderungen miteinander. Einerseits muss die Muskulatur ausreichend durchblutet werden, andererseits wird Blut zur Haut umverteilt, um Wärme abzugeben. Zusätzlich führen hohe Schweißraten zu Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten. Sinkt das Plasmavolumen, nehmen Schlagvolumen und Wärmeabgabe ab, während Herzfrequenz und subjektive Belastung steigen (Périard et al., 2021; Sawka et al., 2020).
Hitzeakklimatisation verbessert diese Regulationsmechanismen. Wiederholte kontrollierte Belastungen in warmer Umgebung führen zu einer früher einsetzenden und höheren Schweißrate, einer verbesserten Hautdurchblutung, einem größeren Plasmavolumen, einer niedrigeren Herzfrequenz bei gleicher Belastung und einer reduzierten Körperkerntemperatur. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass Hitzeakklimatisation sowohl physiologische Anpassungen als auch Leistungsverbesserungen in der Hitze bewirken kann (Benjamin et al., 2019; Brown et al., 2024; Rahimi et al., 2019).
Formen hitzebedingter Erkrankungen
Hitzeohnmacht
Die Hitzeohnmacht entsteht meist durch eine Kombination aus peripherer Vasodilatation, venösem Pooling und reduziertem venösem Rückstrom. Typisch ist sie nach längerem Stehen in der Hitze oder unmittelbar nach abruptem Beenden intensiver Belastung. Klinisch treten Schwindel, Schwäche, Blässe, Schwarzwerden vor den Augen und kurzzeitige Bewusstlosigkeit auf. Die Körperkerntemperatur ist meist nicht kritisch erhöht. Die Therapie besteht in Rückenlagerung, Hochlagern der Beine, Kühlung, Entfernung aus der Hitze und Flüssigkeitszufuhr (O’Connor & DeGroot, 2024).
Für Ausdauersportler ist relevant, dass Hitzeohnmacht häufig im Zielbereich nach Wettkämpfen auftritt, wenn die Muskelpumpe plötzlich wegfällt. Ein aktives Auslaufen, Schatten, Flüssigkeit und medizinische Beobachtung können das Risiko reduzieren.
Sonnenstich
Der Sonnenstich beruht auf intensiver direkter Sonneneinstrahlung auf Kopf und Nacken. Dabei kann es zu lokaler Überwärmung und Reizung meningealer Strukturen kommen. Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Nackensteifigkeit, Lichtempfindlichkeit und gelegentlich Erbrechen. Im Gegensatz zum Hitzschlag ist die Körperkerntemperatur nicht zwingend stark erhöht, und schwere systemische Organdysfunktion steht nicht im Vordergrund (O’Connor & DeGroot, 2024).
Im Ausdauersport tritt Sonnenstich besonders bei langen Läufen oder Radrennen mit hoher Strahlungsbelastung auf. Präventiv sind Kopfbedeckung, Sonnenbrille, Streckenwahl, Schattenzonen und ausreichende Kühlung relevant. Therapeutisch stehen Ruhe, Kühlung von Kopf und Nacken, Flüssigkeitszufuhr und Beobachtung im Vordergrund.
Hitzeerschöpfung
Die Hitzeerschöpfung ist eine häufige und klinisch relevante Hitzeerkrankung bei Sportlern. Sie entsteht durch Flüssigkeits- und Elektrolytverluste, kardiovaskuläre Belastung und unzureichende Wärmeabgabe. Symptome sind ausgeprägte Müdigkeit, Schwäche, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Tachykardie, niedriger Blutdruck, Muskelkrämpfe und Leistungseinbruch. Die Körperkerntemperatur kann erhöht sein, liegt aber häufig unterhalb der Schwelle eines Hitzschlags. Entscheidend ist, dass keine schweren zentralnervösen Symptome bestehen (Armstrong et al., 2024; O’Connor & DeGroot, 2024).
