Günter Hallas - Foto: Horst Milde
Günter Hallas verstorben – Nachruf auf den Sieger des 1. BERLIN-MARATHON 1974 – „Det kann doch nicht der Sieger sein!“ Horst Milde
Die Berliner Marathonlegende Günter Hallas
Günter Hallas (18.01.1942), geborener Spandauer, zwei Kinder und eine Enkelin, war Postzusteller. Er war jetzt Witwer, seine Frau war vor zwei Jahren gestorben.
Bereits in den beiden Jahren 1970 und 1971 startete Günter Hallas für die LG NORD Berlin, da sich der TSV Siemensstadt der damals gegründeten neuen Leichtathletikgemeinschaft angeschlossen hatte, um starke Mannschaften und Staffeln zu bilden. Seine freundliche, humorvolle Art gehörte zu seinem Leben, seine leicht berlinerische Sprache gehörte ebenso dazu wie seine ausgeprägte Hilfsbereitschaft.

Start des 1. BERLIN-MARATHON („Berliner Volksmarathon“) 1974 – Waldschulallee 80 in Berlin-Charlottenburg – Foto: Forum für Sportgeschichte Berlin – Marathoneum
Auf dem Startbild des 1. Berliner Volksmarathon in der Waldschulallee 80 ist Günter Hallas (Startnummer 37) nicht zu erkennen, das sollte sich schnell ändern, denn er lief bald an die Spitze. Ab Kilometer 10 lag er vorne, an der Verpflegungsständen lief er meistens vorbei „bloß keine Zeit verlieren, man muß ja weiterrennen“ so sein Kommentar. Eine Salztablette habe er genommen mit einem Glas Wasser (gehörte 1974 zur offiziellen Verpflegung) – und warme Brühe im Ziel!
Zum Laufen kam er über Umwege, er wollte als Sechzehnjähriger das Sportabzeichen machen, scheiterte aber am 100 m Lauf. Erst als 18-Jähriger schaffte er dann das Sportabzeichen, weil er auf die 400 m ausweichen konnte. Herbert Pulver, das damalige Leichtathletik-Original vom TSV Siemensstadt brachte ihn auf diesen Weg. Er trainierte dann später bei Helmut Klafki am Dienstag und Freitag – Sonntags lief er bei Volksläufen mit, als „Ali“, wie ihn auch seine Freunde wegen seines etwas dunklen Teints nannten. Er lief als Vorbereitung auf den 1. Berliner Volksmarathon des SCC einmal vor dem Marathon 20 – 25 km, das war es dann. „Den Rest bis 42 km kannste auch noch so schaffen“ war die optimistische Prognose für die Lauf-Premiere.

Günter Hallas – in voller Aktion – hier bei einem anderen Lauf – Foto: privat
101 km in der Woche – „aber nur einmal und nie wieder.“
Trainingsmäßig kam er auf 50 Kilometer, max. 60 Kilometer die Woche (3 – 4 x die Woche „etwa 10 – 15 km Trainingseinheiten“). „Det haben mir die SCCer nie gegloobt“ sagt er. Eingeladen hat er sie, immer mit ihm zu trainieren, aber gekommen ist keiner. Einmal ist er die Woche mal insgesamt 101 km gelaufen – „aber nur einmal und nie wieder.“
Günter Hallas wurde vor Jahren vom Veranstalter zu einem Treffen eingeladen und er sollte dazu auch alte Erinnerungsstücke mitbringen.“Da muß ich aber tief und lange wühlen, bis ich da noch was finde“ war die Antwort am Telefon von Günter Hallas. Tatsächlich erschien dann Günter Hallas zum Treffen mit einem dicken Kuvert und vielen Erinnerungsstücken an seinen ersten Sieg, Zeitungsausschnitten, Bildern und in einer Plastiktüte die alten abgelatschten Puma-Schuhe von damals, die heute in einer Vitrine im Sportmuseum Berlin – Marathoneum – ausgestellt zu sehen sind.
