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18
08
2026

Symbolbild - Olympische Flagge - Foto: Horst MIlde

Das IOC benötigt eine neue Theorie des modernen Olympismus – das IOC benötigt eine neue olympische Idee – Prof. Dr. Helmut Digel – sport-nachgedacht.de

By GRR 0

Die modernen Olympischen Spiele haben ein antikes Vorbild und dank der Ideen und philosophischen Gedanken von Pierre de Coubertin haben Sie sich zu einem weltumfassenden Sportereignis entwickelt, das alle vier Jahre stattfindet.

Im Gegensatz zu allen übrigen Sportereignissen und internationalen Wettkämpfen haben die modernen Olympischen Spiele ein „Wertefundament“ aufzuweisen, das in vieler Hinsicht beachtenswert ist. Die nun bereits über mehr als 100 Jahre fortgeschriebene Olympische Charta bildet, ähnlich wie die zehn Gebote, ein handlungsleitendes, ethisch moralisches Steuerungsinstrument, das die Olympischen Spiele heute und in der Zukunft tragen soll.

Die ohne Zweifel wichtigsten Werte die in der Olympischen Charta niedergelegt sind, sind das „Fair Play Prinzip“, das „Olympique Truce Prinzip“, das „Gebot der Exzellenz“, das „Solidaritätsprinzip“, das „Gebot der politischen Neutralität“, das „Leistungsprinzip“, das „Gebot der Aufrichtigkeit“ und eine Verpflichtung gegenüber den „Prinzipien der Wahrheit und Gerechtigkeit“.

Betrachten wir die aktuelle Realität der Olympischen Spiele, so wie sie sich uns zum Beispiel in Paris 2024 oder in Milano Cortina 2026 dargestellt haben, so müssen wir erkennen, dass manches dieser Wertemuster gar nicht oder nur am Rande beachtet wurde und dass sich die modernen Olympischen Spiele immer mehr in eine Richtung entwickeln, die im Gegensatz zu ihrem Wertefundament steht. Dieser Prozess wird sich vermutlich in der weiteren Zukunft noch verschärfen.

Im Folgenden wird die These vertreten, dass die aktuelle fragwürdige Entwicklung der Olympischen Spiele ursächlich mit den Defiziten jener Theorie des modernen Olympismus zusammenhängt, wie sie von Pierre de Coubertin in der Zeit der späten 1880er Jahren bis etwa 1910, mit einer späteren philosophischen Ausformulierung 1935 erarbeitet wurde.

Pierre de Coubertin war ohne Zweifel eine der herausragenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts und seine Schriften zum modernen Olympismus haben eine „Olympische Philosophie“ begründet, die es bis heute verdient hat, dass sie beachtet wird und dass man sich mit ihr auseinandersetzt. Dies sollte und müsste vorrangig die Aufgabe des IOC sein, das die Auffassung vertritt, dass es in der Tradition der Philosophie von Pierre de Coubertin die Olympischen Spiele auch zukünftig der Weltgesellschaft präsentieren darf. Es gibt jedoch berechtigte Zweifel, ob die derzeitigen Repräsentanten des IOC sich überhaupt jemals mit den Grundlagen des modernen Olympismus auseinandergesetzt haben. Vielmehr muss man den Eindruck gewinnen, dass der Name Coubertin von den derzeitigen für den Olympischen Sport politisch Verantwortlichen lediglich wie eine Etikette oder wie ein „Marketing-Tool“ benutzt wird, um eine sportliche Veranstaltung mit dem Namen „Olympische Spiele“ möglichst erfolgreich zu verkaufen. Unter intellektuellen Gesichtspunkten ist vermutlich ein großer Teil der IOC-Mitglieder überfordert, wenn es um die Frage geht, inwiefern die Regelstruktur der Olympischen Charta heute noch tragbar ist oder ob sie Widersprüche enthält, die sich uns als unauflösbar darstellen.

Betrachten wir die philosophischen Erörterungen von Coubertin über die von ihm angestrebten Olympischen Spiele der Neuzeit, so ist bereits der Ausgangspunkt seiner Überlegungen die Ursache, warum sich heute die Olympischen Spiele in einem nicht auflösbaren Dilemma befinden. Für Coubertin sollten die Olympischen Spiele ein pädagogisches Erziehungsmittel sein, um Frankreich unter den Nationen wieder „salonfähig“ zu machen. Seine Zugehörigkeit zur französischen Oberschicht stellt sich für eine tragfähige Olympische Idee aus der Sicht von als ein Nachteil dar, dem Coubertin in seiner Denkwelt nicht entkommen konnte. Für ihn sollten die Olympische Spiele die schmutzigen Flecken der Geschäftemacherei aus dem damaligen verlotterten französischen Sport herauswaschen. Er bediente sich dabei der Antike als Schablone, wo sie für ihn tragfähig ist, und kombinierte diese mit neuen Notwendigkeiten.

Sein eigener und jener in Frankreich damals sehr ausgeprägte Nationalismus spiegelt sich in der Konzeption seiner modernen Olympischen Spiele wider, indem er den Sinn und Zweck der Spiele dahingehend definierte, dass die besten Sportler der Welt im vierjährigen Rhythmus gegeneinander als Vertreter ihrer Länder friedlich in ritterlicher Weise, zur Ehre ihres Vaterlandes kämpfen. Fairness, Ritterlichkeit, Uneigennützigkeit, Beharrlichkeit im Training, Streben nach sportlicher und moralischer Vervollkommnung, Achtung auf die Gesundheit etc. all diese Werte sind dabei einer Ehrerweisung zu Gunsten des eigenen Vaterlandes untergeordnet.

Es ist bemerkenswert, dass Coubertin in seinen Überlegungen zu einer Theorie des modernen Olympismus sehr früh erkennt, dass neben der Vaterlandsehre eine Instanz benötigt wird, die die von ihm definierten Ideale der Olympischen Bewegung zusammenhält und für die Verbreitung dieser Ideale auch in der Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen zuständig ist.

In der Antike war dies die Religion.

Sie war die treibende Kraft beim Zusammentreffen der besten Söhne der griechischen Städte zum friedlichen Agon. Sie war die entscheidende moralische Instanz, die für die Einhaltung der vorgeschriebenen Rituale sorgte. Der olympische Eid als Eingangsritual war schon geschaffen, mit dem jeder Wettkämpfer gelobte, als Amateur anzutreten, um ritterlich zum Ruhme seines Vaterlandes zu kämpfen. Aus dem Eid, so war es das Anliegen von Coubertin, musste ein Schwur werden. Schwören kann man aber nur auf ein höheres Wesen, das man als göttliche Macht anerkennt. Da aber Athleten aller Arten von Glaubensrichtungen und Religionen als Wettkämpfer bei Olympischen Spielen antreten sollen und Coubertin selbst Freidenker war und man im 19. Jahrhundert auch nicht mehr die antiken Olympischen Götter zum Schutz anflehen konnte, war Coubertin auf der Suche nach einem geeigneten Religionsersatz.

Liest man seine erinnernden Gedanken über die Gottesdienste bei den Eröffnungsfeiern der ersten Olympischen Spiele so wird klar, dass der Sinn von Gottesdiensten bei Coubertin nicht etwa in der Verkündigung des Evangeliums liegt, sondern sie sollen als Feier bestimmter Gefühlsregungen gedacht werden. Wenn bei solchen Feiern Inhalte vermittelt werden, dann muss es sich um philosophische freidenkerische Gedanken handeln. Deshalb stellte sich für ihn die Frage, wie man eine Instanz schaffen kann, die die Feierlichkeit der Spiele erhöht, die den Ernst und die Würde der Spiele zum Ausdruck bringt und die gleichzeitig für Athleten (Athletinnen gab es in seiner Vorstellung zu dieser Zeit noch nicht) eine Art moralisches Leitbild sein konnte, das sie auf der rechten Bahn der Olympischen Tugend hält.

Coubertin, der seine universitäre Abschlussprüfung über das Thema der schöpferischen Fantasie des Menschen absolvierte, kam auf die Idee, eine „religio athletae“, eine olympische „Religion für den Athleten“ zu schaffen. Ihm zur Hilfe kam dabei seine starke Einbildungskraft, sein Hang für das Irrationale, für das Gefühlsmäßige, seine Fähigkeit, die Lebenskräfte vergangener Zeiten wieder wirksam werden zu lassen.

