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2026

Symbolbild - Olympische Spiele 2020 Tokio 800m der Frauen - 2020 Tokyo Olympic Games Tokyo, Japan July 29-August 8, 2021 Photo: Andrew McClanahan@PhotoRun Victah1111@aol.com www.photorun.NET

Zweite Halbzeit für ein Versprechen: Was wurde aus dem „DLV-Future-Team“? Eine Zwischenbilanz auf dem Weg nach Los Angeles 2028 – Von Dr. Wolfgang Blödorn

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Als der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) im Jahr 2023 das „Team Future“ ins Leben rief, war der Anspruch hoch: Junge Talente sollten gezielt aufgebaut werden, um bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles eine tragende Rolle einzunehmen.

Drei Jahre später ist mehr als die Hälfte dieses Olympiazyklus verstrichen – ein geeigneter Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die Laufdisziplinen, traditionell ein Gradmesser internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Vier Namen galten damals als Sinnbilder für Hoffnung und Perspektive im Hinblick auf erfolgreiche Platzierungen bei den Olympischen Spielen 2028: Sara Benfares, Jana Marie Becker, Adia Budde und Jolanda Kallabis.

Der Auftakt der Europameisterschaftssaison bietet Anlass für eine Analyse der bisherigen Entwicklung
sowie einen vorsichtigen Ausblick auf Los Angeles 2028.

1. Leistungsentwicklung im Detail

1.1. Jana Marie Becker
Leistungsprogression seit 2022:

Einordnung der Entwicklung

Mit ihrem Goldgewinn bei den U20-Europameisterschaften hat Jana Marie Becker die Hoffnung genährt, dass dem DLV perspektivisch wieder eine international konkurrenzfähige 800-Meter-Läuferin zur Verfügung stehen könnte. Entscheidend wird jedoch sein, ob ihre Voraussetzungen auf den ergänzenden Distanzen ausreichen, um langfristig den Sprung in ein olympisches Finale zu ermöglichen.

Für Finalteilnahmen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften waren seit 2021 in der Regel Zeiten zwischen 1:57 und 1:59 Minuten erforderlich. Um in diesen Bereich vorzustoßen, wäre – bei entsprechender spezieller Ausdauer – vermutlich eine Leistungsfähigkeit von deutlich unter 53,5 Sekunden über 400 Meter notwendig. Beim ersten Start des Jahres 2026 konnte Becker ihre 1500-Meter-Bestzeit aus dem Vorjahr allerdings nicht steigern. Sowohl die Unterdistanz als auch die längeren Strecken müssten sich perspektivisch weiterentwickeln, denn internationale Medaillenentscheidungen dürften künftig erst im Bereich von etwa 1:57 Minuten beginnen.

Derzeit liegt Becker schätzungsweise zwei bis drei Sekunden hinter einem olympischen Finalniveau zurück. Angesichts ihres Alters und ihrer bisherigen Entwicklung erscheint der nächste Leistungssprung jedoch weiterhin realistisch.

1.2. Adia Budde
Leistungsprogression seit 2022:

Einordnung der Entwicklung

Adia Budde gehörte bei internationalen Nachwuchsmeisterschaften in den vergangenen Jahren konstant zu den erfolgreichsten deutschen Läuferinnen. Um bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles jedoch eine Platzierung unter den ersten Acht erreichen zu können, dürfte eine Zeit von deutlich unter 9:15 Minuten über 3000 Meter Hindernis erforderlich sein. Dies verdeutlichen die Leistungsdaten internationaler Meisterschaften seit 2021.

Der Weg in diese Regionen führt in der Regel über ein hohes Leistungsniveau auf den längeren Flachstrecken. Genau dort bestehen derzeit noch deutliche Defizite. Insbesondere die Leistungen über 5000 Meter lassen bislang nicht erkennen, dass das notwendige internationale Niveau bereits in Reichweite ist. Fraglich bleibt zudem, inwieweit ihre Entwicklung über 1500 Meter hierfür eine ausreichende Grundlage bieten kann.

Im aktuellen Entwicklungskorridor fehlen Budde sowohl im Unterdistanz- als auch im Überdistanzbereich die notwendigen Zubringerleistungen, um von einer realistischen Finalperspektive in Los Angeles sprechen zu können. Entscheidend werden insbesondere ihre künftigen Fortschritte über 3000 und 5000 Meter sein.

1.3. Jolanda Kallabis
Leistungsprogression seit 2022:

Einordnung der Entwicklung

Seit ihrem U20-Europameistertitel 2022 über 2000 Meter Hindernis bewegt sich Jolanda
Kallabis zwischen den Schwerpunkten 800 Meter und 1500 Meter. Entsprechend wurde sie vom DLV in unterschiedlichen Kaderbereichen geführt. Die bisherigen Leistungen auf den Unterdistanzen bestätigen diese Einordnung allerdings nur eingeschränkt. Für internationales Spitzenniveau über 800 oder 1500 Meter wäre insbesondere eine deutlich höhere Grundschnelligkeit erforderlich.

