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02
2026

Olympische Wnterspiele Milano and Cortina 2026 - Logo

Zum Auftrag Olympischer Spiele in einer sich neu ordnenden Welt – sport-nachgedacht.de – Prof. Dr. Helmut Digel

By GRR 0

Olympische Spiele sind heute wichtiger denn je

Für mich erscheinen die Ideen des modernen Olympismus, wie sie uns von Pierre de Coubertin aufgezeigt wurden, heute wichtiger denn je zu sein und die damit verbundenen Olympischen Spiele, alle vier Jahre als Sommer- und Winterspiele ausgetragen, sind in ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung wohl kaum zu unterschätzen.

Gleichzeitig dürfen Sie aber auch nicht überschätzt werden. Doch sie sind nach wie vor nahezu der einzige Ort auf unserer Erde, an dem sich eine ansonsten von ideologischen Widersprüchen und politischen Konflikten geprägten Weltgesellschaft über einen Zeitraum von wenigen Wochen einigermaßen friedlich begegnet und in allen Sprachen dieser Welt ein Versuch  zu einer Verständigung stattfindet.

Es ist wohl lediglich eine Verständigung über Wettkämpfe, die Wettkämpfer aus sämtlichen Nationen dieser Welt miteinander austragen wollen. Doch es ist eine Verständigung, bei der jeder willkommen ist, ganz gleich, ob schwarz oder weiß, ob Christ, Jude, Moslem oder Buddhist, ob vermögend oder eher aus einfachen Verhältnissen kommend, und bei der jeder und jede seine Sprache sprechen darf, bei der die „Face to Face“ Begegnung im Mittelpunkt steht. Dies in einer Welt, in der man sich fast nur noch digital und audiovisuell begegnet durchaus etwas ganz besonderes. Es ist in der digitalen neuen Welt nahezu der einzige Ort, wo man sich leibhaftig mit anderen Menschen auseinandersetzt, wo der Leib der Menschen präsent ist.

Der ehemalige Präsident hat ein stabiles Haus hinterlassen

IOC-Präsident Thomas Bach hat während seiner Amtszeit das IOC reformiert, es zukunftsfähig gemacht und er hat ein geordnetes Haus hinterlassen, in dem die neue Führung des IOC   nun ihren eigenen Weg gehen kann und sich den überall schon sichtbaren und sich abzeichnenden neuen Herausforderung stellen muss.

Man kann es begrüßen, dass die ersten Monate der Amtszeit der neuen IOC- Präsidentin massenmedial mit großem Wohlwollen begleitet wurde. Ihre erste größere Rede vor der IOC- Session in Mailand vor wenigen Tagen ist überwiegend positiv aufgenommen worden. Angesichts der Tatsache, dass dabei eigentlich nichts Neues vorgetragen und diskutiert wurde, sondern lediglich längst bekannte Themen in eine weibliche Diktion überführt wurden, konnte diese überwiegend positive Reaktion wohl etwas überraschen. Die Teilnahme neutraler Athleten unter olympischer Flagge bei den Olympischen Winterspielen in Milano/Cortina bedeutet eine Fortführung der von Bach erreichten und angestrebten politischen Neutralität des IOC und seines Engagements zu Gunsten der Athleten, die nicht den derzeit überall bestehenden politischen Konflikten geopfert werden dürfen.

Die Ablehnung jeglicher Boykottmaßnahmen von sportlichen Großveranstaltungen mit dem Hinweis, dass die Politik ihr eigenes Geschäft zu machen hat und sich nicht eines unabhängigen Sports für deren Interessen bedienen darf, wurde von niemandem konsequenter vertreten als vom ehemaligen IOC Präsidenten Bach. Es war geradezu naheliegend, dass die neue Präsidentin dieser Position folgte und der hoffentlich niemand widersprechen wird.

Die Tatsache, dass die Olympischen Spiele einem Wandel unterliegen müssen, eine fortlaufende Reformarbeit dringend erforderlich ist, wurde in der „Agenda 2020 und 2020 +5“ festgeschrieben und so war es geradezu zwingend, dass die neue Präsidentin eine Programm-Kommission berufen hat, die sich mit der schwierigen Frage zu beschäftigen hat, welche Sportarten zukünftig in welcher Form den Inhalt der Olympischen Spiele darstellen werden.