Im Jahr 1894 nennt er den „Olympismus“ einen 2000 Jahre alten Gedanken, der die Menschen heute wie einst bewegt, da er die Triebe anspricht, die zu den lebenswichtigsten und edelsten gehören. Zum ersten Mal fällt dabei auch schon der entscheidende Begriff „Olympische Idee“. Den Olympismus bezeichnet er als fröhliche Hoffnung. Seiner Meinung nach fehlt dem modernen Sport eine philosophische Grundlage. In Anlehnung an die Antike, sucht er ein religiöses, festes Band, das die Jugend wie in der Antike mit ihrer „Polis“ verband, und das die Spiele überhaupt zu Wege brachte. Dieses Band musste neu konstruiert werden, damit dieselbe feste Verbundenheit der Olympiakämpfer mit ihrem Vaterland entstehen kann. Deshalb wollte er einen Kult der Ehre und der Uneigennützigkeit schaffen. Kult der Ehre heißt, dass der Wettkämpfer zum Ruhme seines Vaterlandes antritt, und Kult der Uneigennützigkeit bedeutet, dass er die Olympischen Regeln einhalten wird und dabei vor allem die Amateurregeln zu beachten sind.

16 Jahre später präsentiert Coubertin seinen großen Entwurf über ein modernes Olympia und präzisierte seine Vorstellungen folgendermaßen:

„Das antike Olympia war eine Stadt des sportlichen Wettkampfes, der Kunst und des Gebets. Zu Unrecht hat man die Reihenfolge dieser drei Worte umgestoßen. Der heilige und der ästhetische Charakter Olympias waren die Folgen seiner muskelbestimmenden Rolle. Die Stadt des sportlichen Wettkampfes war es zeitweilig. Die Stadt der Kunst und des Gebets fortwährend. So wird es auch mit dem modernen Olympia sein. Der Grund seines Daseins werden die Spiele sein. Die Kunst aber wird hier ununterbrochen verweilen und ebenso die Religion. Damit wollen wir nicht sagen, dass man eine Kirche errichten soll oder Kultstätten oder vielleicht einen jener Tempel, in denen sich ein unbestimmter Deismus behauptet… Auf gar keinen Fall kann die Rede davon sein, irgendein Gebäude zu planen, das dem Vollzug kultischer Riten dienen sollte. Wir haben den Begriff religiös in einem anderen Sinn verwendet. Olympia verdient nämlich dieses Bestimmungswort nicht nur einzig deshalb, weil es hier Tempel, Altäre und Priester gab. Die Stadt schöpft ihr heiliges Wesen aus dem Gefühl patriotischer Pietät, das über ihr schwebte, ihre Atmosphäre durchtränkte und ihre Bauwerke umgab. Jedes Olympia, das seines Namens und Zieles würdig sein soll, wird den gleichen Eindruck vermitteln müssen. Eine Art Würde, die nicht unbedingt streng und freudlos sein muss, wird sich ringsum so ausbreiten, dass sie still in der Zeit zwischen den Wettkämpfen, die Besucher wie ein Wallfahrtsort anzieht und ihnen Ehrfurcht vor den Städten einflößt, die edlem Andenken oder mächtigen Hoffnungen geweiht sind“.

Das wesentliche Moment bei der Restitution einer neuen „Religion“ Olympias wird sein, dass das Gefühl „patriotische Pietät“ wieder vermittelt wird. Dies geschieht vor allem durch eine würdige Feier mit einem wohl durchdachten Olympischen Zeremoniell:

„Je stärker der feierliche Charakter der Olympiaden hervortreten wird, umso mehr wird man sich bemühen, ihnen zu huldigen. Den Mittelpunkt der Olympischen Feier, nachdem die Athleten in einer Art Prozession in das Stadion einmarschiert sind, ist die Ablegung des Olympischen Eides in Anlehnung an den antiken Reinigungsritus. Es soll eine Art Läuterungsprozess sein, der die Wettkämpfer zu einer echten Elite zusammenschweißen lässt, zu einer Gruppe der uneigennützig (ohne Geld Erwerb durch Sport) Kämpfenden zum Ruhme des Vaterlandes“.

Einen feierlichen Charakter bekommt dieses olympische Zeremonielle durch die Einbeziehung der Kunst und der Musik.

Deshalb legte Coubertin großen Wert auf deren Mitwirkung, wobei er der Musik neben der Architektur und der Plastik die größere Bedeutung beimisst. Bei Olympischen Spielen soll man sich deshalb sowohl zu einem Pilgerzug in die Vergangenheit als auch zu einer Vertrauenserklärung in die Zukunft versammeln. Ihre Rolle und ihre Bestimmung ist es durch die fliehende Zeit hindurch, das was war und das was sein wird, zu vereinigen. Sie sollen ein Feste der Jugend, der Schönheit und der „Kraft“ sein. In Anbetracht der Tatsache, dass die Religion des Abendlandes im Schwinden begriffen war und schon seit langem kein öffentlicher Kult mehr praktiziert wurde, sah Coubertin in den Olympischen Spielen eine neue öffentliche Festlichkeit, die mit ihrem ausgeprägten Zeremoniell den von ihm beklagten Mangel beseitigen konnte. Seine Olympischen Spiele sollten die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden. Die Zukunft kann man in der Kraft der Jugend erahnen. Dieses Zukunftsdenken taucht bei Coubertin immer wieder auf:

 „Es gibt nur einen Kult… Das ist der, der um die sportlichen Übungen der Jugend herum, dem Symbol des unbeschränkten Fortbestandes der Rasse und der Hoffnung der Nation, entsteht.“

Coubertins Olympismus – das zeigt sich in den bisherigen Ausführungen sehr deutlich – war stark von einer Zeit-Kultur wie sie im 18. und19. Jahrhundert vom Adel gelebt wurde, vom französischen Nationalismus und Kolonialdenken und teilweise sogar von offenen rassistischen Aussagen geprägt. In der Forschung wird er deshalb häufig als widersprüchliche Figur beschrieben: auf der einen Seite als Verfechter internationaler Verständigung, auf der anderen Seite als elitär, kolonialistisch, nationalistisch und rassistisch.

Einige Konstruktionsfehler des modernen Olympismus sollen im Folgenden noch etwas näher skizziert werden.

Elitarismus

Coubertins Konstruktion der modernen Olympischen Spiele war von Anfang an auf eine Zeit-Kultur des Adels ausgerichtet, der über „Leisure“ (Freizeit) verfügte und der wohlhabend war und das notwendige Vermögen hatte, um sportliche Wettkämpfe lediglich ihrer selbst willen auszuüben, Spaß und Freude bei sportlichen Vergleichen hatte und es sich leisten konnte, an nationalen und internationalen Wettkämpfen teilzunehmen und die Teilnahme aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Damit war der größte Teile der Welt-Gesellschaft von einer Teilnahme bei Olympischen Spielen ausgeschlossen und allein deshalb war die von Coubertin intendierte Friedensidee von Anfang an auf eine minimale Wirkung begrenzt.

Aus der Sicht von heute gehörte es zu den wichtigsten Entscheidungen des IOC, dass der Amateurparagraph abgeschafft wurde und es nicht als Schande betrachtet werden darf, wie dies im vergangenen Jahrhundert noch der Fall war, wenn Athleten und Athletinnen ihren Sport als Beruf betreiben und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Nationalistische Elemente

Coubertin verband Sport mit der Stärkung von Nationen und sprach von internationalem Wettkampf als einem Feld, auf dem sich nationale Stärke bewähren solle. Seine olympische Rhetorik verknüpfte internationale Ideale oft mit „nativer“ oder nationaler Größe, sodass Olympismus nicht nur über den Nationen stehen sollte, sondern auch nationale Prestigegewinne ermöglichte. Genau daraus entstand später die typische Struktur der Olympischen Spiele mit Nationen, Flaggen und Hymnen, die den nationalen Wettbewerb sichtbar macht.

Rassistische Inhalte

Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Coubertin in frühen Schriften und Äußerungen „Rassen“ hierarchisierte und nicht-weiße Menschen als minderwertig oder nur begrenzt entwicklungsfähig darstellte. Er wird von Kritikern als Kolonialist beschrieben, der europäische Macht und „Zivilisierung“ mit einer Hierarchie von Völkern und „Rassen“ verknüpfte. Dabei ist auch zu erwähnen, dass Frauen in der Grundlegung der modernen Olympischen Spiele keine Rolle spielen.

Widerspruch in seiner Philosophie

Gleichzeitig formulierte Coubertin auch universelle Ansprüche: Olympismus solle keiner „Rasse“ oder Epoche exklusiv gehören und keine Diskriminierung nach Herkunft oder Nation zulassen. Der entscheidende Punkt ist daher nicht, dass seine Texte nur rassistisch oder nur universalistisch wären, sondern dass beides nahezu unreflektiert nebeneinandersteht. In der Forschung gilt dieses Spannungsverhältnis als Kernproblem seines Olympismus.

Für eine heutige Bewertung ist wichtig, dass Coubertins Ideen aus dem kolonialen und nationalen Europa der Jahrhundertwende stammen. Seine Gedanken waren Teil einer Zeit, in der „Elite“, „Sport“, „Rasse“, „Nation“, „Imperium“ und „Erziehung“ eng miteinander verschränkt wurden. Darum kann der moderner Olympismus nur sehr eingeschränkt als Friedensideal betrachtet werden. Er ist vielmehr ein Produkt einer nationalistischen und rassistischen Epoche.