Die Therapie besteht im sofortigen Abbruch der Belastung, Entfernung aus der heißen Umgebung, aktiver Kühlung, oraler oder intravenöser Rehydratation und medizinischer Überwachung. Eine unbehandelte Hitzeerschöpfung kann in einen Hitzschlag übergehen, insbesondere wenn die Belastung fortgesetzt wird.
Hitzschlag
Der Hitzschlag ist die schwerste hitzebedingte Erkrankung. Beim klassischen Hitzschlag steht meist passive Hitzeexposition im Vordergrund, etwa bei älteren oder vorerkrankten Menschen während Hitzewellen. Beim exertionalen Hitzschlag entsteht die Hyperthermie primär durch körperliche Belastung. Er betrifft daher auch junge, trainierte und scheinbar gesunde Sportler (Armstrong et al., 2024; Périard et al., 2021).
Diagnostisch kennzeichnend sind eine stark erhöhte Körperkerntemperatur – häufig über 40 °C – und zentrale neurologische Symptome. Dazu zählen Verwirrtheit, Desorientierung, Ataxie, aggressives oder inadäquates Verhalten, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit. Pathophysiologisch kommt es zu einer Kombination aus direkter Hitzeschädigung, systemischer Entzündungsreaktion, endothelialer Dysfunktion, Gerinnungsaktivierung und Zellschädigung. Komplikationen können Rhabdomyolyse, akutes Nierenversagen, Leberschädigung, disseminierte intravasale Gerinnung und Multiorganversagen sein (Filep et al., 2020; Périard et al., 2021).
Die wichtigste prognostische Variable ist die Zeit bis zur effektiven Kühlung. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass Kühlmethoden mit hoher Kühlrate entscheidend sind. Kaltwasserimmersion gilt für den exertionalen Hitzschlag im Sport als bevorzugte Methode, da sie die Körperkerntemperatur besonders schnell senkt (Douma et al., 2020; Filep et al., 2020). Daraus leitet sich das Prinzip „cool first, transport second“ ab: Bei Verdacht auf exertionalen Hitzschlag soll die Kühlung unmittelbar vor Ort beginnen und nicht erst nach Transport in eine Klinik.
Risikofaktoren
Risikofaktoren lassen sich in Umwelt-, Belastungs- und individuelle Faktoren einteilen. Umweltfaktoren umfassen hohe Lufttemperatur, hohe Luftfeuchtigkeit, starke Sonneneinstrahlung, geringe Windgeschwindigkeit und aufgeheizte urbane Oberflächen. Der Wet-Bulb-Globe-Temperature-Index wird häufig genutzt, um Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Strahlungswärme und Wind in einer Kennzahl zusammenzufassen (Racinais et al., 2022).
Belastungsbezogene Risikofaktoren sind lange Dauer, hohe Intensität, unzureichende Pausen, Wettkampfdruck und inadäquate Kleidung. Ausdauersportler sind besonders gefährdet, weil sie über lange Zeiträume Wärme produzieren und häufig trotz Warnsymptomen weiterlaufen oder weiterfahren. Auch das Ziel, persönliche Bestzeiten zu erreichen, kann dazu führen, dass frühe Symptome ignoriert werden (Armstrong et al., 2024).
Individuelle Risikofaktoren umfassen fehlende Hitzeakklimatisation, Dehydratation, Schlafmangel, akute Infekte, Fieber, geringe körperliche Fitness, Adipositas, frühere Hitzeerkrankungen und bestimmte Medikamente. Dazu gehören unter anderem Diuretika, Anticholinergika, Antihistaminika, einige Psychopharmaka und Stimulanzien. Alkohol- und Drogenkonsum erhöhen das Risiko zusätzlich (O’Connor & DeGroot, 2024; Périard et al., 2021).
