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16
05
2026

Symboldbild - Historisches Olympiastadion von Athen 1896 - Foto: Horst Milde

„Fairplay“ und „Fan“ – ein grundlegendes Gebot des Sports und „Akteure“, die immer seltener zusammenpassen – sport-nachgedacht.de – Prof. Dr. Helmut Digel

By GRR 0

Vorbemerkungen

Die Erziehungsprinzipien meiner Eltern waren wohl ursächlich daran beteiligt, dass mir die Rolle eines bedingungslosen „Sport-Fans“ für mein ganzes Leben fremd blieb. In den sieben Jahrzehnten, in denen ich privat und beruflich in der Welt des Sports zu Hause war, war es für mich immer ein besonderes Anliegen sportliche Wettkämpfe und die Akteure[1] dieser Wettkämpfe unter dem Aspekt der fachlichen Qualität, der Ereignisse und der dabei sich präsentierenden Athletinnen und Athleten zu betrachten.

Dabei hatte ich durchaus auch Emotionen, die ich an den Sport herangetragen habe. Doch sie folgten dem „David-Goliath-Prinzip“. Eine chauvinistische Haltung war mir ebenso fremd wie eine nationalistisch ausgerichtete „Okkupation“ sportlicher Wettkämpfe. Wurde ich gefragt, ob ich Fan eines bestimmten Fußballklubs sei, so konnte ich diese Frage, je nach Zeitpunkt und Ort, wo sie mir gestellt wurde, ganz unterschiedlich beantworten. Wenn Bayern München gegen Heidenheim spielt, sind meine Sympathien auf der Seite des „David“ Heidenheim.

Wenn ich im Ausland nach den besten deutschen Fußballklubs gefragt werde, so identifiziere ich mich sehr gerne mit Bayern München und für VFBStuttgart, wo ich in die Schule gegangen habe ich noch mehr Sympathien seit der Trainer „Hoeneß“ heißt, dessen Vater bei mir in Tübingen studiert hat.

Schon sehr früh haben mich in meiner eigenen Sportart „Handball“ aggressive Sprechchöre von den Tribünen gestört, mit denen der Gegner in seinem Spiel gestört werden sollte. Ich schämte mich, wenn bei einem „7 m“ der gegnerische Spieler mit einem Pfeifkonzert bei seinem Wurf begleitet wurde. Beleidigende Rufe von den Rängen gegenüber einzelnen Spielern des Gegners, vor allem auch gegen die Schiedsrichter, waren für mich inakzeptabel.

Die aggressive Parteinahme zugunsten der eigenen Mannschaft und gegen die Gast-Mannschaft habe ich schon immer als eine Entgleisung im System des Sports wahrgenommen, die im krassen Widerspruch zum Fairplay-Gebot steht. Von immer mehr „Fans“ wurden die Maximen, die man mit dem Begriff des „Gastes“ verbindet, mit Füßen getreten. Von einer „Gastfreundschaft“ konnte immer seltener die Rede sein.

Mittlerweile sind bei Bundesligaspielen Stadion- und Hallensprecher tätig, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, eine zu Gunsten der Heimmannschaft „aufgeheizte“ Stimmung hervorzurufen. Dabei wird nicht selten auch eine gegen die Gastmannschaft „aggressive“ Atmosphäre erzeugt, die durch einseitige Kommentare zugunsten der „eigenen“ Mannschaft noch „befeuert“ werden. Spiele und Wettkämpfe, die so von außen „begleitet“ werden, machen gegnerische Mannschaften von „Mitspielern“ – ohne die es kein Spiel, keinen Wettkampf gäbe – zu „Feinden“, die zu „bezwingen“ sind. Einen erheblichen Beitrag zu einer derartigen „Vergiftung“ der Spiel- und Wettkampfsituation leisten auch die durch Fans und Kommentatoren immer „hässlicher“ und immer häufiger negativ kommentierten Entscheidungen der Schiedsrichter. Dies reicht sogar bis hin zu Vorwürfen der Bestechlichkeit.