Coubertins Olympismus war ideologisch doppeldeutig: in zentralen Passagen ist er nationalistisch und in Teilen rassistisch geprägt. Die universalistische Rhetorik mindert diesen Befund nicht, sondern zeigt eher, wie stark seine Gedanken zwischen internationalem Ideal und hierarchischem Kolonialdenken schwankten.

Die aktuelle Olympische Charta versucht diese Widersprüche sichtbar zu entschärfen, aber kann sie bis heute nicht auflösen. Einerseits betont sie Universalismus, Menschenrechte, Nichtdiskriminierung und die globale Offenheit des Olympismus; andererseits bleibt das System über Nationale Olympische Komitees und die Nationalität der Teilnehmenden strukturiert.

Die heutige Charta beschreibt den Olympismus als Lebensphilosophie, die Körper, Wille und Geist verbindet, und stellt das Ziel eines friedlichen Zusammenlebens der Menschheit in den Vordergrund. Sie erklärt die Ausübung von Sport zum Menschenrecht und verbietet jede Diskriminierung etwa nach „race, colour, sex, sexual orientation, language, religion, political or other opinion, national or social origin“. Damit reagierte sie auf die exklusiven und hierarchischen Elemente, die man bei Coubertin findet.

Doch trotz dieses universalistischen Anspruchs bleibt die olympische Ordnung national organisiert: Die Charta sagt ausdrücklich, dass jeder Olympiateilnehmende Staatsangehörige des Landes sein muss, dessen NOK ihn oder sie meldet. Auch die Aufgabe der Nationalen Olympischen Komitees ist territorial definiert, nämlich die Pflege und Förderung der Bewegung in „ihrem“ Land. Genau hier lebt der alte Widerspruch fort: Das Ideal ist universal, die praktische Teilnahme und die reale Durchführung der Olympischen Spiele aber national gerahmt.

Politische Neutralität

Die Charta und ihre jüngsten Änderungen betonen zusätzlich die Neutralität des IOC und den Schutz vor politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Instrumentalisierung. Das soll die Autonomie des Sports sichern und den Frieden im olympischen Raum schützen. Kritisch gesehen kann diese Neutralitätsdoktrin aber dazu führen, dass struktureller Sportnationalismus oder Machtasymmetrien weniger sichtbar gemacht werden, obwohl die Spiele weiterhin stark über Nationen inszeniert werden.

Die Charta beseitigt also nicht die nationale Logik der Spiele, sondern überlagert sie mit universellen Normen. Dadurch entsteht eine doppelte Botschaft: Alle Menschen sollen ohne Diskriminierung teilnehmen können, aber sie tun dies weiterhin im Rahmen nationaler Repräsentation. Genau darin spiegelt sich der historische Zwiespalt zwischen Coubertins internationalem Ideal und seiner nationalen sowie hierarchischen Denkweise.

Für die Gegenwart heißt das: Die derzeit gültige Olympische Charta ist stärker egalitär und menschenrechtlich ausgerichtet als Coubertins eigene Schriften. Zugleich bleibt das olympische System durch Nationalität, Flaggen, Medaillenvergleiche und NOK-Strukturen weiterhin anfällig für Nationalismus. Die Charta versucht also, den alten Widerspruch normativ zu begrenzen, ohne die nationale Grundstruktur der Olympischen Spiele wirklich abzuschaffen.

Das Dilemma, in dem sich das IOC diesbezüglich befindet, wurde in jüngster Zeit immer wieder deutlich, wenn das IOC bemüht war, sich gegen eine fehlgeleitete nationale Instrumentalisierung der Spiele zu stellen und dies  über entsprechende Sanktionen zu verfügen.

Das IOC sanktioniert nationale Instrumentalisierung vor allem über Neutralitätsregeln, Disziplinarmaßnahmen und im Extremfall mittels der Suspendierung von Verbänden oder NOKs. In der Praxis geschieht das meist fallbezogen und mit dem Ziel, politische Einflussnahme, Propaganda oder die Vereinnahmung der Spiele für nationale Zwecke zu begrenzen.

Die wichtigste Grundlage ist dabei „Rule 50“ der Olympischen Charta: In olympischen Bereichen sind Demonstrationen sowie politische, religiöse oder rassische Propaganda verboten. Laut IOC werden Verstöße „case-by-case“ geprüft, um Verhältnismäßigkeit und ein ordnungsgemäßes Verfahren zu sichern. Die mögliche Bandbreite reicht von Verwarnungen und Maßnahmen durch NOKs (Nationale Olympische Komitees) oder IF (Internationale Föderationen) bis hin zur Disqualifikation und Aberkennung von Medaillen bei Verstößen gegen die Charta.

Das IOC hat in jüngster Zeit politische Gesten im Wettkampfkontext wiederholt sanktioniert oder zumindest eng begrenzt, etwa bei Protesten im Medaillen- oder Wettkampfbereich. Gleichzeitig erlaubt es Äußerungen eher außerhalb des Wettbewerbs, etwa in Pressekonferenzen oder auf digitalen Kanälen. Das zeigt: Nicht jede politische Aussage wird gleichbehandelt; entscheidend ist Ort, Form und Wirkung der Handlung.

Wenn nationale Instrumentalisierung von staatlicher oder verbandlicher Seite ausgeht, kann das IOC auch strukturell reagieren. Ein aktuelles Beispiel sind die (z.T. noch) lange bestehenden Sanktionen gegen Russland und Belarus beziehungsweise gegen die russische olympische Verbandsstruktur; das IOC begründete dies mit der Wahrung olympischer Neutralität und dem Schutz vor politischer Vereinnahmung. In solchen Fällen geht es also nicht nur um einzelne Athletinnen und Athleten, sondern um die Integrität des olympischen Systems insgesamt.

In der Praxis handelt das IOC bei nationaler Instrumentalisierung eher regulierend als strafend im Kleinen, aber hart bei strukturellen oder geopolitischen Konflikten. Es versucht, nationale Symbolik innerhalb eines engen Rahmens zu dulden, ohne dass daraus direkte politische Propaganda wird.

Doch genau darin wiederholt sich einmal mehr das oben beschriebene Coubertinsche Dilemma: Die Olympischen Spiele bleiben national organisiert, das IOC ist aber zugleich bemüht, die Spiele durch Neutralitätsregeln gegen nationale Vereinnahmung abzusichern. Dadurch lässt sich allerdings nicht verhindern, dass die Olympischen Spiele selbst immer entschiedener von einem wachsenden Nationalismus, den man weltweit beobachten kann, geprägt werden. Dies hat zur Folge, dass vor allem die Friedensidee immer weniger zum Tragen kommt und dass die Pflicht zur Pflege der „Internationalität“, der eigentliche „Kern“ der Spiele, immer weniger im Fokus steht.

Wege aus dem Dilemma

Will das IOC dieses Dilemma überwinden, in dem sich die Olympischen Spiele seit der Begründung durch Pierre de Coubertin befinden, so bedarf es einer Weiterentwicklung der Theorie des modernen Olympismus. Die Ausführungen und Inhalte, die in Coubertins Olympismus strukturelle Fehler aufweisen, müssen beseitigt werden. Die Olympische Idee muss auf ein neues Fundament gestellt werden. Meines Erachtens gibt es hierbei nur dann eine Lösung, wenn anstelle des Nationalismus konsequent ein glaubwürdiger Internationalismus tritt. Das IOC könnte sich dabei an dem theoretischen Konzept eines „Radikalen Universalismus“ orientieren, wie es unter anderem von dem Soziologen und Philosophen Omri Boehm vorgelegt wurde.

Omri Boehms „Radikaler Universalismus“ versteht sich als kompromisslose Orientierung an der universellen Gerechtigkeit, nicht an nationalen, ethnischen, religiösen, kulturellen oder geschlechtlichen Identitäten. Maßgeblich ist nicht, welcher Gruppe jemand angehört, sondern dass alle Menschen denselben moralischen Wert und Anspruch auf Freiheit und Würde besitzen.

Wichtigste Merkmale eines „radikalen Universalismus“

Universelle Gleichheit: Alle Menschen gelten als grundsätzlich gleich wertvoll und besitzen gleiche Rechte – unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht, Kultur oder Staatsangehörigkeit.

Vorrang der Gerechtigkeit: Gerechtigkeit ist kein bloßes Ergebnis gesellschaftlicher Übereinkunft, politischer Interessen oder demokratischer Mehrheiten. Sie bildet vielmehr einen übergeordneten Maßstab, an dem auch Gesetze, Staaten und Mehrheitsentscheidungen zu beurteilen sind.

Kritik am Identitätsdenken: Boehm wendet sich sowohl gegen rechte Berufungen auf Nation, „Volk“ oder Abstammung als auch gegen linke Formen einer Politik, die Gruppenidentitäten zum höchsten moralischen Bezugspunkt machen. Identitäten sollen nicht geleugnet, aber der universellen Gerechtigkeit untergeordnet werden.