Frühwarnsymptome und Diagnostik
Frühwarnsymptome sind häufig unspezifisch. Dazu gehören ungewöhnlicher Leistungseinbruch, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Gänsehaut trotz Hitze, starke Müdigkeit, Muskelkrämpfe, Koordinationsprobleme und Konzentrationsstörungen. Ausdauersportler sollten solche Symptome nicht als normale Wettkampfhärte interpretieren, sondern als potenzielle Hinweise auf eine beginnende Hitzeerkrankung (Armstrong et al., 2024).
Neurologische Symptome haben besondere Bedeutung. Verwirrtheit, Desorientierung, auffälliges Verhalten, Ataxie, Krampfanfälle oder Bewusstseinsstörungen sind Warnzeichen für einen Hitzschlag. In solchen Fällen darf nicht auf subjektive Einschätzung des Athleten vertraut werden, da die Urteilsfähigkeit bereits beeinträchtigt sein kann.
Die rektale Temperaturmessung gilt im Sportsetting als zuverlässigste Methode zur Bestimmung der Körperkerntemperatur. Ohr-, Stirn- oder Hautthermometer können die Kerntemperatur unterschätzen und sind bei Verdacht auf Hitzschlag nicht ausreichend verlässlich (Armstrong et al., 2024; Filep et al., 2020). Differenzialdiagnostisch sind belastungsassoziierte Hyponatriämie, Hypoglykämie, kardiale Ereignisse, Infektionen und neurologische Ursachen zu berücksichtigen.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Schweregrad und klinischer Präsentation. Bei Hitzeohnmacht, Sonnenstich und milder Hitzeerschöpfung stehen Belastungsabbruch, Schatten oder klimatisierte Umgebung, Lagerung, Kühlung und Flüssigkeitszufuhr im Vordergrund. Bei Übelkeit, Erbrechen, Kreislaufinstabilität oder anhaltenden Symptomen ist ärztliche Betreuung erforderlich (O’Connor & DeGroot, 2024).
Bei Verdacht auf Hitzschlag ist die sofortige aktive Kühlung entscheidend. Kaltwasserimmersion ist die bevorzugte Methode, wenn verfügbar. Alternativ können Eistücher, kaltes Wasser, Ventilation und Eispackungen genutzt werden, wobei sie in der Regel geringere Kühlraten erreichen. Systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen betonen, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit steigt, wenn eine hohe Kühlrate früh erreicht wird (Douma et al., 2020; Filep et al., 2020).
Parallel zur Kühlung müssen Atemwege, Kreislauf und Bewusstsein überwacht werden. Nach Stabilisierung ist eine klinische Weiterbehandlung erforderlich, um Komplikationen wie Rhabdomyolyse, Elektrolytstörungen, Nieren- oder Leberschäden zu erkennen. Die Rückkehr zum Sport sollte nach Hitzschlag nur stufenweise und medizinisch überwacht erfolgen (Armstrong et al., 2024).
Prävention bei Ausdauersportlern
Die wirksamste Präventionsstrategie ist eine geplante Hitzeakklimatisation. Systematische Reviews zeigen, dass wiederholte Hitzeexpositionen über etwa ein bis zwei Wochen relevante Anpassungen auslösen können. Bei Eliteathleten und militärischen Populationen wurden Verbesserungen thermoregulatorischer, kardiovaskulärer und leistungsbezogener Parameter beschrieben (Benjamin et al., 2019; Brown et al., 2024; Rahimi et al., 2019). Praktisch sollte die Belastung während der Akklimatisationsphase progressiv gesteigert werden.
Hydrationsmanagement ist ebenfalls zentral, darf aber nicht auf maximales Trinken reduziert werden. Ziel ist Euhydratation, nicht Überhydration. Das IOC empfiehlt, Flüssigkeitsbedarf individuell anhand von Körpermasse, Urinfarbe, Durstgefühl und Schweißrate abzuschätzen; bei stark schwitzenden Athleten kann Natriumzufuhr über Getränke oder salzhaltige Nahrung sinnvoll sein (Racinais et al., 2022). Gleichzeitig muss eine belastungsassoziierte Hyponatriämie durch übermäßige Flüssigkeitsaufnahme vermieden werden.
