Michel Bréal - Portrait -- © Wikipedia / gemeinfrei
Wenn Bréal wüsste – Wie ein Brief die Welt zum Laufen brachte – Johannes Langer in RunUp
Wenn Sie nach Athen gehen, könnten Sie doch versuchen, ob nicht ein Lauf von Marathon zur Pnyx organisiert werden kann.“
Es ist der 15. September 1894.
Michel Bréal sitzt im schweizerischen Glion und schreibt an Pierre de Coubertin. Bréal ist Philologe, Sprachwissenschaftler, Mitglied des Institut de France – ein Mann also, der sich beruflich damit beschäftigt, wie Wörter entstehen, sich verändern und irgendwann etwas anderes bedeuten als zu Beginn.
Am Ende seines Briefes macht er beinahe beiläufig einen Vorschlag: einen langen Lauf von Marathon nach Athen. Das würde den neuen Olympischen Spielen etwas vom Geist der Antike geben. Und weil Ideen überzeugender wirken, wenn jemand selbst etwas dafür einsetzt, bietet Bréal gleich noch an, den Pokal für den Sieger zu stiften.
Mehr nicht.
Man möchte ihm heute diesen Brief noch einmal auf den Tisch legen und daneben ein Smartphone.
New York. Berlin. London. Tokio. Chicago. Boston. Sydney. – Aber auch Wien, Prag, Paris, Rom, Madrid, Lissabon und sogar Salzburg.
Zehntausende Menschen an Startlinien. Hunderttausende an den Straßen.
Liveübertragungen, Sponsoren, Reiseveranstalter, Hotels, Carbonplatten, Superschuhe, GPS-Uhren, Trainingsplattformen, Startplatzlotterien und Medaillen, die Monate vor dem Rennen auf Instagram präsentiert werden.
Und dann müsste man Michel Bréal erklären, dass aus seiner kleinen Idee ein weltweites Milliardengeschäft geworden ist. Wahrscheinlich wäre das der Augenblick, in dem der Sprachwissenschaftler mehr staunen würde als der Sportfreund.
Denn Bréal hat nicht nur einen Wettkampf erfunden. Er hat, ohne es wissen zu können, ein Wort in die Welt gesetzt, das sich längst von seiner ursprünglichen Bedeutung gelöst hat.
Legende trifft Gegenwart: Das Ziel des Athen Marathon befindet sich noch heute im Panathinaiko Stadion, Schauplatz der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit und damit auch der Realisierung Bréals Idee im Jahr 1896. © SIP / Johannes Langer
Heute wird fast alles zum Marathon, sobald es lange dauert, Kraft kostet und das Ende ungewiss erscheint: Verhandlungsmarathon, Wahlkampfmarathon, Sitzungsmarathon, Serienmarathon. Niemand bezeichnet eine Nachtsitzung bis sechs Uhr morgens als Zehntausendmeterlauf.
Marathon ist zur Chiffre geworden.
Für Ausdauer. Für Beharrlichkeit. Für Grenzerfahrung. Für etwas, das nicht schnell erledigt werden kann. 1896 wurde Bréals Idee bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit Wirklichkeit. Der Grieche Spiridon Louis gewann den Lauf und erhielt jenen silbernen Pokal, den Bréal gestiftet hatte. Die heute selbstverständlichen 42,195 Kilometer waren damals noch gar nicht festgelegt.
Aber das Entscheidende war ohnehin schon passiert: Eine historische Erzählung hatte eine moderne Form bekommen.
Und diese Form begann zu wachsen.
Der Marathon eroberte die Städte. Heute verändert er für einige Stunden ganze Metropolen. Straßen, die normalerweise Autos gehören, gehören plötzlich Menschen. Fremde reichen Fremden Wasser. Kinder halten Schilder hoch. Musiker spielen an Kreuzungen. Menschen reisen um die halbe Welt, um 42,195 Kilometer zurückzulegen und am Ende oft wenige hundert Meter von jenem Ort entfernt anzukommen, an dem sie gestartet sind.
Ökonomisch betrachtet ist daraus längst ein eigenes Ökosystem geworden: Laufschuhe und Bekleidung, Uhren und Ernährung, Trainingsreisen, Startgelder, Hotels, Flugreisen, Medien, Sponsoring, Stadtmarketing und, und, und …. Ein großer Marathon ist heute gleichzeitig Sportveranstaltung, touristisches Großereignis, Kommunikationsplattform und Wirtschaftsfaktor.