Und all dies findet nicht nur in den Bundesligen statt, sondern hat vielmehr eine – m. E. zu sehr unterschätzte – „Vorbildwirkung“ über alle Leistungsebenen hinweg bis hin zu Spielen und Wettkämpfen in den Kinder- und Jugendklassen.

Es sei allen empfohlen, sich gelegentlich einmal das „Verhalten“ von Eltern, aber auch einigen Trainern, bei Kinder- und Jugendfußballspielen anzuschauen!

„Blaupausen“ dieses Fehlverhaltens sind nahezu jedes Wochenende bei Übertragungen von „Profi-Sportveranstaltungen“ in den öffentlich-rechtlichen Medien und den Spartensendern zu sehen und zu hören!

Dies alles ist für mich völlig inakzeptabel.

Meine christliche Erziehung, die ich vor allem meiner Mutter zu verdanken habe, hat in mir schon früh eine Einstellung entstehen lassen, die auf die sozialen Probleme unserer Gesellschaft ausgerichtet ist. Es ist meine Überzeugung, dass jene, die mehr haben und privilegierter sind, jene weniger Privilegierten und sozial Benachteiligten zu unterstützen haben. Meinem Vater habe ich es zu verdanken, dass jede nationalistische Haltung und Chauvinismus von mir seit meiner Kindheit entschieden abgelehnt wird. So wie mein Vater sehe auch ich mich als einen „Weltbürger“, der die Ideen des Internationalismus zu schätzen weiß. Europa ist demnach das Gebot der Stunde und nicht die Idee, nationalistischer Einzelstaaten.

Es geht um die Anerkennung der Menschenrechte und um das Gleichheitsprinzip aller Menschen, ganz gleich, welcher Nationalität sie angehören, welche Hautfarbe oder welchen Glauben sie haben. Diese Idee von einer Welt-Gesellschaft hat für mich immer auch bedeutet, dass in solch einer Gesellschaft, das Fairplay-Prinzip des Sports seine wichtige Rolle spielen könnte und man auf eine aggressive Fan-Kultur in einem modernen Weltsystem des Sports verzichten sollte.

 Beobachtungen bei einem Fußballspiel 

Anlass für diesen Essay war das Halbfinalspiel von Bayern München gegen PSG Paris, das ich in einer Klinik in Schönau am Königssee gemeinsam mit mehreren Patienten angesehen habe.

PSG und Bayern München präsentierten im Hinspiel in Paris – zumindest für mich – den schönsten Fußball, den ich jemals gesehen habe. Ich habe dabei das hohe Niveau der Interaktion der Spieler und das Können einzelner Spieler bewundert. Dagegen war das Rückspiel unter Beachtung der massenmedial erzeugten „Erwartungshaltung“ aus meiner Sicht eines der schlechteren Fußballspiele. Aus einer taktischen Perspektive betrachtet, konnte man wohl verstehen, dass Paris nach einem frühen 1:0 ein „Abwehr-Bollwerk“ aufgebaut hat, das ganz offensichtlich von Bayern nicht zu bezwingen war.

Das Spiel der Bayern war nicht nur geprägt von vielen Fehlpässen und vielen gescheiterten Einzelleistungen, auch ein wirkliches Zusammenspiel war nicht zu erkennen. Zu meiner Überraschung waren jedoch die Kommentatoren des Spiels und auch viele der Patienten, die neben mir im Raum saßen, fokussiert auf eine angebliche oder tatsächliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters und die anwesenden Bayern-Fans glaubten einstimmig, dass sie um den Sieg gebracht wurden. Diese Interpretation wurde Ihnen mehrfach auch durch Ausführungen der Kommentatoren nahegelegt, die ebenfalls von einem „Betrug“ gesprochen hatten. Dabei waren es die schriftlich fixierten, qualifizierten Regeln des internationalen Fußballverbands, die die Entscheidung des Schiedsrichters möglich gemacht haben, die jedoch von den Kommentatoren und den Bayern-Fans ignoriert wurden, beziehungsweise ihnen nicht einmal bekannt waren. Einmal mehr wurde mir an diesem Abend bewusst, dass die einseitige Identifikation mit einer Mannschaft oder mit einem Athleten sehr schnell zu einer Missachtung des Fairplay-Ideals führen kann, das für mich in meinem Sportler-Leben von konstitutiver Bedeutung gewesen ist

