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31
03
2026

Amanal Petros läuft deutschen Rekord - Foto: Petko Beyer/SCC Events

Leistungsstruktur und Entwicklungspotenzial auf der Langstrecke – Nationale Rekorde und neue Perspektiven für die 10.000-Meter-Entwicklung – Von Dr. Wolfgang Blödorn*

By GRR 0

Die Ergebnisse des vergangenen Wochenendes liefern nicht nur sportliche Höhepunkte, sondern auch aufschlussreiche Hinweise zur aktuellen Leistungsstruktur im deutschen Langstreckenlauf.

Zwei nationale Rekorde sowie mehrere hochklassige Einzelleistungenerlauben eine differenzierte Einordnung der Leistungsentwicklung – insbesondere im Hinblick auf die 10.000-Meter-Distanz.

Empirische Ausgangslage: Leistungsverdichtung auf hohem Niveau
Mit 59:22 Minuten stellte Amanal Petros am Sonntag beim Berliner Halbmarathon einen neuen deutschen Rekord auf und bestätigte damit seine Zugehörigkeit zur erweitertenWeltspitze. Parallel dazu unterbot Eva Dietrich erstmals die Marke von 68 Minuten (67:56Minuten), was ihre Position innerhalb der nationalen Leistungsstruktur deutlich verbes-serte.

Noch signifikanter ist jedoch die Entwicklung auf der Bahn: Mohamed Abdilaahi durch-brach in 26:56,58 Minuten erstmals die 27-Minuten-Barriere und verbesserte den 29 Jahrealten deutschen Rekord von Dieter Baumann. Den Europarekord von Mo Farah (GBR) verpasste er um zehn Sekunden. Diese Leistung von Mohamed Abdilaahi ist nicht isoliert zu betrachten, sondern als Ausdruck einer zunehmenden Leistungsverdichtung im oberen Bereich des deutschen Langstreckenlaufs. Dies belegen auch die 10000 m-Zeiten von Frederik Ruppert, Aaron Bienenfeldt und Lisa Merkel in San Juan Capistrano (USA).

Zubringerleistungen als Prädiktoren der 10.000-Meter-Performance
Für die Bewertung der 10.000-Meter-Leistung ist die Analyse der sogenannten Zubringer- leistungen (1500 m, 3000 m, 5000 m) zentral. Der Vergleich mit Dieter Baumann und Mo Farah zeigt, dass Weltklasseleistungen über 10.000 Meter auf einem mehrdimensionalen Leistungsprofil beruhen, in dem sowohl aerobe Kapazität als auch Tempohärte eine ent-cheidende Rolle spielen.


Auffällig ist, dass Abdilaahi bereits im Alter von 26 Jahren Leistungswerte erreicht, die in ihrer strukturellen Ausprägung mit denen etablierter Weltklasseläufer vergleichbar sind.

Gleichzeitig deutet der Altersvergleich darauf hin, dass das Leistungslimit auf dieser Distanz typischerweise erst im dritten Lebensjahrzehnt voll ausgeschöpft wird. Altersspezifische Leistungsentwicklung: Hinweise auf langfristiges Potenzial Sowohl Mo Farah als auch Dieter Baumann erzielten ihre Bestleistungen überwiegend jenseits der 30 Jahre. Diese Beobachtung spricht für eine langfristige Entwicklungsperspek-ive auf der 10.000-Meter-Distanz, bei der die Ausprägung spezifischer Ausdauerfähigkeiten einen entscheidenden limitierenden Faktor darstellt. Für Athleten mit ausgeprägter
Kompetenz für die längeren Mittelstrecken ergibt sich daraus eine strategische Option: Der Übergang zu längeren Distanzen kann auch bei bereits fortgeschrittener sportlicher Entwicklung leistungswirksam gestaltet werden.

Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA) als Analyseinstrument
Über die absoluten Leistungswerte hinaus ermöglicht die Betrachtung der Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA)** eine differenzierte Analyse der leistungsbestimmenden Faktoren. Der KsA-Wert beschreibt das Verhältnis der Laufgeschwindigkeiten zweier be-achbarter Distanzen und erlaubt damit Rückschlüsse auf die Ausdauerqualität im stre-kenspezifischen Kontext. Ein Beispiel: Ein KsA-Wert von 0,98 zwischen 1500 und 3000Metern bedeutet, dass die längere Strecke mit 98 Prozent der Geschwindigkeit der kürze-en absolviert wird.

Auffällige Ausreißer – etwa extrem hohe Werte – können auch auf nicht voll ausge-chöpfte Einzelleistungen oder taktische Rennverläufe zurückzuführen sein. Die Validität
der Interpretation hängt somit wesentlich von der Qualität und Vergleichbarkeit der zu-runde liegenden Leistungsdaten ab.

Die vorliegenden Daten zeigen unterschiedliche Entwicklungsmuster:
• Bei Mo Farah ist mit dem Alter eine progressive Annäherung der Geschwindigkei-en über die Distanzen hinweg erkennbar, was auf eine kontinuierliche Verbesserung der spezifischen Ausdauer hinweist.
• Mohamed Abdilaahi weist hingegen bereits in jungen Jahren hohe KsA-Werte auf einzelnen Streckenpaaren auf, ohne dass sich daraus eine konsistente altersab-ängige Entwicklung ableiten lässt.
• Dieter Baumann zeigt ebenfalls diskontinuierliche Muster, insbesondere im Übergang von 3000 m zu 5000 m.

Diese Unterschiede verdeutlichen, dass die Entwicklung der speziellen Ausdauer kein linearer Prozess ist, sondern individuell unterschiedlichen Adaptationsverläufen unterliegt.

Implikationen für Training und Leistungsentwicklung
Aus den vorliegenden Analysen lassen sich mehrere trainingsmethodische Schlussfolgerungen ableiten:
1. Langfristige Entwicklungsperspektive
Die 10.000-Meter-Leistung erreicht ihr Maximum häufig erst im höheren Leistungs-lter, was eine langfristige Trainingsplanung erfordert.
2. Bedeutung der Unterdistanzen
Hohe Leistungsfähigkeit über 1500 m und 3000 m bildet eine wesentliche Grund-age für die Entwicklung der 10.000-Meter-Leistung.
3. Individuelle Ausdauerprofile
Die KsA-Werte zeigen, dass Athleten unterschiedliche Stärkenprofile aufweisen, die gezielt entwickelt werden müssen.
4. Strategische Streckenwahl
Für leistungsstarke Mittelstreckenläufer kann ein Wechsel auf längere Distanzen ein erhebliches Entwicklungspotenzial eröffnen.

Fazit: Mut zum Streckenwechsel
Die aktuellen Entwicklungen über 10000 m liefern wichtige Impulse für Training und Karrierreplanung. Insbesondere leistungsstarke 1500-Meter-Läufer könnten von einem mittelfristigen Wechsel auf längere Distanzen profitieren. Insbesondere die Leistung von Mohamed Abdilaahi verdeutlicht, dass das nationale Leistungsniveau im internationalen Vergleich anschlussfähig ist.

Gleichzeitig unterstreichen die Analysen, dass der Weg zur Weltklasse über 10.000 Meter eine komplexe, langfristige Entwicklung erfordert, in der physiologische, trainingsmethodische und strategische Faktoren eng miteinander verzahnt sind.

Dr. Wolfgang Blödorn*

*Der Autor ist promovierter Sportwissenschaftler und war Bundestrainer und Landestrainer in mehreren Lan-desverbänden.
**Blödorn, W., Döring, F. (2025): Special endurance coefficients enable the evaluation of running perfor-mance. Scientific Reports sowie weitere Publikationen.

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