Alphornbläser "erleichtern" den Aufstieg zum Scalettapass - Foto: Wilfried Raatz
Spektakuläre Rennen bei Bilderbuchwetter in Davos 2026 – Wilfried Raatz berichtet
Weltklassemann Petter Engdahl gewinnt die 1K Vertikal-Premiere und Laura Hottenrott hat den EM-Marathon im Kopf und gewinnt als Leistungstest im Vertical und über die verlängerte Halbmarathondistanz. Jasmun Nunige gewinnt zum neunten Mal die Königsdisziplin
Seinen Ruf als international begehrte Traildestination hat Davos immer wieder in den zurückliegenden Jahrzehnten mit Nachdruck bewiesen, jüngster Beleg ist gewiss die fünfte Auflage der Davos-X-Trails in der Nachfolge des 1986 als Pionier in der Berg- und Trailszene gestarteten Swissalpine.
Mit 2603 Anmeldungen aus 55 Nationen ist die Resonanz auf einem beachtlichen Niveau, internationale Topläufer wie der Schwede Petter Engdahl sorgen dafür, dass das Trail-Festival weitere Kreise in der Bekanntheit der hochkarätigen Events zieht. Tops sind das eine, interessante Personality-Stories und angesichts der spektakulären Trails in der Landschaft Davos begeisterte Läufer als „Wiederholungstäter“ sind das andere, das Davos in der Berg- und Trailszene auszeichnet.
Als „ideale Ergänzung“ bezeichnet mit dem weitgereisten Schweizer Nationalmannschaftsläufer Stephan Wenk ein exzellenter Kenner der internationalen Laufszene die Premiere des 1K Vertical am Freitagabend über 6,95 km und 1080 Höhenmeter auf das 2590 m hoch gelegene Jakobshorn.
Der 32jährige frühere Skilangläufer und längst zur Weltklasse im Berg- und Traillaufen zählende Schwede Petter Engdahl, bei den Europameisterschaften Anfang Juni im slowenischen Kamnik als Zweiter im Uphill- und Dritter beim Up&Down-Wettbewerb somit zweifacher Medaillengewinner geworden, ließ sich auf dem anspruchsvollen Kurs keinen Zweitel an seiner Extraklasse.
Die Strecke über die Chügalibahn, einschließlich einem in umgekehrter Richtung zu laufenden MTB-Parcours, und einem eher rustikalen Aufstieg zur Bergstation der Jakobshornbahn, forderte von den 140 Premierenläufern schlichtweg alles. Nach 43:50 Minuten war Petter Engdahl im Ziel und bekannte: „Ein sehr hartes Rennen, vor allem aber auch interessant, denn ich bin noch nie eine MTB-Strecke bergan gelaufen! Je höher ich kam, desto besser fühlte ich mich!“ Der 32jährige, der sich einen Tag nach seinem Geburtstag sogar selbst noch ein passendes Geschenk machte, kennt die namhaftesten Pisten und gewann dabei das „Who is who“ der Trailszene mit dem Innsbruck Alpine Trailrun, dem Zermatt-Marathon, dem Zuspitz-Ultratrail, dem legendären UTMB in Chamonix, dem Transvulcania auf Palma di Mallorca und dem Eiger Ultra Trail – und nun auch die Vertical-Premiere am Jakobshorn.
Der Schweizer EM-Zehnte Jonas Soldini sicherte sich Rang zwei nach 46:16 Minuten, mit Dorian Marchal wurde der Favorit auf den Gold Run-Sieg Fünfter, Stephan Wenk Siebter. Das männliche Schlusslicht gab der in Bad Homburg lebende Josif Levant nach 2:10:39 Stunden ab, was einem Schnitt von fast 19 Minuten entspricht – absoluter Beleg für die extreme Herausforderung dieses Verticals.
Einer besonderen Belastungsprobe wollte sich Laura Hottenrott bei ihrer Premiere in Davos unterziehen. Am Freitagabend zunächst das Vertical-Rennen, am frühen Samstag dann ein über 23,76 km führender Halbmarathon mit immerhin 870 Höhenmeter aufwärts – mit geplanten 90 Prozent Krafteinsatz, wie sie noch vor dem Rennen bekannte. Beim Vertical jedenfalls zeigte die 34jährige EM-Uphill-Zweite ihr Können und ließ in 54:32 der Konkurrenz keine Chance. Die inzwischen in Davos lebende Alexandra Wallimann folgte nach 57:11 auf Rang zwei.
Laura wäre nicht Laura, wenn dies für den Abend nicht die letzte Trainingseinheit gewesen wäre. Nach einer leckeren Pasta ließ sie noch eine Downhill-Passage zur Mittelstation der Jakobshornbahn folgen („Bei Sierre-Zinal muss ich auch abwärts laufen, deshalb muss ich dies auch im Training üben!“).