Menschenwürde und Freiheit als abstrakte, universelle Werte: In Anlehnung an Kant beruhen Würde und Freiheit gerade darauf, dass der Mensch nicht vollständig durch soziale, biologische oder historische Eigenschaften bestimmt ist. Deshalb können sie nicht nur für bestimmte Gruppen gelten.

Pflichten statt nur Rechte: Radikaler Universalismus fragt nicht ausschließlich danach, welche Rechte Einzelne oder Bürger besitzen, sondern auch danach, welche Pflichten Menschen gegenüber anderen Menschen haben. Diese Pflichten können sogar verlangen, eigene Gruppen- oder Staatsinteressen zurückzustellen.

Freiheit als moralische Autonomie: Freiheit bedeutet nicht lediglich, eigene Wünsche und Interessen verfolgen zu können. Im kantischen Sinn ist der Mensch besonders dort frei, wo er aus Einsicht in das moralisch Richtige handelt – auch gegen seine unmittelbaren Interessen.

Kompromisslosigkeit: „Radikal“ bedeutet, dass bestimmte Werte – insbesondere Gerechtigkeit und die Gleichheit der Menschen – nicht taktisch relativiert werden dürfen. Boehm bezeichnet deshalb letztlich jeden konsequenten Universalismus als radikal.

Gerechtigkeit über Autorität: Selbst religiöse oder politische Autoritäten stehen nicht über der Gerechtigkeit. Boehm deutet etwa die biblische Auseinandersetzung Abrahams mit Gott so, dass sogar Gott an einem höheren Maßstab universeller Gerechtigkeit gemessen werden kann.

Selbstdenken und Widerstand gegen Mehrheitsdruck: Universalismus verlangt die Fähigkeit, bestehende Normen kritisch zu prüfen. Eine demokratische Mehrheit kann sich irren und darf daher nicht automatisch als letzte moralische Instanz gelten.

Boehms Position ist kein bloßer Hinweis darauf, dass alle Menschen biologisch zur gleichen Spezies gehören. Sie ist vielmehr ein ethischer Universalismus: Alle Menschen sollen als Träger gleicher Würde, Freiheit und moralischer Verpflichtungen anerkannt werden. Der gemeinsame Bezugspunkt ist daher nicht eine einheitliche Kultur oder „menschliche Natur“, sondern die gemeinsame Fähigkeit und Verpflichtung, Gerechtigkeit anzuerkennen. Der radikale Universalismus soll einen gemeinsamen normativen Rahmen schaffen, in dem miteinander konkurrierende Identitäten nicht zur gegenseitigen Auslöschung führen. Beispielsweise sollen jüdische und palästinensische Ansprüche nicht jeweils ausschließlich aus der eigenen kollektiven Identität begründet werden, sondern an der gleichen Gerechtigkeit für alle Menschen gemessen werden.

Nicht Identität ist der letzte Maßstab der Politik, sondern die gleiche Freiheit, Würde und Gerechtigkeit jedes Menschen – auch dann, wenn dies den Interessen der eigenen Gruppe widerspricht.

Internationalität und Universalismus als Grundlage einer notwendigen Reform der Olympischen Charta

Wenn das IOC die Olympische Charta konsequent im Sinne von Omri Boehm auslegen würde, müsste sich der Schwerpunkt von einer bloßen Anti-Diskriminierungs- und Integrationsrhetorik hin zu einer verbindlichen, überstaatlichen Gerechtigkeitsordnung verschieben. Das wäre keine vollständige Abkehr vom Olympismus: Die Charta enthält bereits die wichtigen Wertemuster Menschenwürde, Menschenrechte, Gleichheit und Sport als Menschenrecht; radikal universalistisch wäre jedoch die kompromisslose Durchsetzung dieser Prinzipien gegen Staaten-, Verbands- und Eigeninteressen.

Menschenrechte als oberster Maßstab

Das IOC müsste die Charta nicht mehr primär als interne Verfassung der olympischen Bewegung, sondern als Verpflichtung auf universelle Gerechtigkeit verstehen. Nationale Souveränität, olympische Traditionen, politische Neutralität und wirtschaftliche Interessen dürften dann keinen Vorrang haben, wenn sie fundamentale Rechte verletzen. Praktisch hieße das:

  • Vergaben von Olympischen Spielen würden an überprüfbare Menschenrechtsbedingungen gebunden.
  • Menschenrechtsverletzungen wären nicht nur „politische Fragen“ des Gastgeberstaates.
  • Das IOC müsste auch eigene Entscheidungen – etwa Vergaben, Sanktionen und Akkreditierungsregeln – am gleichen Maßstab prüfen.
  • Die Berufung auf „Universalität“ könnte nicht länger die Teilnahme eines Staates rechtfertigen, der elementare Rechte systematisch missachtet.

 Vorrang des Individuums vor dem Staat

Die Olympischen Spiele würden weniger als Wettbewerb von Nationen und stärker als Wettbewerb von Menschen erscheinen. Anstelle des Nationalismus würde der Individualismus im Zentrum der Spiele stehen. Nationale Medaillenspiegel, staatliche Symbolik und politische Vereinnahmung des Erfolgs verlören an normativer Bedeutung.

Das könnte Folgen haben für die staatlichen „Medaillenprogramme“ und den politischen Leistungsdruck; die Vereinnahmung von Athletinnen und Athleten als „nationale Repräsentanten“; für Teilnahmeverbote, die pauschal ganze Bevölkerungen oder Teams treffen; und für Zeremonien und Protokolle, in denen der Staat stärker sichtbar ist als die einzelne Person.

Ein radikaler Universalismus würde deshalb wahrscheinlich zwischen der Verantwortung eines Staates oder Verbandes und der Verantwortung einzelner Athletinnen und Athleten unterscheiden. Ein Athlet dürfte nicht automatisch für die Politik seiner Regierung bestraft werden; umgekehrt könnte sich ein Staat nicht hinter der Individualität seiner Sportler verstecken, wenn er die olympische Bewegung systematisch instrumentalisiert.

Konsequenter Umgang mit Ausschlüssen

Die Formel „keine Diskriminierung“ würde nicht nur formale Gleichbehandlung bedeuten. Das IOC müsste prüfen, ob seine Regeln tatsächlich allen Menschen gleiche Chancen auf sportliche Teilhabe geben. Dabei entstünden schwierige Fragen:

  • Sind Geschlechterkategorien mit universeller Gleichheit vereinbar?
  • Wie werden faire Wettbewerbsbedingungen und individuelle Selbstbestimmung miteinander vermittelt?
  • Dürfen Athleten wegen politischer Äußerungen sanktioniert werden?
  • Sind pauschale Ausschlüsse nationaler Teams moralisch vertretbar?
  • Wie wird mit Staaten umgegangen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch vom Sport ausschließen?

Boehms Ansatz würde hier nicht einfach jede Gruppenregel abschaffen. Er würde aber verlangen, dass jede Regel letztlich durch einen allgemeinen Grund der Gerechtigkeit begründet werden kann – nicht allein durch Tradition, Mehrheitswillen oder die Identität einer Gruppe. Die Charta nennt bereits das Recht jedes Menschen auf Sport und untersagt Diskriminierung „jeder Art“. Dies müsste in der Charta konsequent verdeutlicht werden.

Politische Neutralität wäre neu zu bestimmen

Das IOC beruft sich traditionell auf politische Neutralität. Unter einem radikalen Universalismus könnte Neutralität jedoch nicht bedeuten, gegenüber jeder Ungerechtigkeit gleichermaßen schweigsam zu bleiben. Wichtige Merkmale des Neutralitätsgebots wären vielmehr:

Keine parteipolitische Instrumentalisierung der Spiele. Keine Unterordnung unter die Interessen eines Staates, einer Nation oder eines Machtblocks. Gleichbehandlung der Nationalen Olympischen Komitees. Gleicher moralischer Maßstab für alle Staaten. Dialog mit möglichst vielen Regierungen. Dialog nur unter Wahrung unveräußerlicher Rechte. Zurückhaltung bei internationalen Konflikten. Öffentliche Kritik an systematischer Ungerechtigkeit. Olympische Einheit nur auf Grundlage gleicher Rechte |

Das IOC müsste also politischer werden, gerade um nicht zum Instrument staatlicher Politik zu werden. Ein Ausschluss wäre dann nicht als Vergeltung gegen ein Volk, sondern als Schutz der universellen Ordnung zu begründen.

Reform der Vergabe von Spielen

Die Vergabe der Olympischen Spiele wäre vermutlich der sichtbarste Veränderungsbereich. Das IOC müsste Gastgeber nicht nur nach Infrastruktur, Finanzkraft und Sicherheitsgarantien bewerten, sondern nach der Frage, ob dort die universelle Würde aller Beteiligten geschützt werden kann.

