Blog
09
07
2026

Tagebuch einer Lauflegende - Werner Sonntag im ARETE Verlag - Cover: Verlag

Bemerkenswerte Neuerscheinung: Tagebuch einer Lauflegende – Eine Hommage an Werner Sonntag zu seinem 100. Geburtstag – Prof. Dr. Detlef Kuhlmann

By GRR 0

Werner Sonntag wäre kürzlich 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist jetzt das „Tagebuch einer Lauflegende“ erschienen.

Der Titel ist so bescheiden gewählt wie Werner Sonntag uns in Erinnerung ist – aber: Wer das fast 250-seitige Werk seiner beiden langjährigen Wegbegleiter Wolfgang W. Schüler (Wiesbaden) und Walter Wagner (Reichelsheim) zu lesen beginnt, erkennt sofort: Hier wird ein großes und grandioses Kapitel zur Zeitgeschichte der Laufbewegung in Deutschland mit Beginn der 1960er Jahre aufgeschlagen …

Wie ist das Buch aufgebaut?

Die erste Antwort lautet: So, dass alle Interessierten überall mit dem Lesen starten können – entweder vorn beim Geleitwort des Sportwissenschaftlers Prof. Dr. Oliver Stoll (Uni Halle-Wittenberg) oder mit dem Namens- und Themenregister ganz am Ende oder eben gleich mit dem Tagebuch in 100 Auszügen, das Werner Sonntag als Online-Tagebuch einmal wöchentlich in den Jahren von 2002 bis 2017 für das Internet-Portal „laufReport.de“ verfasst hatte.

Dazwischen liegt noch das Vorwort der beiden Herausgeber und ein 15-seitiges Portrait von Werner Sonntag, in dem wir z.B. erfahren, dass der gebürtige Görlitzer zuerst in der sowjetischen Besatzungszone (bzw. der späteren DDR) als „Neulehrer“ gearbeitet und sich 1952 in Richtung Bundesrepublik auf den Weg gemacht hat, nachdem er aus der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) ausgeschlossen worden war. Wie Werner Sonntag zum Laufen kam? Aus gesundheitlichen Gründen und auf Anraten eines Dr. Maisch … mehr zum „Sonntäglichen Selbstversuch“ auf Seite 15!

Das Tagebuch ist chronologisch nach Jahren aufgebaut und in gut portionierte Texte mit Untertiteln geradezu einfühlsam gegliedert. Für manche mögen allein diese Überschriften als Eye-Catcher gelten, um hier und da mit dem genaueren Lesen zu beginnen. Wie wäre es mit: „Marathon – wie oft?“ (Seite 28) oder „Tierangriffe“ (S. 49) oder „Laufteilnahmen im Alter“ (S. 99) oder „Spartathlon“ (S. 128) oder „Fun Runner“ (S. 204).

Wenigstens exemplarisch möchte ich zusammen mit allen Leserinnen und Lesern dieser kleinen Buchvorstellung in das Tagebuch vom 19. April 2016 mit dem Titel „Laufen und Zeitgeist“ etwas tiefer eintauchen. Werner Sonntag berichtet darin vom Besuch beim Augenarzt, wo ihn die medizinische Fachangestellte freundlich anspricht, er sei doch Marathonläufer: „obwohl ich nun wahrhaftig nicht mehr den Eindruck eines Leistungssport treibenden Menschen mache und mein letzter Marathon sieben Jahre zurückliegt“ (S. 218).

Für Werner Sonntag erwächst daraus aber die Erkenntnis: „Wer Marathon läuft, heimst Hochachtung ein“. Der Zeitgeist war da vor fünfzig Jahren noch ganz anders: Werner Sonntag musste sich Spott und hämische Kommentare anhören – wie etwa 1972 zur Zeit der Olympischen Spiele in München. Sonntag, gerade 46 Jahre alt, wurde begrüßt mit: „Na, Opa, auch zur Olympiade?“ Inzwischen drücken die Zurufe vom Laufstreckenrand Respekt aus. Laufen ist zum Alltag der Menschen geworden: „Läufern kommt man entgegen, weil man ihnen die Fortbewegung erleichtern will, denn sie tun etwas Nützliches“ (S. 220). Dem „Wort zum Sonntag“ ist nichts mehr hinzuzufügen – außer:

Mein erstes Fazit: Alle, die Werner Sonntag gekannt und irgendwann von ihm etwas gelesen haben, werden sich im Lauftagebuch hier und da mit ihrer eigenen Laufbiographie wiederfinden und sich mit Dankbarkeit an ihn erinnern. Alle, die jetzt den Namen Werner Sonntag zum ersten Mal lesen, werden bei der Lektüre des Buches nicht nur fundierte Einblicke in sein breites Schaffen nachvollziehen können, sondern beiläufig auch erfahren, wie sich die (westdeutsche) Laufbewegung in unserem Land zu der entwickelt hat, wie wir sie heute alle laufend erleben können …

Wolfgang W. Schüler & Walter Wagner (Hrsg.): Werner Sonntag 100. Tagebuch einer Lauflegende. (Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Oliver Stoll). Hildesheim 2026: Arete Verlag. 246 S.; 22,- €; ISBN 978-3-96423-153-6

Und noch ein wichtiger Hinweis: Die offizielle Buchpremiere findet am Sonntag, dem 20. September 2026, um 17 Uhr in Berlin-Mitte in der Kunstfabrik „Schlot“ (Inhaber John Kunkeler) anlässlich des 37. Literatur-Marathon als Start in die Berliner Marathonwoche statt.

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann

… war bis 2023 Leiter des Arbeitsbereichs Sport und Erziehung am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover und hat im Jahre 1990 zusammen mit Horst Milde den Berliner Literatur-Marathon begründet, den er seitdem moderiert. Für German Road Races stellt er gelegentlich neue Laufbücher vor und erinnert an „Klassiker“. Zu seinen neueren (Lauf-) Publikationen gehören:

Kuhlmann, D. (Hrsg.): „… auf den letzten Metern“. Momente des Zieleinlaufs. (Mit einem Vorwort von Katrin Müller-Hohenstein). Hildesheim 2021: Arete Verlag. 200 S.; 18,- €; ISBN 978-3-96423-058-4

Kuhlmann, D., Pieper, H. & Schulze Forsthövel, U. (Hrsg.): Die sportlich heiteren und politisch gescheiterten Olympischen Spiele München ’72. Zum Gedenken an Walther Tröger. Hildesheim 2023: Arete Verlag. 210 S.; 22,- €; ISBN 978-3-06423-112-3

Über die ersten schwarzen Champions im Sport: 35 Biografien von Jesse Owens bis Malaika Mihambo … ARETE Verlag – Prof. Dr. Detlef Kuhlmann

author: GRR