Keely Hodgkinson - Prefontaine Classic Eugene, Or May25, 2024 Photo: Victah Sailer@PhotoRun
ANMERKUNGEN ZUR LEISTUNGS ENTWICKLUNG VON AUDREY WERRO UND KEELY HODGKINSON – Von Dr. Wolfgang Blödorn
Am 7. Juni dieses Jahres wurden die Zuschauer der Bauhaus Gala beim Diamond-League-Meeting in Stockholm Zeugen eines historischen Rennens. Zwei Läuferinnen verbesserten sich im selben Lauf in der ewigen Weltbestenliste auf die Plätze drei und sechs.
Die Schweizerin Audrey Werro (Jg. 2004) lief 1:53,98 Minuten und blieb damit als erst dritte Läuferin der Geschichte unter der Marke von 1:54 Minuten. Dicht auf ihren Fersen folgte die britische Olympiasiegerin von Paris 2024, Keely Hodgkinson (Jg. 2002), ebenfalls mit persönlicher Bestzeit in 1:54,33 Minuten.
Die ersten 400 m hatte Tempomacherin Rachel Klopfenstein aus Mauritius in 55,54 Sekunden absolviert. Werro lief die zweite Runde damit maximal 2,30 Sekunden langsamer als die erste; Hodgkinson war mit einer um 2,65 Sekunden langsameren zweiten Runde kaum schwächer. Beide Läuferinnen belegen damit eine ausgeprägte spezielle Ausdauer über die 800-m-Strecke. Dass die Europameisterschaften in Birmingham vom 10. bis 16. August hochspannend werden, dürfte angesichts dieser Leistungen feststehen.
Für zusätzliche Brisanz sorgte Femke Broeders-Bol: Die niederländische Weltmeisterin über 400 m Hürden erzielte beim WACT-Gold-Meeting Golden Spike in Ostrava am 16. Juni mit 1:57,13 Minuten eine Topleistung – bei ihrem erst zweiten Freiluftstart über die Zwei-Runden-Distanz nach dem Wechsel von der 400 m-Hürdenstrecke. Werro bestätigte in diesem Rennen mit ihrem Sieg in 1:54,45 Minuten ihre starke Form. Die drei Läuferinnen belegen derzeit die Plätze eins, zwei und vier in der aktuellen europäischen Jahresbestenliste über 800 m.
Hodgkinson nutzte die britischen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in Birmingham, um ihren 400-m-Speed zu testen. Mit 51,62 Sekunden qualifizierte sie sich souverän für den Endlauf am Sonntag – den sie jedoch nicht bestreiten konnte. Beim Aufwärmen hatte sie sich eine leichte Zerrung zugezogen und verließ die Bahn unter Tränen, um ihren EM-Start nicht zu gefährden. Dennoch: Mit ihrer 400-m-Zeit stellt sie, wie auch Werro, als 800-m-Läuferin selbst deutschen 400-m-Spezialistinnen vor Probleme.
Da Broeders-Bol erst kürzlich auf die 800-m-Distanz gewechselt ist, liegen für sie noch keine jährlichen Leistungsdaten über diese Strecke vor. Bei Werro und Hodgkinson hingegen ist die Leistungsentwicklung über 400 m und 800 m seit dem Alter von 14 bzw. 15 Jahren dokumentiert (vgl. Abb. 1).
Bei Hodgkinson sind über 800 m zwei markante Leistungssprünge erkennbar: einer im Alter zwischen 14 und 16 Jahren sowie ein weiterer zwischen 18 und 19 Jahren. Letzterer wurde durch eine starke Verbesserung über 400 m im Alter von 17 bis 19 Jahren vorbereitet und begleitet. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Leistungssprünge über 800 m im Zusammenhang mit den Europameisterschaften der U18- bzw. U20-Klasse stehen könnten – ein Zusammenhang, der einer näheren Prüfung wert wäre.
Werro verbesserte ihre 400-m-Leistung deutlich im Alter von 15 bis 16 Jahren sowie erneut mit 20 bis 21 Jahren; jeweils folgte ein kräftiger Leistungszuwachs über 800 m. Im Übrigen verlief ihre Entwicklung erkennbar kontinuierlicher als die von Hodgkinson.
Sowohl bei Werro als auch bei Hodgkinson zeigt sich deutlich: Leistungszuwächse über 800 m gehen stets mit Verbesserungen über 400 m einher. Die Grafik legt nahe, dass eine Steigerung der 400-m-Leistung Läuferinnen regelrecht zur Verbesserung über die doppelte Distanz befähigt – die Schnelligkeit ist ein wesentlicher Schlüssel zur 800-m-Leistung!
