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24
02
2026

Idriss Gonschinska aufgenommen am 12.01.2026 in München. Foto: Frank May/Team Deutschland/picture alliance/DBS

Paralympics in Deutschland: „Barrierefreiheit und Teilhabe sind keine nette Geste, sondern ein Menschenrecht“ – Deutscher Behindertensportverband e.V. – DBS

By GRR 0

„Nach Olympia ist vor den Paralympics“: Im Anschluss an die Olympischen Spiele blickt Idriss Gonschinska, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), auf die Paralympics in Italien, die am 6. März in Verona eröffnet werden.

Zudem äußert sich der 57-Jährige zur Bewerbung um Spiele in Deutschland – und zu den nachhaltigen Potenzialen, die insbesondere die Paralympics mitbringen.

Die Olympischen Spiele sind vorbei und haben begeistert mit vielen Emotionen, Erfolgen und spannenden Wettkämpfen vor traumhaftem Alpen-Panorama. Was sind die Hoffnungen vor den Paralympics?
Idriss: Gonschinska: Nach Olympia ist vor den Paralympics. Die Spiele sind noch nicht vorbei, sie machen nur eine Pause und nehmen am 6. März wieder richtig Fahrt auf, wenn die Paralympics eröffnet werden. Wenn wir über die Paralympics sprechen, dann reden wir nicht nur über ein Sportereignis. Wir sprechen über ein globales Momentum, über ein Warum: Wir wollen zeigen, wozu der Mensch fähig ist, wenn wir Grenzen nicht als Hindernisse, sondern als Anfang begreifen. Die Olympischen Spiele haben uns begeistert – und die Paralympics erinnern uns daran, dass Emotionen nicht weniger werden, wenn wir sie teilen, sondern größer. Wir wollen diese Bühne nutzen, um ein besonderes Licht auf den Para Sport zu werfen – klar, kraftvoll, selbstverständlich. Die Vorfreude und Motivation im ganzen Team sind entsprechend riesig.

Mit welchen Zielen reist das Team Deutschland Paralympics nach Italien?
Zwei Meilensteine haben wir bereits erreicht: Wir werden in so vielen Sportarten vertreten sein wie nie zuvor und schicken die größte Mannschaft seit 28 Jahren nach Italien. Unser Ziel ist nicht nur Erfolg – unser Ziel ist Bedeutung. Wir reisen mit erfahrenen Charakteren und mutigen Newcomer*innen zu den Paralympics. Sie alle verbindet ein gemeinsames Warum: Sie zeigen, was möglich ist, wenn man sich entscheidet, nicht bei der eigenen Begrenzung stehenzubleiben. Natürlich wollen wir sportlich in der absoluten Weltspitze dabei sein und die vielen sehr guten Ergebnisse der Weltcupsaison wiederholen. Ebenso wichtig ist: Wir wollen Menschen berühren. Wir wollen Barrieren in Köpfen verschieben. Und wir wollen dem Para Sport in Deutschland einen sichtbaren, nachhaltigen Schub geben und für Inklusion werben.

Was macht die Paralympics aus?
Die Paralympics sind mehr als Spiele – sie sind ein Spiegel dafür, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen wollen. Sie vereinen sportliche Exzellenz, beeindruckende Persönlichkeiten und eine Atmosphäre, die Menschen weltweit inspiriert.

Welchen Mehrwert hätten Paralympische Spiele in Deutschland?
Die Paralympischen Spiele stehen für Inklusion, Inspiration, Vielfalt und Respekt. Sie verbinden uns, weil sie das Wesentliche sichtbar machen: den Willen, über uns hinauszuwachsen. Die Spiele in Paris 2024 haben gezeigt, dass der Para Sport die Kraft hat, ganze Gesellschaften und ihre Einstellungen zu verändern sowie Barrieren zu überwinden – räumlich wie mental.

