Zuschauer beim ISTAF im Berliner Olympiastadion - Foto: Horst Milde
Profi-Leichtathletik in Deutschland: Strukturen, Verdienstmöglichkeiten und neue Wege – Von Dr. Wolfgang Blödorn*
Leistung und Vergütung – ein universelles Prinzip
Begabte Sportlerinnen und Sportler wollen ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zu Geld machen. Das ist weder neu noch überraschend. Es gilt für jede Berufsgruppe, die mit ihrer Leistung wirtschaftlichen Erfolg anstrebt. Vereine und Verbände müssen auf diese Erwartungen reagieren und ihre Strukturen entsprechend ausrichten.
Die Leichtathletik bildet dabei keine Ausnahme.
Wie aber passen die Interessen leistungsstarker Athleten und die organisatorischen Rahmenbedingungen der Vereine und Verbände in Deutschland zusammen? Der folgende Beitrag unternimmt einen Versuch, den gegenwärtigen Stand der Profi-Leichtathletik in Deutschland zu beschreiben.
Die internationale Wettkampfstruktur als Einkommensquelle
Im Profibereich von Kultur und Sport richtet sich die Bezahlung unter anderem auch nach der erbrachten oder zugeschriebenen Leistung. In der Fußball-Bundesliga etwa sinken die Gehälter mit jeder Liga-Stufe spürbar. Gibt es in der Leichtathletik leistungsbezogene Einkommensmöglichkeiten?
Ja, es gibt sie. Sie spiegeln sich in der internationalen Wettkampfhierarchie wider. In der Outdoor-Season bieten die Diamond League (DL) und die World Athletics Continental Tour (WACT) je nach Leistungsniveau die Möglichkeit, durch Wettkampfstarts Prämiengelder zu erzielen.
Die DL existiert seit 2010 und löste die Golden League ab. Bei den DL-Meetings misst sich die Weltspitze in verschiedenen Disziplinen um Punkte. Wer am Ende der Saison unter den besten Acht einer Disziplinwertung rangiert, darf am Finale teilnehmen. Ein Disziplinsieg dort ist mit 30.000 US-Dollar dotiert. Im Vergleich z.B. mit Fußball oder Tennis bleibt es eine bescheidene Summe.
Die WACT wurde 2020 als Nachfolgerin der IAAF World Challenge eingeführt. Ursprünglich in drei Stufen – Gold, Silber und Bronze – gegliedert, kam 2022 eine vierte Stufe, der Challenger, hinzu. Das Wachstum der Tour ist beeindruckend: Von 28 Meetings im Gründungsjahr stieg die Zahl auf nahezu 250 Meetings in der Saison 2025.
Die Preisgelder der WACT-Gold-Meetings sind mit denen der DL vergleichbar; ein Disziplinsieg bei einem Meeting wird mit 10.000 US-Dollar honoriert. Auf den nachgelagerten Silber- und Bronze-Meetings reduzieren sich die Prämien entsprechend.
Das Beste vom Besten
Die World Athletics Ultimate Championships ist eine erstmals 2026 vom 11.-13. September in Budapest stattfindende Weltmeisterschaft. Zu ihr werden die besten Athleten im Worldranking im Zeitraum vom 02.09.2025 bis zum 01.09.2026 eingeladen.
Gesetzt sind die Olympiasieger von 2024, die Weltmeister von 2025 und die Sieger beim Diamond League Finale 2026 in Brüssel. Die Zahl der Teilnehmer ist je nach Disziplin zwischen 8 und 16 begrenzt. Für einen Sieg bei den World Athletics Ultimate Championships wird ein Betrag von 150.000 USD ausgelobt. Mit dieser Prämienhöhe, insgesamt sind 10. Mio USD eingeplant, will die World Athletics sowohl bei den Athleten als auch bei den Medien und den Zuschauern größeres Interesse an der Leichtathletik auslösen.
Ein Leistungsprinzip mit Einladungscharakter
Alle hier angeführten Wettkämpfe sind Einladungswettbewerbe. Grundsätzlich gilt: Je höherwertig das Meeting bzw. die Meisterschaft, desto anspruchsvoller die geforderte Leistung – und desto höher die Dotierung. Es gilt auch: Mehr Startmöglichkeiten bedeutet mehr Chancen auf Prämien.
Die Teilnahme an der DL richtet sich nach den Regularien der Diamond League Association. Ein Platz unter den ersten 50 der Weltrangliste oder eine aktuelle Spitzenplatzierung in der Weltbestenliste zählen zu den wesentlichen Kriterien. Eine Einladung signalisiert somit den internationalen „Wert“ der bisher erbrachten Leistung eines Athleten.
Die WACT-Gold-Meetings werden global mit Unterstützung von World Athletics veranstaltet und bilden die zweite Ebene des internationalen Meetingkalenders. Für die Silber- und Bronze-Meetings sind die regionalen Kontinentalverbände zuständig. Die Einladungskriterien orientieren sich – in abgemilderter Form – ebenfalls an denen der DL.
Deutschland: Zu wenig Meetings für ein starkes Land
In Deutschland existiert kein DL-Meeting. Als einziges WACT-Gold-Meeting findet das ISTAF in Berlin statt. Vier WACT-Silber-Meetings ergänzen das Angebot: das Internationale Pfingstsportfest in Rehlingen, das Goldene Oval in Dresden, der Tag der Überflieger in Essen sowie das Internationale Hochsprungmeeting in Heilbronn.