Nach dem (Vertical-)Apero folgte am Samstagfrüh bei frischen 10° das eigentliche Hauptprogramm mit dem gemeinsamen Start von Diamond und Gold Run. Mit geplant 18 „Doppelstartern“, von denen allerdings mit Stephan Wenk einer der „Gold“-Favoriten fehlte, da er die Nacht vermehrt auf der Toilette verbracht hatte. Also die „no show“ für einen der treuesten Stammläufer in Davos.
Im Ziel freute er sich allerdings über den Coup seines Vereinskollegen beim TV Oerlikon, dem 28 Jahre alten Manuele Polli im Diamond Run, der Königsdisziplin über 68,37 km mit einer Höhendifferenz von 3309 Metern. Schon beim moderaten Aufstieg durch das herrliche Dischmatal zum ersten Verpflegungspunkt Dürrboden lag Manuele alleine in Front, und dies vor den rund 25 Kilometer „weniger“ laufenden „Gold-Läufern“ einschließlich dem erklärten Favoriten Dorian Marchal.
Mit 28 Jahren kann Manuele Polli ein künftiges Ass von Swiss Athletics sein, wenn man alleine auf die Resultate in diesem Jahr schaut. Anfang Juli hatte er just zu seinem Geburtstag als Sieger beim Zermatt Ultra Marathon mit 3:37:06 Stunden einen starken Kursrekord aufgestellt, im Februar seine Marathonzeit beim ultraschnellen Sevilla Marathon auf 2:17:21 gesteigert. Als mögliches Geheimnis seines Aufstiegs nennt Manuele, der im Vorjahr bei den abgebrochenen Davos-X-Trails hinter Dorian Marchal Zweiter geworden war, kurz und knapp: „Ich bin dieses Jahr einfach einmal verletzungsfrei geblieben!“ Und zu seiner Renntaktik? „Ich wollte einfach gewinnen. Hatte gute Beine – und Uphill kann ich…“ so erklärt sich jedenfalls seine Vorgehensweise. Auch wenn er bergab das Tempo reduziert hatte, die Konkurrenz konnte final den Sieg nicht gefährden. Mit 5:56:29 Stunden lag er sieben Minuten vor dem Italiener Davide Cheraz (6:03:29) und dem in Davos schon als Marathonsieger hervorgegangenen Christian Mathys (6:15:21).
Bester deutscher Starter des Diamond Run war auf Rang sieben der Hamburger Flavius Meinecke (7:25:15), aber auch Maximilian Hirsch und Georg Scharpf schafften als Neunter und Zehnter den Sprung unter die Top 10. Dazwischen jedoch wurde es im Sportzentrum Davos den stimmungsvollen Empfang für Jasmin Nunige, die in eindrucksvoller Weise die Königsdisziplin zum neunten (!) Mal gewinnen konnte.
Mit 7:21:17 Stunden steigerte sie die bisherige Bestmarke auf dieser Distanz von der 2022 siegreichen Heidi-Annemarie Schwartz um fast eine halbe Stunde. „Es ist schön, wenn man zu Hause gewinnen kann“, freute sich Jasmin, die im Dezember bereits 53 Jahre alt wird. „Das geht nur mit Passion und Disziplin“, versucht Ehemann Guy eine Erklärung über das Phänomen Jasmin Nunige zu geben. „Ich hatte eine sehr gute Vorbereitung mit dem 100 km-Lauf beim Swiss Canyon Trail und gut regeneriert in das heutige Rennen gegangen!“ und liebäugelt sogar noch in der Spätsaison mit einem weiteren Hunderter…. Das ist gewiss die eine Seite von Jasmin Nunige, die andere ist ihre aktive Mitarbeit bei den Einladungen von Spitzenläufern. Als Marken-Botschafterin von adidas terrex hat sie natürlich einen exzellenten Zugriff auf Topathleten wie eben Petter Engdahl oder auf Mari Wetterhus und Nora Serres, über die sogleich noch gesprochen werden wird.
Auf dem Weg zum neunten Sieg auf der Königsstrecke bei den Davos-X-Trails: Jasmin Nunige – Foto: Wilfried Raatz
Jasmin Nunige begann 2005 mit ihrer beispielhaften Siegesserie beim Vorgängerevent, dem Swissalpine. Übrigens, dies war ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Fiona, die bei den Davos-X-Trails als Startläuferin der „Alpeflizer“ den zweiten Rang hinter den Ladies Tri Team beim Diamond Team Run schaffte. So ist das eben mit dem „Apfel“ und dem „Stamm“…
Ohne Blessuren scheint es bei kaum einem X-Trailer zu gehen, was allerdings auch angesichts der großen Herausforderungen im Hochgebirge absolut nachvollziehbar zu sein scheint. Während Jasmin Nunige „kurz wegrutschte“, erwischte es den Gold Run-Gewinner Dorian Marchal heftig. Nur zwei Kilometer vor dem Ziel stürzte der Waadtländer auf „kapitaler Weise“ auf die Schulter, kugelte sich die Schulter aus und beendete das Rennen mit diesem starken Handikap. Der Transport ins Spital unweigerlich die Sofortmaßnahme.