Eine konsequente Prüfung müsste umfassen:

  • Schutz von Arbeitsmigranten und Beschäftigten;
  • Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit;
  • Gleichberechtigung und Schutz vor Diskriminierung;
  • unabhängige Rechtsmittel für Athleten, Beschäftigte und Anwohner;
  • transparente Verträge und Korruptionsbekämpfung;
  • Schutz vor Zwangsräumungen und unverhältnismäßiger Polizeigewalt;
  • verbindliche Sanktionen bei Verstößen.

Damit würde sich die bisherige Logik umkehren: Nicht nur der Gastgeber müsste seine politische Normalität olympisch legitimieren, sondern das IOC müsste zeigen, dass die Veranstaltung mit universeller Gerechtigkeit vereinbar ist.

Mehr Pflichten für das IOC

Boehm kritisiert einen Universalismus, der sich auf individuelle Rechte beschränkt und Pflichten vernachlässigt. Auf das IOC übertragen hieße das: Das IOC hätte nicht nur die Pflicht, Diskriminierung zu verbieten, sondern müsste aktiv für die Bedingungen sorgen, unter denen Freiheit und Würde real ausgeübt werden können.

Das würde insbesondere bedeuten,

dass das IOC Whistleblowern einen wirksamen Schutz bietet, dass unabhängige Untersuchungen bei Korruption, Missbrauch und Manipulation durchgeführt werden, dass transparente Entscheidung bei Vergabeverfahren bestehen, dass es einklagbare Rechte für Athleten gibt.

Außerdem müsste das IOC eine stärkere Kontrolle von Internationalen Verbänden und Nationalen Olympischen Komitees ausüben und sich für eine persönliche Verantwortlichkeit von Funktionären einsetzen. Besonders wichtig würde sein, dass den „sauberen“ Athleten ein Schutz vor Doping, Druck und Benachteiligung gewährleistet wird. Die olympischen Werte „Excellence“, „Friendship“, „Respect“, „Solidarity“ wären dann nicht nur pädagogische Leitbilder oder Marketingbegriffe, sondern Maßstäbe für konkrete institutionelle Verantwortung.

Weniger Identitätspolitik – aber nicht weniger Schutz

Ein möglicher Effekt wäre eine kritischere Haltung gegenüber jeder Politik, die Rechte ausschließlich aus Gruppenidentität ableitet. Das IOC dürfte weder nationale Identität noch ethnische, religiöse oder geschlechtliche Zugehörigkeit zum letzten politischen Maßstab machen.

Das bedeutet aber nicht, dass historische oder strukturelle Benachteiligungen ignoriert werden dürften. Im Gegenteil: Der universelle Maßstab könnte gerade verlangen, besondere Schutzmaßnahmen zu ergreifen, wenn bestimmte Gruppen faktisch vom Sport ausgeschlossen sind. Der entscheidende Unterschied läge in der Begründung: Nicht die Gruppe als solche hätte einen höheren moralischen Rang, sondern der Schutz gleicher Würde und Freiheit würde eine besondere Maßnahme erforderlich machen.

Die „problematischste“ Folge: mehr Konflikte

Ein konsequent universalistisches IOC wäre moralisch anspruchsvoller, aber institutionell konfliktträchtiger. Es müsste möglicherweise gegen mächtige Staaten, finanzstarke Gastgeber, große Sponsoren und einflussreiche Verbände handeln.

Daraus könnten folgen, dass es weniger Bewerbungen um Olympische Spiele gibt, dass höhere Kosten für unabhängige Kontrollen und für den Schutz der Menschenrechte entstehen, dass es vermehrt Konflikte mit Regierungen und Nationalen Olympischen Komitees gibt, dass es Klagen gegen IOC-Entscheidungen gibt und dass auch Spaltungen innerhalb der Olympischen Bewegung möglich sein könnten. Zudem könnte es zum Verlust bestimmter Sponsoren und Medienpartner führen.

Doch gerade darin läge das „Radikale“: Das IOC müsste akzeptieren, dass universelle Gerechtigkeit nicht immer mit Einheit, Neutralität, Wirtschaftlichkeit oder maximaler Reichweite vereinbar ist. Boehms Ansatz stellt den universellen Wahrheits- und Gerechtigkeitsanspruch ausdrücklich über Konventionen, politische Identitäten und etablierte Autoritäten.

Das zentrale Paradoxon

Die größte Schwierigkeit bestünde darin, dass auch das IOC selbst festlegen müsste, was „universelle Gerechtigkeit“ konkret bedeutet. Ein angeblich universeller Maßstab kann erneut von einer bestimmten kulturellen oder politischen Perspektive geprägt sein. Kritiker warnen deshalb, dass es kein völlig abstraktes und kontextfreies Verständnis von Gerechtigkeit gebe. Das IOC bräuchte daher eine transparente Begründung seiner menschenrechtlichen Maßstäbe; unabhängige internationale Kontrollinstanzen; Beteiligung der Betroffenen; gleiche Regeln für Verbündete und Gegner;

überprüfbare Kriterien statt bloßer moralischer Erklärungen; Rechtsmittel gegen Entscheidungen des IOC. Sonst würde aus radikalem Universalismus lediglich eine neue Form institutioneller Selbstgerechtigkeit.

Konsequent angewandt würde Boehms Universalismus das IOC von einem weltweiten Sportorganisator mit normativem Anspruch zu einer menschenrechtlich verantwortlichen Institution umformen. Die Olympischen Spiele wären dann weniger ein Fest nationaler Repräsentation und stärker ein Prüfstein dafür, ob Sport tatsächlich der gleichen Freiheit, Würde und Gerechtigkeit aller Menschen dient.

Die entscheidende Konsequenz wäre: Das IOC dürfte die olympische Einheit nicht mehr um jeden Preis bewahren. Es müsste sie dort begrenzen oder aufkündigen, wo sie nur durch die Duldung fundamentaler Ungerechtigkeit möglich wäre.

Was bedeutet der radikale Universalismus für die nationalistischen Merkmale der Olympischen Spiele?

Der olympische Nationalismus ließe sich nicht einfach durch „internationale Teams“ ersetzen, sondern durch ein mehrstufiges Mannschaftssystem, in dem Sportlerinnen und Sportler nach sportlichen, regionalen oder thematischen Kriterien zusammenkommen – nicht nach Staatsangehörigkeit. Das wäre mit dem Gedanken vereinbar, dass die Olympischen Spiele Wettbewerbe von Athleten und nicht von Staaten sein sollen; die heutige Charta hält diesen Grundsatz zwar fest, organisiert die Teilnahme aber weiterhin über Nationale Olympische Komitees.

Grundmodell: Athleten statt Nationen

Die Nationalen Olympischen Komitees könnten ihre zentrale Funktion als alleinige Repräsentanten eines Landes verlieren. An ihre Stelle träten „Olympische Athleten-Teams“, die vom IOC und den Internationalen Sportfachverbänden zusammengestellt oder zugelassen werden.

Diese Teams könnten auf mehreren Ebenen gebildet werden:

  • Offene internationale Teams: Auswahl der besten qualifizierten Athleten unabhängig von ihrer Nationalität.
  • Kontinentale Teams: etwa „Team Africa“, „Team Europe“ oder „Team Pacific“.
  • Regionale Mischteams: Zusammensetzung aus mehreren Nachbarstaaten.
  • Thematische Teams: etwa ein Flüchtlingsteam, ein Team für Staaten ohne leistungsfähige Sportstrukturen oder ein Team von Athleten aus kleinen Inselstaaten.
  • Freie Vereins- oder Verbändeteams: Mannschaften, die von internationalen Sportverbänden, Athletenräten oder unabhängigen Organisationen gemeldet werden.

Das bestehende „Refugee Olympic Team“ bietet dafür bereits ein institutionelles Vorbild: Es tritt unter olympischer Flagge und Hymne an und repräsentiert nicht einen Staat, sondern eine gemeinsame Lebens- und Fluchterfahrung.

Mögliche Neuordnung

Anstelle einer Meldung durch das Nationale Olympische Komitee tritt eine Meldung durch das IOC, den Weltverband oder durch eine unabhängige Athletenorganisation.

Anstelle von Nationaltrikots und Nationalflaggen tritt ein gemeinsames olympisches oder teambezogenes Trikot.

Anstelle der Nationalen Hymnen bei Siegerehrungen treten die Olympische Hymne, Hymnen des jeweiligen Teams oder vom Sieger erwünschte Musikstücke|

Anstelle des Medaillenspiegels nach Staaten gibt es keine offizielle Länderwertung; allenfalls Sportarten- oder Teamwertung.

Anstelle der Staatsangehörigkeit als Teilnahmevoraussetzung treten Qualifikation, Leistungsniveau und sportliche Integrität.

Anstelle einer Delegationsleitung durch nationale Funktionäre treten Athletenrat und professionelles unabhängiges Teammanagement.

Anstelle der Nation als politische Bezugsgröße treten Athlet, Mannschaft, Sportart und gemeinsame Werte.

