Blog
20
03
2025

Symbolbild - 2020 Tokyo Olympic Games Tokyo, Japan July 29-August 8, 2021 Photo: Andrew McClanahan@PhotoRun Victah1111@aol.com

HOHE ZIELE GESETTZT – Von Dr. Wolfgang Blödorn

By GRR 0

Jana Marie Becker ist Teil des DLV-Future-Teams für 2028. Am 19. März veröffentlichte die 800 m-Nachwuchsläuferin ihre Leistungsziele für 2025 auf Leichtathletik.de.

Die 400 m will sie unter 54 Sekunden laufen, die 800 m möglichst unter 2:00 Minuten sowie die 1500 m unter 4:20 Minuten. Diese Ziele zeugen von einem ungebrochenen sportlichen Ehrgeiz der Läuferin von Königsteiner LV.

Jeder Athlet weiß, wie wichtig sportliche Ziele für die Leistungsentwicklung sind. Allerdings können sie mentale Probleme mit sich bringen. Zu hohe Ziele führen mit ihrem Scheitern möglicherweise zum Frust und baldigen Abbrechen der sportlichen Karriere. Zu niedrige sportliche Ansprüche bewirken möglicherweise das Fortkommen, weil sie zu leicht zu erreichen sind. Als Daumenregel gilt, sportliche Ziele müssen anspruchsvoll, aber erreichbar sein, um die Motivation aufrechtzuerhalten.

Damit stellt sich für Jana Marie Becker die Frage, zu welcher Kategorie ihre Leistungsziele 2025 gehören. Sie sie zu hoch gegriffen oder anspruchsvoll? Die nachfolgenden Erörterungen wollen dieser Frage nachgehen und denkbare Antworten hierzu liefern. Als Ausgangspunkt zur Beantwortung der Frage, ob Jana Maries Ziele anspruchsvoll, aber schaffbar oder ob sie zu hoch gegriffen sind, bieten ihre persönliche Bestleistungen.

Ihre 100 m-Bestzeit liegt in diesem Jahr bereits fünf Jahre zurück. Mit 15 Jahren lief sie für eine 800 m-Nachwuchsläuferin beachtliche 12,43 Sekunden. Neuere Daten sind leider nicht bekannt. So ist offen, ob sie ihre 100 m-Leistung spürbar verbessern konnte, um eine 53er-Zeit über 400 m laufen zu können.

Ihre 400 m-Bestleistung lief sie genauso wie ihre persönliche Bestzeit über 1500 m im Alter von 16 Jahren. 54,76 Sekunden stehen zu Buche und konnten bis heute nicht verbessert werden. So sieht es auch mit ihrer 1500 m-Bestleistung aus. 4:26,32 ist die jetzt 19jährige 2022 in Wiesbaden gelaufen.

Herausragend ist ihre 800 m-Zeit aus dem letzten Jahr mit 2:01,90 Minuten, welche sie am 13. Juli 2024 in Kortrijk (Belgien) lief. Diese bietet für eine deutsche 800 m-Läuferin und den DLV viel Hoffnung. Ist sie das lang ersehnte Talent, was die andauernde Misere im DLV-Mittelstreckenlauf beheben kann? Reicht ihr Leistungspotential auf den Nebenstrecken für einen Sprung unter die 2 Minuten-Grenze?

Jedem Lauftrainer ist bekannt, dass Unterdistanz- oder Überdistanzleistungen die Leistung auf der Hauptstrecke beeinflussen. Ursache dafür ist das Verhältnis der Schnelligkeit auf der Unterdistanz zur Schnelligkeit der Überdistanz. Dieses Verhältnis ist bekannt als spezielle Ausdauer und kann konkret bestimmt werden.

Eine Auswertung über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten der DLV-Dreißig-Bestenliste rückt einen statischen Wert, den Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA) in den Blickpunkt. Er ist in diesen über vierzig Jahren trotz unterschiedlicher Läuferinnen, verschiedener Trainer und unterschiedlichen Trainingsmethoden signifikant stabil geblieben. Er scheint so etwas wie eine physiologische Konstante zwischen zwei benachbarten Strecken (Paarstrecken) zu sein. Damit eignen sich KsA-Werte zur Bestimmung der individuellen speziellen Ausdauer genauso wie zur Berechnung eines möglichen Leistungspotentials.

Die Anwendung dieser langjährigen und stabilen KsA-Werte ergibt auf der Grundlage der persönlichen Bestzeiten von Jana Marie Becker nachfolgend angeführte Leistungsmöglichkeiten:

  1. Eine 400 m-Zeit auf der Basis der 100 m-Leistung wäre zwischen 55 und 57 sec möglich.
  2. Eine 800 m-Zeit auf der Basis der 400 m-Leistung wäre zwischen 2:02 und 2:05 min möglich.
  3. Eine 1500 m-Zeit auf der Basis der 800 m-Leistung wäre zwischen 4:07 und 4:13 min möglich.
  4. Eine 800 m-Zeit auf der Basis der 1500 m-Leistung wäre zwischen 2:05 und 2:08 min möglich.
  5. Eine 400 m-Zeit auf der Basis der 800 m-Leistung wäre zwischen 52 und 53 sec möglich.
  6. Eine 100 m-Zeit auf der Basis der 400 m-Leistung wäre zwischen 11,5 und 11,9 sec möglich.

Wie diese kurze Aufstellung verdeutlicht, passen die bisherigen Leistungen über 400 m und 1500 m nicht zur Leistung auf der 800 -Distanz. Die Punkte a) und b) machen deutlich, dass Jana Marie mit ihrer Leistung über 400 m und 800 m bereits an ihre aktuelle Leistungsgrenze gestoßen ist. Dafür muss sie bereits sehr speziell trainiert haben.

Um Ihre Zeiten in Richtung der erwünschten Leistungsziele von 2025 zu verschieben, sind die unter c), e) und f) angeführten Leistungen notwendig. Sind diese Leistungssteigerungen für sie vor dem Hintergrund ihres bisherigen Trainings realisierbar?

Jeder Trainer weiß, eine Änderung des Trainingsregimes, um auf anderen Strecken auch erfolgreich sein zu können, kann eine Instabilität oder gar ein Absinken der Leistung auf der bisherigen Hauptstrecke bewirken. Allein hierdurch kann man das Erreichen aller Leistungsziele von Jana Marie Becker für 2025 infrage stellen. Ein Misserfolg erscheint wahrscheinlicher als ein Erfolg.

Vor dem Hintergrund der wenig zueinanderpassenden Leistungen auf Jana Maries Laufdistanzen kann weiterhin die Frage gestellt werden, ob ihr Leistungsaufbau den Grundsätzen der Perspektivplanung in der Trainingslehre entsprochen hat. Es wäre auf jeden Fall schade, wenn diese Frage mit Nein beantwortet werden müsste. Ein vorhandenes Talent könnte nicht auf den eigentlichen Leistungshöhepunkt mit 24 bis 26 Jahren vorbereitet worden sein. Dieses Schicksal würde sie dann – LEIDER! – mit anderen jungen Talenten, männlich oder weiblich, der Vergangenheit im Mittelstreckenlauf teilen.

Aber noch ist alles nur begründete Vermutung, nicht Fakt. Dieses Jahr und die folgenden werden zeigen, welche Weg die sportliche Karriere von Jana Marie Becker nimmt. Ihr ist auf alle Fälle die Daumen zu drücken, dass sie ihre Leistungsziele erreicht.

Dr. Wolfgang Blödorn

author: GRR