Cooling-Strategien können sowohl präventiv als auch leistungsunterstützend wirken. Eine aktuelle Metaanalyse zu Pre-Cooling bei Ausdauerbelastungen in der Hitze zeigte Verbesserungen bei Zeitfahrleistungen und Zeit-bis-zur-Erschöpfung, wobei externe Kühlmethoden besonders effektiv waren (Yu et al., 2024). Praktische Maßnahmen sind Kühlwesten, kalte Handtücher, Eis-Slush-Getränke, kalte Getränke, Kopfbedeckung, Wasserduschen und Schattenzonen.
Veranstalter tragen ebenfalls Verantwortung. Dazu gehören WBGT-Monitoring, Anpassung von Startzeiten, zusätzliche Versorgungsstellen, Kühlstationen, geschultes medizinisches Personal, klare Abbruchkriterien und Notfallpläne. Das IOC betont, dass Hitzeschutz bei Sportgroßereignissen multidisziplinär geplant werden muss und nicht allein auf die individuelle Vorbereitung der Athleten reduziert werden darf (Racinais et al., 2022).
Diskussion
Die aktuelle Evidenz zeigt, dass hitzebedingte Erkrankungen im Ausdauersport nicht als zufällige Einzelfälle verstanden werden sollten, sondern als vorhersehbare Folge eines Missverhältnisses zwischen Wärmeproduktion, Wärmeabgabe und individueller Belastbarkeit. Ausdauerbelastungen sind dabei besonders problematisch, weil sie über lange Zeiträume eine hohe metabolische Wärmeproduktion erzeugen. Während in Teamsportarten Belastung und Pausen häufig alternieren, sind Marathon, Triathlon oder Radrennen durch kontinuierliche Aktivität geprägt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich thermische Belastung kumulativ aufbaut, insbesondere wenn externe Bedingungen ungünstig sind (Armstrong et al., 2024; Périard et al., 2021).
Ein zentrales Diskussionsthema ist die Abgrenzung zwischen physiologischer Ermüdung und beginnender Hitzeerkrankung. Viele Frühwarnsymptome – Müdigkeit, Kopfschmerz, Übelkeit oder Leistungseinbruch – können im Wettkampf zunächst banal erscheinen. Genau darin liegt ein praktisches Problem: Ausdauersportler sind häufig daran gewöhnt, Unwohlsein zu tolerieren und Leistungsgrenzen zu überschreiten. Diese sportpsychologische Komponente kann die rechtzeitige Selbstregulation erschweren. Besonders gefährlich wird dies, wenn neurologische Symptome auftreten, da die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung dann bereits beeinträchtigt sein kann. Daraus folgt, dass nicht nur Athleten, sondern auch Trainer, Streckenposten, Teammitglieder und medizinisches Personal geschult sein müssen, auffälliges Verhalten zu erkennen und konsequent zu handeln (O’Connor & DeGroot, 2024).
Die Evidenz zur Hitzeakklimatisation ist im Vergleich zu vielen anderen Präventionsmaßnahmen relativ stark. Metaanalysen zeigen, dass Akklimatisationsprogramme die physiologische Belastung reduzieren und die Leistungsfähigkeit in der Hitze verbessern können (Benjamin et al., 2019; Brown et al., 2024; Rahimi et al., 2019). Dennoch ist die praktische Umsetzung komplex. Erstens benötigen Athleten Zeit, um Anpassungen aufzubauen. Zweitens müssen Intensität, Dauer und Umweltbedingungen individuell dosiert werden, damit die Akklimatisation nicht selbst zu Überlastung führt. Drittens gehen Anpassungen ohne fortgesetzte Hitzeexposition teilweise wieder verloren. Für Ausdauersportler bedeutet dies, dass Hitzevorbereitung nicht erst am Wettkampftag beginnen darf, sondern in die Periodisierung des Trainings integriert werden muss.