Für die erfolgreiche Entwicklung des modernen Sports war und ist die Idee des Fairplay von grundlegender Bedeutung. Das Fairplay-Gebot betont Respekt vor Gegnern, Schiedsrichtern und Regeln. Folgt man diesem Ideal, so hat es auch ethisches Verhalten jenseits des „Sieges um jeden Preis“ zur Folge. Die rituelle Begrüßung des Gegners vor einem Spiel oder einem Wettkampf gehört dabei ebenso dazu wie der Handschlag am Ende eines Wettkampfes, ganz gleich, ob man ihn als Sieger oder Verlierer verlässt. Die Gratulation des Gegners zu seinem Sieg ist ein fester Bestandteil des Fairplay-Ideals.

Die sich immer weiter entwickelnden „Fan-Kulturen“, wie sie in vielen olympischen Sportarten mittlerweile entstanden sind, fördern hingegen in vieler Hinsicht das Gegenteil von dem, was das Fairplay-Ideal den an einem sportlichen Wettkampf Beteiligten gebietet. In den meisten Fan-Kulturen kommt Rivalität zum Ausdruck, die häufig mit einer Abwertung des Gegners einhergeht. Nicht selten führt ein derartiges Fan-Verhalten zur Diskriminierung und Beleidigung des Gegners.

Beachten wir die Statuten der FIFA und der UEFA, aber auch vieler anderer Sportverbände, so werden mit dem Begriff des Fairplay ethische Prinzipien wie Integrität, Chancengleichheit und Respekt für alle Beteiligten, einschließlich Gegner und Fans, gefordert. Doch in fast allen Fußballarenen der Welt ist bei einigen „Fan-Gruppierungen“ genau das Gegenteil anzutreffen. Es gibt wohl noch einige Olympische Sportarten, bei deren internationalen Wettkämpfen ein vergleichbares Fan-Verhalten wie bei Fußballspielen glücklicherweise nicht existiert. Hier widmen die Zuschauer den guten Leistungen von Gegnern den gleichen Applaus wie den Leistungen der eigenen Mannschaft oder der der eigenen Athleten. Zu nennen sind dabei z.B. das Fechten, das Turmspringen, das Eiskunstlaufen und nicht zuletzt auch die „jungen“ olympischen Sportarten, bei deren Premiere man bei Olympischen Spielen im wahrsten Sinne des Wortes von einer Völkerfreundschaft des Sports sprechen konnte, ein Verhalten, wie man es leider heute in den Fußballarenen in der ganzen Welt nur ganz selten oder gar nicht mehr antrifft.

Die FIFA lobt wohl einen Fairplay-Preis aus, um damit faire Aktionen auf und neben dem Spielfeld zu belohnen. Fairplay-Preise werden auch von anderen Olympischen Sportverbänden ausgelobt und auch eine Dachorganisation wie der DOSB möchte mit vergleichbaren Preisen das faire Verhalten im Sport fördern. In der Förderung des Fairplay-Prinzips sehen sie eine Kernaufgabe der Sportorganisationen. Über das Fairplay-Prinzip soll dem Sport eine Vorbildfunktion zukommen.

