Eingang zum Forum für Sportgeschichte im Haus am Adlerplatz im Olympiapark Berlin - Foto: G. Steins Berlin
Das Forum für Sportgeschichte – Fördererverein für das Sportmuseum Berlin – Historische Eckpunkte – Gerd Steins
Der Gedanke, in Deutschland ein Sportmuseum wiederzueröffnen, wurde erstmals 1951 in West-Berlin mit der Deutschen Sportausstellung angeregt.
Ohne auf das untergegangene Museum für Leibesübungen (MfL)1 hinzuweisen war im Messeprogramm zu lesen: „Bei der Sportliebe in Deutschland würde ein solches Museum die Besucherzahl jeden anderen Museums weit in den Schatten stellen, womit gleichzeitig das Fundament der Finanzierung geschaffen würde.
Eine Anregung, die vielleicht auf fruchtbaren Boden fällt und auf jeden Fall des Nachdenkens wert ist. Die deutsche Sport-Ausstellung 1951 schließt am 15. April ihre Pforten, schaffen wir dem Sport eine ständige Stätte der Erinnerung, die seiner Bedeutung entspricht und seiner würdig ist.“
Dieser Beitrag war für eine Gruppe um den Turner und Leichtathleten Johannes Theuerkauff der Anlass, im März 1952 in einer Denkschrift ein neues Museum für Leibesübungen zu gründen: „Durch die Zerstörung und Entfernung des Berliner Schlosses ist auch das Museum für Leibesübungen verlorengegangen.
Berlin, die Ausgangsstadt für die neuzeitlichen Leibesübungen, besitzt keine öffentliche Stätte mehr, in der die meist ehrenamtlichen Lehrkräfte einen Überblick über die Geschichte der Leibesübungen erhalten können und in der die Jugend sehen kann, was Turnen und Sport für sie bedeuten.
Nach Wiederherstellung, Verbesserung und Vergrößerung der historischen Hasenheide erscheint es am zweckmäßigsten, ein solches Museum, das gleichzeitig als Jahn-Gedächtnishalle dienen kann, am Ort des ersten öffentlichen Turnplatzes zu errichten.“
Obwohl man zu einer Fördervereinsgründung aufrief, war die Idee Ende 1952 schon wieder vergessen, weil sich weder der Senat noch das Bezirksamt Neukölln organisatorisch oder finanziell an diesem Museumsprojekt beteiligten wollte.
Wesentlich erfolgreicher agierten die älteren Berliner Leichtathleten, die unter der Führung von Hans Senftleben am 5. Februar 1954 die leichtathletische Traditionsgemeinschaft Willy-Kohlmey-Kreis (WKK) gründeten und damit eine Institution schufen, an die sich Verband und Vereine immer um historischen Rat oder Auskunft wenden konnten.
Gleichfalls sammelte der WKK Schriftgut, Fotografien, Souvenirs und Bücher zur Geschichte der Leichtathletik und bildete eine Archiv-und Ehrenalbumkommission, die die Aufgabe hatte, alles historische Material über Leichtathletik zusammenzutragen. Im WKK war auch Arthur Mallwitz Mitglied, der bis 1934 Vorsitzender des Vereins Museum für Leibesübungen war und somit nach 1945 ein personales Bindeglied zum ehemaligen MfL bildete.
Bereits 1972 soll sich im Zuge der Olympischen Spiele in München eine Initiative gebildet haben, in (West-)Deutschland wieder ein Sportmuseum aufzubauen, die aber ohne öffentlich sichtbare Wirkung blieb.
Dagegen schlug Hans Fritsch5 aus Bremen am 20. Juni 1974 dem Berliner Senator für Schule, Familie, Jugend und Sport vor, ein nationales Sportmuseum im Berliner Olympiastadion zu errichten. Der Senatsmitarbeiter Fahrendholz antwortete am 9. Juli 1974: „Ein Antrag auf Einrichtung einer Sammlung von Sporttrophäen im Olympiastadion [wäre] von meiner Verwaltung zu entscheiden“. Ein Vorschlag, wie die Sportverwaltung die Errichtung eines Sportmuseums unterstützen könnte, war in dieser bürokratischen Antwort nicht mitgeteilt worden.
