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DIAMOND-LEAGUE-Finale Brüssel: Zwei Weltrekorde – und deutsche Ernüchterung – Von Dr. Wolfgang Blödorn*
Beim letzten Diamond-League-Meeting vor dem Finale in Brüssel überboten sich die Stars im Zürcher Letzigrund. Masai Russell sowie Alison dos Santos laufen Weltrekord und Audrey Werro verzückt das Heimpublikum.
Für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) aber gerät der Abend zur ernüchternden Bestandsaufnahme.
Es war ein Abend, wie ihn sich die Leichtathletik nur wünschen kann. Nach den Europameisterschaften in Birmingham bekamen ihre Anhänger im Zürcher Letzigrund und vor den Fernsehern das nächste große Schauspiel geboten – spannend, emotional und am Ende sogar historisch. Gleich zwei Weltrekorde leuchteten beim letzten Diamond-League-Meeting vor dem Finale in Brüssel auf der Anzeigetafel auf.
Zwei Weltrekorde an einem Abend
Masai Russell schraubte den Weltrekord über 100 Meter Hürden der Frauen um drei Hundertstelsekunden auf 12,09 Sekunden. Noch deutlicher fiel der Sprung über 400 Meter Hürden der Männer aus: Alison dos Santos entthronte den norwegischen Ex-Weltrekordler Karsten Warholm und blieb in 45,80 Sekunden über die von zehn Hürden gespickte Stadionrunde. Doch nicht nur diese beiden Bestmarken ließen die Herzen höherschlagen.
Ein Höhenduell bis 6,25 Meter
Im Stabhochsprung lieferten sich Armand Duplantis und Emmanouil Karalis ein episches Duell. Sprung um Sprung schraubten beide den Meetingrekord in immer luftigere Höhen. Am Ende behielt der Schwede, den sie nur „Mondo“ nennen, mit 6,25 Metern knapp die Oberhand vor dem Griechen, der bei herausragenden 6,20 Metern, griechischer Nationalrekord, hängen blieb.
Werros Coup auf der Zielgeraden
Auch die 800 Meter der Frauen boten Sport der Extraklasse. In beherzten 55,36 Sekunden ging es durch die erste Runde. Auf der Zielgeraden setzte sich die Favoritin und Lokalmatadorin unter tosendem Beifall von Femke Broeders-Bol ab, die bis dahin in Führung gelegen hatte. Audrey Werro wurde für ihren Einsatz mit einem Diamond-League-Rekord und einer neuen Schweizer Bestmarke in 1:53,71 Minuten belohnt – und rückte damit dem uralten Weltrekord von Jarmila Kratochvílová aus dem Jahr 1983 ein Stück weiter näher.
Belohnt wurde auch das Wagnis von Femke Broeders-Bol. Ihr mutiger Wechsel von den 400 Metern Hürden auf die doppelt so lange Distanz zahlte sich aus: In 1:54,71 Minuten verbesserte die Niederländerin erneut ihren eigenen Landesrekord und blieb erstmals unter 1:55 Minuten. Man darf gespannt sein, ob sich dieser Aufwärtstrend schon beim Finale am kommenden Wochenende in Brüssel fortsetzt – oder ob der nächste Schritt eine Sache der neuen Saison wird.
Fünf Tausendstel im Sprint
Erstklassig auch die kurzen Sprints. Über 100 Meter der Frauen siegte Julien Alfred in 10,70 Sekunden – Nationalrekord – und verwies Weltmeisterin Melissa Jefferson-Wooden um fünf Tausendstelsekunden auf Rang zwei. Über 200 Meter der Männer steigerte Kenneth Bednarek seine Saisonbestleistung auf 19,62 Sekunden.
Magere deutsche Ausbeute
Fünf deutsche Leichtathletinnen und Leichtathleten durften beim letzten Diamond-League-Meeting 2026 in Zürich an den Start gehen: die drei Hindernisläuferinnen Gesa Krause, Lea Meyer und Olivia Gürth, dazu der deutsche Rekordhalter über 1500 Meter und die Meile, Robert Farken, sowie Speerwerfer Thomas Röhler. In den Kampf um den Sieg griff keiner von ihnen ein. Krause wurde als beste deutsche Sechste, Lea Meyer Siebte, Olivia Gürth mit persönlicher Bestleistung Achte. Immerhin: Wie Lea Meyer sammelte wie auch Robert Farken mit Rang acht genügend Punkte für das Finale in Brüssel. Thomas Röhler hingegen reichte der achte Platz nicht zur Qualifikation.
