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03
11
2026

T-shirt Vorderseite für die Teilnehmer der Veranstaltung - Foto: privat

Ehrgeiz gibt es auch hinter Gefängnismauern oder – Der Weg ist das Ziel und der Sieg nur eine Ergänzung. Christoph Bethke

By GRR 0

Der Autor ist ein passionierter Läufer, der neben seiner Arbeit als Lehrer ehrenamtlich Jugendliche im Strafvollzug auf einen deutschlandweiten Laufwettkampf vorbereitet.

„Jugend bewegt sich über Grenzen“, das ist der Titel eines seit 2007 bestehendem bundesweiten Laufprojekts im Jugendstrafvollzug, bei dem Teams aus fünf Läuferinnen oder Läufern in einem Staffel-Halbmarathon antreten. Es soll eine Möglichkeit bieten, um während der Haftzeit sportlichen Ausgleich zu finden, ein Ziel zu verfolgen und beharrlich an dessen Erreichen zu glauben und zu arbeiten.

Alle diese Eigenschaften sind auch für die Zeit nach der Haft durchaus wichtig, denn innerhalb der Mauern stehen die Insassen unter Kontrolle, jemand passt auf sie auf, bietet einen geregelten Tagesablauf mit Aufgaben, Essen und Pausen, aber außerhalb bleibt oft nur der Kontakt zum Kreis ehemaliger Freunde, oftmals Kriminelle, und viele geraten letztendlich erneut in den Strudel aus Illegalität, Körperverletzung, Beschaffungskriminalität und Drogen.

Der Sport könnte hier einen Weg weisen, der zeigt, dass man auch ohne Abkürzungen zum Ziel kommt und dabei über sich hinauswachsen und Dinge erreichen kann, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie möglich sind. Sport verbindet auch über Sprachgrenzen hinweg und bietet Chancen, nach der Haftzeit Anschluss zu finden. Ganz im Sinne Nelson Mandelas: „Sport has the power to change the world!“

Über private Kontakte erhalte ich vor einigen Jahren die Anfrage, ob ich Lust habe, Jugendliche bei einem jährlichen Laufprojekt als Trainer ehrenamtlich zu begleiten. Darüber muss ich erst nachdenken, denn die Vorbehalte sind aufgrund des Ungewissens natürlich vorhanden. Daher folgen zunächst Telefonate, was mich erwarten würde und was von mir erwartet wird. Ich denke darüber nach, inwiefern auch ein theoretisches und trainingswissenschaftliches Wissen an die Insassen vermittelt werden kann oder soll. Diese Vorstellung erübrigt sich schnell, als mir die allgemeine Situation geschildert wird, dass nämlich die Sprachbarriere eine Art klassischen Unterricht verhindert. Es geht eher um die Praxis, das Laufen, den eigenen Körper erfahren und einschätzen können.

Darüber hinaus aber auch Disziplin, Ehrgeiz, Wettkampf und Regelmäßigkeit schulen, stärken und nutzen.Mittlerweile kenne ich die Wege und Abläufe in der JVA ganz gut, auch die Bediensteten kenne ich und sie mich, zumindest vom Sehen, und sie wissen, was ich für jährlich für ein paar Monate dort mache. Allerdings erinnere ich mich auch noch an die ersten Besuche vor gut vier Jahren. Bevor ich in die Anstalt eintreten darf, musste ich meine Daten schriftlich hinterlegen und wie bei einem persönlichen Besuch darf ich kein Geld oder auch kein Handy mitnehmen. Das muss in einem Schließfach draußen warten. Nach etlichen Besuchen lasse ich das alle direkt zuhause oder im Auto, damit der Einlass möglichst reibungslos klappt.

Während der Jahre als Trainer sieht man viele Teilnehmende. Eine Großzahl sind sehr gut und man fragt sich, warum sie so gut und schnell laufen können. Einige sind nur sporadisch dabei, ihnen fehlt die Motivation. Andere sind dagegen fast jedes Mal dabei und sind sehr zielstrebig und motiviert. Manche verbessern sich von Woche zu Woche, andere bleiben auf einem Leistungsniveau, aber sind unermüdlich dabei. Von Anfang an wird klar kommuniziert, dass am Ende nur die Schnellsten im Team dabei sein werden, sofern sie auch regelmäßig teilgenommen haben. Das Ziel ist also klar formuliert. Immer mehr entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Truppe, auch wenn nicht alle dieselbe Sprache sprechen, einige schneller als andere sind. Man trifft sich zum Training und es macht Spaß. Gelegentlich bleibt jemandem die Teilnahme verwehrt, da gegen die Anstaltsregeln verstoßen wurde und somit die Teilnahme am Projekt zunächst auf Eis liegt. Wer sich nicht an Regeln hält, darf nicht teilnehmen. Auch das wissen alle. Das gemeinsame Ziel fordert also auch Selbstkontrolle, Disziplin, das Ziel im Auge zu behalten.

