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03
2026

World Athletics Indoor Championships Torun 2026 - Logo

DLV ohne Medaille: Ernüchterung nach der Hallen-WM 2026 – und viele offene Fragen – Von Dr. Wolfgang Blödorn*

By GRR 0

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Torun (Polen) ein enttäuschendes Ergebnis erzielt: keine Medaille, Platz 26 in der Nationenwertung.

Im Vergleich zu den Vorjahren kommt das einem deutlichen Rückschritt gleich. Trotz einer nahezu verdoppelten Teamgröße konnte das Resultat der Hallen-WM 2025 in Nanjing (China) bei weitem nicht bestätigt werden. Auch das starke Abschneiden bei der WM 2025 in Tokio blieb außer Reichweite.

Dabei hatte der DLV nahezu alle aktuell besten deutschen Athletinnen und Athleten mit erfüllter WM-Norm nach Torun entsandt. Umso größer ist die Sorge, dass die deutsche Leichtathletik international weiter an Bedeutung verliert.

Unter den 674 Teilnehmenden aus 118 Nationen gingen 14 deutsche Starterinnen und Starter ins Rennen – deutlich mehr als in den Jahren zuvor. Entsprechend optimistisch fiel im Vorfeld die Kommunikation aus: „Deutsches Team bereit für die Hallen-WM“, hieß es auf der DLV-Webseite. Alle Athletinnen und Athleten hätten bereits eine erfolgreiche Hallensaison absolviert und wollten in Torun „nochmals eine Schippe draufpacken“. Diese Erwartung formulierte auch der Vorstand Leistungssport, Dr. Jörg Bügner, klar.

Die Realität sah jedoch anders aus. Nur zwei Athletinnen konnten den Erwartungen gerecht werden: Marlene Meier und Sandrina Sprengel präsentierten sich in Topform und bestätigten ihre Leistungsfähigkeit. Die übrigen zwölf DLV-Starterinnen und -Starter blieben hingegen hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Im internationalen Vergleich zeigte sich ein anderes Bild: Viele Athletinnen und Athleten anderer Nationen steigerten sich im entscheidenden Moment, erzielten persönliche und Saisonbestleistungen, nationale Rekorde. Der Schweizer Simon Ehammer stellte sogar im Siebenkampf der Männer einen neuen Weltrekord auf.

Dies wirft eine zentrale Frage auf: Warum gelingt es deutschen Athletinnen und Athleten wiederholt nicht, bei Saisonhöhepunkten ihre Bestleistung abzurufen? Methoden der Leistungssteuerung sind längst bekannt und international etabliert.

Auch als Standortbestimmung mit Blick auf die Europameisterschaften in Birmingham im August taugt das Abschneiden kaum. In der Nationenwertung liegen 15 europäische Länder vor Deutschland, in der Medaillenbilanz sind es sogar 17. Die Ergebnisse von Torun lassen daher wenig Optimismus für die Sommersaison aufkommen. Das Zwischenhoch der WM 2025 in Tokio scheint bereits wieder verflogen.

Ein Blick auf die Leistungsdaten in Tabelle 1 und 2 offenbart zudem strukturelle Probleme: Die Platzierungen der deutschen Athletinnen und Athleten in Torun entsprechen weitgehend ihren Positionen in den Entry-Listen. Das deutet darauf hin, dass die internationale Konkurrenzfähigkeit bereits im Vorfeld begrenzt war. Die Weltbestenlisten erweisen sich somit als verlässlicher Indikator für das Abschneiden bei globalen Titelkämpfen.

Vor diesem Hintergrund geraten auch die Kaderkriterien des DLV in den Fokus. Insbesondere die Normen für Perspektivkader der Jahre 2027 und 2028 werfen Fragen auf. In vielen Disziplinen – vor allem im Sprint und in den Laufwettbewerben – liegen die geforderten Leistungen unterhalb dessen, was international für eine Platzierung jenseits der Top 30 erforderlich ist. Gleichzeitig entwickelt sich das Leistungsniveau weltweit deutlich dynamischer als im nationalen Vergleich.

Die Konsequenz: Es erscheint fraglich, ob diese Normen den Anforderungen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gerecht werden – und ob sie geeignet sind, Athletinnen und Athleten an die Weltspitze heranzuführen.

Die DLV-Führung steht damit unter Zugzwang. Bereits nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der WM 2022 in Eugene hatte der damalige Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska angekündigt, „jeden Stein umdrehen“ zu wollen. Doch grundlegende strukturelle Veränderungen scheinen bislang ausgeblieben zu sein.

Die entscheidende Frage bleibt: Fehlt es an Mut für Reformen? Oder hat der Verband seine ambitionierten Ziele – etwa eine Platzierung unter den Top fünf Nationen bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles – bereits stillschweigend aufgegeben?

Die Hallen-WM von Torun liefert jedenfalls wenig Anlass zur Zuversicht. Vielmehr verstärkt sie die drängende Frage:

Wohin steuert die deutsche Leichtathletik?

*Dr. Wolfgang Blödorn ist promovierter Sportwissenschaftler und ehemaliger Bundes- und Landestrainer –Kontakt ist unter  wbloed@gmail.com möglich

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