Das Essverhalten zu kontrollieren, vermittelt das Gefühl von Selbstkontrolle. Doch wer systematisch zu wenig isst, wird krank. Foto: :iStock,pidjoe / Universität Zürich - UZH
Essstörungen – Die Gefühle weghungern – Thomas Gull – Universität Zürich – UZH
Wenn die Beziehung zum Essen gestört ist, kann das verheerende Folgen haben für die Psyche und den Körper. Ernährungspsychiater Patrick Pasi betreut Patientinnen mit Essstörungen und erforscht am Zentrum für Essstörungen des USZ neue Behandlungsmethoden.
Wer sich bei Patrick Pasi in Behandlung begibt, hat den ersten grossen Schritt zu einer allfälligen Heilung bereits hinter sich: die Einsicht, an einer Krankheit zu leiden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn oft haben Menschen mit Essstörungen das Gefühl, sie seien nicht krank.
Ganz im Gegenteil. «Sie sagen sich: Sich viel zu bewegen, ist gesund, und abnehmen wollen ja alle. Ich mache das besonders gut, weshalb soll ich deshalb zum Arzt?», erzählt Pasi.
Der Ernährungspsychiater leitet das Zentrum für Essstörungen am Universitätsspital Zürich, wo Krankheiten wie Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder Binge-Eating (Esssucht) behandelt werden. Von diesen Essstörungen sind jeweils etwa ein bis vier Prozent der Bevölkerung betroffen, meist Frauen. Wer psychiatrische Hilfe sucht, tut dies oft auf mehr oder weniger sanften Druck der Familie oder des Hausarztes. Deshalb sei es wichtig, an der Motivation zu arbeiten, so Pasi, denn die Genesung von einer schweren Essstörung ist ein langwieriger Prozess, der viel Durchhaltewillen erfordert.
Wieder normal essen
Die rigide Kontrolle des eigenen Essverhaltens vermittelt den Betroffenen das Gefühl von Selbstbestimmung, in einer Zeit, in der so vieles passiert – körperlich und sozial –, was sie nicht steuern und beeinflussen können. Doch zu hungern sei ein dysfunktionaler Umgang mit diesen Problemen, eine falsche Bestätigungsstrategie, so Pasi: «Negative Gefühle lassen sich nicht «weghungern». Und die vermeintliche Kontrolle über sich selbst, dieser Zwang, «etwas im Griff zu haben oder in den Griff zu bekommen», hat tiefgreifende und verheerende Auswirkungen auf den Körper.
Untergewicht und Essstörung schwächen den Körper und machen die Magersüchtigen krank – psychisch und physisch. Zur langen Liste der so genannten Komorbiditäten, das sind Krankheiten, die Essstörungen begleiten oder von ihnen ausgelöst werden können, gehören affektive Störungen, Depressionen, Angstzustände oder Schlafstörungen auf der psychischen Seite, Verdauungsprobleme, Osteoporose, Stoffwechselerkrankungen oder Herz-Kreislauf-Probleme auf der physischen.
Das grundlegende Problem ist, dass das Aushungern des Körpers dazu führt, dass viele natürliche Mechanismen nicht mehr funktionieren oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Normalerweise haben wir ein natürliches Hungergefühl, mit dem der Körper dem Gehirn signalisiert, dass er Nahrung braucht. Wenn er diese bekommt, wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. «Bei der Anorexie ist die Belohnung nicht mehr das Essen, sondern der Verzicht darauf», erklärt Pasi.
Der Nahrungsentzug schlägt auch auf den Darm, der Botenstoffe produziert, die für den Stoffwechsel wichtig sind. Dadurch gerät die Darm-Hirn-Achse aus dem Gleichgewicht, die das Gehirn etwa mit Hormonen wie Leptin und Ghrelin versorgt, die das Hungergefühl und die Nahrungsaufnahme regulieren, genauso wie das Mikrobiom im Darm selbst. «Das führt dazu, dass weniger Botenstoffe und mehr Entzündungszellen produziert werden, die dann ins Hirn gelangen. Diese Entzündungssignale wiederum verstärken die Magersucht.» Zusammengefasst bringen Essstörungen den Körper aus dem Lot, psychisch und physisch. Dieses verlorene Gleichgewicht wiederherzustellen, ist sehr schwierig.
Verzicht wird belohnt
Die rigide Kontrolle des eigenen Essverhaltens vermittelt den Betroffenen das Gefühl von Selbstbestimmung, in einer Zeit, in der so vieles passiert – körperlich und sozial –, was sie nicht steuern und beeinflussen können. Doch zu hungern sei ein dysfunktionaler Umgang mit diesen Problemen, eine falsche Bestätigungsstrategie, so Pasi: «Negative Gefühle lassen sich nicht «weghungern». Und die vermeintliche Kontrolle über sich selbst, dieser Zwang, «etwas im Griff zu haben oder in den Griff zu bekommen», hat tiefgreifende und verheerende Auswirkungen auf den Körper.
Untergewicht und Essstörung schwächen den Körper und machen die Magersüchtigen krank – psychisch und physisch. Zur langen Liste der so genannten Komorbiditäten, das sind Krankheiten, die Essstörungen begleiten oder von ihnen ausgelöst werden können, gehören affektive Störungen, Depressionen, Angstzustände oder Schlafstörungen auf der psychischen Seite, Verdauungsprobleme, Osteoporose, Stoffwechselerkrankungen oder Herz-Kreislauf-Probleme auf der physischen.