Der Eindruck verfestigt sich daher, dass ihre größte Perspektive langfristig auf der 3000-Meter-Hindernisstrecke liegen könnte. Allerdings fehlen bislang belastbare Leistungsnach- weise über 3000 und 5000 Meter, die eine Einschätzung ihres Potenzials auf internationalem Topniveau erlauben würden.
Kallabis bleibt damit schwer einzuordnen. Dazu tragen nicht nur die fehlenden Vergleichswerte über ein breites Distanzspektrum bei, sondern auch die bislang offene Frage, auf welche Strecke sie sich mit Blick auf Los Angeles 2028 langfristig spezialisieren möchte.

1.4. Sara Benfares
Sara Benfares scheiterte möglicherweise an den hohen Erwartungen ihres Umfelds und an den eigenen Ansprüchen. Ob der geplante sportliche Neustart für Deutschland dabei eine entscheidende Rolle spielte, besitzt inzwischen kaum noch sportliche Relevanz.

Mit ihrem Dopingvergehen hat sie sich selbst aus dem Kreis möglicher Olympia-Kandidatinnen für 2028 genommen.

2. Internationaler Vergleich: Wo stehen die Läuferinnen des DLV-Future- Teams?

2.1. Vergleich mit der Weltspitze
2.1.1. 800 Meter der Frauen
Die typische Leistungsentwicklung internationaler Spitzenläuferinnen über 800 Meter verläuft häufig nach einem ähnlichen Muster:
• 18 bis 20 Jahre: etwa 2:00 Minuten
• 21 bis 23 Jahre: 1:57 bis 1:58 Minuten oder schneller
• ab 24 Jahren: stabiles Medaillenniveau

Nach Angaben der National Collegiate Athletic Association (NCAA) gelingt zahlreichen Athletinnen im U23-Alter innerhalb weniger Jahre der Sprung von etwa 2:00 Minuten auf Zeiten im Bereich von 1:57 Minuten oder schneller.
Neben etablierten Namen wie Keely Hodgkinson, Mary Moraa oder Audrey Werro dürfte künftig auch die Slowenin Živa Remic verstärkt in den Fokus rücken. Die U20-Vizeeuropameisterin von 2025 lief bereits in diesem Jahr 2:00,73 Minuten und verfügt mit einer 400-Meter-Bestzeit von 52,21 Sekunden über gute Voraussetzungen für eine spätere Entwicklung in Richtung 1:57 Minuten. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass sich die internationale Konkurrenz zunehmend jünger und zugleich schneller entwickelt.

2.1.2. 3000 Meter Hindernis der Frauen
Die 3000-Meter-Hindernisdistanz hat ihr früheres „Schattendasein“ längst abgelegt. Immer mehr Athletinnen wechseln aus dem 1500- oder 5000-Meter-Bereich auf diese Strecke, wodurch die internationale Leistungsdichte weiter zunimmt. Perspektivisch dürfte für internationale Medaillen eine Bestzeit von unter neun Minuten erforderlich sein.

Ob Budde oder Kallabis über die dafür notwendigen Voraussetzungen verfügen, wird sich vor allem anhand ihrer künftigen Entwicklung auf den Distanzen zwischen 1500 und 5000 Metern zeigen. Athletinnen wie Doris Lemngole (14:51,21 Minuten über 5000 Meter), Sembo Almayew (14:41,75 Minuten) oder Alemnat Walle (15:08,74 Minuten) verdeutlichen, welche Ausdauergrundlagen mittlerweile notwendig sind, um über 3000 Meter Hindernis deutlich unter 9:10 Minuten laufen zu können.

2.2. Vergleich auf europäischer Ebene
Während die Anforderungen auf Weltebene stetig steigen, stellt sich die Situation bei Europameisterschaften sichtbar anders dar. Dort ist der Weg in die Top Acht nach wie vor erheblich leichter als bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Absenkung der Zugangsvoraussetzungen für den DLV-Perspektivka- der aus leistungssportlicher Sicht nur schwer nachvollziehbar.

Über 800 Meter reichten bei den vergangenen beiden Europameisterschaften Zeiten um 2:01,5 Minuten aus, um die neuen DLV-Kriterien für den Perspektivkader zu erfüllen. Im Vergleich zu den Anforderungen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ergibt sich damit eine Differenz von rund zweieinhalb Sekunden oder mehr.

Ein ähnliches Bild zeigt sich über 3000 Meter Hindernis. Während bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften zuletzt im Schnitt etwa 9:13 Minuten für Rang acht notwendig waren, genügten bei den vergangenen Europameisterschaften bereits Zeiten um 9:30 Minuten.

3. Schlussbemerkung
Den drei verbliebenen Läuferinnen des DLV-Future-Teams kann nicht abgesprochen werden, dass sie alles daransetzen, ihren Traum von Olympia 2028 zu verwirklichen. Gleichzeitig ist im internationalen Hochleistungssport seit jeher bekannt, dass Einsatzbereitschaft allein nicht ausreicht. Entscheidend ist letztlich die Leistungsfähigkeit – geprägt durch Talent, Trainingsqualität und langfristige Entwicklung.
Für alle drei Athletinnen wird daher maßgeblich sein, ob ihre Trainerteams das vorhandene Potenzial realistisch eingeschätzt und mit den notwendigen trainingsmethodischen Konsequenzen weiterentwickelt haben.

Die kommenden beiden Jahre dürften zeigen, ob aus berechtigten Hoffnungen tatsächlich olympische Perspektiven entstehen können.

Dr. Wolfgang Blödorn

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