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21
02
2026

Olympische Wnterspiele Milano and Cortina 2026 - Logo

Wie hat sich Australien – besser bekannt für seine Strände als für Schneeberge – zu einem konsequenten Leistungsträger der Olympischen Winterspiele entwickelt? Gastbeitrag Kieran Pender – sport-nachgedacht.de – Prof. Dr. Helmut Digel

By GRR 0

1936 schrieb Kenneth Kennedy Geschichte als Australiens erster Winterolympionike.

Es war ein einsames Unternehmen; Kennedy war nicht nur der einzige Vertreter Australiens bei den deutschen Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen sondern als Eisschnellläufer startete er ohne jegliche Unterstützung, ohne technische Mitarbeiter und ohne australische olympische Offizielle.

Seit diesen ungünstigen Anfängen mussten fast sechs Jahrzehnte vergehen, bevor Australien seine erste olympische Wintermedaille gewann; Bronze in der 5000-Meter-Eislauf-Staffel der Männer (Steven Bradbury – später wurde er Australiens berühmtester Winter-Olympiasieger – war Mitglied des Teams). Nach einer langen Zeit der „Hungersnot“ erwartet die Australier jetzt alle vier Jahre ein „mehrgängiges Menü“ für bei Olympischen Winterspielen – wenn nicht sogar ein „Medaillenfest“.

Australien hat bei allen Winterspielen seit dieser Bronze im Jahr 1994 Medaillen gewonnen. Nach dem Rekorderfolg der Goldmedaille in den Jahren 2002 und 2010 (jeweils zwei Goldmedaillen) und einem historischen Gesamterfolg im Jahr 2022 (insgesamt vier Medaillen) sind die Spiele von Milano/ Cortina 2026 mit bislang 6 Medaillen Australiens beste Olympische Winterspiele aller Zeiten.

Einst ein Schwergewicht der Sommerspiele und ein „kleiner Fisch“ bei Winterspielen, präsentiert sich die Nation jetzt weit über ihrem „Gewicht“ auf einem der vordersten Plätze der Medaillentabelle; die Australier liegen derzeit auf Platz 14, wobei die Spiele noch bis Sonntag laufen.

Australiens erste Woche in Italien war erfüllt mit einem komprimierten und beispiellosen Medaillenerfolg. Cooper Woods begann die Medaillenflut mit Gold bei den Herrenmoguls am Donnerstag, bevor Josie Baff einen Tag später ein weiteres Gold im Snowboard-Cross hinzufügte, während Scotty James Australiens am meisten dekorierte Winterolympionike mit Silber im Snowboard-Halfpipe wurde. Am Samstag erzielte dann Jakara Anthony die dritte Goldmedaillen in drei aufeinanderfolgenden Tagen für das Team Australien – er überwand seine Enttäuschung bei den „Moguls“, um die „Doppelmoguls“ in nachdrücklichem Stil zu erobern. Am Sonntag rundete Matt Graham den Medaillenerfolg mit Bronze in den Doppelmoguls der Männer ab.

Vier Tage, fünf Medaillen, dreimal Gold – eine außergewöhnliches Ergebnis bei Olympischen Winterspielen für Australien.

Wie hat eine Nation, die besser für ihre Strände als für ihre schneebedeckten Berge bekannt ist, zu einer derart beständigen winterolympischen Leistung gelangen können?

Dieser Erfolg ist zum Teil auf eine clevere Strategie und eine gezielte Ressourcenzuweisung zurückzuführen. Es ist bemerkenswert, dass in den 16 Disziplinen, die bei diesen Spielen ausgetragen wurden, alle Medaillen Australiens aus nur zwei Disziplinen resultieren: Freestyle-Skifahren (Moguls) und Snowboarden. Seit Australiens Mogulprogramm im Jahr 1998 konzipiert wurde, hat es 12 Weltmeisterschaftsmedaillen und jetzt vier olympische Goldmedaillen hervorgebracht.

