Femke Bol - Photo: Giancarlo Colombo@PhotoRun Victah1111@aol.com
Gedanken zum Wechsel von der 400 m-Distanz auf die 800 m. Ein paar Anmerkungen zum Projekt von Femke Bol und Alica Schmidt – Von Dr. Wolfgang Blödorn*
Zurzeit laufen zwei spannende Projekte zum Wechsel von der 400 m-Distanz auf die doppelte Strecke.
Das eine begann in diesem Jahr mit der Niederländerin Femke Bol. Das andere begann 2024 mit Alica Schmidt.
Beiden Läuferinnen sei an dieser Stelle großen Respekt gezollt, inmitten ihrer erfolgreichen Karriere den Mut aufzubringen, etwas Neues zu wagen!
Wie unterscheiden sich die Voraussetzungen und damit die Chancen der Beiden, bei diesen Projekten, erfolgreich zu sein, d.h. in die internationale Klasse vorzurücken? Der nachfolgende Beitrag versucht dieser Frage anhand von öffentlich zugänglichen Daten näher zu kommen.
Ein Vergleich der Leistungsdaten von Bol und Schmidt
Interessant ist, dass sowohl Bol als auch Schmidt eine identische Zeit über die 60 m aufweisen. Beide scheinen damit über eine ähnliche Sprintfähigkeit zu verfügen. Dennoch haben sich die Leistungen auf den nachfolgenden Strecken sehr unterschiedlich entwickelt, wie die Tabelle 1 zeigt.
Zunächst darf festgehalten werden, dass sich die Zeitdifferenz zwischen Bol und Schmidt mit zunehmender Laufdistanz vergrößert. -Die Ausnahme 300 m ist durch das verschiedene Alter, in dem die Leistung erzielt wurde, begründet. Die Abb. 1 zeigt, dass die Kurve von der 400 m- zur 800 m-Strecke hin sich verändert. Diese leichte Veränderung deutet darauf hin, dass Alica Schmidt in ihrer Entwicklung zur 800 m-Läuferin weiter ist als Femke Bol. Für diesen Fakt könnten zwei Aspekte verantwortlich sein. Zum Ersten ein vorhandenes, unterschiedliches Talent oder zum Zweiten ein unterschiedliches Training aktuell und in der Vergangenheit.

Der Koeffizient der speziellen Ausdauer (KsA) als möglicher Ansatz
In welchem Verhältnis stehen nun die Leistungen der verschiedenen Distanzen zueinander? Zur Antwort auf diese Frage kann der Koeffizient der speziellen Ausdauer (KsA) beitragen.
Was der Koeffizient der speziellen Ausdauer darstellt und welche Möglichkeiten er beinhaltet, dazu geben zwei**, in international renommierten Fachjournals veröffentlichten Beiträge, Auskunft. Die individuellen Werte der Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA-Werte) für beide Läuferinnen finden sich in Tabelle 2a und 2b.
Die Höhe der KsA-Werte gibt Aufschluss über den Stand der Entwicklung der jeweiligen speziellen Ausdauer auf der Paarstrecke. Es gilt die Aussage: Je höher der KsA-Wert im Vergleich zum jeweiligen Referenzwert ist, desto besser ist die spezielle Ausdauer ausgeprägt. Insofern bildet der individuelle KsA-Wert die spezielle Ausdauer auf der jeweiligen Paarstrecke ab und bestätigt die Vermutung, dass Alica Schmidt sich bisher mehr an die erforderliche spezielle Ausdauer für die 800 m angenähert hat als Femke Bol.
Wie weit ist der Wechsel von den 400 m auf die 800 m bereits vollzogen?
Auf diese Frage kann der Referenzwert der Paarstrecke 400/800 eine Antwort geben. Der KsA-Mittelwert dieser Paarstrecke und liegt bei 0,877443. Beide Läuferinnen sind davon noch ein gutes Stück in ihrer Entwicklung entfernt. Bisher liegen die KsA-Werte für die 400/800 Paarstrecke bei ca. 92 % (Bol) und 94 % (Schmidt). Beide Läuferinnen besitzen demnach noch „genügend Luft nach oben“ bei der Entwicklung der speziellen Ausdauer für die 800 m.
