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17
01
2026

Forschung zu Alzheimer mutet wie ein Puzzlespiel an. Die Forschungsgruppe für Neurodegeneration am Institut für Regenerative Medizin versucht, das Zusammenspiel verschiedenster Schutz- und Risikofaktoren zu verstehen. - Foto: iStock/Toa55 - Universität zürich-UZH

Regenerative Medizin – Das Alzheimer-Puzzle lösen – Universität Zürich – UZH – Theo von Däniken

By GRR 0

Wie kann man beeinflussen, ob man im Alter an Alzheimer erkrankt? Die Forschungsgruppe zur Neurodegeneration am Institut für Regenerative Medizin untersucht systematisch, welche Faktoren dazu führen, dass die Krankheit ausbricht – und welche uns davor schützen.

Viel Bewegung, rege soziale Kontakte, eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung, geistig anregende Hobbies, die Bildung und ein hoher sozioökonomischer Status: All diese Faktoren können dazu beitragen, das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung zu senken. Sie beeinflussen das Gehirn jedoch in unterschiedlicher Weise und haben nicht bei allen Menschen dieselben Auswirkungen.

Wenig Bewegung beispielsweise kann die Ablagerung von schädlichen Proteinen fördern, wie zum Beispiel Beta-Amyloid oder Tau, die ein Merkmal von Alzheimer sind. Ein aktiver Lebensstil hingegen wirkt sich auf die funktionalen Netzwerke im Hirn aus und stärkt den Erhalt der kognitiven Funktionen.

Unterschiede berücksichtigen

Ein zentrales Merkmal für diese unterschiedliche Wirkungsweise ist das Geschlecht, wie Valerie Treyer, Ko-Leiterin des UZH-Zentrums für Prävention und Demenztherapie am Institut für Regenerative Medizin (IREM) betont. Sie und ihr Kollege Anton Gietl haben in mehreren Studien aufgezeigt, dass sich Schutzfaktoren wie Bewegung oder stoffwechsel- oder gefässbedingte Risikofaktoren, bei Männern und Frauen unterschiedlich auswirken.

Wir müssen bei der Auswertung von Daten die unterschiedliche Wirkungsweise bei Frauen und Männern berücksichtigen.

Valerie Treyer
Experimentelle Nuklearmedizinerin

Für die Forschung bedeutet dies, dass Studien zu Alzheimer-Risiken je nach Geschlecht unterschiedlich ausgewertet werden müssen. «Wir müssen bei der Auswertung von Daten verschiedene statistische Modelle anwenden, damit die unterschiedliche Wirkungsweise bei Frauen und Männern berücksichtigt wird», betont Treyer.

Personalisierte Prävention

Eine differenzierte Betrachtung für Frauen und Männer ist für die Forschenden deshalb ein erster Schritt zu einer personalisierten Prävention, die gezielt Alzheimer-Risiken minimiert. Eine solche muss aber auch eine Fülle von weiteren Aspekten berücksichtigen. «Letztlich entscheidet stets eine Kombination von vielen individuellen Faktoren, ob man an Alzheimer erkrankt oder nicht», erklärt Anton Gietl.

Ohne auf die die individuellen Stärken und Bedürfnisse einzugehen, ist eine erfolgreiche Prävention kaum machbar.

Anton Gietl
Alterspsychiater

Der Alterspsychiater und klinische Leiter der Forschungsgruppe ist an einem Präventionsprogramm an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich beteiligt, das individuelle Lebensumstände stark berücksichtigt. Ohne auf die spezifischen Bedürfnisse und Stärken einzugehen, sei eine erfolgreiche Prävention kaum machbar, so Gietl.

Schutzmechanismen verstehen

Auch wenn Personen klare pathologische Anzeichen einer Erkrankung haben, muss das nicht in jedem Fall zu kognitiven Einschränkungen führen. Viele sehr alte Menschen über 80 können auch mit starken Plaque-Ablagerungen im Hirn selbständig leben, Auto fahren und haben insgesamt eine hohe Lebensqualität.

