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23
05
2026

Der DLV - Die Geschäftsstelle in Darmstadt - Foto: Horst Milde

Medaillenhoffnungen ohne Fundament: Pflegt der DLV im Mittelstreckenlauf eine Illusion? von Dr. Wolfgang Blödorn*

By GRR 0

Schönreden als System

Der Vorstand Leistungssport im Deutschen Leichtathletik-Verband, Dr. Jörg Bügner, sprach nach der WM 2025 von „Rückenwind für die nächsten Ziele auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles.” Eine ermutigende Botschaft – auf der Verbandswebseite  Leichtathletik.de, wo sie hingehört.

Denn wer dort nach kritischer Selbstreflexion sucht, sucht vergebens. Die Seite ist kein unabhängiges Sportmedium, sondern Eigenvermarktung. Das Schönreden der Leistungen ist nicht Absicht einzelner Funktionäre, sondern strukturell bedingt.
Grund genug, genauer hinzuschauen.

Fünf Medaillen, eine Fassade

Ja, der DLV hat sich bei der WM 2025 gegenüber Tokyo 2023 von null auf fünf Medaillen verbessert. Doch eine Analyse auf dem Portal German Road Races vom September 2025 legte offen, was die Verbandskommunikation nicht gerne hört: In den Einzeldisziplinen des flachen Stadionlaufs wurde keine einzige Medaille gewonnen. Sämtliche Einzelerfolge entfielen auf technische Disziplinen oder Mannschaften. Der Block Sprint und der Block Lauf – das Herzstück der Leichtathletik – blieb bei den Einzelstarts ohne Medaillenglanz.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist unangenehm: Hat der DLV ein strukturelles Problem?

Nachwuchs mit Verfallsdatum

Um dieser Frage nachzugehen, lohnt ein beispielhafter Blick auf die Leistungsentwicklung im Mittelstreckenlauf – von der Jugend bis zur Seniorenelite. Betrachtet man die Jahre 2016 bis 2025, ergibt sich ein ernüchterndes Bild.

In diesem Zeitraum gewannen deutsche 800- und 1500-Meter-Läuferinnen und -Läufer bei Europameisterschaften der Nachwuchs-Altersklassen U18, U20 und U23 insgesamt fünf Medaillen. Drei davon gehen auf das Konto der Frauen, die Mehrzahl wurde in der U23 erzielt – also unmittelbar vor dem Übergang in die Seniorenklasse. Auch bei den Platzierungen unter den Top Acht dominierten die Frauen mit zehn Finalteilnahmen gegenüber fünf bei den Männern.
Soweit das ermutigende Bild. Was daraus folgt, ist eine andere Geschichte.

Ein Übergang, der keiner ist

Weder Frauen noch Männer konnten ihre Nachwuchserfolge auf internationalem Niveau wiederholen. Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in den letzten zehn Jahren steht unter dem Strich lediglich ein sechster Platz. Bei Europameisterschaften schafften es immerhin drei Männer und vier Frauen auf die Plätze fünf bis acht. Doch auch diese Zahlen halbierten sich, verglichen mit dem, was die Nachwuchsläuferinnen und -läufer an Versprechen geweckt hatten.

Der Befund ist eindeutig: Erfolg im Nachwuchsbereich sagt im deutschen Mittelstreckenlauf so gut wie nichts über spätere Leistungen bei Senioren-Großereignissen aus.

580 Hoffnungen, 159 Enttäuschungen

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Kadernominierungen. Zwischen 2016 und 2025 sprach der DLV-Vorstand Leistungssport rund 580 Nominierungen im Mittelstreckenlauf aus – verteilt auf vier Kaderstufen. Allein für den Perspektivkader (PK), der per Definition des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) eine realistische TOP 8-Chance bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften voraussetzt, gab es ca. 160 Nominierungen.

Das Ergebnis: 159-mal wurden diese Erwartungen enttäuscht.

