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Der Kulmbacher Ruhrläufer – Rennsteiglauf 1989 – eine Nachlese eines „West-Rennsteigläufers“ – Dr. Hans-Georg Kremer
Der Autor war damals 38 Jahre alt und wohnte in Jena. Er erzählt die
Geschichte mit seinem Cousin aus Kulmbach, der damals 45 Jahre alt
war.
Eine Geschichte von zwei Deutschen, einem Bürger der
Bundesrepublik Deutschland und einem Bürger der Deutschen
Demokratischen Republik – verbunden durch Verwandtschaft. Getrennt
durch die Mauer ( die innerdeutsche Grenze ) und den
antifaschistischen Schutzwall, wie es auf der jeweiligen Seite hieß. Aber
auch verbunden durch eine sportliche Leidenschaft: den Ausdauerlauf.
Wandel durch Annäherung war das Konzept von Willy
Brandt, welches eine Entspannung im innerdeutschen
Verhältnis brachte. Aber wir beide als Cousins mussten uns
nicht annähern. Wir wollten Kontakt trotz aller politischen
und administrativen Schwierigkeiten.
Frühling 1989 und der GutsMuths-Rennsteiglauf
Es war im Jahr 1989. Es war Frühling. Wie in den Jahren davor fand auch
diesmal der Rennsteiglauf im Mai statt. Das was DAS Ereignis für alle Läufer
aus Thüringen, auch aus der DDR. Bis zum Fall der Mauer 1989 durften keine
Ausländer am Lauf teilnehmen, selbst „befreundete“ Sportler aus den
sozialistischen Nachbarländern Polen, ČSSR oder der UdSSR waren nicht
zugelassen.
Den Rennsteiglauf gibt es seit 1973 , seit 1975 als Wettkampf. Anfangs ohne
Unterstützung durch den DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) und
ehrenamtlich organisiert, hatte der Lauf bald Kultstatus. Das Laufen als
Volkssportbewegung hatte auch die DDR erfasst. Das Wort Joggen wurde
damals in der DDR nicht benutzt. Man sagte: Laufen.
Ich war damals 38 Jahre alt, wohnte in Jena und war seit einigen Jahren ein
aktiver Läufer im Universitäts-Sportverein. Ich hatte auch schon 2 mal am
Rennsteiglauf teilgenommen. Nicht die lange
Strecke von Eisenach nach Schmiedefeld über 70
km, auch nicht die kurze Strecke. Sondern die
Strecke von Neuhaus am Rennweg nach
Schmiedefeld, circa 45 km. Ein Marathon durch
das Thüringer Mittelgebirge auf Waldwegen.
Aber die Entstehungsgeschichte des
Rennsteiglaufes, seit 1973 GutsMuths-Rennsteiglauf ist besonders.
In „Die Zeit“ schreibt Thomas Purschke am 2.10.2021:
„Manfred Ewald war kein Freund des Rennsteiglaufs. Der mächtigste Mann
des DDR-Sports hatte an dem Breitensportereignis kein Interesse. In der
DDR sollte alle sportliche Konzentration darauf liegen, olympische
Medaillen zu gewinnen. Da passte ein etwas verrückt anmutender und von
Amateuren ins Leben gerufener Orientierungslauf durch den Thüringer Wald
so gar nicht ins Konzept. Die Nischenveranstaltung wirkte irgendwann gar
wie ein Affront zur offiziellen DDR-Maxime. ..„
Besondere Situation im Jahr 1989
Am 7. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt. Unabhängige
Bürger überwachten erstmals die Stimmenauszählung und konnten
nachweisen, dass Wahlergebnisse manipuliert worden waren. In der Folge
führte das zum Glaubwürdigkeitsverlust der SED und letztlich in Folge zum
Ende der DDR. Das kam im Herbst 1989 und im Jahr 1990. Aber es war
Frühjahr 1989, und noch war Vieles, was später selbstverständlich wurde, nicht
möglich.