«Offenbar gibt es Mechanismen, die den Einfluss der Plaque-Ablagerungen auf Hirnfunktionen neutralisieren, kompensieren oder abschwächen», erklärt Treyer. «Das verstehen wir unter kognitiver Reserve.»

Wie die Gruppe in einer Untersuchung mit Menschen zwischen 84 und 94 Jahren herausgefunden hat, wirken sich regelmässige gesundheitsfördernde Aktivitäten in jungen Jahren positiv auf die späteren kognitiven Fähigkeiten aus. Dies gilt insbesondere für exekutive Funktionen, etwa das Organisieren oder Planen von Aufgaben, die für einen selbstbestimmten Alltag relevant sind.

«Massnahmen zur Alzheimer-Prävention, die auf eine gesundheitsfördernde Lebensweise zielen, sollten deshalb möglichst früh ansetzen», betont Treyer. Dafür wäre es wichtig, schon sehr früh Personen mit einem hohen Alzheimer-Risiko zu identifizieren, bevor sich eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten zeigt.

Früherkennung im Blut

Dabei könnte das Immunsystem eine wichtige Rolle spielen. Christoph Gericke, der Neuroimmunologe im Team, hat in einer Studie Hinweise darauf gefunden, dass die Zahl bestimmter Immunzellen ansteigt, wenn Amyloid-Ablagerungen im Hirn vorhanden sind. Dies ist auch bereits dann der Fall, wenn noch keine kognitiven Beeinträchtigungen vorliegen.

Das Immunsystem reagiert schon früh auf die entstehenden Pathologien im Hirn.

Christoph Gericke
Neuroimmunologe

In einer weiteren Studie identifizierte die Gruppe zwei Marker im Blut, deren Kombination mit spezifischen kognitiven Tests es erlaubt, Personen mit einem erhöhten Risiko für kognitive Verschlechterungen besser zu identifizieren. «Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse klinische Studien, gerade im Bereich der Prävention, besser planbar und durchführbar machen», so Gietl.

Die vielen verschiedenen Ansätze zeigen: Alzheimerforschung mutet oft wie ein Puzzlespiel an. Es braucht unterschiedliche Expertisen, um zu verstehen, wie sich die einzelnen Teile in ein Gesamtbild fügen. Die Forschungsgruppe vereinigt daher ein breites Spektrum an Fachkompetenzen, von der Bildgebung über Neuroimmunologie und Statistik bis zu klinischer Expertise.

Langzeit-Verlauf beobachten

Nicht nur dieser fachlich breit abgestützte Ansatz zeichnet die Gruppe aus. Eine Stärke ist auch, dass sie in einer Langzeitstudie bereits seit zehn Jahren eine Gruppe von Proband:innen im Alter von 50 bis 89 Jahren beobachtet, die zu Beginn keine oder nur leichte kognitive Probleme zeigten.

Dies ermöglicht, Veränderungen, die zu einer Alzheimer Erkrankung führen können, über einen längeren Zeitverlauf zu beobachten. Zugleich lassen sich bereits in einem frühen Stadium Faktoren identifizieren, die auf ein hohes Risiko für eine spätere Erkrankung hinweisen. Dies ermöglicht, Risikogruppen frühzeitig zu erkennen und den Krankheitsprozess möglichst früh zu beeinflussen.

Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass mit rechtzeitiger Prävention eine grosse Wirkung erzielt werden kann – und das bei niedrigeren Kosten und wenig Risiken. «Wenn die Erkrankung hingegen schon da ist», so Treyer «kann man sie mit den bisherigen Therapien meist nur verzögern, aber nicht mehr umkehren.» Damit die Prävention gelingt, braucht es ein Gesamtbild, das die Erkenntnisse aus vielen Studien berücksichtigt, nicht nur einzelne Puzzleteile.

author: GRR