Symbolbild - Photo: Victah Sailer@PhotoRun
Vorfahrt für die Prävention! Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
Die stete Abfolge von Kostendämpfungsgesetzen im Gesundheitswesen hat keinen nachhaltigen Erfolg gebracht. Dabei haben die Leistungserbringer im Gesundheitswesen durch Budgetierung und Fallpauschalen einen erheblichen Beitrag geleistet.
Auch die neuerlichen Diskussionen um Praxis- und Kontaktgebühren oder Zusatzbeiträge werden nicht zum Ziel führen. Wir müssen an die Krankheitslast! Weltweit gehören wir zu den Ländern mit den höchsten Krankenständen. Erwerbsfähige Bundesbürger melden sich mittlerweile 22 Tage pro Jahr krank, also einen ganzen Monat.
Der Public Health Index (PHI) wurde 2025 erstmals gemeinsam vom AOK-Bundesverband und dem Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) initiiert. Der Index vergleicht den Umsetzungsgrad wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen in 18 Ländern aus Nord- und Zentraleuropa. Er berücksichtigt vier zentrale Handlungsfelder: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Diese gelten als wesentliche Risikofaktoren für die Entstehung vermeidbarer nicht-übertragbarer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder Adipositas. Untersuchungen haben gezeigt, dass ein gesunder Lebensstil die Auswirkungen von lebensverkürzenden Genen um mehr als 60% ausgleichen kann.
Der PHI soll künftig alle zwei Jahre neu erhoben werden.
Ergebnisse für Deutschland und Europa
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Deutschland belegt im PHI-Rang 17 von 18 untersuchten Ländern — also vorletzter Platz.
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In den Bereichen Tabak, Alkohol und Ernährung liegt Deutschland jeweils auf den hinteren Rängen.
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Beim Bereich Bewegung (z. B. Förderung körperlicher Aktivität) erreicht Deutschland immerhin das untere Mittelfeld.
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Insgesamt schneidet Deutschland damit deutlich unterdurchschnittlich ab, insbesondere bei strukturellen und politischen Maßnahmen wie Werbungseinschränkungen, gesundheitsfördernder Besteuerung oder Schutz von Kindern und Jugendlichen.
Welche Länder schneiden besonders gut ab — und warum
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An der Spitze des Rankings liegen Vereinigtes Königreich, Finnland und Irland. Sie werden dicht gefolgt von Norwegen und Frankreich.
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Diese Spitzenreiter-Länder setzen konsequent viele wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen um, darunter: verbindliche Standards für Schulessen, hochwirksame Besteuerung bzw. Preispolitik bei Tabak, Alkohol und zuckerhaltigen Getränken, umfassende Werbebeschränkungen, Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.
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Mit anderen Worten: Länder, die politische Maßnahmen strukturell verankern, statt auf freiwillige Selbstverpflichtung und Appelle zur Eigenverantwortung zu setzen, schneiden deutlich besser ab.
Bedeutung der Rangliste — und worauf man achten sollte
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Der PHI misst nicht Gesundheit oder Krankheit selbst — sondern Umsetzung bestimmter Präventionsmaßnahmen. Ein hoher Rang bedeutet: Ein Land setzt viele wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen um. Das garantiert aber nicht automatisch bessere Gesundheitsstatistiken.
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Der Index soll Anreize schaffen, bewährte Politiken — z. B. zum Nichtraucherschutz, zur Alkohol- und Zuckersteuer, zu gesunder Ernährung und Bewegung — breiter und verbindlicher einzuführen.
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Für Länder im Mittelfeld oder Schlusslicht zeigt der Index klar: Es besteht großer Nachholbedarf — insbesondere bei strukturellen und politischen Maßnahmen (nicht nur freiwillige Maßnahmen oder Informationskampagnen).
Was kritisiert der Bericht — und was heißt das für Deutschland
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Die PHI-Ergebnisse zeigen: freiwillige Maßnahmen der Industrie und Appelle an Eigenverantwortung reichen nicht — die Politik muss aktiv werden.