Dr. H-G. Kremer, einer der Gründer und Organisatoren des
Rennsteiglaufes schreibt u.a.:
„ … Der Meldechef des Rennsteiglaufes Andreas Kilian, der 1987
und 1988 illegal einzelne Starts von Bundesdeutschen Lauffreunden
arrangierte, wurde sogar fast eine Woche lang von einer ganzen
Gruppe von Stasimitarbeitern beschattet. Ein West-Läufer, der auf
diesem Weg teilgenommen hatte, wurde kurz vor seiner Heimreise
von Stasimitarbeitern zu einem Gespräch gebeten und zur Arbeit für
das MFS aufgefordert…“
In dieser Zeit entstand bei mir die Idee, meinem Laufsport-begeisterten Cousin
aus Kulmbach die Teilnahme am Rennsteiglauf irgendwie zu ermöglichen:
individuell und privat. Und das ging so:
Einladung zum Rennsteiglauf
Ich hatte zu meinem Cousin Gert in Kulmbach (ein
Triathlon Begeisterter) guten Kontakt. Ich war
1987 und 1988 zu einem Besuch meines 80
jährigen und kranken Onkels in Coburg. In dieser
Zeit konnten unter ganz bestimmten Bedingungen
Bürger der DDR zu Verwandtenbesuchen in die Bundesrepublik reisen.
Zwei Cousins, getrennt durch eineGrenze, verbunden durch
Verwandtschaft und Laufsport
Ich kann mich gut an einen Lauf auf die Plassenburg mit Kulmbacher Läufern
erinnern. Im Jahr 1972 gab es Erleichterungen durch den Grundlagen- und
Verkehrsvertrag für Bundesbürger zur Einreise in
die DDR. Nach den Milliardenkrediten der BRD
für die DDR im Jahr 1983/84 wurde auch die
DDR „großzügiger“ bei Anträgen zu
Verwandtenbesuchen in den „Westen“, was zu
einem Anstieg der Reisenden führte. Die
Genehmigung wurde willkürlich erteilt oder nicht
erteilt. Warum bekam ich die Genehmigung,
meinen Onkel zu besuchen? Einige Jahre nach der
Wiedervereinigung stellte ich den Antrag zur
Einsicht in meine Stasiunterlagen – zunächst
wusste ich ja gar nicht, ob es welche gab. Ich
hatte zwar (das wusste ich damals natürlich nicht)
eine Akte seit 1977, aber das waren nur Kopien
der Briefe von meinen Onkeln und Tanten aus
Hamburg, Coburg und Gaggenau, erfasst in der
Abteilung M-Postkontrolle Bezirksverwaltung
Gera. Und es gab noch Kopien meiner
Unterschrift und Kopien der Auszüge meines
Sparkassenkontos. Einen operativen Vorgang gab es nicht.
Für die „West“ Läufer, die zum Marathon nach
New York oder Wien konnten, war der Rennsteiglauf besonders wegen der
politischen Bedingungen ein exotisches Abenteuer, und man erzählte sich 1988
von einigen Läufern, die im „Osten“ gestartet waren.
Allerdings war das ein nicht ganz billiges Unternehmen, weil man die
Startberechtigung nur durch die Buchung eines Komplettpaketes bei einem
westdeutschen Reisebüro mit Übernachtung in einem Hotel bekam. Zumindest
wurde das damals so erzählt. Das kam für meinen Cousin nicht in Frage. Es
war unverschämt teuer und Läufer übernachteten damals bevorzugt bei anderen
Läufern.
Kopie aus meiner Stasiakte
Eine Zeichnung aus der Grundschule.
Hat mir das geholfen? (Der Text war vorgegeben)
Mein Cousin Gert und Lauffreund
Volker in Kulmbach auf der
Plassenburg. Der Autor fotografiert.
Also blieb nur der Start mit anderer Identität. Hauptschwierigkeit war die
Beschaffung einer Startnummer (Startgenehmigung).
Nun hatte ich ihm angeboten, eine Startnummer zu „organisieren“, denn ich
war Mitglied der Laufgruppe im Jenaer Universitätssportverein. Wie die
Beschaffung einer Startberechtigung im Einzelnen erfolgte, weiß ich heute
nicht mehr. Wahrscheinlich ging es über jemand, der aus gesundheitlichen
Gründen nicht starten konnte. Telefon hatte ich damals nicht, alle Absprachen
gingen über die Post. Ich selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht
starten; vielleicht startete mein Cousin auch mit meiner Anmeldung.
