Peter Nadas - Symbolbild - Verlag
Der „Lebensläufer“ Peter Nadas ist im Alter von 83 Jahren gestorben – Prof. Dr. Detlef Kuhlmann
Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas ist im Alter von 83 Jahren an seinem Wohnort in Gombosszeg, einem Dorf im Südwesten Ungarns, gestorben.
Die Nachricht muss auch uns als Laufgemeinde traurig stimmen – denn: Der in Budapest geborene Peter Nadas hat sich in seinen literarischen Werken zuweilen auch mit dem Stoff beschäftigt, aus dem die Läufe sind – allen voran sein 397-seitiges Werk mit dem Titel „Der Lebensläufer“, das im Jahre 1998 bei Rowohlt mit dem Untertitel „Ein Jahrbuch“ erschienen ist.
Wer das Buch in die Hand nimmt, erfährt schon im Anmoderationstext („Zu diesem Buch“), dass es hier u.a. auch um „die ausgedehnten Waldläufe“ des Ich-Erzählers geht. Als Jahrbuch ist es demzufolge monatsweise gegliedert, manchmal sind sogar zwei Monate zusammengefasst. Der Autor beginnt und endet im Februar. Alle, die etwas mehr über die Laufgewohnheiten des Erzählers erfahren möchten, müssen sich bis zum Herbst-Kapitel („Oktober. November“) auf Seite 241 vorwagen und werden dann nicht enttäuscht.
Mit einer ästhetischen Beobachtungsschärfe gelingt es Nadas, die uns geläufigen Bewegungen des Laufens mit Stimmungen, Erinnerungen und Gefühlen des Körpers zu einem Lebenslauf zu vermischen und immer wieder – quasi Schritt für Schritt – neu zu komponieren. Übrigens: Alles beginnt mit dem Laufentzug wegen des geschwollenen Zehs des Erzählers, der jedoch schon nach zwei Wochen wieder geheilt ist: „Nach den ersten Schritten spüre ich noch nicht, wie der Lauf werden wird“ (S. 247). Aber jeder Lauf ist geprägt von dem Streben nach Gleichmut, einem von allen äußeren Einflüssen unberührten ruhigen Gemütszustand, den die Griechen als „Ataraxia“ bezeichnet haben.
Für Peter Nadas ist das ein wahrer Genuss, eins zu sein mit sich und mit der Strecke, die man läuft: „die perfekte und stetige Übereinstimmung zwischen sich und seinem Weg“ (S. 259). Das ist das Ziel des Lebensläufers schlechthin. Auf diesem Weg liegen die Bilder des Selbst: „Mein Weg bekam jetzt noch eine zusätzliche Bedeutung, denn er machte mich mit meinem Lebensweg identisch. Der Weg rückt den Wandel in die Dimension der Dauer und fügt die zusammengehörigen Teile zu einem erkennbaren Ganzen“ (S. 264). Erinnerungen und Visionen werden zu permanenten Begleitern einer gleichförmigen und ausdauernden Bewegung. Der Weg ist mir bekannt: Aber erkenne ich mich auf dem Weg?
Peter Nadas hat Deutschland immer als seine zweite Heimat betrachtet, hat Anfang der 1980er Jahre sogar in Berlin (West) gelebt und war auch später immer mal wieder dort zu Gast und ab 2006 Mitglied in der Akademie der Künste in Berlin. Mag sogar sein, dass er sich auch von der weltweiten Resonanz der gerade in Berlin aufkommenden Laufbewegung hat inspirieren lassen.
Der Lebenslauf von Peter Nadas ist jetzt zu Ende gegangen: Ob er jemals ein Ziel als Läufer erreicht hat – egal: Wir wissen noch nicht einmal, ob der Autor Peter Nadas immer auch mit dem der laufenden Erzähler Peter Nadas übereingestimmt hat. Die Frage kann uns Peer Nadas nun nicht mehr beantworten. Aber wir können ihn als „Lebensläufer“ weiter in Erinnerung bewahren und uns als „Läufer im Leben“ an ihm laufliterarisch orientieren.
Prof. Dr. Detlef Kuhlmann
… war bis 2023 Leiter des Arbeitsbereichs Sport und Erziehung am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover und hat im Jahre 1990 zusammen mit Horst Milde den Berliner Literatur-Marathon begründet, den er seitdem moderiert. Für German Road Races stellt er gelegentlich neue Laufbücher vor und erinnert an „Klassiker“. Zu seinen neueren (Lauf-) Publikationen gehören:
Kuhlmann, D. (Hrsg.): „… auf den letzten Metern“. Momente des Zieleinlaufs. (Mit einem Vorwort von Katrin Müller-Hohenstein). Hildesheim 2021: Arete Verlag. 200 S.; 18,- €; ISBN 978-3-96423-058-4
Kuhlmann, D., Pieper, H. & Schulze Forsthövel, U. (Hrsg.): Die sportlich heiteren und politisch gescheiterten Olympischen Spiele München ’72. Zum Gedenken an Walther Tröger. Hildesheim 2023: Arete Verlag. 210 S.; 22,- €; ISBN 978-3-06423-112-3
Und noch ein wichtiger Hinweis: Die offizielle Buchpremiere von „Werner Sonntag 100“ mit Herausgeber Wolfgang W. Schüler (Wiesbaden) findet am Sonntag, dem 20. September 2026, um 17 Uhr in Berlin-Mitte in der Kunstfabrik „Schlot“ (Inhaber John Kunkeler) anlässlich des 37. Literatur-Marathon als Start in die Berliner Marathonwoche statt.
Prof. Dr. Detlef Kuhlmann
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