Olympische Wnterspiele Milano and Cortina 2026 - Logo
Interview zum Ausschluss eines ukrainischen Athleten von den olympischen Winterspielen 2026 in Milano/Cortina – sport-nachgedacht.de – Prof. Dr. Helmut Digel
Die Fragen stellte Christof Bock von der Nachrichtenagentur KNA
Was ist von der Entscheidung des IOC, Heraskewytsch auszuschließen, ethisch zu halten?
H.Digel: Das IOC folgte bei seiner Entscheidung den seit langem bekannten Regeln 40.2 und 50.2 in der Olympischen Charta. Durch diese Regeln wird die politische Neutralität des modernen Olympismus geschützt. Und auf Grundlage dieser Regeln ist es für das IOC möglich, sein „Olympic Truce“ Gebot zu erfüllen. Unter ethischen Gesichtspunkten muss es entschieden abgelehnt werden, wenn Athleten oder Athletinnen versuchen, diese Regeln für ihre eigenen Interessen zu missbrauchen.
Die Regel 50.2 der Olympischen Charta verbietet jegliche Form von Demonstrationen oder politischer, religiöser oder rassischer Propaganda auf olympischen Anlagen, Wettkampforten oder anderen olympischen Bereichen. Im Originalwortlaut lautet sie: „No kind of demonstration or political, religious or racial propaganda is permitted in any Olympic sites, venues or other areas“.
Diese Regel zielt darauf ab, den Sport als neutralen Raum zu wahren und politische Einflüsse fernzuhalten. Sie gilt insbesondere während offizieller Zeremonien, auf dem Spielfeld, im Olympischen Dorf und bei Siegerehrungen, wo Proteste wie Handzeichen, Knien oder Symbole untersagt sind.
Meinungsäußerungen sind in Pressekonferenzen, Interviews, Mixed Zones oder auf eigenen Social-Media-Kanälen erlaubt. Das IOC lockerte die Regel 2021 indem es nun z. B. vor Wettkämpfen Gesten wie eine „Hand aufs Herz“ oder „Kniefälle“ erlaubt, solange sie olympische Werte respektieren und nichtdiskriminierend wirken.
Wie glaubwürdig und realistisch ist der Anspruch des IOC, die Olympischen Spiele als unpolitisches Großereignis zu inszenieren?
H.D.: Mit der Durchführung von Olympischen Sommerspielen und Olympischen Winterspielen gelingt es dem IOC als einzige Organisation der Welt, junge Menschen aus mehr als 200 Nationen für einen Zeitraum von circa drei Wochen auf friedliche Weise zusammenzuführen. Allein schon dieser Sachverhalt macht die Olympischen Spiele zu etwas ganz Besonderem und zu etwas besonders Schützenswertes. Die Teilnahme ist dabei unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft und politischer Einstellung. Die olympische Konzeption eines „Friedens auf Zeit“ hat eine unverzichtbare Zeigefunktion in einer von Krisen geschüttelten Welt.
Das IOC nimmt nicht für sich in Anspruch, dass die Spiele einen unpolitischen Charakter haben, wie ihm dies von vielen Medien immer wieder unterstellt wird. Die politische Dimension der Spiele ist offensichtlich, so wie auch jedes übrige sportliche Handeln eine politische Dimension aufweist. Das Gebot der „politischen Neutralität“ ist ein sportpolitisches Gebot und den Medien müsste dringend empfohlen werden, dass sie endlich einen Unterschied zwischen einer unabhängigen Sport-Politik und der staatlichen Politik machen. Das eigentliche Ärgernis ist, dass immer wieder die Unabhängigkeit der Olympischen Spiele von Dritten missbraucht wird, um eigene politische Interessen durchzusetzen.
Ärgerlich ist auch, dass in der Vergangenheit durch Fehler in der Führung des IOC, insbesondere durch korrupte IOC-Mitglieder, die Glaubwürdigkeit des IOC untergraben wurde.
In den vergangenen zwölf Jahren wurde jedoch eine konsequente Reformarbeit vollzogen, deren Früchte bereits bei den Spielen in Paris und nunmehr auch bei den Spielen in Milano /Cortina zu erkennen waren bzw. sind. Ohne die „Reform Agenda 2020 und 2020 +5“ hätte es die Olympischen Sommerspiele von Paris ebenso wenig gegeben, wie die Winterspiele von Cortina Milano. Dank der Führungsarbeit von Dr. Thomas Bach als IOC-Präsident konnte eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern in nahezu allen Bereichen der olympischen Bewegung erreicht werden. In seiner Amtszeit wurden ein Ethikkodex und Compliance-Regeln für die IOC- Mitglieder festgelegt. In den deutschen Medien war und ist davon nicht die Rede. Vielmehr gibt es weiterhin ein „Bach Bashing“, das an Lächerlichkeit und Dummheit, vielleicht auch schlicht ein Boshaftigkeit, wohl kaum übertroffen werden kann.
Immer wieder hat die Politik Schatten auf Olympia geworfen ( https://www.fluter.de/skandale-affaeren-olympische-spiele). Hat sich der Charakter der Eklats verändert? Etwa weg von Länderboykotts und Gruppen-Aktivitäten hin zu den Gesten von Einzelnen?
