Blanka Dörfel drückt unvermindert auf das Tempo, dahinter die favorisierten Lisa Merkel (237), Elena Burkard (240) und Eva Dieterich (235), zudem Lara Keine (216) und Fabienne Königstein (98) - Foto: Wilfried Raatz/ wus-media UG
Beeindruckender Tempolauf führt zur 10.000 m-Meisterschaft – Die Berlinerin Blanka Dörfel düpiert die Favoriten in Celle – Während Nick Jäger endlich einen Einzeltitel gewinnt, wird Julia Ehrle fast Opfer ihrer eigenen Renntaktik – von Wilfried Raatz
Mit dieser beeindruckenden Solovorstellung dürfte wohl kaum einer gerechnet haben.
Mit viel Mut setzte sich nämlich vom Start weg mit Blanka Dörfel eine junge Läuferin resolut an die Spitze eines von den Namen her illustren Starterfeldes – und gab diese Führung auch in der späteren Rennphase nicht mehr ab. 3:03,77 Minuten wies das Ergebnisprotokoll für die ersten 1000 m aus, natürlich zu schnell für so manche im Feld der dreißig gestarteten Läuferinnen.
Wie sich zeigen sollte, auch im weiteren Verlauf für so leistungsstarke, favorisierte Läuferinnen wie die Titelverteidigerin Elena Burkard oder 10 km-Meisterin Eva Dieterich oder das Marathonass Fabienne Königstein.
„Ich bin mit keinem Ziel in das Rennen gegangen. Wollte einfach ein rundes Rennen laufen“, erklärte die 24jährige von Berlin Athletics, zu diesem sie vom SC Charlottenburg Berlin für 2026 gewechselt ist. Und gab allerdings unumwunden zu: „Es war hart, vor allem auf der zweiten Rennhälfte!“
Aber Runde um Runde wuchs ihr Vorsprung auf die verbliebenen Konkurrentinnen, von denen sich sowohl Elena Burkard als auch Eva Dieterich schon vorzeitig verabschiedet hatten. Nach 31:53,60 Minuten jubelte sie ober der um zwei Minuten verbesserten Hausrekordmarke – und der Norm für die Europameisterschaften in Birmingham. Und schlug im nächsten Augenblick immer wieder ungläubig die Hände vor das Gesicht. Dieser Coup hat wahrlich gesessen!
Für Blanka Dörfel, die übrigens seit Jahren von Dieter Hogen trainiert wird, ein Meilenstein in ihrer jungen, aber mit zahlreichen Unterbrechungen dennoch erfolgreichen Karriere. Und der nächste könnte vielleicht schon in einer Woche beim Gutenberg-Halbmarathon folgen, hier steht ihre bisherige Bestmarke von 1:09:46 auf dem Prüfstand. Und im weiteren Saisonverlauf auch ihre 5000 m-Bestmarke auf der Rundbahn. Offenbar hat Blanka ihren Spaß auch für das Kunststoffterrain gefunden.
Die aktuelle DLV-Jahresbeste Lisa Merkel ließ freilich nichts unversucht, um möglichst lange an Blanka Dörfel dran zu bleiben. Im März war die 23jährige Tübingerin in Kalifornien starke 31:32,25 gelaufen. Davon war sie in Celle jedoch um einiges entfernt, als Zweite schaffte sie 32:36,03 Minuten und lag dabei mit ähnlich großem Abstand zu Fabienne Königstein, die drei Wochen nach DM-Silber bei den Marathon-Titelkämpfen in Hannover mit 33:03,27 Minuten Bronze gewann.
Im 10.000 m-Rennen der Frauen ging es zugleich auch um den U23-Tteil der Juniorinnen. Dank einer starken zweiten Hälfte sicherte sich diesen die letztjährige R5K-Seriensiegerin Carolina Schäfer als Gesamtvierte in 33:14,94 Minuten vor der Cross-EM-Vierten Pia Schlattmann (33:48,33) und Johanna Ewert (35:24,89).