Das Sprungbrett zu den Millionen
Das Diamond-League-Finale von Brüssel am 04. und 05.September liefert sehr starke Fingerzeige im Vergleich zum Leistungsstand der einzelnen Nationen. Zum einen werden die Besten des Rankings der Diamond League eingeladen. Zum anderen werden hier lukrative Prämien verteilt. Drittens geht es dabei auch um genügend Punkte zu sammeln, um zu den Ultimate Championships in Budapest vom 11. bis 13. September im Stadion Nemzeti Atlétikai Központ eingeladen zu werden. Dort können die Sieger Millionenbeträge gewinnen. Kurz: Die Diamond League ist das Sprungbrett, um sich als Profi nicht nur seine sportliche Zukunft abzusichern. Hier gilt der Leistungsgedanke pur. Die Teilnahme am Diamond-League-Finale sowie an den Ultimate Championships sind die Messlatte, um von Athletinnen und Athleten der Weltklasse reden zu können. Hier versammelt sich die Creme de la Creme der Leichtathletik.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die DLV-Athletinnen und Athleten, welche sich für das Diamond-League-Finale qualifiziert haben (Tab. 1).

Malaika Mihambo wird nicht antreten: Die 32-Jährige hat ihre Saison 2026 am 23. August wegen einer Verletzung für beendet erklärt, ihr Startplatz wird nach dem World Ranking neu vergeben. Und der 34Jährige Thomas Röhler verpasste, wie erwähnt, mit Rang acht in Zürich die Qualifikation.
Tabelle 1 zeichnet das bekannte deutsche Leistungsbild in der Leistungsstruktur der Disziplinen nach. Von acht vorläufig qualifizierten Aktiven sind sechs Männer und nur zwei Frauen. Auch die Disziplinen spiegeln die Strukturschwäche in den Blöcken des DLV wider: Kein Kurzsprinter hat es geschafft, nicht einmal der Europameister über 200 Meter.
Ein Befund, der dem Vorsitzenden des Leistungssports im DLV, Dr. Jörg Bügner, Sorgenfalten auf die Stirn treiben müsste. In vielen Disziplinen hat der Verband den Anschluss an die Weltspitze verloren.
Ein weiterer Blick auf die nationale Verteilung der Teilnehmenden beim Diamond-League-Finale kann die Sorgenfalten nicht vertreiben. Im Gegenteil! Platz fünf in der Nationenwertung 2028 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles scheint doch noch weit entfernt zu sein. Insgesamt gehen beim Finale 236 Athletinnen und Athleten aus 58 Nationen an den Start. Tabelle 2 zeigt die am stärksten vertretenen Nationen – von Rang eins bis hinunter zu jenen mit vier Startenden.
Tab. 2: Stand der Rangfolge der Teilnehmenden beim Diamond-League-Finale 2026 in Brüssel nach Nationen am 28.08.2026
Zwar ist Deutschland laut Tabelle 2 mit Rang acht die zweitstärkste europäische Nation im Feld. Doch die sieben qualifizierten DLV-Startenden entsprechen knapp nur drei Prozent aller Teilnehmer – und Italien, Frankreich, Norwegen und Schweden sind in Reichweite.
Dadurch, dass weder Meyer noch Röhler im Diamond-League Finale starten werden, fällt der DLV in dieser Nationenwertung sogar um einen Platz hinter Italien zurück. Dies entspricht genau dem Placing Table der Europameisterschaften von Birmingham. Es dürfte den Verband und seine Verantwortlichen, zu denen laut Organisationsschema auch der Aufsichtsrat zählt, große Mühe kosten, den Rückstand auf die Weltspitze bis zu den Weltmeisterschaften 2027 und den Olympischen Spielen 2028 aufzuholen.
Vorausgesetzt, sie bringen überhaupt den Mut zu strukturverändernden Maßnahmen in der Kaderbildung (vgl. GRR vom 24. August 2026: „Der Weltmaßstab, den der DLV nicht anlegt“) und in der Förderstruktur auf. Der Leichtathletik in Deutschland würde es guttuen. Den deutschen Startenden in Brüssel bleibt, die Daumen zu drücken – auf, dass sie im Diamond-League-Finale erfolgreich sind.
Zur Person
Dr. Wolfgang Blödorn ist promovierter Sportwissenschaftler. Er hat verschiedene Ämter auf Funktionärs- und Trainerebene ausgeübt – als Landestrainer in mehreren Landesverbänden, als DLV-Bundesstützpunktleiter und -trainer sowie als Trainer im internationalen Bereich.
Kontakt: wbloed@gmail.com
LEICHTATHLETIK · KADERFÖRDERUNG: Der Weltmaßstab, den der DLV nicht anlegt – Dr. Wolfgang Blödorn*
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