Nach den Einheiten wollen alle wissen, wie sie heute abgeschnitten haben. Der Ehrgeiz ist bei allen vorhanden und sie wollen sich wöchentlich steigern, um beim Staffelwettkampf gegen andere Anstalten dabei sein zu dürfen. Mit jeder besseren Leistung wächst der Stolz und die Zuversicht, dabei sein zu können.

Auch der Schirmherr lässt es sich nicht nehmen, die Inhaftierten bei einer Trainingseinheit zu unterstützen und sich im Anschluss den Fragen der Mannschaft zu stellen. Der Schirmherr ist niemand Geringeres als der Olympiasieger in Barcelona 1992 über 5000m, Dieter Baumann. Auf seine gewohnt humorvolle Art beantwortet er die Fragen von Menschen, die ihn und seine Leistungen aufgrund ihres jungen Alters gar nicht einordnen können, wenn man es ihnen nicht vorher gesagt hätte. Aber auch er stellt Fragen und ist interessiert an den Schicksalen der ambitionierten Läufer im Strafvollzug.

Ich hatte Dieter Baumann ziemlich anonym schon bei anderen Laufevents „getroffen“ und mal im Vorbeigehen ein gemeinsames Foto machen können. Aber dieses Mal nimmt er sich Zeit. Bei einer anderen derartigen Begegnung präsentiert er einen Ausschnitt aus seinem Bühnenprogramm, Insidergeschichten von internationalen Wettkämpfen und ebenfalls seine Goldmedaille von den Olympischen Spielen. So kommt man also hinter Gefängnismauern dazu, eine olympische Goldmedaille in Händen zu halten…

Das jährliche Ziel des Projektes ist schließlich der Vergleichswettkampf gegen viele andere Anstalten, sodass es bis zu 17 Mannschaften sind, die gegeneinander antreten. Am Ende kommt ein gemeinsam gelaufener Halbmarathon zusammen, der als Staffel absolviert wird. Natürlich darf jeder Läufer nur je einmal über eine gleichmäßig aufgeteilte Distanz laufen.

Die Ungewissheit und Nervosität vor dem Start ist deutlich zu spüren und unterscheidet sich nicht von Wettkämpfen außerhalb der Mauern. Was haben die anderen trainiert, was haben die drauf?

Sobald der Start erfolgt ist, legt sich die Nervosität und die Staffeln ordnen sich schnell in die Leistungsniveaus ein. Mit jedem Läufer ergeben sich auch wieder Positionswechsel und man kann beobachten, wer seinen Körper und sein Leistungsvermögen kennt, wer sich überschätzt.

Das Ergebnis ist zweitranig, alle freuen sich über die Erfahrung, an diesem Projekt teilgenommen zu haben, mal raus gekommen zu sein, sei es auch nur in eine andere Anstalt, andere Gesichter zu sehen.

Der Weg ist das Ziel und der Sieg nur eine Ergänzung, aber auch eine Belohnung.

Alle Teilnehmer sind stolz auf sich und ihren Weg, alle erhalten ein T-Shirt. Auch als Trainer fiebert man natürlich mit und ist stolz wenn man eine Mannschaft an den Start gestellt hat, die als „Deutscher Meister über die Halbmarathon-Staffel“ (der JVAs) zufrieden nach Hause fahren kann.

Christoph Bethke

Lt. Auskunft von Dieter Baumann findet das nächste Laufprojekt „Jugend bewegt sich über Grenzen“ am Freitag 24.09.2027 in der JVA Heinsberg statt.

Viel Erfolg – „Jugend bewegt sich über Grenzen“ – Endlauf von „Jugend bewegt sich über Grenzen“ in der Jugendstrafanstalt Schifferstadt

Der gelungene Jubiläumslauf – 10. Berliner 10 km Lauf für Gefangene am 20. Oktober 2026  – Sehr kalt und windig – Horst Milde

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