Rennsteiglauf ODER Meldestelle ?
Am Samstag, 20.5.1989, fand der XVII.
Rennsteiglauf statt. Mein Cousin startete über
45 km. (Diese Strecke hatte später die Länge von 42 km).
Er reiste am Freitag nach Jena an, um am Samstag
früh mit dem Bus der Jenaer Läufer nach Neuhaus
am Rennweg mitzufahren. Es war schönes Wetter,
und in einem Eiskaffee in Jena vertrödelte er die Zeit. Er war jung und es
interessierte ihn, was es im Eiskaffee gibt, wie es schmeckt und welche Leute
da sind. Interesse am Osten, am Leben, an der DDR.
Aber er blieb zu lange, um noch rechtzeitig zur
Meldebehörde in Jena zu kommen. Das war sehr
wichtig, und das wurde auch immer wieder bei
allen Reisegenehmigungen betont. Da er am
Samstag zum Rennsteiglauf wollte und am Sonntag
die Meldestellen geschlossen waren, hätte er
unbedingt die An- und Abmeldung am Freitag
machen müssen. Ja, das war nun nicht mehr
möglich. Was tun?
Die Ursache für das Entstehen der Meldestellenkrankheit
Variante 1: Am Samstag nicht am Lauf teilnehmen und dafür die
Einreisemeldung an der Meldestelle erledigen. Kein Stress mit der DDR, aber
auch kein Rennsteiglauf.
Variante 2: Am Rennsteiglauf teilnehmen, aber dann am Sonntag bei der
Rückreise an der Grenze einen Stress unbekannten Ausmaßes und unbekannter
Dauer in Kauf zu nehmen. Ausreise ohne eine behördlich bestätigte Einreise?
Beides kam nicht in Frage. Deshalb dann
Variante 3: Am Rennsteiglauf teilnehmen. Ich gehe am Samstag mit dem
Reisepass von meinem Cousin anstelle meines Cousins und mit einer triftigen
„Ausrede“ zur Meldestelle, damit dort der notwendige Stempel eingestempelt
wird und vor allem, damit auch der notwendige „Zwangsumtausch“ von 25
Deutsche Mark in 25 Mark der Deutschen Notenbank erfolgen konnte. Nur
damit war eine problemlose Wiederausreise möglich.
Also war klar: Variante 3. Nur: was ist ein triftiger Grund dafür, dass der
Bürger aus der Bundesrepublik Deutschland nicht selbst auf der Meldestelle
erscheint? Es gibt keinen akzeptierten Grund für das Nichterscheinen. Es ist ein
MUSS zu erscheinen.
Aber könnten in besonderen Ausnahmefällen irgendwelche Schwierigkeiten
anerkannt werden? Herzinfarkt, Schlaganfall, Übelkeit, Fieber? Es musste
etwas sein, wovor man auf der Meldestelle Angst hatte. Etwas Ansteckendes.
Cholera, Typhus, Ruhr? Wir überlegten lange.
Dann entschieden wir uns für Ruhr.
Rennsteiglauf UND Meldestelle!
Am Samstag brachte ich meinen Cousin zum Bus,
der von Jena zum Rennsteiglauf nach Neuhaus am
Rennweg fuhr. Dann ging ich nach Hause, um
noch einmal kräftig zu frühstücken und alles noch
einmal mit meiner Frau durchzusprechen. Dann
ging ich mit komischen Gefühlen und dem
Reisepass meines Cousins zur Meldestelle.
Samstag Vormittag. Das Geld (Westgeld) für den
Umtausch hatte ich natürlich auch mit.
Wahrscheinlich sitzen auf solchen Behörden nicht
immer die freundlichsten und
entgegenkommendsten und verständnisvollsten Menschen. So auch in der
Meldestelle in Jena. Immer wieder gab man mir zu verstehen, dass der Bürger
aus der BRD selbst kommen muss. Punkt! Was gibt es da zu diskutieren?