Das grundlegende Problem ist, dass das Aushungern des Körpers dazu führt, dass viele natürliche Mechanismen nicht mehr funktionieren oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Normalerweise haben wir ein natürliches Hungergefühl, mit dem der Körper dem Gehirn signalisiert, dass er Nahrung braucht. Wenn er diese bekommt, wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. «Bei der Anorexie ist die Belohnung nicht mehr das Essen, sondern der Verzicht darauf», erklärt Pasi.Der Nahrungsentzug schlägt auch auf den Darm, der Botenstoffe produziert, die für den Stoffwechsel wichtig sind. Dadurch gerät die Darm-Hirn-Achse aus dem Gleichgewicht, die das Gehirn etwa mit Hormonen wie Leptin und Ghrelin versorgt, die das Hungergefühl und die Nahrungsaufnahme regulieren, genauso wie das Mikrobiom im Darm selbst. «Das führt dazu, dass weniger Botenstoffe und mehr Entzündungszellen produziert werden, die dann ins Hirn gelangen. Diese Entzündungssignale wiederum verstärken die Magersucht.» Zusammengefasst bringen Essstörungen den Körper aus dem Lot, psychisch und physisch. Dieses verlorene Gleichgewicht wiederherzustellen, ist sehr schwierig.
Aus dem Teufelskreis ausbrechen
Die Tatsache, dass Essstörungen oft von weiteren Erkrankungen begleitet werden, macht ihre Behandlung komplex. Der «Königsweg» führt nach wie vor über die Psychotherapie, denn Essstörungen fangen im Kopf an und müssen auch dort überwunden werden. Flankiert wird die Psychotherapie von weiteren Massnahmen wie Kunst- und Bewegungstherapie, dem Einsatz von Psychopharmaka für die psychiatrische Komorbiditäten und Ernährungstherapie.
Zuerst geht es jedoch ums «Handfeste», wie es Pasi nennt: Der Körper muss an Gewicht zulegen. Dabei wird vorgegeben, wie viel die Patientinnen zunehmen müssen: etwa 700 Gramm pro Woche. Ziel ist ein Bodymass-Index (BMI) von 18,5, das ist die Grenze zwischen Normal- und Untergewicht. Bei einer Grösse von 1,65 Metern entspricht das einem Gewicht von 50,5 Kilogramm. Oft haben die Betroffenen zu Beginn der Therapie aber einen viel tieferen BMI, entsprechend dauert die Behandlung länger.
Bei der Anorexie ist die Belohnung nicht mehr das Essen, sondern der Verzicht darauf.
Wenn das Essen wieder einigermassen funktioniert, kann sich Pasi um die psychischen Probleme kümmern. Wenn Eltern und Familie einen Einfluss darauf haben, werden sie in die Therapie einbezogen. Ein wichtiges Thema ist, die Wahrnehmung und Verarbeitung von Emotionen zu verbessern. Dazu gehört beispielsweise, zu erkennen, ob man tatsächlich Hungergefühle hat oder ob es andere Gefühle sind, die sich als «Hunger» präsentieren wie Wut, Enttäuschung, Frust, Einsamkeit, Langeweile oder die Angst, nicht zu genügen. «Wir arbeiten auch daran, die Eigenverantwortung und Autonomie zu stärken, alternative Bewältigungsstrategien für Probleme aufzubauen und ein positives Selbstbild zu entwickeln», sagt Pasi. Und essen soll mit der Zeit auch wieder Genuss vermitteln können. Um gesund zu werden, müssen die Patientinnen aus dem Teufelskreis ausbrechen, in dem sie gefangen sind und der sie krank macht.
Psylocibin fördert die Flexibilität
Helfen könnten dabei auch Psychedelika wie Psylocibin, Ketamin oder LSD, die bei anderen psychischen Erkrankungen im Rahmen von wissenschaftlichen Studien erfolgreich eingesetzt werden. Sie verbessern die kognitive und emotionale Flexibilität und können so dazu beitragen, das rigide Denken aufzubrechen, das etwa Magersüchtige daran hindert, flexibel auf ihre Umwelt und auf Therapien zu reagieren und offen zu sein, wenn heikle Themen angesprochen werden. «Erste Studien zeigen, dass das auch bei Patientinnen mit chronischen Essstörungen helfen könnte», sagt Pasi. Zu den weiteren experimentellen Massnahmen, die die Psychotherapie flankieren und unterstützten können, gehört die transkranielle Magnetstimulation, mit der bestimmte Bereiche des Gehirns angeregt werden. Hier gibt es gemäss Pasi ermutigende Resultate. Allerdings wirkt diese Therapie bis jetzt nicht langfristig.
Ein weiteres Instrument ist die virtuelle Realität, die eingesetzt werden kann, damit sich die Patientinnen langsam an ein neues, kräftigeres Bild von sich selbst gewöhnen. Dieses wird mit VR als Avatar simuliert. «So kann sich das Gehirn langsam an das neue Aussehen adaptieren und es akzeptieren», erklärt Pasi.
Die Erforschung zusätzlicher therapeutischer Massnahmen ist wichtig, um die Erfolgschancen der Behandlung zu verbessern. Die Mehrheit der Erkrankten kann mit der Zeit erfolgreich behandelt werden. Doch bei etwa 20 Prozent wird das Leiden chronisch und 5 bis 10 Prozent können daran sterben. Spezialisierte Zentren wie das USZ, die auf die verschiedenen Krankheitsphasen zugeschnittene Therapieformen anbieten, bieten die Chance, «die Mortalitätsrate zu senken und die Heilungschancen zu verbessern», so Pasi. Wichtig sei auch, nicht abzuwarten, sondern sich möglichst bald in Behandlung zu begeben: «Die Prognose verbessert sich, wenn die Krankheit frühzeitig erkannt und therapiert wird.» Zudem kann so verhindert werden, dass die Krankheit chronisch wird.
EN