Gleichzeitig darf Hitzeakklimatisation nicht als vollständiger Schutz missverstanden werden. Auch gut trainierte und akklimatisierte Sportler können einen Hitzschlag erleiden, wenn Belastungsintensität, Umweltbedingungen und individuelle Tagesform ungünstig zusammentreffen. Dies ist besonders wichtig, weil hohe Fitness einerseits schützend wirken kann, andererseits aber auch höhere absolute Leistungen und damit höhere Wärmeproduktion ermöglicht. Ein sehr leistungsfähiger Athlet kann daher unter Wettkampfbedingungen enorme Wärmemengen produzieren. Die Schutzwirkung von Fitness ist somit nicht linear, sondern hängt davon ab, ob Pacing, Kühlung, Hydration und Umweltbedingungen angemessen berücksichtigt werden (Périard et al., 2021; Sawka et al., 2020).
Hydration bleibt ein weiterer zentraler, aber häufig missverstandener Aspekt. Lange wurde Dehydratation als Hauptursache hitzebedingter Erkrankungen betrachtet. Heute ist die Sicht differenzierter. Flüssigkeitsmangel kann die kardiovaskuläre Belastung erhöhen und die Wärmeabgabe verschlechtern, erklärt aber nicht alle Fälle von exertionalem Hitzschlag. Umgekehrt kann übermäßiges Trinken eine belastungsassoziierte Hyponatriämie verursachen, die klinisch ebenfalls gefährlich ist und Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Krampfanfälle hervorrufen kann. Daher ist eine individualisierte Trinkstrategie sinnvoller als pauschale Trinkmengenempfehlungen. Das Monitoring von Körpergewicht, Urinfarbe, Durst und Schweißrate ist für viele Athleten praktikabler als komplexe Laborverfahren und wird auch in internationalen Empfehlungen unterstützt (Racinais et al., 2022).
Cooling-Strategien nehmen in der aktuellen Forschung eine zunehmende Rolle ein. Die Metaanalyse von Yu et al. (2024) zeigt, dass Pre-Cooling die Ausdauerleistung in der Hitze verbessern kann, insbesondere bei Laufleistungen und externen Kühlmethoden. Für die Praxis ist jedoch entscheidend, zwischen leistungsorientierter Kühlung und notfallmedizinischer Kühlung zu unterscheiden. Pre-Cooling kann vor Wettkämpfen helfen, die thermische Reserve zu vergrößern und die subjektive Hitzebelastung zu senken. Bei einem Hitzschlag reicht eine solche Strategie jedoch nicht aus. Dann zählt eine möglichst schnelle Senkung der Körperkerntemperatur, wobei Kaltwasserimmersion die höchste Priorität besitzt (Douma et al., 2020; Filep et al., 2020).
Die Therapie des exertionalen Hitzschlags ist ein Bereich, in dem die Evidenzlage besonders klare praktische Konsequenzen hat. Das Prinzip „cool first, transport second“ steht im Gegensatz zu älteren Routinen, bei denen schnelle Verlegung in eine Klinik im Vordergrund stand. Bei exertionalem Hitzschlag kann jedoch jede Verzögerung der Kühlung die Prognose verschlechtern. Für Sportveranstaltungen bedeutet dies, dass Kaltwasserimmersion oder zumindest effektive alternative Kühlverfahren unmittelbar vor Ort verfügbar sein müssen. Ein Notfallplan, der erst den Rettungsdienst ruft und dann auf Kühlung wartet, ist unzureichend. Die medizinische Infrastruktur muss so geplant sein, dass Kühlung innerhalb weniger Minuten beginnen kann (Douma et al., 2020; Filep et al., 2020).
