Len Hurst gewinnt 1896 den Paris Marathon - Le petit Journal front page
Paris-Marathon: Der älteste Stadtmarathon – und noch weitere Superlative. Am 19. Juli 1896 fand der erste Marathonlauf in Paris statt. Prof. Hans Giessen
Einer der prestigeträchtigsten Marathonläufe ist der Paris-Marathon.
Im kommenden April findet er zum 50. Mal statt. Aber das ist nur der zweite Teil der Geschichte, den tatsächlich ist er noch viel älter, der älteste Stadtmarathon überhaupt. Am 19. Juli 1896 fand der erste Marathonlauf in Paris statt.
Das Datum und das Ereignis sind durchaus bemerkenswert. Die Idee des Marathonlaufs ist überhaupt erst zwei Jahre zuvor entstanden, als der Philologe Michel Bréal, Professor am Collège de France, gerade in der Schweiz urlaubte. Er schlug seinem engen Freund Pierre de Coubertin in einem Brief, datiert auf den 15. September 1894, vor, im Rahmen der ersten Olympischen Spiele, die Coubertin gerade organisierte, einen Lauf von Marathon nach Athen durchzuführen.
Natürlich griff Bréal Gedanken auf, die bereits „in der Luft lagen“. Individualsport war ein neues Phänomen, ermöglicht durch eine immer individualistischere und wohlhabendere Gesellschaft. Dabei gab es auch schon Langstreckenläufe, gar Fünfzig-Kilometer-Rennen und erste Läufe, die zwei Orte miteinander verbanden – etwa einen Lauf von Mailand über Südfrankreich nach Barcelona. Bréal griff das Konzept auf, erweiterte es aber durch eine Geschichte, einen Mythos. Und verknüpfte die Idee mit Coubertins Olympischem Projekt. Damit wären die Olympischen Spiele noch stärker mit der griechischen Geschichte verbunden, der Lauf böte „einen Anknüpfpunkt an die Antike“, schrieb er.
Dabei gab es historisch keine Marathonlauf als Sportart.
Es gab eine Schlacht in der Ebene von Marathon – und einen Läufer, der den daheimgebliebenen Athenern mitteilte, dass diese Schlacht gewonnen war. Daraus die Idee für ein Rennen zu entwickeln, das blieb Michel Bréal vorbehalten. Coubertin griff die Idee begeistert auf.
Damit ist der Marathonlauf die einzige Sportart, die exklusiv für die Olympischen Spiele erfunden und entwickelt wurde. Alles andere, selbst Diskuswerfen, gab es schon, unabhängig von Coubertins Olympia-Plänen.
Das erste Olympische Marathon-Rennen fand am 10. April 1896 statt. Bemerkenswert ist also zunächst, dass der erste Paris-Marathon und damit das erste eigenständige (Stand Alone) Marathon-Rennen nur rund ein Vierteljahr nach dem Olympischen Marathonlauf stattfand.
Noch war unklar, ob daraus etwas eigenes entstehen würde. Offenbar war die erste eigenständige Marathonlauf noch eng mit den Organisatoren der Olympischen Spiele verbunden, und es gibt kaum einen Bericht aus der Zeit, der nicht auf Michel Bréal verwiesen hätte, den Pariser Professor, der die Idee entwickelt hatte.
Es hätte also auch eine Sonderveranstaltung bleiben können, ähnlich wie die Olympischen Zwischenspiele 1906 in Athen zum zehnjährigen Olympia-Jubiläum, denen Coubertin stets die offizielle Anerkennung gesagt hatte – die aber ebenfalls nur deshalb ausgerichtet wurden, weil er seine große Idee gehabt hatte.
So hätte es auch beim Marathonlauf sein können. Noch gab es keine Institution, die Regeln und Regelmäßigkeit hätte garantieren können. Die Idee war noch nicht verfestigt; man wusste nicht, wie sie sich entwickeln würde.
Zumindest gab es erste Indikatoren dafür, dass die Idee des Marathonlaufs ein Eigenleben führen könnte. Man erachtete es beispielsweise als wichtig, an der „Marathon-Distanz“ festzuhalten – zwar noch nicht exakt festgelegt (die 42,195 Kilometer wurden erst 1908 verbindlich), aber doch in etwa entsprechend der Entfernung von Marathon nach Athen, also rund vierzig Kilometer.
Und spätestens als im April 1897, wiederum nur ein weiteres Dreivierteljahr später, der Boston-Marathon initiiert wurde (der erste Marathonlauf in Nordamerika), war klar, dass Bréals Idee ein Eigenleben führen könnte – und würde, bis heute. Doch obwohl der Boston-Marathon der erste bis heute kontinuierlich existierende Stadtmarathon ist, fand der Paris-Marathon früher statt – der allererste Marathonlauf, der als eigenständiges Ereignis konzipiert wurde.
Die Strecke des „Tour de Paris“ betitelten Marathons begann an der porte Maillot. 1991 Läufer – nur Männer – gingen an den Start. Die Wetterbedingungen waren hervorragend. Zur Anbindung an den historischen Mythos zählt auch, dass kaum ein zeitgenössischer Bericht ohne den Hinweis auskam, dass der blaue Himmel mit den Kumuluswölkchen die Farben Griechenlands symbolisiert. Die Strecke führte über Versailles, Ziel war das Örtchen Conflans-Sainte-Honorine bei Saint-Germain-rn-Laye, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Paris.
Sieger des ersten Paris-Marathons war der Brite Leonard Hurst in einer Zeit von 2:31:30. Sein Preisgeld betrug 200 Franken.
Drei Jahre später, 1899, kam es zu einer ersten Wiederholung des „Tour de Paris“-Marathon, bei dem sogar ein Franzose, Albert Charbonnet, gewann. Bei der Revange ein Jahr später siegte wieder Leonard Hurst, nun in der Zeit von 2:26:28. Es gab noch zwei weitere Wiederaufnahmen in den Jahren 1902 und 1903, bei denen wieder Albert Charbonnet siegte. Dann aber schlief die Sache ein, zumindest in Paris.
Es dauerte mehr als sieben Jahrzehnte, bis der Paris Marathon 1976 als völlig eigenständige und nun regelmäßige Veranstaltung wieder aufgelegt wurde. Inzwischen ist er eine der größten Veranstaltungen der Welt mit deutlich mehr als 50.000 Teilnehmern. Und auch die Strecke ist heute um einiges spektakulärer!
Mit einem Start auf den Champs-Élysées und einem Zieleinlauf quasi vor dem Triumphbogen.
Dass der Marathonlauf als Sportart ein Trumpf ist: das ist (auch) der Stadt Paris und dem aus ihr stammten Ideengeber Michel Bréal zu verdanken. Der Paris-Marathon ist heute ein besonderes Event als Ausdruck dieses Triumphs, quasi am Ort seines Ursprungs.
Prof. Hans Giessen
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