Von Haile Gebrselassie, von Paul Tergat und von Irina Mikitenko habe ich Gutes über den Berlin-Marathon gehört
Paula Radcliffe im Gespräch – „Laufen verursacht Schmerzen, aber es heilt auch“ – Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Die Britin ist die schnellste Marathonläuferin der Welt. Dreimal hat sie die 42,195 Kilometer lange Strecke in weniger als 2:18 Stunden absolviert – keine andere Läuferin ist je in diese Dimension vorgestoßen. Von den elf Marathons, zu denen sie antrat, gewann sie acht: den der Weltmeisterschaften 2005 in Helsinki, in Chicago sowie je drei Mal in New York und in London. 2003 verbesserte die Engländerin den Weltrekord auf die unglaubliche Zeit von 2:15:25 Stunden. Bei den Olympischen Spielen allerdings scheiterte sie stets. Nun kündigt sie an, im September in Berlin zu laufen: zur Qualifikation für London 2012. Mit dem Olympiasieg will Paula Radcliffe ihre Karriere krönen.
Wollen wir Deutsch sprechen?
Gern. Ich habe Deutsch studiert und 1994/1995 für eine Steakhaus-Kette in Düsseldorf gearbeitet. Jetzt ist mein Französisch besser als mein Deutsch; ich lebe und trainiere viel in Frankreich. Ich spreche mit meinen Kindern Französisch.
Laufen Sie auch mit ihnen?
Raphael ist neun Monate alt. Er beginnt tatsächlich schon zu laufen. Mit Isla, die drei Jahre alt ist, bin ich vergangene Woche in Font Romeu in den Pyrenäen gerannt, achthundert Meter bergauf. Als wir ins Haus kamen, hat sie beide Hände auf die Knie gestützt und den Mund aufgerissen. Ich habe sie gefragt, ob ihr schlecht sei. Da hat sie gesagt: Das machst du doch immer nach einem Lauf!
Ihre Autobiographie heißt „My Story So Far“. Da klingt an, dass ein Kapitel fehlt…
Ich wollte damit sagen, dass ich noch nicht am Ende meiner Karriere angekommen bin; das war 2004. Sie haben recht: Es fehlt noch was. Vielleicht ein Olympiasieg. Ich glaube, dass ich bei all meinen Olympiateilnahmen nicht mein Bestes geben konnte. Eng war es in Sydney, da habe ich gegeben, was ich konnte. Seitdem hatte ich nicht viel Glück. Ich war krank und verletzt. In England will ich endlich mein Bestes geben.
In Atlanta 1996 sind Sie Fünfte geworden über 5000 Meter. Über 10.000 Meter in Sydney 2000 haben Sie 24 der 25 Runden geführt und sind dann von drei Konkurrentinnen überholt worden…
Das war kein schönes Erlebnis. Aber ich hätte nicht anders laufen können. Vielleicht habe ich den Hammer zu spät heraus geholt.
In Athen 2004 mussten Sie aufgeben, weil Sie ein Schmerzmittel nicht vertragen haben, in Peking 2008 haben Sie sich – wegen eines Ermüdungsbruchs nicht ausreichend trainiert – als Vierunddreißigste ins Ziel gequält. Was würde der Olympiasieg 2012 bedeuten?
Er wäre der Traum. Wenn Sie mich das vor zehn Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt, dass er notwendig ist, um meine sportliche Karriere zu vollenden. Aber jetzt, mit zwei Kindern und allem anderen in meinem Leben, weiß ich, dass das nicht so ist. Es wäre sehr schön, Olympiasiegerin zu werden, wunderschön. Vielleicht gelingt es mir bei meinen fünften Spielen.
Weichen Sie mit dieser Haltung dem Druck aus?
Man kann Druck nicht vermeiden, wenn man nach allem, was ich erlebt habe, in einen olympischen Marathon geht. Er findet in England statt und, realistisch betrachtet, ist er meine letzte Chance auf eine Olympia-Medaille.
Haben Sie je an Rücktritt gedacht?
Am dichtesten dran war ich 2009, nach New York…
… Platz vier.