(unten r.) – Die abgelatschten PUMA-Siegerschuhe m Sportmuseum Berlin – Marathoneum – Foto: Gerd Steins, Berlin
„Hat alles meine Frau gefunden“ so sein kurzer Kommentar. Zu seiner eigenen Überraschung war die Sieger-Urkunde mit der Unterschrift des Veranstalters dabei – „die sehe ich jetzt nach 29 Jahren auch wieder zum ersten Mal“.
Auch ein Bild „nicht ganz scharf“ war dabei. Es zeigt Günter Hallas auf der Straße vor dem Mommsenstadion, links winkt ihm sein Clubkamerad Dieter Weiß zu, dahinter ein Läufer vom BSV 92.
„Das muß nach der ersten Runde sein, da lache ich noch“ erinnert sich Günter Hallas, denn zum Schluß, da war nichts mehr mit Lachen.
Günter Hallas (lks.) nach der ersten Runde am Mommsenstadion – da lacht er noch! – Foto: privat
Günter Hallas am Verpflegungsstand am Mommsenstadion nach der ersten Runde – Ausriss aus einer Berliner Zeitung – Foto: Horst Milde
Zum Lachen war ihm auf der zweiten Runde überhaupt nicht mehr. In der Nähe des Auerbachtunnels (bei 39 km/40km) an der AVUS ging es ihm so schlecht, daß er sich an den Zaun hing und aufhören wollte. Ein einsamer Zuschauer ermunterte und überredete ihn dann noch, sein Vorsprung gegenüber dem Zweiten war so groß: „Det schaffste noch!“
„Det kann doch nicht der Sieger sein“
Günter Hallas schaffte es tatsächlich noch, aber der Ausruf eines Zuschauers hat er heute noch im Ohr: „Det kann doch nicht der Sieger sein!“ – so langsam und abgekämpft kam er nach 2:44:53 ins Ziel am Mommsenstadion an vor Rudolf Breuer (SV Helios) 2:46:43 – 3. Günter Olbrich (Polizei SV) 2:48:08 – 4. Dieter Daubermann 2:48:40 – 5. Dieter Sickert 2:49:01 und 6. Clifford Lewitz (USA/US Army) 2:49:42.
Dass dieser „1. Berliner Volksmarathon“ von 1974 mal in die Geschichtsbücher eingehen wird, hat zu diesem Zeitpunkt kein Mensch vermuten können und Günter Hallas mit den großen Champions wie Paul Tergat, Haile Gebrselassie und Eliud Kipchoge in einer Siegerliste stehen würde, wohl auch keiner.
Günter Hallas ist dem Laufen treu geblieben, trotz aller Malaisen, die man in einem Läuferleben über sich ergehen lassen muss. Günter lief nicht nur in Berlin, sondern auch beim Vancouver-Marathon, das war sein schönster Lauf im Ausland, auch beim New York City Marathon, in Lissabon und auf Hawaii, und auf vielen anderen Veranstaltungen in Deutschland
Günter Hallas mit seinem Ebenbild 2018 auf der „Hall of Fame“ des BERLIN-MARATHON am Brandenburger Tor – Foto: Horst Milde
Er gehört natürlich dem BERLIN-MARATHON Jubilee-Club an. Er trägt die „ewige“ Startnummer 425 und ist 43-facher Finisher, seine Bestzeit beim BERLIN-MARATHON ist 2:38:00 – seine Bestzeit im übrigen 2:35.00 (so genau weiß er es aber nicht).
Günter Hallas beim BERLIN-MARATHON unterwegs (r.)- mit der Jubilee-Startnummer auch auf dem Rücken – Foto: Horst Milde
Günter Hallas, der Champion von 1974, ist ein knorriger und gestandener Läufer von altem Schrot und Korn mit seinem ureigenem Humor und blitzenden Augen.
Er kann Vorbild für die heutige Läufergeneration sein, wie man mit Laufen den Beruf, Leben und Familie meistern kann – und dabei das Laufen auch nicht als todernste Angelegenheit ansieht.