Im Sommer 1975 rief Hans Fritsch schließlich zur Sammlung von sporthistorischen Realien für die Ausstellung Sport im Leben der Völker und im Wandel der Zeiten auf. Die Ausstellungsobjekte sollten nach Ende der Ausstellung in einer Wanderausstellung im Bundesgebiet gezeigt und später in ein zu gründendes Sportmuseum in Berlin eingestellt werden.
Die Arbeitsgruppe Deutsches Sportmuseum lehnte nach anfänglicher Einbeziehung von Hans Fritsch später die Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft der Olympiateilnehmer (GDO) und Hans Fritsch ab, weil man in wesentlichen Fragen der Vorgehensweise uneins war. Während die GDO mit ständigen Ausstellungen und öffentlichkeitswirksamen Sammlungsaufrufen schnellstmöglich eine sporthistorische Sammlung aufbauen wollte, erschöpfte sich die Tätigkeit der Arbeitsgruppe in ergebnislosen Sitzungen und Plänen, nach denen in Köln ein Sportmuseum mit ca. 9.500 m² Ausstellungsfläche errichtet werden sollte – eine Sammlungstätigkeit hatte man aber noch nicht begonnen!
In dieser Situation rief Hans Senftleben im Januar 1976 dazu auf, in Berlin ein Sportmuseum7 zu gründen. Um dieses Ziel zu erreichen, gründeten am 4. November 1976 acht Mitglieder aus dem WKK das Forum für Sportgeschichte (FoS). Es wurde vom Senat als förderungswürdig anerkannt und in den Landessportbund Berlin als Mitgliedsverband aufgenommen. Die Archivalien, Souvenirs, Fotos, Programmhefte und Bücher des WKK wurden 1988 dem FoS übereignet und die bisherige Traditionsgemeinschaft WKK8 trat 2012 als Abteilung in das FoS ein und wurde damit als gemeinnützig anerkannt.
Bis zum Fall der Berliner Mauer organisierte das FoS sowohl in Berlin als auch im Bundesgebiet 13 sporthistorische Ausstellungen, die überwiegend von Publikationen begleitet wurden. Alle im Zusammenhang mit den Ausstellungen und Publikationen gefertigten Fotos, Recherchetexte und Schriftwechsel bilden das Kernarchiv des FoS und sind inventarisiert. Im Jahr 1990 bildete das FoS mit dem Sammlungszentrum Zentrales Sportmuseum der DDR die Arbeitsgemeinschaft Sportmuseum Berlin, aus der am 14. September 1990 das Sportmuseum Berlin hervorging, das dann aufgrund der Erklärung zur Aussetzung der Wirksamkeit der Vier-Mächte-Rechte und -Verantwortlichkeiten am 1. Oktober 1990 eine Institution des Landes Berlin wurde.
Leistungsbilanz
Museumsfördervereine bieten relative Unabhängigkeit gegenüber kameralistischen und administrativen Bestimmungen. Sie sind eigenständige juristische Personen und stets in der Rechtsform des eingetragenenVereins tätig und sollten als gemeinnützig anerkannt sein. Museumsfördervereine haben in der Regel keine wirtschaftlichen Zwecke, ihre Tätigkeit ist in einer Satzung geregelt und wird verantwortlich durch den gewählten Vorstand verwirklicht. Diese Strukturgrund sätze erfüllt das Forum für Sportgeschichte seit seiner Gründung.
Noch bevor in Ost-Berlin Objekte für ein DDR-Sportmuseum gesammelt wurden, erhielt das Forum für Sportgeschichte von Erich Fetting aus Wilhelmshaven am 14. Juli 1981 diese beiden Handgeräte für ein zukünftiges Sportmuseum in Berlin!