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Es bestehen große Lücken bei strukturellen Rahmenbedingungen: z. B. gesundheitsorientierte Besteuerung, restriktive Werberegeln für ungesunde Produkte, Rauchverbote, Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung und Bewegung — all das wird in Deutschland nur unzureichend umgesetzt.
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Die Autoren des PHI und Gesundheitsexperten fordern daher eine deutlich stärkere Präventionspolitik — mit verbindlichen, evidenzbasierten Maßnahmen statt bloßer Empfehlungen.
Bedeutung & Ausblick
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Der PHI 2025 zeigt klar: Deutschland — trotz hoher Gesundheitsausgaben — nutzt das Präventionspotenzial nur begrenzt.
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Der Index dient als ein Monitoring-Instrument: Er macht sichtbar, wie unterschiedlich Länder Prävention strukturieren — und wo dringender Handlungsbedarf besteht. Damit kann er Impulsgeber für Politik und Gesellschaft sein.
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Für Deutschland bedeutet das: Ohne entschiedene politische Reformen (z. B. neue Regeln für Werbung, Besteuerung, Ernährung, Bewegung, Jugendschutz) drohen gesundheitspolitische Ziele — etwa zur Reduktion von nichtübertragbaren Krankheiten — weiterhin verfehlt zu werden.
Faktencheck und Fazit
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Deutschland hat zwar die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf aller untersuchten Länder, liegt aber in der Lebenserwartung mit 78,9 Jahren für Männer und 83,5 Jahren für Frauen (2024) unter dem EU-Durchschnitt. Dies liegt nicht an der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems, sondern in erster Linie an mangelnder Prävention. Die Menschen in Deutschland haben 2024 ihre Gesundheit als weniger gut angesehen als noch ein Jahr zuvor (RKI 2025). Auch deshalb muss die Senkung der Krankheitslast stärker adressiert werden. Hier liegen ungenutzte Potenziale in Milliardenhöhe. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Tabakkonsums in Deutschland werden auf 97 Milliarden Euro geschätzt, die Kosten von Adipositas und Alkoholkonsum auf rund 63 bzw. 57 Milliarden Euro. Nach einer aktuellen Befragung der „Stiftung Gesundheit“ halten 48,8 Prozent der Ärzte den Stand der Prävention in Deutschland für schlecht.
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Die Expertinnen und Experten sprechen sich für eine umfassende Präventionspolitik in Deutschland entlang der WHO-Empfehlungen aus. Die Politik ist gefordert, denn Prävention ist nicht nur Privatsache und Eigenverantwortung. Hier hat Deutschland einen erblichen Nachholbedarf und kann sehr viel von den europäischen Nachbarn lernen. Die Weichen müssen endlich von einer rein kurativen zu einer präventiven Medizin gestellt werden.
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Die Bundesregierung muss Prävention und Gesundheitsförderung ressortübergreifend verankern und alle Gesetzesvorhaben auf ihre gesundheitlichen Auswirkungen prüfen. Die Steuern auf Nikotin und Alkohol müssen erhöht bzw. bei Zucker eingeführt werden. Besonders deutlich wird das Defizit in Bezug auf Alkohol bei der Besteuerung, der Verfügbarkeit und der Werbung. Alkohol ist bei uns nahezu jederzeit erhältlich, häufig beworben und im internationalen Vergleich sehr günstig. Das nach dem Jugendschutzgesetzt erlaubte „begleitete Trinken“ ist ab 14 Jahren erlaubt. Es gibt allerdings Bestrebungen dies abzuschaffen! Nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ist Alkohol bei uns so billig wie sonst kaum irgendwo in Europa. Die Preise für Wein, Spirituosen oder Bier liegen mit 86 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Noch günstiger prosten sich europaweit nur noch die Italiener zu. Finnen zahlen mit 210 Prozent hingegen mehr als das Doppelte des EU-Durchschnittswerts, gefolgt von Dänen (123 Prozent) und Belgiern (113 Prozent).