Bereits auf dieser Ebene ist eine Tendenz zu disziplinspezifischen Sportfesten erkennbar. Eine Tendenz, die sich bei den sechs Bronze-Meetings und den elf Challenger-Meetings weiter verstärkt. Nicht jedes dieser Meetings bietet alle Disziplinen der Leichtathletik an. So werden Start- und Verdienstmöglichkeiten von Profi-Leichtathleten eingeschränkt.
Die Medienwirkung spiegelt die bestehende Wettkampfstrukturhierarchie unmittelbar wider.
Das ISTAF Berlin ist die traditionsreichste und zuschauerstärkste Leichtathletikveranstaltung der Welt: Rund 35.000 Zuschauerinnen und Zuschauer füllen das Berliner Olympiastadion, das Ereignis wird live in mehr als 160 Länder übertragen. Im deutschen Free-TV überträgt ARD oder ZDF die Veranstaltung mindestens eine Stunde lang live. Damit erreicht das ISTAF eine nationale Medienpräsenz, die kein anderes Leichtathletik-Event in Deutschland auch nur annähernd erzielt.
Die vier WACT-Silber-Meetings hingegen verfügen über eine weitaus begrenztere Medienwirkung. Sie sind überwiegend regional verankert – mit lokaler Berichterstattung in Printmedien und Regionalfernsehen, vereinzelten Livestreams auf YouTube sowie einer Präsenz in sozialen Medien, die stark von den jeweiligen Veranstaltern und den beteiligten Athleten abhängt.
Genau hier liegt ein strukturelles Defizit in der deutschen Leichtathletik:
Ohne mediale Reichweite fehlt die öffentliche Aufmerksamkeit für die Leichtathletik. Ohne öffentliche Aufmerksamkeit fehlen Sponsoren. Und ohne Sponsoren bleiben die Preisgelder und damit die Einkommensmöglichkeiten für Profi-Leichtathleten begrenzt. Für eine Volkswirtschaft der Größe und Stärke Deutschlands besteht ein auffallend schmales Angebot an WACT-Meetings.
Es bleibt eine offene Frage, warum es dem Deutschen Leichtathletikverband (DLV) zusammen mit seinen Mitgliedern, den Landesverbänden, nicht gelingt, mehr als ein Gold- und vier Silber-Meetings mit entsprechender Medienresonanz zu etablieren.
Der DLV und seine Landesverbände sind aufgefordert, mit weiteren WACT-Meetings ein zeitlich und regional dichteres Netz an Meetings bereitzustellen, um den Profi-Leichtathleten bessere Einkommensmöglichkeiten und einen internationalen Leistungsanschluss in vielen Disziplinen zu ermöglichen.
Germany Athletics: Ein alternativer Ansatz
Den Gedanken der World Athletics mit ihrer World Athletics Ultimate Championships folgt auch der Ansatz des German Athletics (GA)-Projekts. Der GA-Geschäftsführer Dr. Claus Dethloff bringt es auf den Punkt: „Das Produkt ‚Leichtathletik’ muss besser vermarktet und verkauft werden – es kommt zu wenig Geld bei den Athletinnen und Athleten wie auch bei den Trainerinnen und Trainern an.”
Als Franchise-System verfolgt GA das Ziel, die olympische Sportart Leichtathletik stärker mit den deutschen Metropolregionen zu verknüpfen. Der Ansatz ist bewusst dezentral angelegt.
Als Nachwuchsstrategie setzt GA auf die Schulsportoffensive VIATHLETICS. Das Trainings- und Betreuungskonzept von GA ist dreistufig aufgebaut: Der Unterbau (Kinderleichtathletik) ist dezentral und flächendeckend organisiert, der Mittelbau (Jugendleichtathletik) soll sich auf ein disziplinspezifisches Stützpunktsystem stützen und der Oberbau wird durch einen Cross-Ansatz ergänzt, der andere Sportarten und Quereinsteiger einbezieht. Eine Leistungsorientierung ist ab der Altersklasse U14 vorgesehen.
Strukturelle Probleme bleiben bestehen
Dem Autor ist nicht bekannt, mit welchen konkreten Maßnahmen GA seine ambitionierten Ziele umsetzen will. Die GA-Website lässt hierzu Angaben vermissen. So fehlen z.B. Angaben zur Talentauswahl, die sich erkennbar vom DLV-Ansatz unterscheiden lassen. Das GA-Projekt ist aber noch relativ jung. Neue Wege erscheinen dennoch notwendig, um durch eigene Selektionskriterien, die verlässlicher als die des DLV sind, eine internationale Karriere auf Diamond-League-Niveau prognostizieren zu können.
Ebenso wenig ist bekannt, ob und wie GA plant, eigene WACT-Meetings auszurichten, die Profi-Leichtathleten zusätzliche Einkommensquellen im Inland erschließen würden. Weite Regionen in Deutschland besitzen noch nicht einmal ein WACT Bronze-Meeting.
Es scheint so, als würden strukturelle Probleme in der Talenterkennung, der Talentberatung und der Talententwicklung sowie in den Verdienstmöglichkeiten der Profi-Leichtathleten in der deutschen Leichtathletik in Zukunft weiterbestehen.
Dr. Wolfgang Blödorn*
* Kontakt: wbloe@gmail.com
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