
Symbolbild - - Prefontaine Classic Eugene, Or May25, 2024 Photo: Victah Sailer@PhotoRun
GEDANKEN ZUM 800 m-LAUF DER FRAUEN – Von Dr. Wolfgang Blödorn
Mit Majtie Kolberg (MK), Audrey Werro (AW), Rachel Pellaud (RP) und Lore Hoffmann (LH) starteten eine deutsche Läuferin und drei Läuferinnen aus der Schweiz bei den diesjährigen Hallen-Europameisterschaften in Apeldoorn 2025.
Meisterschaften sind ein Brennpunkt des geleisteten Trainings der Vergangenheit. Hier können die Athletinnen und Athleten zeigen, welches taktische Vermögen sie besitzen und über welche konditionelle Leistungsgrundlagen sie verfügen.
Zum Termin der Meisterschaften sollten Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit im optimalen Fall maximal zur Verfügung stehen. Wie es darum konkret bestellt ist, können u.a. Rennverläufe darstellen.
Tab. 1: Ausgewählte Rennverläufe bei den Hallen-Europameisterschaften über 800 m der Frauen
Eine deskriptive Analyse der Rennverläufe nach Tabelle 1 zeigt es deutlich: Majtie Kolberg verliert auf der Distanz zwischen 400 m und 800 m, der zweiten Hälfte des 800 m-Rennens, als Einzige der betrachteten Läuferinnen klar an Geschwindigkeit. (Anmerkung: Der Geschwindigkeitsverlust von Audrey Werro im Finale ist auf einen Sturz zurückzuführen.)
Alle drei Läuferinnen aus der benachbarten und bevölkerungsärmeren Schweiz hingegen konnten in der zweiten Hälfte ihrer 800 m-Läufe bei den Hallen-Europameisterschaften an Geschwindigkeit teilweise sehr deutlich zulegen. Warum ist dies der deutschen Läuferin nicht gelungen? Hat die Durchgangszeit von Kolberg unter 60 Sekunden zu viel „Körner“ gefordert?
Über diese Fragen kann man als Externer der individuellen Trainingsprozesse der vier Läuferinnen nur Vermutungen auf der Grundlage von Fakten anstellen. Eine denkbare Möglichkeit zur Klärung dieser Fragen könnte ein Vergleich der jeweiligen Bestzeiten auf der Unterdistanz (400 m) und auf der Überdistanz (1500 m) miteinander erbringen. Hier vorhandene Unterschiede könnten Fingerzeige auf das unterschiedliche Leistungsvermögen in Wettkampfsituationen und taktische Optionen bieten.
Der Vergleich der persönlichen Bestzeiten macht deutlich, Majtie Kolberg ist auf der Unterdistanz die langsamste aller vier Läuferinnen. Auf der längeren Distanz zu den 800 m sind sowohl Audrey Werro als auch Lore Hoffmann deutlich schneller. In der 800 m-Leistung sind die Differenzen nicht gravierend. Kolberg, Pellaud und Hoffmann sind hier nahezu leistungsgleich. Kann man aus den vorliegenden persönlichen Bestzeiten auf Unterschiede in den langfristig angelegten Trainingsprozessen schließen?
Die Antwort hierauf ist knifflig. Dennoch wage ich den Versuch einer Interpretation zur höheren Leistungsfähigkeit der Läuferinnen aus der Schweiz. Versuche können misslingen, aber selbst der Misserfolg eines Versuches kann dazu beitragen, weitere Erkenntnisse zu gewinnen.
Für eine mögliche Antwort muss zunächst der Aspekt der ähnlichen 800 m-Leistung herausgehoben werden. Die 800 m-Leistungen und Deutschland und der Schweiz scheinen mit unterschiedlichen Trainingsphilosophien im langfristigen Training erzielt worden zu sein.
Das Training von Kolberg fokussiert sich augenscheinlich stärker auf ein frühzeitiges Training zur Verbesserung der speziellen Ausdauer allein für die 800 m-Distanz unter mangelnder Berücksichtigung der Nebenstrecken. So könnte die Leistungsentwicklung von Kolberg über die Jahre gesehen interpretiert werden (siehe Tabelle 3). Im Beitrag „Hohe Ziele gesetzt“ (GRR vom 20.03.2025) wurde dieses „deutsche“ (?) Phänomen bereits angesprochen.
Der Koeffizient der speziellen Ausdauer (KsA-Wert), welcher das Verhältnis der Geschwindigkeiten zweier benachbarten Wettkampfstrecken, hier 400 m und 800 m, kennzeichnet, beschreibt den Geschwindigkeitsverlust von der kürzeren zur längeren Distanz. Beim KsA-Wert 1 sind die Geschwindigkeiten auf beiden Strecken demnach gleich.
Die KsA-Werte der vier Läuferinnen zeigen, dass Werro (0,871498), Pellaud (0,889615) und Hoffmann (0,884602) klar niedrigere KsA-Werte wie Kolberg aufweisen. Deren KsA-Wert liegt im Mittel der Wettkampfjahre mit 0,912194 bei Kolberg deutlich am höchsten. Auch dieses Faktum deutet auf einen bevorzugten, engen und frühzeitigen Trainingsprozess zur Verbesserung der 800 m-Leistung hin.
Die Trainer der Läuferinnen aus der Schweiz hingegen scheinen der Entwicklung von Unter- und/oder Überdistanz im langfristigen Trainingsprozess größere Bedeutung beizumessen. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass sie wegen ihrer besseren Unterdistanzleistungen und damit ihrer besseren Geschwindigkeitsreserve sowie ihrer besseren Überdistanzleistungen die zweite Hälfte eines 800 m-Rennens schneller laufen können.
Es stellt sich abschließend die im Spitzensport kontrovers diskutierte Frage, ob eine von Ericsson et al. favorisierte frühzeitige Spezialisierung langfristig einen Platz an der internationalen Leistungsspitze garantiert oder ob ein längeres, breit gefächertes Training zur Entwicklung von Zubringerleistungen mit Talenten zur internationalen Spitze führt.
Eine Diskussion hierzu scheint mir für alle Lauftrainer im DLV, besonders für die Trainer des Nachwuchses, sinnvoll zu sein, um zukünftig im Block Lauf wieder an frühere Erfolge anknüpfen zu können.
Dr. Wolfgang Blödorn