Es mag ja sein, dass im Olympischen Haus in Lausanne mit der neuen weiblichen Führung auch ein neuer Wind weht und eine neue Atmosphäre herrscht, dass die tägliche Arbeit mit einem neuen Führungsstil gesteuert wird und das in gewisser Weise eine „feministische Sportpolitik“ in das IOC eingekehrt ist, die man vor dem Hintergrund der Altherrenriege der Vergangenheit durchaus als eine Innovation bezeichnen kann. Angesichts der Tatsache, dass der alte Hausherr eine äußerst penible Verwaltungsarbeit pflegte, jede Sitzung bestens vorbereitet war und Tagesordnungen einer ständigen Überprüfung standhalten mussten, kann man sich sehr gut vorstellen, dass unter der neuen Führung ein Teil des Personals aufatmet und ganz neue Freiheiten für sich erkennt, die sich jedoch sehr schnell auch als Wunschdenken erweisen könnten. In Bezug auf jenes, auf was es eigentlich ankommt, hat sich allerdings bis heute  nur sehr wenig oder gar nichts verändert und die Frage der Zukunft der Olympischen Spiele ist offener denn je.

Herausforderungen für die neue Führung

Für die neue Führung des IOC stellen sich sehr schwierige und dringende Herausforderungen, die möglichst schnell zu bearbeiten und zu beantworten sind. Mindestens fünf Herausforderungen müssen hier erwähnt werden.

  • Die erste Herausforderung ist dabei von zentraler Bedeutung, denn es geht um die Frage, inwieweit die neue Führung des IOC konsequent die Werte-Ordnung in der Olympischen Charta beachtet und sie auch bei ihren anstehenden sportpolitischen Entscheidungen angemessen berücksichtigt.Innerhalb des IOC wird von immer mehr Mitgliedern die Auffassung vertreten, dass die Olympischen Spiele größer und ökonomisch bedeutsamer werden müssen, um zukünftig im Vergleich zur Fußballweltmeisterschaft konkurrenzfähig zu sein. Der Vorschlag, die Spiele zeitlich zu verlängern, liegt dabei ebenso auf dem Tisch, wie die ökonomische Ausweitung der Spiele durch die gleichzeitige Beteiligung von mehreren Metropolregionen mit ihren großen Märkten. Aus der Sicht von ökonomischen Experten mögen solche Vorschläge nahe liegend sein. Verlängert sich die Dauer der Spiele und finden sie gleichzeitig in mehreren Großstädten eines Landes statt oder finden sie gar in verschiedenen Metropolregionen gleich mehrerer Länder statt, so wird das Vermarktungs-Volumen dieser Spiele enorm anwachsen. Das IOC würde sich dabei des „geistlosen und größenwahnsinnigen Vorbilds“ eines Herrn Infantino bedienen, das nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten verantwortungslos ist. Vermutlich wären solche Spiele unter massemedialen Gesichtspunkten ein großer Erfolg. Wer so denkt, der würde auch eine entscheidende Mehreinnahme für das IOC durch die Einführung von Bandenwerbung und durch die Werbung am Mann begrüßen. Er würde somit das bisherige „Alleinstellungsmerkmal der Olympischen Spiele“ gegenüber allen übrigen sportlichen Großereignissen ad acta legen. Das Ganze würde einer Geldgier dienen, die bereits seit langer Zeit den internationalem Sport prägt und von der ganz offensichtlich immer mehr Funktionäre des Sports befallen sind. Zu dieser Preisgabe des Olympismus an den Kommerz gehören auch Initiativen wie jene von World Athletics Präsident Coe mit der Bezahlung von Preisgeldern für Olympische Medaillen. Auch die noch immer anhaltende Diskussion über die Verteilung der IOC-Einnahmen zu Gunsten einer direkten Ausschüttung an die teilnehmenden Athleten ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

Wird das IOC zukünftig diesen Weg gehen so wird am Ende ein „sportliches Großevent“ stehen, dass ohne jegliche eigenständige Philosophie lediglich von den Regeln des Marktes beherrscht wird. Mit der ursprünglichen Idee von Olympischen Spielen werden diese Ereignisse nicht mehr in Verbindung zu bringen sein.