Stark bandagiert ließ es sich Dorian allerdings nicht nehmen, sich bei der Siegerehrung für seinen dritten Sieg in Folge feiern zu lassen. „Am Montag wird es weitere Untersuchungen geben, dann werde ich sehen, wie es weiter geht!“
Vier Minuten hinter Dorian Marchal, der inzwischen dank seiner überzeugenden Leistungen mit der Schweizer Nationalmannschaft trainiert, holte der Schwede Anton Gustafsson Rang zwei vor Francois Leboeuf, der im Ziel von den Schweizer Nachwuchstalenten freudig begrüßt wurde, die er zusammen mit Judith Wyder und Gabriel Lombriser eine Woche lang betreut hatte. Rang zehn sicherte sich mit Christoph Stark ein Läufer der TG Hochheim.
Bestbesetzt die Frauenspitze beim Gold Run.
Die Norwegerin Mari Wetterhus setzte sich mit zunehmender Streckenlänge („Der Anfang war mir zu schnell, da war ich vielleicht Siebte oder Achte“) an die Spitze. Diese hatten zunächst die unverwüstliche 53jährige Italienerin Ivana Iozzia und die vor wenigen Wochen erst zweifache Masters-Europameisterin gewordene Nadine Hübel aus Dipperz inne.
Mari startet übrigens gerade ihre zweite Karriere, nachdem sie als hoffnungsvolle Biathletin in der U20 Klasse starke Resultate bei Weltmeisterschaften erreicht hatte. Mit den Erfolgen als Siegerin der norwegischen Trailserie und dem Gewinn des Weissee Gletscherwelt Trail im Rahmen des Grossglocker Ultra-Trails und Rang zwei beim Mozart Ultra weiß Mari auch in Mitteleuropa schon zu überzeugen. Mit drei Minuten Rückstand kam Nadine auf Rang zwei vor der letztjährigen Marathonsiegerin Erika Monsch-Dicht aus Klosters, die als Profiathletin sowohl als Skirennläuferin als auch auf dem Bike überaus erfolgreich war.
„Der Gold Run ist wunderschön“, freute sich Nadine Hübel über Rang zwei. „Ursprünglich war ich für den Bronze Run gemeldet und bin froh, auf den Gold Run umgemeldet zu haben!“ Vor Wochenfrist war die 43jährige schon einmal in der Schweiz am Start – mit einem glänzenden Resultat: Rang zwei beim E35 des Eiger Ultra. „ich bin so stolz, dass meine Familie diesmal dabei war. Luca Valentina ist bei den Maxis sogar Fünfte geworden!“
Unter Wert blieb Petter Engdahls norwegische Freundin Nora Serres als Fünfte, die nach Vorleistungen mit unter anderem dem Sieg beim Innsbruck Trail Festival im K65 Wettbewerb als eine der Favoritinnen gehandelt wurde. „Ich hatte Probleme bei den Aufstiegen, schließlich lebe ich in Norwegen auf Meereshöhe“, so Nora mit Schelm in den Augen. Im September wird das sportive Paar heiraten und eine Woche später in Sachen Trailrunning nach Seoul aufbrechen.
Klosters ist auch das Stichwort für einen Blick auf den Silver Run. Hier der Schweizer Trailmeister und EM-Starter Jerome Furrer mit seinem klaren Erfolg in starken 1:29:42 Stunden („Ich gebe zu, ich habe mich an den Siegerzeiten von Lukas Ehrle und Jonas Soldini orientiert, es aber nicht ganz geschafft“), dort Laura Hottenrott mit ihrem eindrucksvollen Doppelsieg.
„Das Wochenende hat total Spaß gemacht. Der Start lief sehr gut, gegen Ende habe ich die Doppelbelastung schon gespürt. Jetzt freue ich mich auf die Physiotherapie in St. Moritz“, so Laura Hottenrott im Ziel. Die „Etappe“ im Engadin ist eher regenerativ gedacht. Schließlich steht bei beiden Siegern als Saisonziel die Marathondistanz im Fokus. Während Jerome den Jungfrau-Marathon anvisiert, wird Laura bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham an den Start gehen, mit allerdings einem weiteren Zwischenstopp bei Sierre-Zinal.
Die Geschichten am Rande begeistern immer wieder. So feierten Pascale und Peter laufend Geburtstag und ließen sich hochleben. Andere wie Simone und Hans-Jürgen im blauen Rennsteig-Finisher-Shirt sinnierten bei ihrem x-ten Start in Davos, welche Strecke die wohl schönste sein mag. Egal, ob über Bergün und die Keschhütte, über den Sertig- oder den Scalettapass, den soften Start durch das Dischmatal – Davos, noch dazu bei Bilderbuchwetter, ist immer einen Start wert.
Wilfried Raatz
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