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08
2026

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LEICHTATHLETIK EM 2026 IN BIRMINGHAM – Europa ist nicht die Welt – Dr. Wolfgang Blödorn*

By GRR 0

Selten hat der Deutsche Leichtathletik-Verband ein so großes Aufgebot zu einer EM entsandt wie in diesem Sommer.

Wer allerdings die europäischen und die weltweiten Ranglisten danebenlegt, entdeckt weniger Grund zum Feiern, als der Verband nahelegt – eine dünne Spitze, in die Jahre gekommene Medaillenhoffnungen und ein Versprechen, das erst noch eingelöst werden müsste.

Nun steht es fest. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat sein endgültiges Aufgebot für die Europameisterschaften vom 10. bis 16. August im britischen Birmingham benannt. Zu den 91 Athletinnen und Athleten, die sich bis zum 29. Juli über die Direktnorm qualifiziert hatten, treten nun die Nachrücker, die es über die europäische Rangliste geschafft haben – und die Staffeln. Verletzungsbedingte Absagen waren und sind zu erwarten.

Masse ist nicht Klasse

Der DLV spricht von einer starken Mannschaft: 116 Startplätze, 59 Frauen, 57 Männer. Im Vergleich wirkt die Zahl imposant. Der Gastgeber Großbritannien nominierte 98 Teilnehmer, Frankreich 80 Athleten, Spanien 77, die Niederlande 60. Nur der Titelverteidiger Italien reist mit 132 noch größer an.

Allein: Mit Stärke wird der Verband schwerlich die schiere Zahl der Nominierten meinen können. Was zählt, ist nicht, wie viele antreten, sondern was sie ausrichten.

Ein Blick zurück mahnt zur Vorsicht. Zur EM 2024 in Rom schickte der DLV 114 Athleten, 55 Frauen und 59 Männer, und landete am Ende auf Rang zwei der Nationenwertung. Der Medaillenspiegel jedoch geriet ernüchternd: Elf Medaillen – einmal Gold, dreimal Silber, siebenmal Bronze – genügten nur für Platz zwölf.

Ob es diesmal besser läuft?

Wer das einordnen will, kommt an zwei Dokumenten nicht vorbei: an der europäischen Rangliste für die EM und an der aktuellen europäischen Jahresbestenliste. Die besten Aussichten auf vordere Plätze, gar auf Medaillen, haben jene 91 Athleten, 46 Frauen und 45 Männer, welche die Direktnorm erfüllten – auf sie beschränkt sich die folgende Betrachtung.

Wo Medaillen in Reichweite liegen

Die europäischen Rang- und Bestenlisten lassen für Birmingham ein besseres Ergebnis erwarten als Rom, zumindest im Medaillenspiegel: 15 Einzelmedaillen scheinen erreichbar. Bei den Frauen ruhen die größten Hoffnungen auf Gesa Krause über 3000 Meter Hindernis, auf Weitspringerin Malaika Mihambo, auf Kugelstoßerin Yemisi Mabry und auf einer der drei Diskuswerferinnen.

Bei den Männern reicht die Erwartung weiter. Als Anwärter auf eine Einzelmedaille gelten Owen Ansah (100 m), Robert Farken (1500 m), Mohamed Abdilaahi (10.000 m), Emil Agyekum (400 m Hürden), Frederik Ruppert und Karl Bebendorf (3000 m Hindernis), Julian Weber (Speerwurf), Henrik Janssen und Steven Richter (Diskuswurf) sowie Leo Neugebauer und Niklas Kaul (Zehnkampf). Ungewohnt genug: Diesmal dürften die Männer die bessere Figur machen.

Hinter den Namen die Struktur

Doch es soll hier nicht um einzelne Leistungsträger gehen, sondern um das Bild, das der DLV im europäischen Vergleich abgibt – Disziplinblock für Disziplinblock. Erst so treten die Stärken und Schwächen hervor, und zwar nicht allein im Team, sondern in der Förderstruktur des Verbandes. Verbessern lässt sich nur, was man zuvor nüchtern betrachtet.

Tabelle 1 gliedert die Blöcke Sprint, Lauf, Sprung, Wurf und Mehrkampf. Das Gehen bleibt außen vor: Halbmarathon- und Marathongehen sind neu ins EM-Programm gerückt und haben die bisherigen Strecken über 20 und 35 Kilometer abgelöst. Berücksichtigt sind, wie gesagt, allein die 46 Frauen und 45 Männer, die die von der European Athletics Association (EAA) vorgeschriebene Direktnorm erreicht haben.