  • Die Frage nach der Dauer der Spiele und nach den Marktplätzen, auf denen die Spiele ausgetragen werden, hängt auf das engste auch mit der Frage zusammen, welche sportlichen Inhalte, welches sportliche Programm zukünftig diese Spiele prägen werden. Schon in der Vergangenheit wurde die Frage, welche Sportart aus welchem Grund olympisch sein kann und warum andere Sportarten dieses Qualitätskriterien nicht erhalten haben nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für Experten auf völlig undurchsichtige Weise beantwortet. Wohl gibt es genaue Regeln, unter welchen Bedingungen eine Sportart olympisch werden kann, doch konsequent eingehalten wurde sie nie und da der Gastgeber zukünftiger Spiele das Recht hat, zur Absicherung seines eigenen Erfolgs einige Sportarten hinzuzufügen, besteht seit langem ein fragwürdiger Wechsel in Bezug auf das jeweilige sportliche Programm, das bei Olympischen Spielen angetroffen werden kann. Dabei ist es gewiss nicht zu bestreiten, dass ein Programmwechsel immer wieder erforderlich sein muss, dass das Programm also durchaus ein Reform-Thema einer jeden neuen Führung des IOC sein wird. Die Frage, die sich stellt, ist jedoch jene, welche externen Einflüsse bei der Entscheidung über das zukünftige Programm anzutreffen sind und ob diese Einflüsse der Zukunft des modernen Olympismus guttun. Die neue IOC- Führung hat in der jüngsten Session in Milano lediglich darauf hingewiesen, dass sich keine der bestehenden olympischen Sportarten sicher sein darf, dass sie zukünftig auch weiterhin diesen Status behalten wird. Dieser Hinweis ist keineswegs revolutionär. Er müsste eigentlich schon immer eine Selbstverständlichkeit sein und an der Diskussion, wie das zukünftige, olympische Programm zu gestalten ist, müssten sich all jene beteiligen, die mit ihrer Sportart sich zum Ziel gesetzt haben, dem erlauchten Kreis der Olympischen Sportarten anzugehören. So verständlich die Androhung der neuen IOC-Präsidentin war so problematisch ist sie allerdings auch wenn die Präsidentin mit ihrer Exekutive sich ihres Weges nicht sicher ist, wie die Programmreform durchgeführt werden muss. Will man diese Frage beantworten, benötigt man transparente und inhaltlich nachvollziehbare Kriterien, mit denen die zukünftige Auswahl der Sportarten begründet werden kann. Gibt man diese Frage dem sportpolitischen Machtspiel der Funktionäre preis, so hat man das Spiel um ein zukünftiges olympisches Programm bereits verloren. Genau diese Gefahr ist durch die Rede von Milano nun entstanden. Es bleibt abzuwarten, wie die neue Präsidentin ihre Führung in dieser schwierigen Aufgabe wahrnimmt und welche Experten sie dabei beraten und wie sie bereit ist, egoistischen politischen Interessen entschieden entgegen zu treten. Dies ist somit die „Bewährungsprobe Nummer 2“ für die neue Präsidentin.
  • Es ist unter Wissenschaftlern unbestritten, dass es neben dem männlichen und weiblichen Geschlecht weitere Geschlechter gibt und geben kann. Die Frage nach der Bestimmung des Geschlechts von Athleten und Athleten bei Olympischen Spielen hat den Charakter einer unendlichen Geschichte, und derzeit besteht die Gefahr, dass sich die Fehler der Vergangenheit noch einmal wiederholen, die man bei der Beantwortung dieser schwierigen Frage gemacht hat. Wie wird zukünftig das weibliche und das männliche Geschlecht definiert das an Olympischen Spielen teilnehmen darf? Werden Räume für Wettkämpfe geschaffen, in denen sich die Athleten eines Dritten Geschlechts miteinander messen können. Welche Maßnahmen werden ergriffen, dass eine Diskriminierung von Menschen mit Intersexualität (DSD: Differences/Disorders of Sex Development) und von Transsexuellen ausgeschlossen wird?

