Gina Lückenkemper bei der EM Berlin 2018 erringt die Silbermedaille über 100m - Foto: Horst Milde
LEICHTATHLETIK-EM IN BIRMINGHAM 2026: Wie viel Tempo braucht eine Medaille? Teil 1: Welche Chancen haben die deutschen Sprinterinnen über 100 Meter bei der EM in Birmingham? Ein Blick auf zehn Europameisterschaften. Dr. Wolfgang Blödorn
Vom 10. bis 16. August 2026 richtet Birmingham die 27. Leichtathletik-Europameisterschaften (EM) aus.
In Großbritanniens zweitgrößter Stadt versammelt sich die Elite des Kontinents. Anlass genug, um auf die letzten zehn Europameisterschaften zurückzublicken. Haben sich in Bezug auf die Medaillenränge und die Finalteilnahme Entwicklungen gezeigt? Wurden diese von der Führung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und den verantwortlichen Bundestrainern wahrgenommen?
Am Beispiel des 100 m-Sprints, der 800 m und der 5000 m der Frauen wird diesen Fragen nachgegangen.
Ein Blick zurück auf die DLV-Historie im 100 m-Sprint: 2010 sprintete Verena Sailer in Barcelona in 11,10 Sekunden zu EM-Gold; 2022 gelang Gina Lückenkemper bei der Heim-EM in München mit 10,99 Sekunden dasselbe.
Könnte in Birmingham erneut eine Deutsche ganz oben auf dem Podium stehen?
Sicher beantworten lässt sich das zum heutigen Zeitpunkt noch nicht. Doch Wahrscheinlichkeiten lassen sich abschätzen – mit einem Blick auf die Leistungsentwicklung der vergangenen zehn Europameisterschaften von 1998 bis 2024 und einem Vergleich mit den deutschen Sprinterinnen des Jahres 2026.
Zeichnen sich seit 1998 klare Tendenzen ab? Und folgen ihnen die deutschen Läuferinnen?
Vergleicht man die Ergebnisse der Jahre 1998 bis 2012 mit jenen von 2014 bis 2024, lassen sich grob drei Tendenzen erkennen. Sie hätten schon in der Vergangenheit als Fingerzeig taugen können, wo im Training die Schwerpunkte liegen müssen, um bei einer EM im Einzel zu bestehen.
Drei Trends prägen den Frauensprint – Erste Tendenz: Die Zeiten sind schneller geworden
Das absolute Niveau hat sich auf allen Rängen nach unten verschoben – auf den Medaillenplätzen ebenso wie am Rand des Finals. Gold verlangte zwischen 1998 und 2012 im Schnitt 11,05 Sekunden, zwischen 2014 und 2024 nur noch 10,97; Bronze verbesserte sich von 11,16 auf 11,09 Sekunden, und selbst der achte Platz wurde schneller. Für eine Medaille dürfte 2026 im Finale eine Zeit unter 11,00 Sekunden zur Grundbedingung werden.
Zweite Tendenz: Das Feld rückt zusammen
Die Leistungsdichte ist enorm gewachsen, gerade am Übergang zum Finale. Die persönlichen Bestzeiten (PB) der Achtplatzierten sind zwischen 2014 und 2024 im Schnitt auf 11,00 Sekunden und daruntergefallen: Die Achte von 2022 hatte eine Bestzeit von 10,83 Sekunden vorzuweisen, die Achte von 2024 eine von 10,89. Anders gesagt: Eine starke Bestzeit garantiert längst kein Finale mehr. Der Abstand zwischen Platz eins und Platz acht ist spürbar geschrumpft.
Dritte Tendenz: Das Siegerprofil hat sich verschoben
Wer heute gewinnen will, braucht mehr als einen guten Antritt über 60 Meter – sie braucht auch eine 200-Meter-Bestzeit von unter 22,00 Sekunden. Lag der Schnitt der Goldmedaillengewinnerinnen über 200 Meter zwischen 1998 und 2012 noch bei 22,70 Sekunden, so sank er zwischen 2014 und 2024 auf 21,94 Sekunden. Europas Spitze im Frauensprint hat sich zum 100-/200-Meter-Doppel verschoben.