Viele Fan-Kulturen definieren hingegen ihre Identität durch Abgrenzung: “Wir gegen die anderen“, „Mir san mir“. Sie kultivieren eine intensive Rivalität zu „Gegnern“, die nicht selten aus Beleidigungen und Provokationen besteht. Elemente dieser Fan-Kultur sind diskriminierende Chorgesänge, wobei je nach angestrebter Rivalität rassistische, antisemitische, homophobe, … Inhalte die Chorgesänge prägen können. Das

Fan-Verhalten kann immer häufiger auch zu verzögertem Spielbeginn, zu Spielunterbrechungen führen, sogar auch zu einer Infragestellung des gesamten Ablaufes eines Spiels. Verbotene Pyrotechnik, Einsatz von Wurfgeschossen – von Feuerwerks-Raketen, Fackeln und Böllern – gegen Besucher im „Gästeblock“ und sogar gegen gegnerische Spieler, z. B. bei der Ausführung von „Eckstößen“, gehören schon fast zum „Standardprogramm“ jederzeit gewaltbereiter „Hooligan-Gruppen“. Sie sind es überwiegend auch, die körperliche und psychische Gewalt als „Bestandteil“ ihrer Stadionbesuche sehen. Sie sind es auch, die körperliche Auseinandersetzungen mit rivalisierenden „Fangruppen“ suchen und sich hierzu bereits im Vorfeld von Spielen zu Gewaltexzessen, sprich: Schlägereien, verabreden.

Auf ihrem Weg zu Auswärtsspielen sind sie es auch, die regelmäßig Zugpersonal attackieren und Waggons der DB demolieren. Diese „Mitglieder“ einer eher „Pöbel-Kultur“ glauben gleichwohl, ihre eigene Mannschaft durch ihre „Auftritte“ zu unterstützen. Ihr Handeln und ihr Verhalten könnte vor diesem Hintergrund auch als ein „Brennglas“ für gesellschaftliche Zustände gesehen werden.

Das „Fan-Verhalten“ zeichnet sich häufig durch binäres Denken aus: „WIR versus DIE“. Derartige Fan-Rituale unterlaufen das Prinzip des Fairplay. Sie priorisieren eine subjektive Feindschaft.
Gewiss bedarf es einer differenzierten Betrachtung des in den Stadien jeweils anzutreffenden Fan-Verhaltens beziehungsweise jenes Fan-Verhaltens, das Menschen zu Hause vor ihrem Bildschirm ausleben, wenn die von ihnen geliebte Fußballmannschaft spielt.

Es sind die „Ultras“, deren vorrangiges Ziel der „Support“ ihrer Mannschaft durch ideenreiche Choreografien und Verbreitung „ausgelassener“ Stimmung ist.

Diese auf andere Weise und in anderer „Form“ engagierten Fans organisieren zudem Kampagnen, um den entstandenen Widerspruch zwischen dem Fairplay-Ideal und den vorhandenen „Gewalt-Kulturen“ zu mindern. Die Ultrabewegung hat so in vielen Stadien bereits dazu beigetragen, „Hooligans“ zu verdrängen und Gewalt zu reduzieren, auch wenn einzelne Ultra-Gruppen selbst nicht immer frei von Gewaltpotential sind. Sie nutzen Banner, Plakate und organisieren Infoveranstaltungen, um Zeichen zu setzen. Sie agieren häufig als Vermittler zwischen Fans, Vereinen und Polizei, um ein gewaltfreies Fanerlebnis in den Stadien zu ermöglichen. Durch entsprechende Veranstaltungen fördern sie die kritische Auseinandersetzung mit Gewalt und Rechtsextremismus. Gemeinsam mit anderen Fanszenen engagieren sie sich auch sozial, beispielsweise durch Initiierung von Spendenaktionen. So waren z.B. „Ultras“ nach der Flutkatastrophe im Ahrtal unter den ersten Helfern vor Ort.

In ihrem „Programm“ gibt es auch Hilfsangebote für Risikogruppen.

 Zur historischen Entwicklung des Fairplay-Prinzips

Betrachten wir das Fairplay-Prinzip aus einer historischen Perspektive, können wir erkennen, dass es weit mehr als nur eine Regel des Sports darstellt. Es ist vielmehr eine ethische Haltung, die auf Gerechtigkeit, Respekt, Chancengleichheit und Selbstkontrolle beruht. Seine Geschichte verbindet antike Philosophie-Ideale in der Zeit des Mittelalters mit englischer Sport-Kultur und modernen Demokratieprinzipien.