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Im Bildungssystem (Schule!) brauchen wir mehr Gesundheits-Aufklärung. Der Kinder- und Jugendschutz muss durch Werbebeschränkungen für ungesunde Lebensmittel und die Ausweitung von rauchfreien Zonen verbessert werden. Es müssen verbindliche Qualitätsstandards für das Schulessen eingeführt werden. Die somatische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen muss durch Stärkung der Gesundheitskompetenz gefördert werden. Die Forderung nach einem Schulfach „Gesundheit und Prävention“ ist zwar naheliegend aber schwierig umzusetzen. Einfacher wäre es diese Themen in den Fächern Biologie und Sport zu implementieren, denn die Situation duldet keinen Aufschub, es muss gehandelt werden. Gesundheitskompetenz gilt als eine wichtige Voraussetzung, um mit psychischen und körperlichen Herausforderungen selbstbestimmt und gesund umzugehen. Kinder und Jugendliche sollten in die Lage versetzt werden, sich gesundheitsbewusst zu verhalten und Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Nur 11 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Jungen bewegen sich ausreichend. Die Quote der Kinder, die nicht schwimmen können, hat sich von zehn Prozent im Zeitraum zwischen 2010 und 2017 bis 2022 verdoppelt! Die Ausdauerfitness von Kindern und Jugendlichen ist weiter eingeschränkt und hat das Niveau vor der Pandemie bisher nicht wieder erreicht.
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Um Bewegung in der Bevölkerung zu fördern, müssen viele Politikbereiche zusammenarbeiten. Bewegung entsteht nicht nur durch Gesundheitsprogramme, sondern vor allem durch eine Umgebung, die das Gehen, Radfahren und aktive Unterwegssein im Alltag einfach und selbstverständlich macht. Daneben müssen Sportstätten vorgehalten und weiterentwickelt werden, um der Bevölkerung ein vereinsgebundenes aber auch freies Sporttreiben zu ermöglichen. Schulsport ist wichtig für die physische und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
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Was bisher politisch geschah: Im Jahr 2000 initiierte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zusammen mit den Bundesländern die Festlegung und Entwicklung von nationalen Gesundheitszielen und ihre Umsetzung im deutschen Versorgungsalltag. Dass Bewegungsförderung bisher nicht als Gesundheitsziel in Deutschland konzipiert wurde, ist schwerlich nachvollziehbar. Im Jahr 2015 wurde vom Gesetzgeber die Nationale Präventionskonferenz (NPK) ins Leben gerufen. Sie soll eine nationale Präventionsstrategie entwickeln und fortschreiben. Träger sind die gesetzliche Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung sowie die soziale Pflegeversicherung. 2017 ist auch der PKV-Verband als Mitglied der NPK beigetreten. Außerdem ist nun das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) in der Nachfolge der BZgA begründet worden. Das am 25. Juli 2015 in Kraft getretene Präventionsgesetz (Offiziell: „Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention“) soll die Grundlagen für Prävention und Gesundheitsförderung in jedem Lebensalter und in allen Lebensbereichen schaffen. Die Krankenkassen investierten 2024 knapp 700 Millionen in Gesundheitsförderung und Prävention (z.B. Gesundheitskurse).
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Die Gründe für die unzureichende Gesundheitsprävention in unserem Land liegen vor allem im mangelnden politischen Willen, starken Lobbyeinfluss und einer zu geringen Nutzung wissenschaftlicher Evidenz – obwohl viele der wirksamsten Maßnahmen in der Bevölkerung breite Unterstützung finden. Für eine erfolgreiche Präventionspolitik braucht es ein parteiübergreifendes Bekenntnis für eine umfassende Präventionspolitik entlang der WHO-Empfehlungen.
Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
Literatur:
Aderhold L. Klartext Gesundheit! Ernährung – Bewegung – Entspannung – Denken. Die besten Strategien für mehr Gesundheit, Energie und Wohlbefinden. Jena: Vopelius Verlag, 2024.
AOK-Bundesverband, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): Public Health Index. Gesundheitsschutz im europäischen Vergleich 2025.
DAK: Präventionsradar 2025.
Deutsche Krankenversicherung (DKV): Wie gesund lebt Deutschland (2025).
Robert-Koch-Institut (RKI): Gesundheit in Deutschland 2025.
Stiftung für Zukunftsfragen Hamburg: Freizeit-Monitor 2025.
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