Entwickelt neue Therapien für Kinder mit Leukämie und leitet den Nationalen Forschungsschwerpunkt «Children & Cancer»: der Kinderonkologe Jean-Pierre Bourquin. - Foto: Diana Ulrich)/UZH
Krebs bei Kindern – Blutkrebs schonend behandeln . Universität Zürich – UZH – Roger Nickl
Die Behandlung von Leukämie bei Kindern ist eine Erfolgsgeschichte.
«Vor einigen Jahrzehnten war die Diagnose Leukämie fast schon ein Todesurteil», sagt Jean-Pierre Bourquin, «heute können 90 Prozent aller Betroffenen geheilt werden.» Mit seiner Forschung hat der Kinderonkologe und Leiter des Nationalen Forschungsschwerpunkts «Children & Cancer» wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen.
Am häufigsten leiden junge Krebspatient:innen an einer akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL); schweizweit sind das pro Jahr rund sechzig Fälle. Bei ALL verändern sich die weissen Blutkörperchen, die Lymphozyten, bösartig und vermehren sich im ganzen Körper. Als Folge davon wird die Bildung von gesundem Blut im Körper behindert. Ein häufiger Grund für die Erkrankung, die seltener auch bei Erwachsenen auftreten kann, sind Veränderungen im Erbgut: Durch die Verschmelzung zweier Chromosomen entstehen neue, abnorme Gene, die die Steuerung der normalen Blutentwicklung durcheinanderbringen.
Spätfolgen vermeiden
Jean-Pierre Bourquin erforscht ALL schon seit einigen Jahrzehnten intensiv, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und bessere Therapien zu entwickeln. Wie krankmachende Gene aktiviert werden, konnten Forschende unter seiner Leitung zeigen: In einer Studie identifizierten sie über hundert Proteine, die den unerwünschten Aktivierungsprozess unterstützen, darunter auch elf Faktoren, die für die Entstehung von Blutkrebs entscheidend sind. Fehlen diese, können sich keine bösartig entarteten Blutzellen bilden. Solche Erkenntnisse der Grundlagenforschung geben wichtige Impulse für die Entwicklung neuer Therapien.
Die ersten Erfolge in der Leukämiebehandlung feierte die Medizin in den 1960er-Jahren. Damals begann man, verschiedene Medikamente zu kombinieren, um den Blutkrebs wirksamer zu bekämpfen. Vorbild für diese sogenannte Kombinationstherapie war die erfolgreiche Behandlung von Tuberkulose mit einem Mix aus verschiedenen Medikamenten. «Das war der Durchbruch», sagt Jean-Pierre Bourquin.
Seither wurde dieser Ansatz stetig weiterentwickelt und an die individuellen Bedürfnisse der jungen Patient:innen angepasst. «Bei der ALL haben wir mit präziseren Diagnosen, intensiveren Therapien und einer immer differenzierteren Risikoabschätzung viel für das Überleben ohne Blutkrebs gewonnen», sagt Bourquin, «allerdings zum Preis einer beträchtlichen Toxizität und entsprechender Folgeschäden.»
Heute geht es nicht mehr darum, wie man Leukämie heilen, sondern wie man möglichst schonend behandeln und gravierende Spätfolgen vermeiden kann.
Denn herkömmliche Chemotherapien können etwa zu Knochenschäden oder zu Lern- und Konzentrationsstörungen führen, sodass rund ein Fünftel der Patient:innen auch nach der Heilung der Leukämie langfristig medizinisch betreut werden müssen. Deshalb sagt Kinderonkologe Bourquin: «Heute geht es nicht mehr darum, wie man die Krankheit heilen, sondern wie man möglichst schonend behandeln und gravierende Spätfolgen vermeiden kann.» Er geht davon aus, dass viele der kleinen Patient:innen weniger intensiv behandelt werden könnten, wenn man noch genauer vorhersagen kann, wer gut auf eine Therapie anspricht.
So wenig wie möglich und so viel wie nötig, heisst hier die Devise. Dazu will der neue Forschungsschwerpunkt «Children & Cancer» unter anderem mit differenzierten Studien zur Therapieoptimierung beitragen. Ein wesentliches Ziel des Projekts ist es, individuelle Krebserkrankungen noch genauer zu bestimmen, um die optimale Behandlung für jeden Patienten und jede Patientin zu finden und so Langzeitfolgen möglichst gering zu halten. «In einer idealen Welt würde man Leukämie ohne Chemotherapie behandeln», sagt Bourquin.
Vielversprechende Immuntherapien
Und es geht darum, neue Wege zu finden, um Kinder mit besonders aggressiven Formen von Blutkrebs erfolgreicher zu therapieren. Denn es gibt besonders schwere Fälle von Leukämie, bei denen alle herkömmlichen Therapien versagen. In solchen Fällen können betroffene Kinder mit einer Stammzellentransplantation behandelt werden, bei der das kranke Knochenmark nach einer hochdosierten Chemotherapie durch gesunde Spenderzellen ersetzt wird, meist aus der Familie.
Eine neuere, vielversprechende und schonendere Alternative zu klassischen Chemotherapien sind Behandlungen, die das Immunsystem von Patient:innen gezielt auf Leukämiezellen lenkt und diese vernichtet.

Bei der CAR-T- Immuntherapie beispielsweise werden körpereigene Zellen gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen angreifen und zerstören. Die Therapie wurde in den USA speziell für Kinder mit lymphoblastischer Leukämie entwickelt und ist seit 2018 auch in der Schweiz erlaubt. Jean-Pierre Bourquin war einer der ersten Ärzte, die die Therapie hierzulande anwendeten. Der Vorteil solcher Behandlungen ist, dass sie spezifischer wirken als klassische Chemotherapien und den Körper entsprechend weniger schädigen.
Doch so erfreulich diese Perspektive ist: Auch hier gilt es, noch einige Hürden zu nehmen. Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass viele der jungen Patient:innen zuerst gut auf eine Immuntherapie ansprechen, bei rund der Hälfte kommt es aber wieder zu Rückfällen. Und, sagt Kinderonkologe Bourquin, noch wisse man nicht, ob der Krebs nach einer erfolgreichen Immunbehandlung nach Jahren doch wieder zurückkehrt. Dazu fehlen noch die entsprechenden Langzeitdaten.
Forschen für eine beschwerdenfreie Zukunft
Ganz ohne Chemotherapie wird es deshalb auch in der nahen Zukunft nicht gehen. «Aber», sagt Jean-Pierre Bourquin, «wir sind alle überzeugt, dass wir bei Leukämien mit günstiger Biologie Immuntherapien bereits am Anfang einsetzen sollten, um die gängige Chemotherapie massiv zu reduzieren. Wir wissen aus ersten Erfahrungsberichten, dass ungefähr die Hälfte der Patient:innen mit viel weniger Chemotherapie als heute geheilt wurden. Und wir verfügen heute über gute Biomarker, um diese Leukämietypen bei der Erstdiagnose rasch zu identifizieren.»
Nun brauche es ein grösseres Konsortium, das bereit sei, das Risiko einer gezielten signifikanten Reduktion zu wagen und zu prüfen. So arbeiten die Forschenden international daran, das heikle Gleichgewicht von Therapien, die wirksam und gleichzeitig schonend sind, zu verbessern.
Damit erhöhen sie für ihre jungen Patient:innen die Chancen, nach einer erfolgreichen Behandlung des Blutkrebses eine möglichst beschwerdefreie Zukunft zu haben. Denn im besten Fall haben sie noch ein ganzes Leben vor sich.
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