Bereits im antiken Griechenland galt sportlicher Wettbewerb nicht nur als körperliche, sondern auch als moralische Prüfung. Bei den Olympischen Spielen sollten Athleten nach dem Ideal der „Arete“ handeln – also nach Tugend und Ehre. Exzellenzphilosophen wie Aristoteles verbanden sportliches Handeln mit Tugenden wie „Maß halten“, Selbstkontrolle, Gerechtigkeit, Respekt gegenüber dem Gegner; der Gegner war kein Feind, sondern ein notwendiger „Partner“ im Wettkampf.

Im Mittelalter entwickelte sich im europäischen Raum in Ritterturnieren eine frühe Form des Fairnessgedankens. Obwohl sich die Turniere oft durch Brutalität und körperliche Gewalt auszeichneten, entstanden Regeln über ehrenhaftes Verhalten, Regeln zum Schutz unterlegener Gegner und Regeln, die die Einhaltung gemeinsamer Normen sichern sollten. Es entstand die Vorstellung, dass „Würde“ wichtiger sein kann als ein bloßer Sieg.

Das moderne Fairplay-Prinzip entstand vor allem an englischen Internatsschulen, so zum Beispiel an der Rugby School und am Eton-College. Sport wurde dort als erzieherisches Medium zur Charakterbildung eingesetzt. Das Ziel war die Erziehung des „Gentleman“: Ehrlich gewinnen, Niederlagen akzeptieren, Regeln freiwillig achten, Schwächere respektieren. Aus dieser Zeit resultiert auch der berühmte philosophische Gedanke: „Nicht der Sieg allein zählt, sondern die Art, wie man spielt“! Dieser Geist prägte in den frühen Jahren des englischen Sports das Fußballspiel, die Rugby Wettkämpfe und das Cricket Spiel und er wurde auch grundlegend für die Olympische Bewegung. Pierre de Coubertin hat in seiner Olympischen Philosophie ausdrücklich auf die erzieherischen britischen Ideale Bezug genommen.

Er machte Fairplay zum „Kern“ der Olympischen Idee, die Leistung, internationale Verständigung, Frieden und gegenseitigen Respekt miteinander verbindet. Das olympische Motto wurde „moralisch“ ergänzt durch den Gedanken, dass sportlicher Erfolg niemals durch Betrug oder Unfairness erreicht werden dürfe.

Dieses Fairplay-Prinzip beruht dabei auf mehreren philosophischen Ideen. Als erstes ist die Idee der „Gerechtigkeit“ zu nennen: Menschen akzeptieren gemeinsame Regeln, damit ein Wettbewerb überhaupt sinnvoll wird. Hier zeigt sich die Nähe zu politischen Philosophen wie John Rawls, der faire Regeln als Grundlage „gerechter Gesellschaften“ verstand. Ein zweites Merkmal ist die „Anerkennung des Gegners“, der dieselbe Würde besitzt und dieselben Rechte hat. Betrug, Manipulation jedweder Art, Demütigung, Gewalt und Diskriminierung widersprechen diesen „Prinzipien“!

Das Fairplay-Prinzip beinhaltet auch eine freiwillige „Selbstbeschränkung“. Man nützt dabei einen zufällig von “außen“ entstandenen Vorteil, den man sich nicht im Rahmen der Regeln durch ein besonderes sportlich-taktisches Geschick selbst „erarbeitet“ hat, also auf „Eigenleistung“ beruht, nicht aus, obwohl man es könnte. Dies ist philosophisch bedeutsam, weil Moral gerade dort beginnt, wo Menschen freiwillig Grenzen akzeptieren.