Ablesbar ist das am Koeffizienten der speziellen Ausdauer (KsA), der beschreibt, wie gut eine Läuferin ihr Tempo über die volle Distanz hält: Er kletterte von 0,960 (1998–2012) auf 0,989 (2014–2024). Gold gewinnt man nicht mehr allein mit einem blitzsauberen Start und einer starken Beschleunigung, sondern damit, den Topspeed möglichst lange zu konservieren. Die spezielle Ausdauer ist im Frauensprint vom „Nice to have“ zum entscheidenden Faktor geworden – für Gold ebenso wie für jeden Platz im Finale.
Passen die deutschen Sprinterinnen ins moderne europäische Profil?
Die derzeit schnellsten deutschen Sprinterinnen sind Rebekka Haase, Gina Lückenkemper und Philina Schwartz (Stand: 9. Juli 2026). Eine, die in dieser Aufzählung fehlt, ist Tatjana Pinto: Die frühere DLV-Sprinterin mit einer Bestzeit von 11,00 Sekunden startet seit August 2025 für Portugal, das Heimatland ihres Vaters.
Der Vergleich der Tabellen 1 und 2 macht deutlich, dass die deutschen Sprinterinnen gerade über die 200 Meter gegenüber den Platzierten der Jahre 2014 bis 2024 erkennbare Defizite mitbringen – und damit genau dort, worüber in Birmingham die Medaillen vergeben werden. Die KsA-Werte für die Paarstrecke 100/200 zeigen es unmissverständlich. Trainingsmethodisch drängt sich eine Frage auf: Warum setzt sich die gute spezielle Ausdauer, die Haase und Lückenkemper über die Paarstrecke 60/100 aufweisen, nicht auch über 100/200 fort? Wurde das Training zu einseitig auf die 4×100-Meter-Staffel ausgerichtet – und die Einzelstrecke darüber vernachlässigt?
Beantworten können das nur die Heimtrainer und der DLV-Sprintbundestrainer.
Wie realistisch ist ein Finalplatz in Birmingham?
Vorn liegt in dieser Rechnung Gina Lückenkemper. Sie bringt die nötige Finalerfahrung mit und dazu die passenden Bestzeiten über 60, 100 und 200 Meter. Nur: Diese Bestzeiten liegen einige Jahre zurück. Gelingt es ihr in den Wochen bis zur EM, wieder an sie heranzukommen, ist sie eine Kandidatin für das Finale. Gelingt es nicht, rücken nicht nur Medaillenträume in weite Ferne – schon der Finaleinzug würde fraglich.
Auch Rebekka Haase hätte nach ihren Bestzeiten eine Chance auf das Finale. Einlösen ließe sie sich aber nur – wie bei Lückenkemper – in absoluter Topform. Zielt die unmittelbare Vorbereitung beider Läuferinnen dagegen weniger auf den Einzelstart als auf den Staffelerfolg, sinken die Aussichten auf einen Finalplatz.
Ein Start von Philina Schwartz wäre vor allem als Sammeln internationaler Erfahrung zu werten. Ihre derzeitigen Bestzeiten dürften für das Finalfeld noch nicht reichen. Im europäischen Vergleich müsste ihr Training künftig vor allem auf die 60- und die 200-Meter-Zeit zielen – es sei denn, sie setzt den Schwerpunkt auf die 4×100-Meter-Staffel und nimmt eine weniger starke Entwicklung über die 100 Meter in Kauf.
Ob am Ende eine Deutsche oben auf dem Podium steht, entscheidet sich erst in Birmingham. Die Entwicklung der vergangenen zehn Europameisterschaften aber legt eine klare Bedingung offen: Ohne Fortschritte in der speziellen Ausdauer über die 200 Meter – und ohne eine Gina Lückenkemper in alter Form – dürfte der Sprung ins Finale die Überraschung bleiben.
Dr. Wolfgang Blödorn
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