Doch dieses Resultat wurde kurze Zeit später korrigiert, da Pia Schlattmann wegen orthopädisch verordneter Einlegesohle in den Spikes disqualifiziert wurde. „Diese Regel ist weder uns als Trainer, noch den verantwortlichen Bundestrainern bekannt. Wir hätten diese Einlagen bei World Athletics über ein Formblatt genehmigen lassen müssen!“ schimpfte Coach Jens Riethues von der LG Brillux Münster. „Eine Aufklärung vom DLV wäre hier gewiss wünschenswert gewesen!“
Bei den Männern blieb das 10.000 m-Rennen bis in die Schlussrunde hinein offen. Und am Ende jubelte alleine Nick Jäger – über seinen ersten Einzeltitel bei deutschen Meisterschaften. Zu oft schon war der zu Jahresfrist vom TSV Höchstadt/ Aisch zu Franconia Athletics gewechselte Hindernis-Spezialist schon Zweiter oder Dritter geworden, im Otto-Schade-Stadion in Celle schlug nun seine Stunde.
In 29:17,45 Minuten sicherte er sich durch eine schnelle Schlussrunde die Goldmedaille vor den beiden Leverkusenern Jonathan Dahlke (29:20,20) und Jona Bodirsky (29:24,87). „Es war vielleicht nicht die feine Art, dass ich nur mitgelaufen bin und keine Führungsarbeit gemacht habe. Aber so sind Meisterschaftsrennen halt!“ so Nick Jäger.
Schnellster U23-Läufer war als Gesamtfünfter der Erfurter Anton Saar in 29:43,21, der wie die weiteren Medaillengewinner Lars Franken und Christopher Dahlmann zumindest noch unter der 30-Minuten-Marke blieb.
Während die beiden 10.000 m-Läufe eher unter erträglichen Temperaturen gestartet wurden, litten die Mastersläufer und auch der U20-Nachwuchs unter der ungewohnten Hitze mit fast 30° Celsius, wenngleich man vor Ort versucht hatte, mit einer Wasserstation auf der Gegengerade etwas Abhilfe zu schaffen.
Die Berglauf-Welt- und Europameisterin Julia Ehrle wäre im 5000 m-Rennen der weiblichen U20 fast ein Opfer ihrer eigenen Renntaktik geworden. Denn die 19jährige, ohnehin inmitten der Abiturprüfungen unter Dauerstress („Am Montag schreibe ich Reli, dann kommt Englisch…“), stürmte los wie in einem klassischen Mittelstreckenrennen, durcheilte die ersten 1000 m in 3:10 Minuten, um dann mit zunehmender Streckenlänge mit ordentlich Laktat in den Oberschenkeln kräftig büßen zu müssen.
So kam wie es kommen musste, eingangs der Schlussrunde schlossen die zunächst klar abgeschlagenen Gloria Herold und Ada Werner auf, ehe Julia mit letzter Kraftanstrengung und einer schmerzhaften Endphase doch noch mit 16:36,68 zum sicheren Sieg vor der drei Sekunden dahinter einlaufenden Gloria Herold (16:39,80) kam.
Völlig anders hingegen das Rennen der Männlichen U20-Jugend. Der sich mit herausragenden Rekordzeiten vor allem auf der Straße ins Rampenlicht gelaufene 3000 m-Hallenmeister Benjamin Klonowski vom TuS Lichterfelde zog in einem packenden Finale gegen den erst 17jährigen Maximilian Rath (LG Stadtwerke München) in 14:36,86 zu 14:38,17 knapp den Kürzeren. Wie der Sieger gehört auch der Dritte Jonathan Albustin (14:39,66) noch der U18-Klasse an.
Zum Auftakt des ersten Meisterschaftstages (am Sonntag folgten die Langstaffeln) sorgten Caterina Schneider (W55), Annika Börner (W35) und Simone Raatz (W50) für die besten Leistungen, während den meisten Beifall die W85-Siegerin Waltraud Bayer von der LG Bremen-Niord für ihre 12 ½ Runden erhielt.
Bei den Männern gefielen vor allem Danny Schneider (M45), Tim Gollisch (M50), Helmut Strobl (M65) und Wolfgang Leonhard (M70).
Wilfried Raatz
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