Legt man den KsA-Mittelwert der Paarstrecke von 400/800 als Ziel des Trainings des Überganges von der 400 m- zur 800 m-Distanz zugrunde, dann könnte Femke Bol bereits beim Erreichen von 95 % des KsA-Mittelwertes eine Zeit von 1:55,11 min über 800 m erzielen. Damit würde sie im internationalen Konzert der weltbesten 800 m-Läuferinnen mitspielen können. Je näher sie dem KsA-Mittelwert der Paarstrecke kommen würde, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Weltrekord über 800 m aufstellen zu können.
Bei Alica Schmidt bietet das Erreichen des KsA-Mittelwertes der Paarstrecke 400/800 die Chance, 1:58,69 min über 800 m laufen zu können. Mit dieser Zeit wäre sie schon im Kreis der gegenwärtigen besten DLV-800 m-Läuferinnen. Im Vergleich der beiden theoretisch erreichbaren 800 m-Zeiten von Bol und Schmidt wird die Bedeutung der 400 m-Leistung als Ausgangsbasis für eine gute Zeit über 800 m mehr als deutlich.
Ein Vergleich mit der absoluten Weltklasse über 800 m
Zum Abschluss dieser knappen Anmerkungen zur Beziehung zwischen 400 m-Leistung und möglicher 800 m-Zeit ein Beispiel von einer absoluten Weltklasseläuferinn über 800 m als Vergleich. Was liegt näher für diesen Vergleich die neue 800 m-Indoor-Weltrekordlerin über die Distanz von 800 m und Olympiasiegerin von 2024, Keely Hodgkinson, als Beispiel zu wählen? Die Tabelle 3 zeigt Leistungsdaten von Hodgkinson, Bol und Schmidt im Vergleich.

Der individuelle KsA-Wert von Keely Hodgkinson liegt über dem KsA-Mittelwert plus Standardabweichung von 0,899281. Ihr individueller KsA-Wert ist neben dem vorhandenen Talent auch dem langfristig orientierten Training zuzuschreiben. Bereits mit 17 Jahren lief sie 2:03,4 min über 800 m. Ihre Leistungen in der U20-Klasse, mit 19 Jahren, betrugen bereits über 400 m 52,61 sec und über 800 m 1:55,88 min.
Wie bereits angemerkt sind die hier vorgestellten Anmerkungen zum Verhältnis von 400 m- und 800 m-Zeit sowie einem beabsichtigten Wechsel von der 400 m-Distanz zur 800 m-Strecke nicht vollständig. Weitere Interpretationen sowie zusätzliche wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse ließen weitere Aussagen zu.
Dennoch ein knappes Fazit.
Fazit
Im Ergebnis dieser kurzen Anmerkungen lässt sich dennoch folgendes festhalten:
- Die 400 m-Leistung bildet eine entscheidende Grundlage für die mögliche 800 m-Leistung.
- Ein Wechsel von der 400 m-Distanz zur 800 m-Distanz sollte mittelfristig angelegt sein. Für diesen Streckenwechsel sollte ein Zeitraum von drei und mehr Jahren eingeplant werden.
- Es erscheint für 800 m-Läuferinnen sinnvoll zu sein, die 400 m-Leistung bereits vor dem Alter von zwanzig Jahren gut auszuprägen.
*Der Autor ist promovierter Sportwissenschaftler sowie ehemaliger Landestrainer in verschiedenen Landesverbänden
**Blödorn, W., Döring, F. Special endurance coefficients enable the evaluation of running performance.
Sci Rep 15, 20184 (2025). https://doi.org/10.1038/s41598-025-06009-6 sowie
Blödorn, W., Döring, F. Sex-specific characteristics of special endurance and performance potential in female runners. BMC Res Notes 18, 196 (2025). https://doi.org/10.1186/s13104-025-07256-6
Ein Kontakt zum Autor ist unter der E-Mail-Adresse wbloed@gmail.com möglich.
Anmerkungen zur Leistungs entwicklung von Jana Marie Becker – Von Dr. Wolfgang Blödorn
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