Die Abschaffung des nationalen Medaillenspiegels wäre besonders wichtig, weil er die Spiele faktisch in einen Staatenwettbewerb verwandelt, obwohl die Charta formal erklärt, dass die Wettkämpfe zwischen Athleten und nicht zwischen Ländern stattfinden.

Auswahl der Teams

Die Teams müssten nach transparenten Regeln gebildet werden, damit internationale Mannschaften nicht neue Auswahlprivilegien des IOC schaffen. Um dies zu verhindern, könnte ein mögliches neues Verfahren folgende Merkmale haben:

Individuelle Qualifikation: Jeder Athlet qualifiziert sich zunächst über Leistung, Rangliste oder festgelegte Mindeststandards.

Offene Bewerbung: Qualifizierte Athleten geben an, für welches Team sie antreten möchten.

Ausgewogene Zusammensetzung: Bei Mannschaftssportarten werden sportliche Qualität, regionale Vielfalt, Geschlechtergerechtigkeit und Teamkompatibilität berücksichtigt.

Unabhängige Auswahlkommission: Die Entscheidung liegt nicht allein beim IOC, sondern bei einer Kommission mit Athletenmehrheit.

Begründungspflicht: Jede Auswahl und jeder Ausschluss müssen öffentlich  nachvollziehbar sein.

Für Einzelsportarten wären solche Teams relativ leicht umzusetzen. Schwieriger wäre es bei Fußball, Basketball oder Handball, weil dort etablierte Nationalmannschaften die gesamte Wettbewerbsstruktur prägen.

Übergangsmodell

Eine vollständige Abschaffung nationaler Delegationen wäre wahrscheinlich weder politisch noch organisatorisch sofort realistisch. Sinnvoller wäre ein hybrides Modell:

– Nationale Teams bleiben zunächst bestehen.

– Zusätzlich werden in jeder Sportart internationale Olympische Teams zugelassen.

– Athleten können zwischen nationaler und internationaler Mannschaft wählen.

– Bei den Siegerehrungen werden keine Nationalhymnen mehr gespielt, sondern die olympische Hymne.

– Das IOC beendet die Veröffentlichung eines offiziellen Medaillenspiegels nach Staaten.

– Der Anteil internationaler Teams wird von Olympischen Spielen  zu Olympischen Spielen erhöht.

So könnte sich die symbolische Bedeutung der Nation allmählich verringern, ohne Athleten kurzfristig aus gewachsenen Strukturen herauszulösen.

Internationale Teams wären besonders im Mannschaftssport überzeugend. Ein Beispiel wäre ein olympisches Fußballturnier mit:

– frei zusammengestellten internationalen Teams;

– kontinentalen Auswahlmannschaften;

– gemischten Mannschaften aus Athleten verschiedener Herkunft;

– einem begrenzten Transferfenster vor den Spielen;

– Teamnamen ohne Staatsbezug.

Im Fußball könnte etwa ein Team „Mediterranean United“ aus Sportlern mehrerer Mittelmeerregionen bestehen. Im Handball oder Basketball wären europäische, afrikanische oder globale Auswahlteams denkbar. Der sportliche Nachteil bestünde allerdings darin, dass solche Mannschaften weniger Zeit zum Einspielen hätten als heutige Nationalteams.

Athletenrechte und Zugehörigkeit

Ein solches System könnte die Entscheidungsfreiheit der Athleten stärken. Sie müssten nicht mehr automatisch entscheiden, welchen Staat sie vertreten, sondern könnten eine Mannschaft wählen, deren Werte und Zusammensetzung sie teilen.

Dabei müssten klare Regeln gelten:

– kein Zwang zum Wechsel der Staatsangehörigkeit;

– keine Benachteiligung wegen Herkunft oder politischer Haltung;

– Schutz vor staatlichem Druck;

– unabhängige Vertretung durch Athletenräte;

– gleiche Finanzierung und medizinische Betreuung für alle Teams;

– gesicherte Teilnahme auch für Athleten aus Staaten ohne leistungsfähige Sportförderung.

Der Athlet würde damit stärker als eigenständige Person sichtbar und weniger als „Botschafter“ eines Staates. Das entspräche einem radikal-universalistischen Verständnis, das den gleichen Wert des Menschen nicht aus seiner Gruppenzugehörigkeit ableitet.

Was bliebe vom „Nationalen“?

Ein teamorientiertes Olympia müsste nationale Identitäten nicht verbieten. Sportler könnten weiterhin ihre Herkunft, Sprache und persönliche Geschichte zeigen. Entscheidend wäre aber, dass diese Identitäten nicht mehr die offizielle Organisations- und Bewertungslogik der Spiele bestimmen. Nationalflaggen könnten beispielsweise in biografischen Porträts erscheinen; von Athleten freiwillig getragen werden; in der Berichterstattung erwähnt werden; bei kulturellen Veranstaltungen sichtbar bleiben.

Sie wären dann Ausdruck persönlicher Herkunft und nicht mehr das zentrale Zeichen politischer Repräsentation.

Zentrale Probleme

Ein Ersatz des Nationalismus durch Sportler-Teams hätte erhebliche Nebenwirkungen und wirft eine ganze Reihe weiterer Fragen auf, die nur schwer zu beantworten sind. Beispielhaft sollen hier einige benannt werden:

Wer entscheidet, welche Athleten zusammengehören? Wie kann man sichern, dass Leistungsgerechtigkeit besteht, dass also nicht reiche Verbände die stärksten Athleten anwerben? Wie geht man mit Athleten um, die das Bedürfnis haben, die nationale Dimension bei Spielen zu bewahren? Wie finanziert man ein derartiges Sportsystem vor dem Hintergrund, dass bis heute der größte Teil der Kosten durch nationale Sportsysteme getragen wird? Wie klärt man die rechtliche Situation für Fälle, in denen die Staatsangehörigkeit und die Startberechtigung in vielen Sportarten eng verbunden sind? Wie verhindert man die Gefahr, dass Medien und Sponsoren das schwer verständliche Team Modell ablehnen und wie organisiert man das neue Qualifikations-, Trainings- und Haftungssystem?

Besonders wichtig wäre deshalb, dass die Internationalisierung nicht bloß zu einer zentralisierten Macht des IOC führt. Sonst würde der Nationalismus durch einen “olympischen Zentralismus“ ersetzt, ohne dass die Athleten tatsächlich mehr Selbstbestimmung erhalten.

Ein realistischer „Zielzustand“

Am überzeugendsten wäre ein olympisches Föderalmodel:

– Nationale Teams bestehen weiter, verlieren aber ihr Monopol.

– Internationale und kontinentale Teams erhalten gleichberechtigten Zugang.

– Es gibt keinen offiziellen Medaillenspiegel der Staaten.

– Siegerehrungen verwenden grundsätzlich die olympische Hymne.

– Athleten entscheiden mit, für welches Team sie antreten.

– Die Finanzierung wird teilweise vom IOC und den Weltverbänden übernommen.

– Menschenrechte und individuelle Freiheit gelten unabhängig von nationaler Zugehörigkeit.

Damit würden die Spiele nicht „entnationalisiert“, sondern „entstaatlicht“: Die Herkunft bliebe sichtbar, aber der Staat wäre nicht mehr die höchste organisatorische und symbolische Einheit der olympischen Ordnung. Das wäre der plausibelste Weg, den olympischen Nationalismus in Richtung eines universalen, Athleten zentrierten Olympismus umzubauen.

Unterstellt man, dass Omri Böhms radikaler Universalismus die olympische Ordnung konsequent prägen würde, dann würden Einmarsch, Medaillenspiegel und Beflaggung deutlich von der nationalstaatlichen Repräsentation weggeführt. An ihre Stelle träten die Athleten als gleiche Menschen und Sportler, als olympische Gemeinschaft und einem universellen Anspruch auf Würde und Gerechtigkeit. Boehms Ansatz richtet sich gerade gegen die Unterordnung des Universellen unter nationale oder andere Gruppenidentitäten.

Der bisherige „Einmarsch der Nationen“ müsste zum „Einmarsch der Athleten“ umgestaltet werden. Heute marschieren Delegationen grundsätzlich nach Ländern geordnet ein; die Delegationen werden durch Namensschilder und Nationalflaggen kenntlich gemacht. An dessen Stelle könnte eine Vielzahl von möglichen Einmärschen treten:

ein alphabetischer Einmarsch der Athleten nach Namen;

ein Einmarsch nach Sportarten oder Disziplinen;

ein Einmarsch von „gemischten“ Teams aus Athleten verschiedener Staaten;

ein Einmarsch nach Kontinenten oder Regionen;

ein gemeinsamer Einmarsch ohne alphabetische staatliche Reihemfolge;

besondere Sichtbarkeit des „Refugee Olympic Team“ und anderer transnationaler Teams.