Das Fairplay-Prinzip ist längst für viele weitere gesellschaftliche Teilbereiche über den Sport hinaus von grundlegender Bedeutung geworden. Zu nennen sind beispielhaft Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, digitale Kommunikation und insbesondere auch für internationale Beziehungen. Für eine internationale Verständigung sind faire Verhandlungen auf der Grundlage transparenter Regeln ebenso zwingend wie respektvolle Debatten. Das Fairplay-Prinzip, das gleiche Chancen für ALLE fordert, wurde auf diese Weise zu einem Modell demokratischer Kultur.

Krise des Fairplay-Prinzips

Die Kommerzialisierung und Professionalisierung vieler Sportarten hat mittlerweile zu Problemen geführt, die nahe legen, dass man von einer grundlegenden Gefährdung des Fairplay-Prinzips sprechen muss. Doping, Korruption, ausufernde Kommerzialisierung, Wettkampf- und Leistungsmanipulation, genetische Manipulationen zur Erbringung sportlicher Höchstleistungen ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Athleten bis hin zu den geplanten „Enhanced Games“, sind immer häufiger in Berichten über das internationale Wettkampfgeschehen zu lesen. Nicht zuletzt sind es die Internationalen Sportorganisationen, wie zum Beispiel die FIFA, die mit einigen ihrer Entscheidungen und auch mit ihrer internen „Entwicklung“ im krassen Gegensatz zu den Anforderungen des Fairplay-Prinzips im Sinne eines Modells einer „demokratischen Kultur“ stehen. Viele Sportarten sind dopingverseucht, sodass ein Sieg, der mit fairen Mitteln erreicht wurde, von einem durch Doping unterstützen Sieg kaum noch unterscheidbar ist. Selbst in Olympischen Sportarten gibt es – wie die vielen positiven „Doping-Nachtests“ von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften seit vielen Jahren belegen – Skandale, die darauf hindeuten, dass sich das Prinzip des Fairplay im Weltsport in einer umfassenden Krise befindet.

Dennoch ist das Fairplay-Prinzip nicht nur aus philosophischen Gründen heute wichtiger denn je. Das Fairplay-Prinzip beantwortet die zentrale Frage wie  – in jeder Gesellschaft – Menschen, die miteinander konkurrieren, dennoch zusammenleben können, ohne sich gegenseitig zu zerstören.

Fairness ist auch heute noch die unverzichtbare Grundlage allen Sporttreibens. Durch sie kommen demokratische Werte zum Ausdruck und zur Anwendung, die den Sport zur „Schule moralischen Handels“ machen können, zu einem „Lernfeld“ für die zivilisierte Durchführung von Wettbewerbssituationen jeglicher Art. Fairplay verbindet Freiheit mit Verantwortung und macht aus bloßem „Kampf“ einen „respektvollen Wettstreit“.

Zur historischen Einordnung der heutigen Fan-Kulturen

 Ursprünglich leitet sich der Begriff „Fan“ vom lateinischen „Fanaticus“ ab, dessen „Stammvater“ wiederum das Wort „Fanum“ ist, die Bezeichnung für einen „Tempel“ oder einer „heiligen Stätte“. In oder an dieser Stätte lebten Menschen, die bei ihren Exerzitien häufig in religiöse Ekstasen verfielen.

Im Englischen stammt die Kurzform „Fan“ von „Fanatik“ ab und steht im späten 19. Jahrhundert für „Fanatiker“. In den USA wurde dieser Begriff erstmals für leidenschaftliche Baseball Anhänger verwendet.

Der Begriff „Fan“ verbreitete sich auf diesen Wegen ab 1900 international zunächst im Sport-Kontext.

Das Phänomen des „Fans“ hat sich seitdem von „lokalen Gruppen“ zu einer globalen, digitalen und kommerziell sehr erfolgreich arrivierten „Community“ gewandelt. Seit den 1920 er Jahren prägen „Fans“ weltweit die kulturellen Bereiche des Sports, der Musik, der Kunst und der Film- und Unterhaltungsbranche.