Ich hatte die Operation am Fuß gehabt, hatte alles getan, um fit zu sein und war es dann doch nicht. Ich konnte nicht bei der Weltmeisterschaft in Berlin starten, zog mir zehn Tage vor New York eine andere Verletzung zu und kam dann mit Schmerzen ins Ziel. Ich hatte nicht das erreicht, was ich wollte. Und kürzlich, wegen meines Rückens.
Bei Ihrem ersten Lauf nach 18 Monaten Wettkampfpause, 10 Kilometer in London, haben Sie geweint, weil Sie Dritte wurden. War das nicht nur ein strategischer Start, um die Strecke von 2012 kennenzulernen?
Das war er. Aber ich hatte gut trainiert und war in guter Form. Und dann hatte ich Schmerzen von Start weg, und sie wurden immer schlimmer. Wenn es etwas Gutes hatte, dann die Tatsache, dass die Mediziner mich seitdem ernst nehmen, wenn ich sage, mein Bein hat nicht richtig funktioniert. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Bandscheibe hinkriegen.
Wie überwinden Sie Enttäuschungen?
Die Aussicht auf London spielt eine Rolle. Aber am meisten hilft, rauszugehen und zu laufen. Du denkst an dein nächstes Ziel und konzentrierst dich drauf. Bei mir ist es so: Laufen verursacht Schmerzen, aber es heilt auch die Schmerzen. Laufen ist eine Macht. Ich laufe, wenn ich nachdenken muss, und ich laufe, wenn ich nicht nachdenken will. Natürlich ist es meine Karriere. Aber es ist viel mehr.
Im September wollen Sie in Berlin starten. Wird das Ihr erster Marathon mit Tempomachern seit dem Weltrekord 2003?
Über Tempomacher haben wir noch gar nicht gesprochen. Von Haile Gebrselassie, von Paul Tergat und von Irina Mikitenko habe ich Gutes über den Berlin-Marathon gehört. Er stand schon lange auf meiner Liste. Außerdem will ich nicht bis New York im November warten.
Reicht Ihnen die Qualifikation für London 2012 in 2:30 Stunden?
Ich werde niemals einen Marathon laufen, um nur 2:30 zu schaffe. Ich will mich gut fühlen und das Rennen gewinnen. Vielleicht kann ich keine Zeiten von 2:15 mehr laufen, sondern eher 2:16, 2:17. Aber über die Marschtabelle sprechen wir erst kurz vor dem Rennen.
Sie werden in London, entschuldigen Sie, 38 Jahre alt sein. Ist Alter ein Vorteil beim Marathon oder sagt man das nur?
Vielleicht beides. Man wird ausdauernder, auch wenn man ein bisschen an Tempo verliert. Aber je mehr Kilometer man in seinem Leben gerannt ist, desto fragiler wird der Körper. Ich mache deshalb einen Teil des Trainings auf dem Laufband, um Stöße zu vermeiden. Ich trainiere oft auf weichem Untergrund. Einen Lauf pro Woche ersetze ich durch Cross-Training. Erfahrung ist auch eine Stärke.
Ihr Protest bei der Weltmeisterschaft 2001 in Edmonton gegen den Start der Russin Olga Jegorowa, die offenbar mit Epo gedopt hatte, aber nicht gesperrt wurde, ist unvergessen. Haben Sie den Eindruck, dass sich etwas verändert hat in den zehn Jahren seitdem?
Man kann realistischerweise nicht sagen, dass jeder Athlet hundertprozentig sauber ist. Aber ich habe entschieden das Gefühl, dass die Dynamik sich verändert hat. Die Athleten, die nachrücken, haben eine andere Haltung, und die Tests und der biologische Pass zeigen Wirkung.
Finden Sie nicht auch, dass das Kontrollsystem die Privatsphäre verletzt?
Doper schaden mehr. Man muss einen Kompromiss eingehen. Natürlich ist es schwierig für uns Athleten, immer bereit zu sein. Aber das ist ein kleiner Preis für einen reinen Sport.
Das Gespräch führte Michael Reinsch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, dem 28. Juni 2011
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