2009 hat Deutschland die Behindertenrechtkonvention der Vereinten Nationen unterschrieben. Was könnten Paralympics mit Blick auf die Umsetzung der vereinbarten Ziele leisten?
Ein Land, das Paralympische Spiele ausrichtet, entscheidet sich für mehr als ein Großereignis. Es entscheidet sich für eine Haltung: Inklusion ist kein Zusatz. Sie ist ein Wert. Ein Anspruch. Eine Zukunftsfrage. In Deutschland könnten wir diese Energie nutzen, um Inklusion nicht nur zu fordern, sondern zu leben. Nicht nur während der Spiele, sondern bereits auf dem Weg dorthin. Es ist die Chance, zu zeigen: Barrierefreiheit und Teilhabe sind keine nette Geste – sie sind ein Menschenrecht.

Welchen Nutzen hätten Paralympics in Deutschland für die Infrastruktur?
Investitionen in barrierearme Mobilität, moderne Sportstätten und Assistenztechnologien sowie eine zugängliche öffentliche Infrastruktur bleiben als dauerhaftes Vermächtnis bestehen. Von einem Rückgang der Barrieren im öffentlichen Raum profitieren Menschen mit Behinderung ebenso wie Senior*innen und Familien mit Kindern. Jede Rampe, jeder barrierefreie Bahnhof, jede zugängliche Sportstätte erzählt die gleiche Geschichte: Wir bauen eine Gesellschaft, an der jede und jeder teilhaben kann. Kurzum: Was für die Spiele gebaut wird, verbessert das Leben vieler Menschen weit über das Event hinaus.

Was kann Deutschland von paralympischen Athlet*innen lernen?
Paralympische Athlet*innen lehren uns etwas Fundamentales: Mut entsteht nicht im Erfolg, sondern im Aufstehen davor. Sie sind Vorbilder für Haltung, für Zusammenhalt, für Perspektivenwechsel. Sie inspirieren Menschen zu mehr Bewegung – körperlich wie mental. Und sie geben unserer Gesellschaft etwas sehr Wertvolles zurück: den Glauben, dass Vielfalt eine Stärke ist.

Was bringen Paralympische Spiele dem Sport von Menschen mit Behinderung insgesamt?
Die Spiele sind ein Startpunkt. Sie schaffen Aufmerksamkeit, sie schaffen Infrastruktur, sie schaffen Wege für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung, die heute noch zu selten Zugang zum Sport haben. Sie erzeugen Impulse für den Breitensport, für ehrenamtliches Engagement sowie für innovative Reha- und Bewegungsangebote. Ziel muss es sein, dem Bewegungsmangel entgegenzuwirken, der bei Menschen mit Behinderung überproportional ausgeprägt ist – mit allen positiven Folgen für Gesundheit und Mobilität. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es insbesondere flächendeckende und wohnortnahe Sportangebote und damit mehr Vereine, die sich für Menschen mit Behinderung öffnen. Notwendige Voraussetzungen sind darüber hinaus barrierefreie Sportstätten, verpflichtend bei Neubauten und Sanierungen, sowie eine gerechte und unbürokratische Versorgung mit Sporthilfsmitteln.

Erzeugen Olympische und Paralympische Spiele nachhaltige Wirkung oder bleibt es beschränkt auf den Zeitraum der Spiele?
Ich bin überzeugt: Diese Spiele verändern etwas – tief, nachhaltig, über Generationen hinaus. Das haben nicht zuletzt die Spiele in Paris gezeigt: Sport gewann schon Jahre vor der Austragung sowohl in der Schule als auch im Alltag deutlich an Bedeutung. Frankreich feierte Rekorderfolge – und zugleich erfolgte eine neue Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung. Laut einer Studie des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) gaben über 70 Prozent der Befragten an, die Spiele hätten ihre Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung positiv verändert.

Für uns steht fest: Mit der Bewerbung für Olympischen und Paralympischen Spiele können wir den Sport von Menschen mit Behinderung auch in Deutschland dahin holen, wo er hingehört: in die Mitte der Gesellschaft.

Deutscher Behindertensportverband e.V.
National Paralympic Committee Germany
Im Hause der Gold-Kraemer-Stiftung
Tulpenweg 2-4
50226 Frechen

author: GRR