Vermehrte Investitionen in neue Sportstätten und Einrichtungen waren dabei mit entscheidend. „Toppa’s Dream“-ein Weltklasse-Mogul-Kurs, benannt nach dem bei Olympischen Winterspielen erfahrenen Trainer Peter Topalovic – wurde vom Perisher Ski Resort und dem Olympic Winter Institute of Australia (OWIA) ins Leben gerufen. Letztes Jahr hat die OWIA in noch mehr Schneekanonen investiert, um optimale Trainingsbedingungen zu gewährleisten.

Die Wintersportorganisationen haben zusammen mit der Bundesregierung und der Regierung von Queensland auch eine neue Wasserrampenanlage in Brisbane gebaut, um es Aereal- und Mogul-Skifahrern zu ermöglichen, ihre Flugfähigkeiten über dem Wasser zu üben. Die Idee und die Tradition, Turner in Skifahrer zu verwandeln, erklärt, wie Australien in der Lage war, in bewusst ausgewählten Winterdiszisziplinen zuverlässige Leistungen zu erbringen, obwohl es keine einzige schneebedeckte Skisprunganlage mit Naturschnee im Land gibt.

Aber trotz des Erfolgs der letzten Woche gibt es schon seit längerem Befürchtungen vor schwierigeren Zeiten. Die Erhöhung der Mittel der Bundesregierung für Sommersportarten vor den Heimspielen in Brisbane 2032 hat bei den Wintersportverbänden Bedenken ausgelöst, dass der Wintersport gekürzt werden könnte. „Ich hoffe wirklich, dass der Wintersport nicht vergessen wird“, sagte die Missionschefin Alisa Camplin kürzlich.

In der Tat war es bemerkenswert, dass der Mogul-Skifahrer Jakara Anthony, kurz nachdem er als erster australischer Winter-Olympiasieger zwei Goldmedaillen gewonnen hatte, die Bundessportministerin Anika Wells mit der Aussage konfrontierte: „Ich denke, wir haben gezeigt, dass wir erfolgreich wie nie zuvor sind und dass wir unsere besten Spiele aller Zeiten erleben“. „Ein Grund dafür ist auf die kontinuierliche Unterstützung zurückzuführen, die wir von Anika Wells in Australien erhalten haben.“ Es war ein höchst ungewöhnlicher Kommentar eines Athleten, wie der langjährige australische Sportpolitikbeobachter Greg Blood betonte.

Da dem Wintersport die umfassende kommerzielle und öffentliche Unterstützung ihrer Sommerkollegen fehlt, ist eine mögliche Reduzierung der staatlichen Finanzierung umso kritischer zu beurteilen. Und obwohl diese Finanzierung in den letzten Jahren gesichert war, war ihre Höhe nur ein Bruchteil der Unterstützung wie sie andere Sportarten erhalten. Im letzten Geschäftsjahr erhielt Snow Australia, der offizielle Fachverband für Skifahren und Snowboarden, nur 1,7 Millionen US-Dollar an Fördermitteln für Kaderathleten, gerade mal so viel Softball und Bowls und weniger als Lacrosse und Boxen.

Ernsthafte Bemühungen, die bei den Athleten und Athletinnen aufkommenden Ängste zu überwinden, sind somit erforderlich. Die Planung des nächsten Vierjahreszyklus wird in den kommenden Wochen beginnen. Doch zunächst könnte in Italien vielleicht noch mehr Ruhm erwartet werden. Bree Walker und ihre Bob-Schlittenpartnerin Kiara Reddingius haben als Außenseiter eine Medaillenchance, während Australiens jüngstes Teammitglied – die 16-jährige Indra Brown – zu den Favoriten im Freestyle-Ski-Halfpipe-Event gehört. Die viermalige Olympiateilnehmerin Danielle Scott ist vielleicht auch auf Medaillenkurs im Aerial-Kunstwettbewerb.

Von einem Konkurrenten im Jahr 1936 bis hin zu über 50 Teammitgliedern neun Jahrzehnte später hat Australien seine geografischen und klimatischen Nachteile überwunden, um ein olympischer Stammgast bei Winterspielen zu werden.

Aber ist Milano Cortina der Gipfel für das Team Australien oder nur ein neues Basislager?

Dieser Beitrag erschien erstmalig in englischer Sprache am 17. Februar 2026 in der englischen Zeitung The Guardian.

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