Die Athleten könnten dabei nicht mehr als „Delegation Deutschlands“, „Delegation Frankreichs“ oder „Delegation Chinas“ auftreten, sondern beispielsweise als Mitglieder eines internationalen Leichtathletik-, Schwimm- oder Mannschaftsteams. Das Refugee Olympic Team zeigt bereits, wie bereits erwähnt, dass ein olympisches Team auch ohne Repräsentation eines Staates auftreten kann; es verwendet die olympische Flagge und die olympische Hymne.

Eine symbolisch besonders konsequente Variante wäre:

  1. Einmarsch Griechenlands als historische Referenz;
  2. Einmarsch aller Athleten gemeinsam;
  3. Begrüßung der Athleten nach Sportarten;
  4. Einmarsch der internationalen und geflüchteten Athletenteams;
  5. gemeinsames Hissen der olympischen Flagge.

Der Begriff „Nationen“ könnte durch „Teilnehmende Athleten“, „Olympische Teams“ oder „Sportgemeinschaften“ ersetzt werden.

Medaillenspiegel

Ein radikal universalistisches IOC würde den offiziellen Medaillenspiegel nach Staaten vermutlich abschaffen. Er macht aus individuellen und mannschaftlichen Leistungen indirekt einen Wettbewerb der politischen Gemeinwesen und verstärkt dadurch genau jene nationale Identifikation, die Boehms Theorie zurückweisen würde.

Stattdessen wären mehrere Modelle möglich:

Medaillen ausschließlich nach Disziplinen und Athleten;

Keine Rangfolge politischer Gemeinwesen;

Medaillenerfolg als Leistung konkreter Sportler und Teams;

Individuelle Ergebnislisten und offene Teamstatistiken;

Dokumentation von Teilnahme, Leistung und Fairness.

Anstelle eines Länder-Medaillenspiegels könnte das IOC veröffentlichen:

Ergebnislisten nach Disziplinen;

Medaillenlisten der einzelnen Athleten;

Medaillenlisten internationaler Teams;

Statistiken zu Frauen- und Männeranteilen;

Statistiken zur weltweiten Teilhabe;

Auszeichnungen für Fair Play, Solidarität und soziale Verantwortung;

eine geografische Übersicht ohne Rangordnung.

Wichtig wäre, dass Staaten nicht einfach durch Regionen ersetzt und anschließend erneut hierarchisiert werden. Ein „Kontinentalmedaillenspiegel“ würde den Nationalismus nur durch einen geopolitischen Regionalismus ersetzen. Bei den Siegerehrung wäre die einschneidende Veränderung zu erwarten.

Nationalflaggen bei Siegerehrungen

Heute werden üblicherweise die Flaggen der drei Medaillengewinner gehisst und die Hymne des Landes des Goldmedaillengewinners gespielt. Aus radikaluniversalistischer  Sicht gäbe es dafür mehrere Alternativen:

Olympische Lösung

– Hissen ausschließlich der olympischen Flagge;

– Spielen der olympischen Hymne;

– keine staatliche Rangordnung auf dem Siegerpodest;

– Präsentation des Namens, der Disziplin und des Ergebnisses der Athleten.

Teamlösung

Bei internationalen Teams würde die Flagge des jeweiligen Teams gehisst. Das könnte eine gemeinsame olympische oder eigens entwickelte Teamflagge sein. Bei einem Flüchtlingsteam wäre die olympische Flagge bereits ein naheliegendes Modell.

Athletenzentrierte Lösung

Auf Flaggen könnte ganz verzichtet werden. Auf einer Anzeigetafel würden stattdessen erscheinen:

– Name des Athleten;

– Disziplin;

– Ergebnis;

– Teamzugehörigkeit;

– gegebenenfalls Herkunft oder freiwillig angegebene persönliche Bezüge.

Das würde die Herkunft nicht unsichtbar machen, aber verhindern, dass sie im Zeremoniell zum moralischen und politischen Hauptsymbol wird.

Was geschähe mit nationalen Symbolen?

Boehms Universalismus verlangt nicht notwendig, nationale Identitäten zu verbieten. Er würde aber verhindern wollen, dass sie als höchster normativer Bezugspunkt auftreten. Deshalb könnte ein Kompromiss zwischen Abschaffung und Beibehaltung nationaler Symbole entstehen:

– Nationalflaggen bleiben außerhalb offizieller Zeremonien erlaubt.

– Athleten dürfen ihre Herkunft in Interviews und persönlichen Geschichten benennen.

– Fans dürfen nationale Fahnen mitbringen, sofern sie nicht gegen Menschenrechte oder die olympischen Regeln verstoßen.

– Offizielle Podien, Einmärsche und Medaillenzeremonien verwenden vorrangig olympische oder teambezogene Symbole.

– Das olympische Symbol steht institutionell über allen nationalen Symbolen.

Damit würde die Nationalflagge von einem offiziellen Repräsentationssymbol zu einem freiwilligen persönlichen oder kulturellen Ausdruck herabgestuft.

Hymnen und Medaillen

Die Nationalhymne ist jene Hymne, die am meisten infrage zu stellen ist  und deren Abschaffung vermutlich die größten Probleme machen würde. Eine Reform müsste zum Ziel haben, dass bei allen Siegerehrungen die Olympische Hymne gespielt wird und lediglich zusätzlich freiwillige Team Hymnen erlaubt sind. Hymnen eines Staates hingegen sollten nicht mehr vorgesehen werden.

Die Medaille selbst könnte unverändert bleiben, müsste aber anders interpretiert werden: Sie wäre eine Auszeichnung für die konkrete sportliche Leistung und nicht für die Überlegenheit eines Landes. Medaillenzeremonie und Ergebnisdarstellung müssten deshalb den Namen der Athleten und Teams stärker hervorheben als das Herkunftsland.

Eine solche Reform würde die symbolische Macht der Nationalen Olympischen Komitees erheblich vermindern. Die Charta organisiert die Teilnahme derzeit weiterhin über nationale Komitees, obwohl sie die Olympischen Spiele ihrem Grundsatz nach als Wettbewerbe zwischen Athleten und nicht zwischen Staaten beschreibt.

Das IOC müsste daher die nationale Meldung durch offene olympische oder internationale Meldungen ergänzen; internationale Athleten-Teams zulassen;

den staatlichen Medaillenspiegel abschaffen; den Nationalflaggen bei Siegerehrungen ihre Vorrangstellung nehmen; Athletenräte an Auswahl und Zeremoniell beteiligen; gleiche Regeln für alle Teams und Staaten anwenden.

Die Abschaffung nationaler Symbole könnte allerdings eine neue Form von Zentralismus erzeugen. Wenn das IOC allein bestimmt, welche Teams, Flaggen und Werte offiziell anerkannt werden, würde der Nationalismus möglicherweise durch eine zentral kontrollierte olympische Identität ersetzt.

Deshalb müsste ein universalistisches Modell demokratisch und pluralistisch durch

– unabhängige Athletenvertretung;

– transparente Auswahlregeln;

– gleiche Finanzierung internationaler und nationaler Teams;

– Recht auf persönliche Herkunftsbezüge;

– keine Zwangsidentifikation mit dem olympischen Symbol;

– unabhängige Beschwerde- und Kontrollinstanzen

Abgesichert werden.

Denkbares Zeremoniell

Eine konsequent, aber praktisch vermittelnde Variante könnte so aussehen:

– Die Athleten marschieren nach Sportarten und alphabetisch nach Namen ein.

– Jede Gruppe trägt ein gemeinsames olympisches oder internationales Teamzeichen.

– Die olympische Flagge steht im Mittelpunkt; nationale Flaggen erscheinen nur am Rand oder auf freiwilliger Grundlage.

– Es gibt keinen offiziellen Länder-Medaillenspiegel.

– Bei Siegerehrungen werden Athletennamen und Teams angezeigt.

– Die olympische Hymne wird gespielt.

– Nationale Hymnen und Flaggen können außerhalb des offiziellen Zeremoniells freiwillig verwendet werden.

Damit würden die Spiele nicht jede nationale Zugehörigkeit beseitigen. Sie würden aber ihre offizielle Vorrangstellung beenden: Nicht „Deutschland gewinnt Gold“, sondern „eine Athletin oder ein Athlet gewinnt Gold – gemeinsam mit einem Team und unter gleichen universellen Regeln“.

Die olympische Flagge könnte in einer radikal-universalistischen Lesart zur zentralen, aber nicht nationalen Identitätsfigur der Spiele werden. Sie würde nicht für ein Volk, einen Staat oder eine bestimmte Kultur stehen, sondern für die gleiche Zugehörigkeit aller Athleten zu einer gemeinsamen menschlichen und sportlichen Ordnung.

Die fünf Ringe symbolisieren laut Olympischer Charta die Verbindung der fünf Kontinente und das Zusammentreffen der Athleten aus aller Welt. Die olympische Flagge ist damit bereits ihrem offiziellen Sinn nach ein Gegenentwurf zu isolierten Nationalflaggen.