Links: Gymnastikball, 1946 aus Binsen geflochten. Rechts: Sprungseil, 1946 aus Papierschnüren geflochten. Der Gymnastikball wurde dem Sportmuseum übereignet, das Sprungseil ist Eigentum des Forums geblieben. Foto: Forum für Sportgeschichte – Lesen Sie bitte die anhängende pdf mit den entsprechenden Abbildungen
Anfänglich war als steuerbegünstigter Zweck festgelegt: „[…] die Geschichte der Leibesübungen anschaulich darzustellen und volksbildnerisch nutzbar zu machen“. Mit den Satzungsänderungen des FoS vom 17. Dezember 1991 und vom 9. Mai 2011 erweiterte das FoS seinen Zweck um konkrete museale Aktivitäten: „Zweck des Vereins ist die Förderung der Volksbildung und des Sports, indem er die Geschichte der Bewegungskultur und des Sports dokumentiert, anschaulich darstellt und für die Weiterbildung nutzbar macht.
Der Verein fördert und unterstützt insbesondere das Sportmuseum Berlin sowie andere der Turn-, Spielund Sportgeschichte dienenden Einrichtungen in Berlin.“9 Ebenso kann das FoS aufgrund des § 14 „zur Erreichung des Zwecks nach § 1 Stiftungen und Sammlungen schaffen, betreiben und verwalten.“
In einer Kooperationsvereinbarung vom 21. April 1995 zwischen FoS und Sportmuseum Berlin (SMB) sind die konkreten Aufgaben und Ziele beider Institutionen festgeschrieben, die nur im gegenseitigen Einvernehmen geändert werden können und bis heute das rechtliche Fundament bilden. Um Interessenskonflikte zu vermeiden, sind hauptamtliche Mitarbeiter des FoS sowie Beschäftigte musealer oder ähnlicher Einrichtungen nicht als Präsident oder Vizepräsident wählbar. Damit eine geordnete Erwerbungspolitik möglich wird, erwirbt das FoS sporthistorische Realien für das SMB nur in Absprache mit der Leitung des SMB, die am Ende eines Kalenderjahres dem Land Berlin zum unentgeltlichen Eigentumserwerb mit der Auflage angeboten werden können, dass die Objekte den Sammlungen des SMB einverleibt und kostenlos dem Verein für Aktivitäten nach § 1 der Satzung des FoS zur Verfügung gestellt werden.
Im Zeitraum vom 1. Januar 2008 bis März 2025 konnte das FoS insgesamt Geldzuwendungen in Höhe von 361.580,08 € einwerben, wovon allein für sporthistorische Ausstellungen 138.518,58 € aufgewendet wurden. Die Erwerbungen für die vereinseigenen Sammlungen (Fachliteratur, Grafik, Fotos) schlugen mit 60.905,16 € zu Buche, die Digitalisierung (Softund Hardware) verschlang 19.615,81 €.
Es wurden steuerlich wirksame Zuwendungsbescheinigungen für Sachspenden in Höhe von 154.776,21 € ausgestellt, die gestifteten Realien sind überwiegend dem SMB übereignet worden und sind vollständig in citavi bzw. in MS-Word inventarisiert. Das Verzeichnis der umfangreichen Bibliothek des Marathoneums10 liegt als pdf-Datei vor.11
Im Zeitraum vom 1. Januar 2008 bis 31. Juli 202112 hat das FoS für eine Vielzahl von museumspezifischen Hilfsarbeiten (Transporte, Inventarisierungen, Aufbau/ Abbau und Betreuung von Ausstellungen, Foto-und Layoutarbeiten) insgesamt 474.923,67 € zugunsten des SMB geleistet. Der gesamte Schriftverkehr, die Reproduktionsfotos, alle Inventare und elektronischen Dateien sind Bestandteil des Archivs im FoS.
Die wöchentlich geleisteten ehrenamtlichen Tätigkeiten von Mitgliedern des FoS von 1990 bis 2021 für das SMB sind allerdings nicht bezifferbar!