Das IOC hat die Verpflichtung und den Auftrag, dass es diese Frage stellvertretend für alle internationalen Fachverbände des Sports beantwortet. Dabei wird von entscheidender Bedeutung sein, dass gefährliche politische Einflüsse wie sie derzeit in den Vereinigten Staaten von Amerika zu beobachten sind bei der Beantwortung der Frage grundsätzlich ausgeschlossen wird. Dies ist die nächste „Bewährungsprobe Nummer 3“ für die neue Führung des IOC.

  • Die „vierte Bewährungsprobe“ der neuen IOC- Präsidentin stellt sich über die Frage wie das IOC bei den zukünftigen Olympischen Spielen in Los Angeles verhindert, dass sich ein autokratischer Präsident in die ureigensten Belange des IOC einmischt und Einfluss nimmt auf die in der olympischen Charta festgelegten Regeln. Wie verhindert das IOC, dass die Spiele durch den derzeitigen Präsidenten der USA in ähnlicher Weise missbraucht werden wie sie in der Vergangenheit bereits mehrfach durch Diktatoren und Autokraten missbraucht wurden.
  • Wie verhält sich das IOC gegenüber seinen Mitgliedern, in deren Nationen gravierende Menschenrechtsverletzungen stattfinden und es dabei nachweislich zu erkennen ist, dass sich diese Mitglieder in ihren eigenen Nationen für den Schutz der Menschenrechte bis heute nicht eingesetzt haben?

Für die neue IOC Präsidentin ist die Menschenrechtsfrage eine ganz besondere Bewährungsprobe. Als Mitglied der Regierung ihres Heimatlandes hatte sie sich auf diesem Gebiet bisher nicht oder nur völlig unzureichend ausgezeichnet. Im Gegenteil: Sie hat eine Karriere als erfolgreiche Olympionikin in einem Land aufzuweisen, in der in der jüngeren Vergangenheit erhebliche Menschenrechtsverletzungen zu beklagen waren. Aktuell macht es gewiss keinen Sinn der neuen IOC-Präsidentin ihre Vergangenheit zum Vorwurf zu machen.

Es wird vielmehr nun darauf ankommen, dass die neue Präsidentin gemeinsam mit ihrer Exekutive eine glaubwürdige Position einnimmt, aus der heraus sie sich für die Einhaltung der Menschenrechtskonvention einzusetzen weiß. Angesichts der Schwierigkeiten, in der sich die UN befindet, wird es darauf ankommen, dass das IOC sich als ein besonderes Zentrum zur Bewahrung der Menschenechte bewährt.

  • Damit ist indirekt auch die wohl wichtigste, die „fünfte Bewährungsprobe“ genannt, die für das IOC schon lange bestanden hat, der sie aber immer nur ängstlich oder gar nicht nachgekommen ist. Das IOC kann sich zurecht als eine außergewöhnliche Friedensbewegung bezeichnen, die einmalig in der Welt ist und die auch für einen zukünftig wünschenswert Weltfrieden einen bedeutsamen, symbolischen Beitrag erbringt, indem es mit seiner Konzeption eines „Friedens auf Zeit“ (Olympic Truce) modellhaft, zeigt wie Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Ideologien, unterschiedlicher Religionen und Ethnien in einem bewusst sehr kurz definierten Zeitraum auf engem Raum friedlich zusammenleben können. Das Symbol dieses Friedens ist das „Athleten-Dorf“, das für zukünftige Spiele deshalb auch unverzichtbar sein muss. Doch der Friedensauftrag des IOC wird damit nur zur Hälfte erfüllt. In der heutigen krisenhaften, zerklüfteten, von Kriegen belasteten Welt, in einer Welt, die aktuell neu geordnet wird und dabei neue gefährliche Machtstrukturen entstehen, durch die ein globaler Friede immer mehr gefährdet wird, bedarf es einer politisch unabhängigen IOC- Führung, die den Mut hat, sich als Mediator und Moderator bei allen dringend erforderlichen Friedensbemühungen einzubringen.
  • Es gibt wohl kaum ein geeigneteres Haus als das Olympische Haus des IOC in Lausanne, in dem zukünftige Friedensverhandlungen stattfinden sollten.

Letzte Bearbeitung: 12. Februar 2026

Prof. Dr. Helmut Digel
Eberhard Karls Universität Tübingen
Institut für Sportwissenschaft
Wilhelmstr. 124 – 72074 Tübingen – Germany
Mobil: +49 162 2903512 – Tel. 00498641 6997330
 

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