Ein weiteres Problem ist die Diagnostik im Feld. Die rektale Temperaturmessung ist zwar der Goldstandard, wird aber in der Praxis aus kulturellen, organisatorischen oder personellen Gründen nicht immer durchgeführt. Stirn- und Ohrthermometer sind einfacher anwendbar, können die tatsächliche Körperkerntemperatur unter Belastungsbedingungen jedoch unterschätzen. Dadurch besteht die Gefahr, einen Hitzschlag zu übersehen. Aus ethischer und medizinischer Sicht sollte bei bewusstseinsveränderten Sportlern in heißer Umgebung die korrekte Diagnostik nicht aus falsch verstandener Zurückhaltung unterlassen werden (Armstrong et al., 2024; Filep et al., 2020).
Die Veranstalterperspektive gewinnt angesichts steigender Temperaturen an Bedeutung. Hitzeerkrankungen sind nicht allein individuelles Risiko, sondern auch Organisationsrisiko. Startzeiten, Streckenführung, Schatten, Wasserstellen, Eisverfügbarkeit, medizinische Teams, Kommunikation und Abbruchkriterien beeinflussen die Sicherheit erheblich. Das IOC hebt hervor, dass Hitzeschutz ein Zusammenspiel von Athleten, Entourage, Veranstaltern und medizinischen Diensten erfordert (Racinais et al., 2022). Gerade im Breitensport ist diese Umsetzung schwierig, weil viele Veranstaltungen weniger Ressourcen besitzen als Eliteevents. Dennoch sind einfache Maßnahmen wie frühere Startzeiten, zusätzliche Kühlpunkte und klare Warnkommunikation realisierbar.
Der Klimawandel erweitert die Diskussion über die klassische Sportmedizin hinaus. Wenn Wettkämpfe häufiger bei hohen Temperaturen stattfinden, müssen Trainingsplanung und Veranstaltungsorganisation angepasst werden. Dies betrifft nicht nur Spitzenathleten, sondern besonders Freizeit- und Mastersportler, die häufig weniger medizinisch betreut sind und möglicherweise mehr Vorerkrankungen oder Medikamente aufweisen. Präventionsprogramme sollten daher zielgruppenspezifisch sein. Ein Elite-Triathlet benötigt andere Empfehlungen als ein älterer Halbmarathonläufer mit Hypertonie und Diuretikatherapie.
Limitationen der aktuellen Evidenz bestehen darin, dass viele Studien kleine Stichproben, männlich dominierte Kollektive und kontrollierte Laborbedingungen verwenden. Die Übertragbarkeit auf reale Wettkampfsituationen mit psychischem Druck, wechselnden Umweltbedingungen, unterschiedlichem Trainingszustand und logistischer Einschränkung ist daher begrenzt. Zudem sind Frauen, ältere Athleten, Para-Athleten und Freizeitsportler in vielen Studien unterrepräsentiert. Zukünftige Forschung sollte stärker untersuchen, wie Geschlecht, Alter, Zyklusphase, Behinderung, Medikamenteneinnahme und Vorerkrankungen die Hitzetoleranz beeinflussen.
Insgesamt ergibt sich aus der Literatur ein klares, aber differenziertes Bild: Hitzebedingte Erkrankungen sind multifaktoriell, aber häufig vermeidbar. Die wichtigsten Ansatzpunkte sind vorausschauende Planung, Akklimatisation, individuelle Belastungssteuerung, angemessene Hydration, Kühlstrategien und eine konsequente Notfallversorgung. Für Ausdauersportler bedeutet dies, dass Hitzekompetenz Teil der sportlichen Leistungsfähigkeit ist. Wer in der Hitze erfolgreich und sicher trainieren oder konkurrieren will, benötigt nicht nur Fitness, sondern auch Wissen, Planung und die Bereitschaft, Warnsymptome ernst zu nehmen.