H.D.: Meines Erachtens kann hier keine Veränderung erkannt werden. Es muss vielmehr von einer Kontinuität gesprochen werden. Gesten von einzelnen Personen und Gesten von Gruppen mit politischen Implikationen hat es in der Geschichte der Olympischen Spiele immer wieder gegeben. Viele dieser Gesten wiesen auf ungerechte Verhältnisse in den Herkunftsländern von Athletinnen und Athleten hin und waren meist unter politischen Gesichtspunkten sehr berechtigt. Sie wurden nur deshalb zum Eklat, weil sie am „falschen Ort“ zur Darstellung gebracht wurden. Es gibt genügend Räume während der Olympischen Spiele, in denen die freie Meinungsäußerung von Athletinnen und Athleten gewährleistet ist. Im Regel 40. 2 wird sie Ihnen dezidiert garantiert.Die Behauptung, dass bei Olympischen Spielen die freie politische Meinungsäußerung verboten sei, wie sie in diesen Tagen einmal mehr von Berichterstattern wiederholt wurde, ist grotesk und entbehrt jeglicher Fakten. Jene, die einen Protest zum Ausdruck bringen wollen, suchen meistens sehr bewusst die „verbotenen Orte“ auf, an denen die höchste Aufmerksamkeit erzielt werden kann. So auch im Fall des ukrainischen Athleten bei den Spielen in Milano/Cortina.
Auch die Versuche, Olympische Spiele zu boykottieren, haben eine lange Tradition. Die Spiele von Montreal1976, von Moskau 1980 und Los Angeles1984 können dabei erwähnt werden. Bei all diesen Fällen hat die Politik versucht, sich des Sports zu bedienen, um über ihr eigenes Versagen hinwegzutäuschen. Es ist zu erwarten, dass sich die Frage erneut stellt, ob Spiele in Los Angeles unter einem Präsidenten Trump stattfinden dürfen und können. Doch was einen diesbezüglichen Boykott betrifft, so wäre zu fordern, dass zuvorderst die Politik die MAGA-Welt von Trump boykottiert, bevor Athletinnen und Athleten zu einem Boykott aufgefordert werden.
Welche Rolle spielen die Medien und speziell die sozialen Medien in diesen Konflikten zwischen Sportlern/Sportlerinnen und dem IOC?
H.D.: Zur Logik der Medien, insbesondere auch der sozialen Medien, gehört die Maxime: „Bad Stories are good Stories“. Und wenn es keine Skandale gibt, dann muss man sie provozieren. In der Berichterstattung über die Olympischen Spiele und über das IOC wird von den Medien häufig einseitig Partei zu Gunsten der angeblich so ausgebeuteten und „kleinen“ Athletinnen und Athleten ergriffen, wohl wissend, dass zumindest ein Teil der Sportlerinnen und Sportler schon längst von der beispiellosen Geldgier profitiert, die im System des Hochleistungssports von heute leider überall anzutreffen ist. Unter ethischen Gesichtspunkten und mit Blick auf die olympische Charta war deshalb auch die Berichterstattung über die mehrfach gestürzte alpine Skirennfahrerin Lindsey Vonn in mehrfacher Hinsicht peinlich und skandalös. Dies gilt allerdings auch für den „Trostbrief“ der neuen IOC-Präsidentin an die Athletin. Coventry schickte Vonn folgende Nachricht: „Liebe Lindsey, wir denken alle an Dich. Du bist eine unglaubliche Inspiration und wirst immer ein olympischer Champion sein.“ Diese wurde über das offizielle IOC-Konto mitgeteilt und es wird dabei Vonns bleibende Rolle als Vorbild betont. Dabei wurde jedoch deutlich, dass die neue Präsidentin ganz offensichtlich die zu schützende Werte des modernen Olympismus nicht kennt, die für jedermann in der Olympischen Charta festgehalten sind.
Die Berichterstattung über den ukrainischen Skeleton Fahrer ist geprägt von Heuchelei und vor allem von einer weit verbreiteten Unkenntnis der sportlichen Regeln.
Jedem Journalisten, der in seinem Kommentar Partei zu Gunsten des Skeleton Athleten ergriffen hat, müsste man die Frage stellen, welche politischen Botschaften er sich auf den freien Flächen eines Helms erwünscht und welche seiner Meinung nach verboten werden müssten?
Wie wäre die Reaktion gewesen, wenn ein deutscher Athlet aus einer christlichen Glaubenshaltung heraus auf seinem Helm die Trauer zu Gunsten unschuldig gestorbener russischer Soldaten zum Ausdruck gebracht hätte? Welch ein Skandal wäre es gewesen, wenn ein muslimischer Athlet auf seiner Kleidung seine Trauer über ermordete Palästinenser bekundet hätte? Vielleicht kann durch solch konstruierte Beispiele klargemacht werden, dass die Trauer über Tote nicht zum Spektakel gemacht und schon gar nicht für sportferne Interessen im unmittelbaren Wettkampfgeschehen missbraucht werden darf. Spätestens mit der Reaktion von Selenskyj wurde klargemacht, welche politischen Interessen mit der Geste des ukrainischen Athleten verfolgt wurden. Friedhöfe und andere stille Räume sind zu Recht in allen Kulturen der Welt die geeigneten Orte für die Trauer und die Trauerarbeit. Wenn die direkten Wettkämpfe Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Team gegen Team zur Ermittlung der Besten in den unterschiedlichen Sportarten und Disziplinen bei Olympischen Spielem gleichzeitig auch den Charakter eines besonderen Trauerortes annehmen sollen, dann sollte man die Wettkämpfe insgesamt möglichst schnellstens begraben.
Letzte Bearbeitung: 14.2.2026
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