In Boehms Perspektive könnte sie jedoch noch stärker als Symbol des Vorrangs des Universellen vor dem Partikularen interpretiert werden:

– nicht Nation, sondern Individuum;

– nicht staatliche Identität, sondern gemeinsame Würde;

– nicht nationaler Erfolg, sondern gemeinsame sportliche Praxis;

– nicht politische Macht, sondern gleiche moralische Ansprüche;

– nicht Konkurrenz der Völker, sondern faire Konkurrenz von Athleten.

Die Flagge wäre somit kein Symbol für die Verschmelzung aller Unterschiede zu einer Einheitskultur. Sie würde vielmehr ausdrücken, dass Unterschiede nicht den gleichen moralischen Wert und die gleichen Rechte der Menschen aufheben dürfen.

Bei konsequenter Umsetzung könnte die olympische Flagge in den offiziellen Zeremonien den Vorrang vor den Nationalflaggen erhalten. Gegenwärtig werden bei den Spielen nationale Delegationen durch Länderbezeichnungen und Flaggen sichtbar gemacht; die olympische Flagge wird zusätzlich während der Spiele in allen Wettkampfstätten gehisst, in denen Olympische Wettkämpfe stattfinden.

Die olympische Flagge würde dann nicht bloß eine zusätzliche Fahne neben den Nationalflaggen sein, sondern das übergeordnete gemeinsame Zeichen, unter dem alle Teilnehmer denselben Regeln unterstehen.

Die fünf ineinandergreifenden Ringe eignen sich besonders für eine universalistische Deutung, weil kein Ring isoliert und kein Kontinent als hierarchisch überlegen dargestellt wird. Die offizielle Symbolik betont die Verbindung der Kontinente und die Begegnung der Athleten aus der ganzen Welt.

Nach Boehm ließe sich daraus folgern, dass die Ringe für Verbundenheit ohne Aufhebung der Differenz stehen. Ihre Gleichrangigkeit widerspricht einer Hierarchie von Nationen.

Die Verflechtung symbolisiert Solidarität und gegenseitige Verpflichtung.

Der weiße Hintergrund könnte als offene, nicht national codierte gemeinsame Ordnung gelesen werden.

Allerdings wäre diese Interpretation nicht automatisch gegeben. Auch die olympische Flagge kann politisch eingesetzt werden und eine eigene, institutionelle Identität schaffen. Die olympische Flagge könnte nicht nur Gemeinschaft, sondern auch eine Verpflichtung symbolisieren. Unter Boehms radikalem Universalismus wäre sie ein sichtbares Versprechen:

Jeder Mensch, der an den Spielen teilnimmt, zählt unabhängig von Herkunft, Staatsangehörigkeit, Religion oder politischer Zugehörigkeit gleich.

 Damit würde sie eine kritische Funktion erhalten. Sie wäre nicht nur Dekoration oder Markenzeichen des IOC, sondern ein Maßstab, an dem das Verhalten des IOC, der Gastgeberstaaten und der Verbände gemessen werden müsste.

Das beträfe diskriminierende Teilnahmebedingungen; politische Instrumentalisierung von Athleten; Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland; ungleiche Behandlung von Flüchtlings- und Staatenlosen-Teams; Korruption oder Machtmissbrauch innerhalb der olympischen Organisation.

Die Flagge könnte dann symbolisch auch gegen das IOC selbst gerichtet sein: Wer sie hisst, verpflichtet sich an eine universelle Norm, die über den Interessen des IOC steht.

Eine besondere Rolle könnte die olympische Flagge für Athleten ohne staatliche Zugehörigkeit spielen. Das „Refugee Olympic Team“ tritt bereits unter olympischer Flagge und mit olympischer Hymne auf.

In Boehms Theorie wäre dies kein bloßer Sonderfall, sondern ein Hinweis auf ein mögliches Grundprinzip der Spiele: Die Zugehörigkeit zur olympischen Gemeinschaft müsste nicht vollständig von einem Staat vermittelt werden. Die olympische Flagge könnte unmittelbar für Menschen stehen, deren Rechte und sportliche Identität nicht durch ein Nationales Olympisches Komitee repräsentiert werden.

Damit würde sie den Anspruch verkörpern, dass auch Staatenlose zur Menschheit gehören, Flucht niemandem das Recht auf sportliche Teilhabe nimmt, die olympische Gemeinschaft eine politische Zugehörigkeit anbieten kann, ohne einen Nationalstaat zu ersetzen, und universelle Rechte nicht von einem Pass abhängen dürfen.

Gleichzeitig wäre Vorsicht geboten. Die olympische Flagge sollte in einer universalistischen Ordnung nicht zu einer neuen Weltflagge des IOC werden. Sonst könnte sie die nationalen Symbole lediglich durch ein mächtiges institutionelles Symbol ersetzen. Es darf nicht behauptet werden, das IOC verkörpere die Menschheit vollständig. Die Flagge darf nicht zur Legitimation von Entscheidungen dienen, die selbst ungerecht oder intransparent sind. Mit ihr darf nicht verlangt werden, dass persönliche, kulturelle oder nationale Identitäten verschwinden.

Boehms Universalismus richtet sich gegen die Erhebung partikularer Identitäten zum höchsten Maßstab, nicht notwendigerweise gegen jede konkrete Identität. Entsprechend müsste die olympische Flagge nationale Zugehörigkeiten relativieren, nicht ihre Existenz verbieten.

Bei einem konsequenten Modell könnte die olympische Flagge folgendermaßen verwendet werden:

Beim Einmarsch

Alle Athleten marschieren gemeinsam oder nach internationalen Teams unter der olympischen Flagge ein. Nationale Flaggen könnten freiwillig im Publikum oder in persönlichen Darstellungen erscheinen.

Bei der Siegerehrung

Die olympische Flagge wird anstelle der Flagge des Siegerstaates gehisst. Die olympische Hymne erklingt; angezeigt werden Name, Disziplin und Team des Athleten.

Im Stadion

Die olympische Flagge hängt dauerhaft an zentraler Stelle und steht sichtbar über den Teamflaggen. Ihre Präsenz erinnert daran, dass alle Teilnehmer denselben Regeln und Rechten unterliegen.

Beim Abschluss

Die Flagge wird nicht als Zeichen des Sieges einer Nation gesenkt, sondern als Zeichen einer zeitlich begrenzten, aber erneuerbaren gemeinsamen Verpflichtung.

Die olympische Flagge hätte somit nach  Boehms Theorie eine doppelte Bedeutung: Sie wäre das stärkste Symbol gegen den Vorrang nationaler Identitäten, könnte aber zugleich selbst zu einer neuen Identität werden. Ihre Legitimität hinge deshalb davon ab, ob sie tatsächlich gleiche Freiheit und Gerechtigkeit schützt oder nur die institutionelle Macht des IOC repräsentiert.

Am überzeugendsten wäre sie als offenes Symbol einer gemeinsamen Verpflichtung: nicht als Ersatzreligion, nicht als Weltstaatssymbol und nicht als Markenlogo, sondern als sichtbare Erinnerung daran, dass sportliche Konkurrenz nur dann legitim ist, wenn sie die gleiche Würde aller Menschen voraussetzt. Die olympische Charta beschreibt die Flagge und die Ringe bereits als Zeichen der Verbindung der Kontinente und der Begegnung von Athleten aus aller Welt.

Sie bietet somit nicht nur bei dieser Frage die günstigsten Ansatzpunkte für eine grundlegende Reform des modernen Olympismus.

Schlussbemerkung

Die hier vorgestellten Überlegungen zu einer neuen Theorie des modernen Olympismus haben ohne Zweifel angesichts der Realität der Olympischen Spiele eher einen visionären oder gar utopischen Charakter. Manche Kritiker könnte sie vermutlich auch als Träumerei wahrnehmen.

Für jene, die die Annahme teilen, dass die Olympischen Spiele dringend einer Reform bedürfen, können die vorgelegten Überlegungen möglicherweise eine Grundlage bilden, um in einem offenen kommunikativen Diskurs bessere und geeignetere Reformschritte zu finden als jene, wie sie hier vorgelegt wurden. So wie hier in Anlehnung an Omri Boehms Theorie eines radikalen Universalismus olympische Reformvorschläge gemacht wurden, so lassen sich vermutlich noch viele weitere tragfähige, intellektuelle Konzepte finden, die eine sinnvolle Reform des modernen Olympismus begünstigen. Das Olympic Study Center in Lausanne könnte ein geeigneter Ort sein, an dem die unterschiedlichsten Reformkonzepte zusammengeführt werden. Doch dies ist nur möglich, wenn auch tatsächlich vom IOC eine Reform erwünscht ist.

Omri Boehm: „Radikaler Universalismus: Jenseits von Identität. Universalismus als rettende Alternative“; Propyläen Verlag/Ullstein; Berlin, 09/2022; ISBN-13:  9783549100417

Letzte Bearbeitung: 7. August 2026

author: GRR