Schlussfolgerungen
Die Thermoregulation ist für Ausdauersportler von zentraler Bedeutung, weil langandauernde Belastungen eine hohe metabolische Wärmeproduktion erzeugen. Hitzeohnmacht, Sonnenstich, Hitzeerschöpfung und Hitzschlag unterscheiden sich in Pathophysiologie, Schweregrad und therapeutischer Dringlichkeit, können aber ineinander übergehen.
Besonders gefährdet sind Sportler bei hoher Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit, starker Sonneneinstrahlung, fehlender Akklimatisation, Dehydratation, Infekten, Schlafmangel und hoher Wettkampfintensität. Frühwarnsymptome wie Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit, Leistungseinbruch und Koordinationsstörungen müssen konsequent beachtet werden. Neurologische Symptome sind bis zum Beweis des Gegenteils als Hinweis auf Hitzschlag zu werten.
Die entscheidende therapeutische Maßnahme beim exertionalen Hitzschlag ist die sofortige Kühlung, idealerweise durch Kaltwasserimmersion. Präventiv sind Hitzeakklimatisation, individualisierte Trinkstrategien, Cooling-Methoden, angepasste Trainings- und Wettkampfplanung sowie strukturierte Notfallpläne essenziell.
Für Ausdauersportler ist Hitzemanagement daher kein Zusatzthema, sondern ein integraler Bestandteil von Trainingssteuerung, Wettkampfvorbereitung und Gesundheitsschutz.
Literaturverzeichnis
Armstrong, L. E.et al. (2024). Hyperthermia and exertional heatstroke during running: Similarities, differences, and practical implications. Sports Medicine, 54, 2575–2591. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02078-7
Benjamin, C. L. et al. (2019). Performance changes following heat acclimation and the factors that influence these changes: Meta-analysis and meta-regression. Frontiers in Physiology, 10, Article 1448. https://doi.org/10.3389/fphys.2019.01448
Brown, H. A. et al. (2024). Quantifying exercise heat acclimatisation in athletes and military personnel: A systematic review and meta-analysis. Sports Medicine, 54, 203–226. https://doi.org/10.1007/s40279-023-01961-y
Douma, M. J. et al. (2020). First aid cooling techniques for heat stroke and exertional hyperthermia: A systematic review and meta-analysis. Resuscitation, 148, 173–190. https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2020.01.007
Filep, E. M. et al. (2020). Exertional heat stroke, modality cooling rate, and survival outcomes: A systematic review. Medicina, 56(11), Article 589. https://doi.org/10.3390/medicina56110589
O’Connor, F. G. & DeGroot, D. W. (2024). Heat-related illness in athletes. JAMA, 332(8), 664–665. https://doi.org/10.1001/jama.2024.9991
Périard, J. D. et al. (2021). Exercise under heat stress: Thermoregulation, hydration, performance implications, and mitigation strategies. Physiological Reviews, 101(4), 1873–1979. https://doi.org/10.1152/physrev.00038.2020
Racinais, S. et al. D. (2022). IOC consensus statement on recommendations and regulations for sport events in the heat. British Journal of Sports Medicine, 56(24), 1357–1367. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-105942
Rahimi, G. R. M. et al. (2019). Physiological responses to heat acclimation: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Sports Science & Medicine, 18(2), 316–326. https://doi.org/10.52082/jssm.2019.316
Sawka, M. N. et al. (2020). Integrated physiological mechanisms of exercise performance, adaptation, and maladaptation to heat stress. Comprehensive Physiology, 11(1), 2301–2385. https://doi.org/10.1002/cphy.c190050
Yu, L. et al. (2024). Effects of precooling on endurance exercise performance in the heat: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Nutrients, 16(23), Article 4217. https://doi.org/10.3390/nu16234217
Weitere Informationen finden Sie in:
Aderhold L. Laufen! Vom Einsteiger bis zum Ultraläufer. Inkl. Trainingspläne von 10 bis 100 km. München: Elsevier 2. Auflage 2018.
Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
EN