Was die Tabelle offenlegt, ist unbequem. Ausgerechnet die beiden zahlenstärksten Blöcke, Sprint und Lauf, schneiden im europäischen Vergleich im Durchschnitt am schwächsten ab. Am deutlichsten im Frauenlauf, dem mit Abstand schwächsten Bereich – und ausgerechnet dort hat der DLV die meisten Startplätze besetzt.

Auch der Männerlauf und der Frauensprint lassen Wünsche offen. Bemerkenswert ist umgekehrt die Stärke des DLV in den technischen Disziplinen, den Sprüngen und Würfen. Diese Zweiteilung wirft Fragen auf, die an die Wurzel der Leistungsförderung reichen.

Vielleicht rückt die aktuelle Jahresbestenliste der EAA das Bild zurecht. Tabelle 2 gibt Auskunft.

Beide Übersichten führen zum selben Schluss: Die Zweiteilung bleibt, und mit ihr die Schwäche in Sprint und Lauf. Der eine oder andere Spitzenathlet, auch aus dem Block Lauf, entspricht europäischem Niveau – in der Breite aber bleibt die Qualität hinter dem Anspruch zurück. Erschwerend kommt hinzu, dass mancher der genannten Medaillenkandidaten bereits in fortgeschrittenem sportlichem Alter steht.

Der Blick auf die Welt ernüchtert

So verdichtet sich der Eindruck, dass der DLV an vielen Baustellen zugleich arbeiten müsste, wollte er den versprochenen Sprung unter die besten fünf Nationen bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles tatsächlich schaffen. In der Leichtathletik-Öffentlichkeit wird das seit geraumer Zeit diskutiert; bei den Verantwortlichen des Verbandes scheint es noch nicht recht angekommen zu sein. Die Tabellen 3 und 4, gestützt auf Zahlen von World Athletics (WA), legen davon Zeugnis ab. 

Der Abgleich mit den Tabellen 1 und 2 macht es überdeutlich: Europa ist eben nur einer von fünf Kontinenten. Die Leistungen von Birmingham auf die Weltebene hochzurechnen, wäre sportlich nicht zu rechtfertigen – es liefe auf Schönfärberei hinaus. Und wer über eine gute Platzierung in Nationenwertung und Medaillenspiegel jubelt, müsste dafür die strukturellen Schwächen des DLV geflissentlich übersehen. Athleten von Weltklasse sind im Verband rar, und meist haben sie ihr bestes Wettkampfalter bereits erreicht.

Insgesamt, so legen es die Zahlen nahe (Tab. 5), verfügt der Verband über höchstens 13 Athleten, auf die das Prädikat Weltklasse derzeit zutreffen könnte. Fünf davon stammen, überraschend genug, aus dem sonst schwachen Laufbereich; der Sprint fehlt vollständig.

Bedenklich ist das Alter: Im Schnitt sind diese 13 bereits 29,6 Jahre alt. Ob 2028 in Los Angeles noch alle im aktiven Sport stehen, ist offen.

Gleiches gilt für den Nachwuchs. Den ansprechenden Ergebnissen bei den internationalen U18- und U20-Meisterschaften folgen bislang keine Anschlussleistungen in der Aktivenklasse. Woran das liegt, wäre von den DLV-Verantwortlichen dringend zu klären. Bei der U20-WM in diesem Jahr dürfte der Medaillenertrag überschaubar bleiben; die guten Nachwuchsjahre, so scheint es, sind vorerst vorbei. Die Nachwuchsverantwortlichen des DLV stehen in der Pflicht, dieses längst bekannte Problem zu benennen und ihm abzuhelfen.

Wann wird jeder Stein umgedreht?

Bleibt die Frage, die seit dem Auftritt der DLV-Mannschaft bei der WM 2022 in Eugene im Raum steht: Wann beginnt jenes vielbeschworene Umdrehen eines jeden Steins? Gelegenheit zur Erinnerung böte sich schon in dieser Woche – ausgerechnet wieder in Eugene, wo die U20-Weltmeisterschaften stattfinden. In der Pflicht stehen dabei nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeiter, sondern auch der ehrenamtliche Aufsichtsrat.

Bewegen aber ließe sich am Ende nur gemeinsam etwas: durch die Athletinnen und Athleten, die Vereine, die Landesverbände, die über die Satzung den größten Hebel in der Hand halten, die Funktionäre und eine interessierte Öffentlichkeit. Gemeinsam könnten sie den DLV vielleicht wieder auf jenen Kurs bringen, der zuletzt vermisst wurde:

Weltklasse.

*Dr. Wolfgang Blödorn ist promovierter Sportwissenschaftler. Er hat verschiedene Ämter auf Funktionärs- und Trainerebene ausgeübt – als Landestrainer in mehreren Landesverbänden, als DLV-Bundesstützpunktleiter und -trainer sowie als Trainer im internationalen Bereich.

Kontakt: wbloed@gmail.com

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