Die Entwicklung der Fan-Kultur weist dabei einen Wandel von hoher individueller Leidenschaft zu einer organisierten, auch von Medien „getriebener“, vielfältigen Fan-Kultur auf. Innerhalb dieser allgemeinen Fan-Kultur in den unterschiedlichen Gesellschaften unterscheiden sich die Kulturbereiche dabei ganz wesentlich. Vergleichen wir die Fußballfan-Kultur mit der Musikfan-Kultur, so können wir erkennen, dass Leidenschaft und kollektive Rituale bei beiden vorhanden sind. Sie unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihrer emotionalen Dynamik und Zielsetzung, ihrer Organisation und in ihrem Konfliktpotenzial.

Während die Fußballfan-Kultur meist um Wettkämpfe mit ihrem „Sieg-Niederlage-Code“ und um Rivalität, nicht selten sogar um feindliche Gegnerschaft, kreist, betont die Musikszene Kreativität und individuelle Ästhetik. Musikfans feiern ihre Künstler und Künstlerinnen individuell oder in lockeren Communities bei Konzerten, bei denen der Fokus auf gemeinsamer „Ekstase“ liegt. Die Fan-Gesänge im Fußball-Stadion (und auch schon auf dem Weg dorthin) dienen dagegen der emotionalen „Mobilisierung“ ausschließlich der eigenen „Anhängerschaft“. Musikfans, wenn sie Original-Songs mitsingen, schaffen hingegen eine harmonische „Insgesamt-Atmosphäre“.

Fußballfans bilden identitätsstiftende Gruppen – wie zum Beispiel die Organisation der „Ultras“ oder der „Hooligans“, die sich durch Choreografien, Gesänge und Pyrotechnik und zum Teil auch durch „Gewaltbereitschaft“ unterscheiden. Dabei haben sie nur das eine Ziel: Sie wollen ausschließlich ihre eigene Mannschaft in direkter Konkurrenz mit gegnerischen Fans aggressiv und lautstark unterstützen.

Fußballfans organisieren sich in einer „geschlossenen“ Stadionpräsenz. Musikfans hingegen organisieren sich dezentral über Social Media. Die Musik-Kultur ist weniger inklusiv, sie ist vielfältiger, weniger territorial. In ihrem Fokus ist sie auf Subkulturen wie Punk oder K-Pop ausgerichtet, Kreativität und Individualität stehen im Vordergrund. Beide Fan-Kulturen benutzen Gesang als „Bindeglied“, doch im Fußball wirkt er ritualisiert und funktional.

Vergleicht man die Semantik des Begriffs „Fan“ mit der des Wortes „Fairplay“, ist Letzteres eher positiv besetzt, während hingegen sich das Wort „Fan“ unter semantischen Gesichtspunkten eher als neutral darstellt. Dabei kommt dies mitunter einer Verharmlosung gleich, wenn man bedenkt, dass mancher dieser „Fans“ gewaltbereit ist, bei einem Fußballspiel mit Pyro-Attacken andere Zuschauer, selbst Spieler auf dem Feld, gefährdet und gemeinsam als „Horde“ gegnerische Fans vor sich hertreibt. Diese „Fans“ müssten als das bezeichnet werden, was sie sind: Rücksichts- und hemmungslose „Gewalttäter“, die gegen Gesetze verstoßen und zu Recht von Staatsanwaltschaften verfolgt werden. Journalisten und Reporter sollten längst begriffen haben, dass sie mit der Bezeichnung „Fan“ auch für diese Gruppen eine unverantwortliche Verharmlosung betreiben und Gewalttätern sogar noch eine „Bühne“ bereiten!