Seit dem 1.4.2023 nutzt das FoS im Haus des Deutschen Sports die Räume 6a und 6b, in der bis Ende 2021 die Marathon-Ausstellung gezeigt wurde, als Geschäftsstelle mit Archiv, Bibliothek und Sammlungsdepot. In diesem sporthistorischen Kompetenzzentrum können Vereine, Verbände und Einzelpersonen sich zu den Bürozeiten (dienstags und donnerstags 8.30– 12:30 Uhr) sporthistorisch beraten lassen und die Fachbibliothek nutzen. Von den ehemals sechs Angestellten des SMB arbeiten dort ab April 2025 vier Personen teils ehrenamtlich, teils auf Honorarbasis, um im FoS die sporthistorische Beratung, Sammlungs-und Archivarbeit kontinuierlich fortzuführen.
Tagesprogramm der Olympischen Spiele in Athen am 10. April 1896, Seite 6: Marathonlauf. Von einem Besucher sind die ersten drei Athleten rot markiert:
1. Spiridon Louis (GRE), 2:58:50 h, 2. Charilaos Vasilakos (GRE), 3:06:03 h, 3. Gyula Kellner (HUN), 3:06:35 h (Marathoneum im Forum für Sportgeschichte)
Das FoS hat seit Beginn seiner Tätigkeit eine Vielzahl von sporthistorischen Einzelpublikationen und seit 1992 bis 2021 gemeinsam mit dem SMB die Reihe „Sporthistorische Blätter“ herausgegeben, die das FoS fortsetzen wird. Alle Veröffentlichungen können im Kompetenzzentrum zu den Bürozeiten eingesehen und erworben werden.13
Gerd Steins14
Berliner Archivrundschau 2025-1
1 Martina Behrendt, Gerd Steins: Das Museum für Leibesübungen zu Berlin 1924–1934. Dokumente und Materialien. Berlin 1994, 112 S. 2 Wer schafft das Deutsche Sport-Museum? In: Martina Behrendt, Gerd Steins: 25 Jahre Sportmuseum Berlin. Berlin 1995, S. 18. 3 Denkschrift zur Errichtung eines Museums für Leibesübungen. In: Ebenda, S. 19. 4 Willy Kohlmey war ein 100-m-Läufer des Berliner Sport-Clubs, der bei den sogenannten Internationalen Olympischen Wettkämpfen am 26. Juli 1908 in Berlin über 100 m vor dem Studentenweltmeister May aus den USA ins Ziel kam und damit den ersten europäischen Sprinterfolg über die bisher dominierenden US-Amerikaner erzielte. 5 Fahnenträger der deutschen Olympiamannschaft 1936, Erster Vorsitzender der Gemeinschaft der Olympiateilnehmer (GDO), später Vorstandsmitglied des Forums für Sportgeschichte. 6 Diese Ausstellung wurde vom 23.6.–17.8.1975 im Übersee-Museum Bremen gezeigt. 7 Hans Senftleben: Die kritische Sonde. In: Behrendt/Steins: 25 Jahre Sportmuseum Berlin, S. 37. 8 Der WKK agierte bisher rechtlich als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts (GbR) und nicht als eingetragener Verein.
9 Satzung Forum für Sportgeschichte § 1. 10
Prof. David Edward Martin aus Atlanta (Georgia, USA) schenkte dem FoS seine komplette Arbeitsbibliothek und Sammlung von Marathonsouvenirs (insgesamt 90 Kartons = 2,1 t), die mit finanzieller Hilfe der Association of International Marathons and Road Races nach Berlin verschifft wurde. Siehe hierzu: Gerd Steins: The David-Martin-Collection.
Marathoneum-Documents 3. Berlin 2018, 8 S. 11 Kann unter SportgeschichteBerlin@t-online.de angefordert werden. 12 Zum 31. Juli 2021 ging die langjährige Museumsleiterin Martina Behrendt in den Ruhestand. 13 Eine vollständige Publikationsliste kann unter SportgeschichteBerlin@t-online.de angefordert werden. 14 Der Autor (geb. 1949) wurde erstmals 1980 in den Vorstand des FoS gewählt, agierte 1980–2005 als Schatzmeister und Geschäftsführer und ist seit 2005 Präsident des FOS.
Gerd Steins
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