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20
09
2009

Hellwach in Berlin: Haile Gebrselassie hofft auf einen neuen Rekord

Berlin-Marathon – Das Tor zum Glück – Michael Reinsch, Berlin, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

By GRR 0

20. September 2009 Durch die Mauer zu rennen war in Berlin schon ein Thema, lange bevor Usain Bolt im Olympiastadion seine beiden Sprint-Weltrekorde verbesserte und dafür ein tonnenschweres Stück Berliner Mauer nach Jamaika geschickt bekam. Zwanzig Jahre ist es her, dass der Berlin-Marathon die Demarkationslinie zwischen Mitte und Charlottenburg überwand, die Mauer zwischen Ost- und West-Berlin, den Eisernen Vorhang, der fast drei Jahrzehnte lang Europa in zwei Welten geteilt hatte.

Kaum hatte sich die Mauer am 9. Oktober 1989 geöffnet, begann der Berliner Lauf-Enthusiast Horst Milde damit, die Strecke seines Stadtlaufs durchs Brandenburger Tor zu planen. Schlagartig war die Kapazität der Veranstaltung ausgeschöpft, da sich neuntausend Läufer mehr als im Vorjahr anmeldeten. Bei 25.000 war damals Schluss, als jeder durchs Tor laufen zu wollen schien.

Teilnehmerzahlen wie heute, da 40.000 auf die Strecke gehen, waren noch unvorstellbar. Die Verwaltung der Stadt, die erst wieder zusammenwachsen sollte, war damals vom Tempo überfordert, das die Läufer anschlugen.
 
Die Veranstalter ließen 1990 das Tor ausgepackt
 
Drei Tage vor dem Tag der Einheit, am 30. September 1990, rannten sie von der Straße des 17. Juni ostwärts durchs Tor in die Mitte der Stadt – heute laufen sie in umgekehrter Richtung ins Ziel. Zum Entsetzen von Milde, der um den Symbolwert der Bilder wusste, hatte die Verwaltung das damals von Autoverkehr umtoste Brandenburger Tor für Renovierungsarbeiten eingerüstet. Eilig und auf eigene Kosten ließen die Veranstalter – für den Marathon-Sonntag und auch für den folgenden ersten Tag der Deutschen Einheit – das Tor ausgepackt.

In 2:08,16 Stunden siegte damals der Australier Steve Moneghetti – das war eine Weltklassezeit, da der Äthiopier Belayneh Dinsamo die phantastisch erscheinende Weltbestzeit von 2:06,50 Stunden hielt. Doch mit der Mauer schienen in Berlin alle Beschränkungen gefallen zu sein. 1995 durchbrach der Kenianer Sammy Lelei die Barriere von 2:08 Stunden, und beim Berlin-Marathon 1998 unterbot Ronaldo da Costa aus Brasilien Dinsamos Zeit um 45 Sekunden. Dann war es an den Frauen, die flache, glatte Berliner Strecke für Rekorde zu nutzen.

Tegla Loroupe aus Kenia war die erste, als sie im Jahr darauf ihren Weltrekord auf 2:20,43 Stunden verbesserte. Die Japanerin Naoko Takahashi durchbrach als erste Frau, 2001 in Berlin, in 2:19,46 die Marke von 2:20 Stunden.

„Weil ich weiß, dass ich noch schneller laufen kann“
 
Von den sieben schnellsten Marathonläufen der Welt fanden vier in Berlin statt: Der Kenianer Paul Tergat lief 2003 im Duell mit seinem Tempomacher Sammy Korir in 2:04,55 Weltrekord, Korir kam auf 2:04,56. Haile Gebrselassie will an diesem Sonntag seinen Rekorden von 2:04,26 (2007) und 2:03,59 vom vergangenen Jahr einen weiteren folgen lassen. Auf seine Einschätzung, er traue sich zu, eine weitere Minute schneller zu laufen, verlassen sich die Veranstalter nicht.

Race Director Mark Milde, der Sohn des Gründers, hat Duncan Kibet Kirong verpflichtet, der, seit er im April dieses Jahres seinen kenianischen Landsmann James Kipsang Kwambai beim Rotterdam-Marathon überspurtete, mit 2:04,27 Stunden zweitschnellster Marathonläufer der Welt ist.

„Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich weiß, dass ich auf dieser Strecke noch schneller laufen kann“, tönt der 31 Jahre alte Kenianer vor seinem erst vierten Marathon. Dazu kommt sein Landsmann Sammy Korir, der dritte von nur fünf Marathonläufern, die je 2:05 Stunden unterboten haben.

Das Ende eines langen, schnellen Laufs

Gebrselassie nimmt's gelassen. „Seit ich angefangen habe, Marathon zu laufen, habe ich gelernt, dass diese nicht wie andere Strecken ist. Die Distanz von 42 Kilometern ist die größte Herausforderung“, sagte er am Freitag in Berlin. „Wer nur an die Konkurrenten denkt, verpasst das Wichtigste.“ Die Mauer hat Gebrselassie, der sich wenigstens ein bisschen auch als Berliner fühlt und den Berlin-Marathon „fast als meinen eigenen“ empfindet, nicht mehr erlebt.
 
Und 2008 lief er Weltrekord: 2:03:59 Stunden

Mit achtzehn kam er, zwei Jahre nach ihrem Fall, zum ersten Mal in die deutsche Hauptstadt. Er nahm damals an einem Staffellauf teil und ließ sich die Reste der Mauer und Sperranlagen zeigen. Achtzehn Jahre und 26 Weltrekorde später sagt er immer noch: „Das Brandenburger Tor ist etwas ganz Besonderes.“ Heute signalisiert es das Ende eines langen, schnellen Laufs.

„Rekorde gehören zum Sport“

Von Bolt schwärmt er geradezu: „Er ist ein Wunder. Und es waren nicht nur seine Rennen, die die vielen Leute ins Stadion gebracht haben. Er hat dem Sport ein neues Publikum verschafft.“ Nach einer kleinen Pause fügt der kleine Kaiser Haile mit einem breiten Grinsen an: „Vielleicht habe ich ja auch einige Leute zum Marathon gebracht.“

Michael Reinsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Sonntag, 20. September 2009

author: GRR

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