Hinzukommt, dass solche „Fan-Kulturen“, die sich durch Aggressionen, vielfältige Sachbeschädigungen und Gewalttaten auszeichnen auch erhebliche Kosten für das Gemeinwesen hervorrufen. Die Kosten für die Polizeieinsätze bei sportlichen Großveranstaltungen, bei denen Ausschreitungen durch Fans drohen, sind erheblich und müssen vom Steuerzahler finanziert werden, was zu Recht dessen Empörung immer wieder von neuem hervorruft. Aber auch die betroffenen Vereine, die Exzesse und Gewalt in ihren Stadien nicht verhindern oder unterbinden können, zahlen in nicht unerheblicher Höhe von den Verbänden auferlegte „Geldstrafen“. Die man wohl als einen fragwürdigen Support deuten muss.

Vergleicht man die Situation der Fan-Kultur von heute mit jener von vor drei Jahrzehnten so kann man feststellen, dass – insbesondere auch bei internationalen „Begegnungen“ – nahezu sämtliche Mannschaftssportarten mittlerweile von den Problemen einer aggressiven Fan-Kultur betroffen sind. War es früher nur der Fußball, so sind heute längst das Eishockeyspiel, das Handballspiel, das Basketballspiel und gelegentlich selbst das Volleyballspiel von Fan-Ausschreitungen belastet. Immer häufiger werden auch Fan-Ausschreitungen bei Wettkämpfen der Individualsportarten beobachtet. Insgesamt kann man eine weltweite Zunahme nationalistischer Identifikation mit sportlichen Wettkämpfen feststellen, wobei National-Fahnen eine zentrale Rolle spielen.

Im Bereich des Fußballs ist es erfreulich, dass „Ultras“, antirassistische Gruppen und Fanprojekte das Hauptkorrektiv gegen „Hooliganismus“ bilden und damit die Stadionkultur in den letzten Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst wurde.

So ist z.B. die in England gegründete Initiative „Show Racism the Red Card“, die auch in Deutschland verbreitet ist, eine wichtige Maßnahme, um gegen die Diskriminierung in einigen „Fan-Kulturen“ anzukämpfen. Es gibt anti-rassistische Bündnisse zwischen Fanclubs und dank einer umfassenden soziologischen

Fan-Forschung und einer entsprechenden Umsetzung der dabei gemachten Vorschläge durch die Sport-Organisatoren und durch die Polizei kann man durchaus von einer positiven Entwicklung in Bezug auf Fan-Gewalt in den Stadien sprechen.

Abschließende Bemerkungen

Der Konflikt zwischen Fairplay und dem Fan-Verhalten ist trotz dieser eher positiven Erscheinungsformen nach wie vor virulent. Durch eine fortschreitende Kommerzialisierung und durch eine kaum zu übersehende „Boulevardisierung“ der visuellen Medien, werden „Rivalitäten“ bis hin zu „Feindseligkeiten“ durchaus eher begünstigt, als dass sie dadurch eingedämmt würden.

Das Beispiel der Musik-Fans zeigt uns aber zugleich, dass nicht jede Fan-Kultur im Widerspruch zum Fairplay-Prinzip und dessen demokratischen Werten stehen muss. In der Musikszene ist vielmehr das Gegenteil zu beobachten. Für den Sport wäre es – trotz der bestehenden und erkennbaren Fortschritte auf diesem „Feld“ – angebracht, über eine „grundlegende Reform“ der eigenen Fan-Kultur nachzudenken.

Es ist offensichtlich, dass sich in Teilen des Sports die aktuellen „Merkmale“ ihres Fan-Verhaltens in einem grundlegenden Widerspruch zum Fairplay-Prinzip befinden und der Sport sich auf diese Weise in Bezug auf seine (mögliche) pädagogische Vorbildwirkung und seine grundsätzlichen Bildungsmöglichkeiten in einer sich selbst zerstörenden Abwärtsspirale befindet.

Letzte Bearbeitung: 14. Mai 2026

[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird gelegentlich auf „gendergerechte“ Sprachformen – männlich, weiblich, divers – verzichtet. Bei allen Bezeichnungen, die personenbezogen sind, meint die gewählte Formulierung i.d.R. alle Geschlechter, auch wenn überwiegend die männliche Form steht.

Prof. Dr. Helmut Digel
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Tel. 00498641 6997330

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