Zeittabellen, Ernährungs- und Diäthinweise, Trainingslager, integrierte Laufschuhmodelle, Laufstrategien und wissenschaftliche Vorbereitungen auf den Lauftag X – das gehörte nicht in die Laufwelt von 1974 ff.
Am 26. Januar 2022 hatte er eine Knieoperation und anschließend drei Wochen Reha. Das war wohl erst- und einmalig für ihn – mal eine Zeit zu haben, wo er nicht läuferisch unterwegs sein konnte.

Die Sieger des BERLIN-MARATHON von 1974: Günter Hallas (lks.) und Jutta von Haase (r.) mit dem Gründer des BERLIN-MARATHON Horst Milde (m.) beim „Veteranentreffen“ des Marathons in der „Eierschale“ in Dahlem; anlässlich des 5o-jährigen Jubiläums des BERLIN-MARATHON 2024 – Foto: Gora
Ausriss aus der Berliner Abendzeitung „Der Abend“ (gibts nicht mehr) – Foto: Horst Milde
Die Urkunde vom 13.10.1974 für den 1. Platz beim 1. BERLIN-MARATHON (1. „Volksmarathon“) – Foto: Horst Milde
Sieben BERLIN-MARATHON Sieger/-innen beim BERLIN-MARATHON Erinnerungslauf 1998: (v.lks.): Ingo Sensburg (3 Siege 1976, 1979 und 1980), Christin Bochröder (1975), Günter Hallas (1974) , Jutta von Haase (1974) und Rolf Bochröder (1975) – Ausriss aus dem TAGESSPIEGEL – Foto: Horst Milde
Günter Hallas (lks.) und Bernd Hübner (34-facher Finisher beim BERLIN-MARATHON) – Foto: Horst Milde
Günter Hallas (lks.) und Wilfried Köhnke (49-facher Finisher beim BERLIN-MARATHON und damit der Rekordler) – Foto: Alexander von Ulieniecki

Anlässlich der Übergabe der „Heritage Plaque des Welt-Leichtathletik-Verbandes“ – der höchsten Auszeichnung – von World-Athletics im Palmensaal des „Roten Rathaus“ an den BERLIN-MARATHON mit Horst Milde und die Stadt Berlin. Die Sieger und Siegerinnen des BERLIN-MARATHON mit Jutta von Haase (ganz lks.) 1974 – Günter Hallas (3.v.lks.) – Sieger 1974 – Ingo Sensburg (2.v.r.) – Dreifacher Sieger 1976, 1979 und 1980 und Uta Pippig (ganz r.) – Dreifache Siegerin 1990, 1992 und 1995 und Horst Milde (2. v.lks.)- Foto: Laura Donath / Senatskanzlei Berlin
Günter Hallas bei seinem letzten BERLIN-MARATHON 2024 kurz vor dem Ziel – Foto:: SCC EVENTS/Sebastian Wells [OSTKREUZ)
Zuletzt trafen wir uns beim 14. Berliner Läufertreffen am Mittwoch, dem 14. Januar 2026 bei John Kunkeler in der Kunstfanrik „Schlot“. Es war für mich immer ein erfreulicher und nicht alltäglicher Moment, wenn die Sieger von 1974 Günter Hallas und Jutta von Haase gemeinsam mit mir auf der Bühne stehen konnten.
14. Berliner Läufertreffen am Mittwoch, dem 14. Januar 2026 bei John Kunkeler im Schlot mit Günter Hallas (ganz lks.), Nina Sowinski, Wilfried Koenke (ganz r.) und Horst Milde (2.v.lks.) – Foto: Horst-Dieter Bellack
Wir behalten Günter Hallas als einen liebenswerten Mitmenschen und Läufer in Erinnerung, der uns allen durch seine menschliche Art viel gegeben hat.
Günter, wir werden Dich vermissen.
Horst Milde mit Informationen von Bernd Kunze (LG Nord Berlin)
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