Nur einmal erfüllte ein Athlet das Kriterium – Robert Farken mit seinem sechsten Platz in Tokyo 2025. Möglicherweise kein Zufall, dass der DLV in diesem Jahr die Hürde für eine PK-Nominierung auf eine Top-8-Platzierung bei der EM in Birmingham 2026 absenkte. Damit wären zumindest weitere sechs Läuferinnen und Läufer rückwirkend als „Erfolg” zu verbuchen. Ein statistischer Kunstgriff, keine sportliche Antwort. Vor allen Dingen keine notwendige Strukturänderung in der Förderung des DLV!

Fehlinvestitionen mit System

Wer Kadernominierungen vergibt, entscheidet auch über öffentliche Gelder. Je mehr Athletinnen und Athleten ein Verband in den Kaderklassen auflisten, desto höher fällt in der Regel sein Anteil an der staatlichen Sportförderung aus – sei es über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) oder künftig über die neue Spitzensport-Agentur gemäß dem geplanten Sportfördergesetz. Der Verdacht liegt nahe, dass die systematische Überzeichnung des Leistungspotentials nicht allein einem sportfachlichen Optimismus geschuldet ist.

Leistungspotential zu erkennen ist zugegebenermaßen schwierig. Keine Frage. Das streitet niemand ab. Doch 159 Fehldiagnosen in zehn Jahren können kein Pech sein! Ein Schelm ist, wer dahinter eine Methode vermutet.

Was jetzt geändert werden muss

Dabei mangelt es nicht an Lösungsansätzen. Neben aufwändigen Laboruntersuchungen existieren auch niedrigschwellige Instrumente zur Potentialanalyse – etwa altersbezogene Anforderungsprofile, wie sie Blödorn und Döring in einer 2025 auf Scientific Report als Teil der Springer-Nature-Familie veröffentlichten Studie beschreiben. Solche Werkzeuge könnten auf Vereins- und Verbandsebene helfen, Talente zu finden und realistischer einzuschätzen.

Darüber hinaus braucht es strukturelle Konsequenzen: Der DLV muss erklären, warum so viele Nachwuchsläufer den Sprung in die Weltspitze nicht schaffen, und warum die Potentialdiagnose über ein Jahrzehnt so systematisch daneben lag. Die DLV-Akademie könnte durch gezielte Fort- und Weiterbildung helfen, Wissenslücken in der Trainingssteuerung zu schließen. Und der Verband müsste endlich den Mut aufbringen, Kadernormen nicht an den Leistungen der Vergangenheit auszurichten, sondern ehrlich an den Anforderungen der Zukunft. Ist der DLV zu diesen Änderungen bereit?

Rückenwind oder Gegenwind?

Deutschland hat Läuferinnen und Läufer mit echtem Potential – Mohamed Abdilaahi auf der Langstrecke ist ein Beleg dafür. Doch Potential allein reicht nicht. Es muss erkannt, gefördert und auf dem Stand aktueller Sportwissenschaft entwickelt werden. Besonders hier ist die DLV-Akademie mit ihrer Unterstützung gefragt!

Dr. Bügners „Rückenwind für Los Angeles 2028” klingt gut. Er wird allerdings nur tragen, wenn der DLV beginnt, die richtigen Fragen nicht nur zu kennen, sondern sie öffentlich zu beantworten. Ein Diskussionsforum auf Leichtathletik.de  wäre ein Anfang. Eine echte Debatte über Strukturen,

Fehldiagnosen und Förderlogik mit Hilfe der Schwarmintelligenz wäre ein notwendiger Schritt. Verbände und Institutionen, die Kritik abschotten, haben sich in der Vergangenheit selten verbessert. Diese Erkenntnis dürfte auch für den DLV gelten.​​​​​​​​​​​​​​​​

Dr. Wolfgang Blödorn

*Kontakt wbloed@gmail.com

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