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2026

Sports Orthopaedics and Traumatology 2026; 42: - Cover

Deutschland wieder fit machen für: Steigerung der Lebensqualität – Verbesserung der Gesundheit – Stärkung des Zusammenhalts – Erhalt der Demokratie – Dr. Dr. med. Lutz Aderhold, Prof. Dr. Dr. med. Iris Reuter und Prof. Dr. med. Martin Engelhardt

By GRR 0

Bedeutung von Prävention und Sport für die Gesellschaft

Die Gesundheitsausgaben in Deutschland betragen über 500 Milliarden Euro im Jahr. Dies entspricht ca. zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes und stellt den höchsten Wert in der EU dar. Trotzdem liegt die Lebenserwartung in Deutschland mit 78,9 Jahren für Männer und 83,5 Jahren für Frauen (2024) unter dem EU-Durchschnitt.

Dies liegt nicht an der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems, sondern an mangelnder Prävention und fehlgesteuerten Leistungsanreizen im Gesundheitssystem. Ca. 80 Prozent der zu behandelnden Krankheiten sind sogenannte Zivilisationserkrankungen und könnten durch gezielte Prävention drastisch reduziert werden.

Die volkswirtschaftlichen Kosten des Tabakkonsums in Deutschland werden auf 97 Milliarden Euro geschätzt. Die Kosten für Adipositas betragen jährlich ca. 63 Milliarden Euro und für Alkoholkonsum ca. 57 Milliarden Euro. Bewegungsmangel/körperliche Inaktivität ist bereits der vierthäufigste Risikofaktor für die globale Mortalität.

Public Health Index (PHI)

Der Public Health Index (PHI) wurde 2025 erstmals gemeinsam vom AOK-Bundesverband und dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) initiiert. Der Index vergleicht den Umsetzungsgrad wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen in 18 Ländern aus Nord- und Zentraleuropa. Er berücksichtig vier zentrale Behandlungsfelder: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Diese gelten als wesentliche Risikofaktoren für die Entstehung vermeidbarer nicht-übertragbarer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes mellitus oder Adipositas. Untersuchungen haben gezeigt, dass ein gesunder Lebensstil die Auswirkungen von lebensverkürzenden Genen um mehr als 60 Prozent ausgleichen kann.

In der Untersuchung belegte Deutschland im PHI-Rang 17 von 18 untersuchten Ländern. An der Spitze des Rankings standen die Länder Großbritannien, Finnland, Irland, Norwegen und Frankreich. Diese Länder hatten wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen wie verbindliche Standards für Schulessen, hochwirksame Besteuerung bei Tabak, Alkohol und zuckerhaltigen Getränken, umfassende Werbebeschränkungen und Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen durchgesetzt. Die Studie zeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen und Appelle zur Eigenverantwortung keine ausreichende Wirkung zeigen.

WHO Germany Country Physical Activity Factsheet 2024

Die WHO veröffentlichte einen Überblick über die körperliche Aktivität und die Politik zur Bewegungsförderung auf Basis nationaler Daten und vergleichbarer Indikatoren. In dieser Studie zeigte sich, dass in Deutschland nur ca. 26 bis 29 Prozent der Erwachsenen die WHO-Empfehlungen für 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche erfüllen. Deutschland hat die Implementierung der WHO-Leitlinien nicht umgesetzt. Die Integration von körperlicher Aktivität in Bildung, Stadt- und Verkehrsplanung wird lediglich mit dem Activ-City-Konzept des Bundeslandes Hamburg bereits erfolgreich umgesetzt.

UNICEF „Kinderwohl-Index“ für Deutschland

In der von UNICEF auf der Datenbasis von 2018 bis 2022 erhobenen Daten liegt Deutschland im „Kinderwohl-Index“ im unteren Mittelfeld der reichen Länder und hat sich sogar in den letzten Jahren in mehreren wichtigen Wohlstands- und Bildungsindikatoren deutlich verschlechtert. Deutschland liegt in dem Ranking auf Platz 25 von 43 OECD- und EU-Ländern. Der Anteil übergewichtiger Kinder liegt stabil bei etwa 25 Prozent ohne Verbesserung. Die schulischen Leistungen sind deutlich zurückgegangen, die Lebenszufriedenheit und die mentale Gesundheit von Jugendlichen zeigen Verschlechterungstrends. Auffällig ist insbesondere die Ungleichheit zwischen Kindern aus unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Verhältnissen, wobei insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien mit schlechteren Startbedingungen davon betroffen sind.

Forderungen an die Politik und die für die Gesellschaft verantwortlichen Gremien

Folgende Maßnahmen sollten von der politischen Führung in enger Zusammenarbeit mit dem Sport, den Schulen und den Beschäftigten im Gesundheitswesen durchgeführt werden:

  1. Änderung der Ausrichtung von einer rein kurativen zu einer präventiven Medizin
  2. 60 Minuten qualifizierter Sportunterricht pro Tag, verbindlich durch gesetzliche Festlegung
  3. Schaffung der Gesundheitskompetenz im Bildungssystem Schule durch Einführung des Faches „Gesundheit“ (mit dem Schwerpunkt Gesundheits-Aufklärung, gesunde Ernährung, Umgang mit Stress und Motivation zum lebenslangen Sporttreiben).
  4. Vorhaltung und Weiterentwicklung von Sportstätten.
  5. Schärfung einer Umgebung, die das Gehen, Radfahren und aktives Unterwegssein im Alltag einfach und selbstverständlich macht.
  6. Steuern auf Nikotin und Alkohol erhöhen und bei Zucker einführen. Umfassende Werbebeschränkungen bei Alkohol, Tabak und zuckerhaltigen Getränken.
  7. Politische Maßnahmen, um die Chancenungleichheit abzubauen und Kinder aus benachteiligten Familien zu unterstützen.

Nutzen der von uns vorgeschlagenen Maßnahmen für den einzelnen Menschen

Die für die gesamte Gesellschaft wissenschaftlich belegten erfolgreichen nationalen Beispiele können insbesondere in den skandinavischen Ländern anschaulich verfolgt werden.

Mit den aufgeführten Maßnahmen können folgende Ziele erreicht werden:

  • Lebenszufriedenheit, mentale Gesundheit und die schulischen Leistungen würden verbessert,
  • der gesellschaftliche Zusammenhalt würde insbesondere durch den Sport gesteigert,
  • die Kosten des Gesundheitssektors könnten deutlich gesenkt werden,
  • der Erhalt der Demokratie würde gefördert werden,
  • mit körperlicher Aktivität gemäß der WHO-Empfehlungen sowie korrekt eingestellten Blutdruck- und Blutzucker-Werten könnte die Demenz um 37 Prozent gesenkt werden.

Damit dies erreicht werden kann, ist ein politischer Wille parteiübergreifend erforderlich.

Eine Olympiabewerbung Deutschlands unter dem Motto „Deutschland wieder fit machen“ könnte eine Bewegung zur Umsetzung der aufgeführten Ziele unterstützen.

Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
Prof. Dr. Dr. med. Iris Reuter
Prof. Dr. med. Martin Engelhardt (DOSB-Vizepräsident)

Literatur:
Sports Orthopaedics and Traumatology 2026; 42  

Keine Haftung für Läufer bei offiziellen Laufveranstaltungen – Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Der Kälte zum Trotz – Laufen bei extremer Kälte – Den Winter nutzen – Windchill – Die gefühlte Temperatur – Hinweise von Dr. Dr. Lutz Aderhold

Robert-Koch-Institut (RKI): Gesundheit in Deutschland 2025 – Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

 

author: GRR