Und die Entwicklung ist keineswegs abgeschlossen. World Athletics will ab 2030 eigenständige Marathon-Weltmeisterschaften etablieren. Jene Disziplin, die einmal als ein paar Zeilen in einem privaten Brief begann, erhält damit noch einmal eine eigene globale Bühne.
Doch vielleicht wäre das Geschäft gar nicht das Erstaunlichste für Bréal.
Viel erstaunlicher wäre, was seine Idee mit dem Alltag von Millionen Menschen gemacht hat. Denn nur ein verschwindend kleiner Teil der Marathonläufer tritt an, um ein Rennen zu gewinnen. Für die meisten liegt der eigentliche Wert lange vor dem Startschuss.
Irgendwann steht diese Zahl im Kopf: 42,195.
Und plötzlich geht jemand dreimal pro Woche laufen. Entdeckt den langen Lauf am Sonntag. Achtet stärker auf Schlaf und Ernährung. Bewegt sich regelmäßig. Verabredet sich mit anderen. Wird Teil einer Laufgruppe. Verliert Gewicht oder gewinnt schlicht das Gefühl zurück, dem eigenen Körper wieder etwas zuzutrauen.
Natürlich ist der Marathon selbst nicht automatisch gesund. Wer schlecht vorbereitet startet, körperliche Warnzeichen ignoriert oder die Distanz zum Selbstzweck macht, kann sich damit ebenso schaden. Seine große gesundheitliche Wirkung liegt deshalb weniger in jenen 42 Kilometern am Renntag als in den Wochen und Monaten davor.
In der Regelmäßigkeit.
In der Bewegung.
In einem aktiveren Leben.
Vielleicht ist das die größte Wirkung von Bréals Einfall.
Er wollte den neuen Olympischen Spielen einen Hauch Antike geben. Entstanden ist ein modernes Ritual.
Menschen feiern heute ihren fünfzigsten Geburtstag mit einem Marathon. Sie laufen nach persönlichen Krisen, großen Veränderungen oder ihr Leben lang. Sie sammeln damit Geld für andere. Sie reisen gemeinsam zu Rennen. Manche brauchen etwas mehr als zwei Stunden, andere fünf oder sechs.
Und erstaunlicherweise erzählen hinterher fast alle eine ähnliche Geschichte: dass der Weg zum Marathon länger und wichtiger gewesen sei als das Rennen selbst.
Am 15. September 2026, exakt 132 Jahre nach Bréals Brief, wird auf dem Friedhof Montparnasse in Paris sein restauriertes Grabmal präsentiert. AIMS finanziert die vollständige Restaurierung und den neuen Gedenkstein. Gemeinsam mit der Michel-Bréal-Gesellschaft wird damit ein Mann zurück ins Bewusstsein der internationalen Laufszene geholt, dessen Name neben seiner eigenen Idee beinahe verschwunden ist.
Das ist mehr als Denkmalpflege.
Der Sport ist hervorragend darin, Sieger zu feiern, Rekorde zu speichern und Hundertstelsekunden zu archivieren. Mit den Menschen hinter seinen Ideen geht er mitunter weniger sorgfältig um. Dabei beginnt jede große Bewegung irgendwann mit einem Gedanken, der zunächst vollkommen unspektakulär aussieht.
Bréals Gedanke passte in wenige Zeilen.
Heute laufen Menschen überall auf der Welt diese Zeilen gewissermaßen zu Ende. Und vielleicht liegt darin die schönste Pointe der Geschichte: Ausgerechnet Michel Bréal, einer der Begründer der modernen Semantik, könnte an seinem eigenen Beispiel studieren, wie vollständig sich die Bedeutung eines Wortes verändern kann.
Marathon.
Zuerst ein Ort in Griechenland.
Und eine Schlacht.
Dann ein Lauf.
Heute ein Wirtschaftsfaktor, ein Lebensziel, ein Gesundheitsmotiv, eine Metapher – und für Millionen Menschen die Antwort auf eine sehr persönliche Frage:
Wie weit kann ich kommen, wenn ich nicht stehenbleibe?
Wenn Bréal das wüsste? – Vermutlich würde er lächeln.
Und als Sprachwissenschaftler vielleicht feststellen, dass manche Wörter erheblich weiter laufen als die Menschen, die sie erfunden haben.
Johannes Langer in RunUp*
*Österreichisches Laufmagazin https://www.runup.eu/
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