Diese Beurteilung bestätigt auch das seit Jahren etablierte KsA-Modell.* Mit einem KsA-Rechner**, der zugleich Perzentile ausweist, lässt sich die spezielle Ausdauer für alle Streckenpaarungen von 100/200 bis 5000/10000 m bequem berechnen. Für Hodgkinson und Werro ergibt sich für die Paarstrecke 400/800 m folgendes Bild:

Zur Orientierung vorab einige erläuternde Anmerkungen zum KsA-Modell und seiner Interpretationslogik:
Im KsA-Modell wird die Wettkampfleistung pragmatisch auf eine Synthese aus Schnelligkeits- und Ausdauervermögen reduziert. Das Schnelligkeitsvermögen wird dabei durch die untere, das Ausdauervermögen durch die obere Nachbarstrecke der Wettkampfdistanz repräsentiert. Der Quotient aus der mittleren Wettkampfgeschwindigkeit (pro 100 m) der unteren und der oberen Nachbarstrecke ergibt den Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA-Wert): Je höher dieser Wert ist, desto größer der Einfluss des Ausdauervermögens auf die spezielle Ausdauer.
Perzentile (oder Prozentränge) sind statistische Kennwerte, die einen Datensatz – hier die KsA-Werte – in 100 gleich große Abschnitte unterteilen. Ein Perzentil von 60 bedeutet, dass 40 Prozent der Vergleichswerte einen höheren Rang, also eine größere spezielle Ausdauer, aufweisen.
Tabelle 1 zeigt, dass Hodgkinson bereits in sehr jungem Alter über eine außergewöhnlich hohe spezielle Ausdauer verfügte. Mit anderen Worten: Ihre Schnelligkeitsreserven waren früh erschöpft und mussten gezielt weiterentwickelt werden, um zukünftig 800-m-Verbesserungen zu ermöglichen. Bei Werro war dies anders – ihre spezielle Ausdauer wuchs bis zum Alter von 20 Jahren kontinuierlich an.
Aufschlussreich war in diesem Zusammenhang auch das Rennen von Broeders-Bol und Kohlberg am vergangenen Sonntag in Hengelo. Broeders-Bol besitzt mit einer 400-m-Bestzeit von 49,17 Sekunden ein erheblich besseres Schnelligkeitsvermögen als Majtie Kohlberg mit 54,58 Sekunden – ein Vorsprung von mehr als fünf Sekunden, den Kohlberg trotz deutlich besseres Ausdauervermögen nicht kompensieren konnte. Die Perzentile für Broeders-Bol für die Paarstrecke 400/800 in Bezug zu den Bestzeiten findet sich bei 7; für Kohlberg liegt sie bei 99! Bei der Durchgangszeit von 57,75 Sekunden für die Tempomacherin lagen Broeders-Bol und Kohlberg noch nah beieinander. Die Endzeiten für die 800 m lauten 1:57,41 Minuten für Broeders-Bol und 1:58,78 Minuten für Kohlberg.
Vor diesem Hintergrund lässt sich vermuten, dass die jeweiligen Trainer von Werro und Hodgkinson unterschiedliche Vorstellungen vom altersgerechten und langfristigen Leistungsaufbau für die 800 m der Frauen verfolgen – eine Annahme, die sich freilich nur durch eine Analyse der Trainingspläne belegen ließe. Welcher Ansatz langfristig erfolgreicher ist, wird die Zeit zeigen. Derzeit scheint Werros Weg die Nase vorn zu haben, zumal ihr Ausdauervermögen noch nicht ausgeschöpft wirkt.
Fest scheint dahingegen zu stehen, dass die Leistung über 400 m die Zeit über 800 m stark bedingt! Dieser Beitrag möge Vereins- und Verbandstrainer anregen, den altersgemäßen und langfristigen Leistungsaufbau ihrer Athletinnen erneut zu überdenken.
Der Autor ist promovierter Sportwissenschaftler und ehemaliger Bundes- und Landestrainer
* Literatur und Videos zum Verständnis der Möglichkeiten des KsA-Modells
a) Literatur:
(1) Wolfgang Blödorn & Frank Döring, Special endurance coefficients enable the evaluation of running performance. Scientific Reports | (2025) 15:20184
(2) Blödorn, W., Döring, F. Sex-specific characteristics of special endurance and performance potential in female runners. BMC Res Notes 18, 196 (2025). https://doi.org/10.1186/s13104-025-07256-6
b) Videos zum KsA-Modell:
(3): Was lerne ich aus meinen Wettkampfzeiten?
https://m.youtube.com/watch?v=FTWOJp4_Co4
(4): Was lerne ich aus meinen Nebenstrecken-Zeiten?
https://m.youtube.com/watch?v=7iy6el6ABAo&pp=0gcJCSkKAYcqIYzv
(5): Weltklasse: Geringere Ermüdungsfaktoren?
https://m.youtube.com/watch?v=d8KMQMkJLiI
(6): Analyse und Prognose: KsA oder etablierte Ansätze?
https://m.youtube.com/watch?v=Rot9flxcUIg&t=10s&pp=2AEKkAIB
(7): Wozu nutze ich die KsA-App? Potential? Talent?
https://m.youtube.com/watch?v=vVqHrIHXrlY
** Der KsA-Rechner
(8) KsA-Rechner Männer
(9) KsA-Rechner Frauen
Dr. Wolfgang Blödorn
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