Mehrfach musste ich wiederholen, dass dies überhaupt nicht geht, weil dieser
Bürger eindeutige Symptome einer Ruhrerkrankung aufweise. Und dass meine
Frau schon deswegen mit der Universitätsklinik telefoniert habe.
Dort habe man gesagt, dass sich die Person mit diesen Symptomen auf gar
keinen Fall im öffentlichen Raum bewegen solle, natürlich auch nicht zur
Meldestelle gehen solle. Sondern so schnell als möglich wieder ausreisen solle.
Ich beteuerte, dass mein Erscheinen mit dem Reisepass des Bundesbürgers
anstelle seines eigenen Erscheinens nur dazu dient, eine Ruhrausbreitung in der
Jenaer Meldestelle, ja in ganz Jena zu vermeiden. Und das müsste doch auch
im Interesse der Mitarbeiter der Meldestelle sein.
Irgendwie erlahmte mit der Zeit der Widerstand in der Meldestelle. Einen
Ausbruch der Ruhr in Jena wollten sie auch nicht verursachen. Nun, da ich den
Reisepass und auch Westgeld mitgebracht hatte, konnte man den Stempel für
die „ordnungsgemäße“ Meldung eintragen, die Deutsche Mark in Mark der
Deutschen Notenbank umtauschen und ich war erleichtert.
Meine Frau hatte sich in der Zwischenzeit nicht zu Hause aufgehalten; falls
man dies doch kontrollieren wollte. Ja, Angst vor Kontrolle hatten wir schon
gehabt. Mehr als vor der Ruhr …
Im Ziel und auch wieder gesund
Am Abend kam mein Kulmbacher Cousin
glücklich vom Rennsteiglauf zurück, und wir sind
dann noch feiern gegangen. Denn eine glücklich
überstandene Ruhr ist ja schon ein toller Grund.
Vor allem, wenn man gleichzeitig 45 km gelaufen war!
Und noch eine Erkenntnis: Auch eine von Laien
diagnostizierte Ruhr konnte im innerdeutschen
Verhältnis helfen!
War das damals gefährlich?
Heute, 35 Jahre danach, findet man diese Geschichte zum Schmunzeln. Eine
kleine Schwejkiade? Kennen heute noch die Leute die Geschichte vom braven
Soldaten Schwejk? Oder sogar das Verb „sich durchschwejken“?
Ich denke darüber nach, wie damals gedacht
wurde. Natürlich wollte ich nicht angeklagt werden
wegen Betruges der Organe der Deutschen
Demokratischen Republik, vielleicht noch
zusätzlich angeklagt der staatsfeindlichen
Zusammenarbeit mit den Bonner Ultras, den
kriegstreibenden Imperialisten und der Spionage
für den Feind. Nach Verurteilung und einer
längeren Haftstrafe hätte ich dann mein restliches Leben als schlecht bezahlter
Helfer auf einem städtischen Friedhof durchbringen müssen.
Nur noch lumpige 5km bis zum Ziel
Josef Ladas Schwejk (aus Wikipedia)
Wer klug war, hatte damals die Strategie, dass man bei Schwierigkeiten
bereuen muss. Dass man sich eventuell etwas doof stellen muss, aber immer
klar erklären muss, dass man trotz einer Verfehlung einen festen
Klassenstandpunkt hat und fest hinter der DDR steht.
Irgendwie so wie bei einer Beichte, wo man bereut und gleichzeitig voller
Glaube auf Vergebung hofft.
So betrachtet, war die ganze Sache nicht sehr gefährlich, aber natürlich konnte
man den Ausgang nicht 100%ig vorhersehen. Also keinesfalls etwas für
Oberbedenkenträger.
Ich musste mich zum Glück nicht doof stellen und auch nichts bereuen.
Geholfen hat die kluge Auswahl einer ansteckenden Krankheit und die
„verständnisvolle“ Jenaer Meldestelle.
Manchmal sind Krankheiten auch für etwas gut .
Der Kulmbacher Ruhrläufer
Dr. Hans-Georg Kremer
🔗 https://drive.google.com/file/d/1NAPt9IFBO14s2mbeDJofHk5h85eGAvtH/view?usp=drive_link
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